Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1967
- Issue
- No. 22 (October 1967)
- Date
- 1967-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE SCHLACHT (Fortsetzung von Seite 3) lernt, aber wenn die Abschüsse rasen wie die Maschinen — ein, zwei, drei, vier, — eins, zwei, drei vier — dann ist das auch kein reines Vergnügen. Und die Araber Hessen sich mindestens anfänglich auch nicht lumpen. Sie hatten die Positionen herauskommen und antworteten ganz munter, natürlich manchmal zu kurz, und das donnerte dann um unser Haus in die Erde. Ich entsinne mich, dass sie noch in später Nachtstunde plötzlich einen raptus bekamen und wie mit SchneHfeuergeschützen, zehn, zwölf riesige Dinger gegen unsere Batterien schickten. Es war ein Höllenradau, und es scheint leider nicht ganz umsonst gewesen zu sein: ich hörte seitdem nur noch Einzelabschüsse. Vielleicht aber haben die anderen Geschütze nur schnell die Stellung gewechselt. — Zwischendurch hörten wir dauernd jede Stunde die Nachrichten. Über uns war blackout, wie das bei und in währenden Operationen üblich ist: Die Kämpfe um Jerusalem gehen weiter. — Am 2 Uhr hörten wir eine sehr aufgeregte Sitmme: das ist eine einmalige Gelegenheit: kadimah, kadimah. Es war Gen. Rabin? — In der Tat, das war eine nicht wiederkehrende Gelegenheit. Der Narr Hussein hatte in der Nacht ein cease-fire-Angebot abgelehnt mit der Erklärung, er wolle in die Neustadt hinein kommen. Jetzt bekam er sein Fett. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Um etwa!43 Uhr nachts begann’s. Da war ein Rauschen im Osten, wie die Brandung eines aufgeregten Meeres. Wir wussten, was es bedeutete. Das waren Tausende von Maschinengewehren und- Pistolen. Das war der Sturmangriff, das war der Nahkampf. Die Gegend konnten wir ziemlich genau ausmachen. Eva hat sie exakt bestimmt: Mandelbaum-Tor. Wir hatten mittlerweile durch allerlei Besucher, Haga-Gatten, schon das und jenes gehört. Dass man um den Skopus kämpfe, die Araber vom Berg des üblen Rates verjagt und dort die UNO entsetzt hätte, aber was jetzt recht eigentlich vor sich gehe, das wussten wir nicht. Würde es Hussein glücken durchzubrechen, dann wehe uns. Dazwischen donnerten noch immer unsere Batterien, aber die Antworten waren schwächer geworden. — “Aurora komm, doch bald...” Selbst diese Nacht nahm ein Ende und zwar sehr zeitig: zwischen vier und fünf, als es hell wurde, begannen die “Motteks” wie die Hähne zu krähen, und wir begannen den Tag. Mit einer traurigen Erkenntnis: von den fünf Telefonen unseres Hauses waren vier — darunter das unsrige — infolge GranatspUttern eines seligen Todes entschlummert und verblieben so zehn Tage bis zum 16. Juni. Das war eine grosse Unannehmlichkeit; denn wir waren . auf diese Weise von der Aussenwelt abgeschnitten. Mittlerweile hatten sensationslüsterne Reporter Greuelmärchen über das “in Trümmern liegende” Jerusalem verbreitet, und als meine Verwandten — drei Cousinen und ein Vetter — absolut keinen Telefonanschluss kriegen konnten, gerieten sie in Panik. Niemals noch haben wir soviel Inlandspost bekommen wie in den Tagen nach der “Nacht.der Schlacht”. Auf das einzige gesunde Telefon des Hauses kam nun alles. Von hier aus sprach Eva jeden Tag mit Judith, der es gottlob weiter gut ging, von hier aus gab sie Judith den Text des ersten Telegramms, das die Bitte enthielt, verschiedene Verwandte und Bekannte zu verständigen. Aber im Ganzen genommen war das eine grosse Erschwerung. Es sollen gegen 1440 Leitungen in Jerusalem unterbrochen gewesen sein. Splitter. Am 6.VI.1967 ging der Kampf um Jerusalem weiter. Sehr früh schon erhielten wir durch Besucher von draussen die Nachricht von den märchenhaften Erfolgen der Paraschutisten, Erfolgen, deren wahre Bedeutung nur ein Jerusalemer beurteilen konnte und auch dann nur, wenn er 1948 miterlebt hatte: genommen der Skopus, genommen UM JERUSALEM der Berg des üblen Rates, genommen das zehnfach verfluchte Beth Iksa und Nevi Samuel, das uns nun schon zum zweitenmale gemartert hatte. Und — aber redet nicht drüber, man fürchtet sich vor ägyptischen Flugzeugen — sie sind in der Altstadt und ein Oberraw hat an der Klagemauer mit einer Thorarolle gebetet und Schofar geblasen. Das Letztere wurde für ein Märlein gehalten, für wishful thinking. Erst 36 Stunden später bestätigten es die Zeitungen Wort für Wort. Es handelte sich um den Militäroberrabbiner Goren, der sich diese ganzen Tage über in einer ART Ekstase befunden zu haben scheint. Er zog mit den siegreichen Truppen auf diesem Jehoschuahzuge weiter gen Hebron, und als er an Rachels Grab ankam, dort wo der Weg nach Bethlechem abzweigt, da öffnete er die Tür u. rief hinein: “Röchele, wir sind zu dir zurückgekehrt...” Dann, als es hier vorbei war, eilte er nach Sinai, und was er dort angestellt haben soll, das gebe ich mit allen Vorbehalten wieder, denn das ist im Gegensätze zu Klagemauer und Kever Rochel nicht amtlich, sondern ein Gerücht: er soll auf den Sinai gestiegen sein und dort — ein zweiter Moses — die Anfangsbuchstaben einer neuen Thorarolle geschrieben haben. Sei dem, wie ihm wolle. Aber man nenne mir eine siegreiche Armee, die derart eng mit ihrer Urvergangenheit verbunden ist. Und liegt nicht eine Art Warnung darin, dass das gottesleugnerische Volk kat exochen unserer Tage, die Sowjet-Russen, den ersten Pätsch ins Ponim seit ihrem Bestehen von einer Armee erhalten haben, der ein begeisterter Priester die fünf Bücher Mosis vorantrug. Ist das die Schrift an der Wand? Mene Mene Tekel Upharsim... Die aber erkennen es nicht: Volk Gottes ich spreche dir ewig Hohn, ich bin der König von Babylon... Noch immer donnerten unsre Batterieen, noch immer rauschte die schreckliche Brandung im Osten. Der Kampf ging weiter. Wir änderten diesmal unsre unbequemen Lagerstätten im Miklat, nehmen Matratzen runter u. lagen eigentlich ganz bequem nebeneinander, gut zu gedeckt. Die Nacht liess sich ruhig an, nachdem man nicht nur die Araber, sondern auch die grässlichen “Motteks” besiegt hatte, was nicht leicht war, da allmählich auch ihre Heben Mütterchen nervös wurden. Auch das Licht funktionierte wieder, und man drang auf etwas Licht im Miklat, trotzdem die Angst vor Flugzeugen eigentlich jetzt erst begann. Ich schlief bis zwölf Uhr, dann erwache ich von et-;was schwer zu Schilderndem. Man stellte sich einen schrecklichen Donner vor,. dazu einen Überochsen, der zu brüllen beginnt und ein Erzittern der Erde. Um Gottes willen, sagte ich zu Eva, wer ist denn da verrückt geworden. Sie antwortete in aller Seelenruhe: Ramallah. So wird es wohl ungefähr gewesen sein. Es war eine Fernkanone, die hinter unserm Hügel arbeitete, übrigens langsam und nur kurze Zeit. Derlei Mätzchen sind ja doch ganz sinnlos, wie die Beschiessung von Tel-Aviv von Qalqiljah her beweist. Ich nannte diese Superkanone die “Dicke Bertha” in Erinnerung an die Fernkanone, die im ersten Weltkrieg ganz ergebnislos Paris beschossen hat. Und am 7.VI. 67 kamen wirklich die Flugzeuge. O Schreck, lass nach... Sowie wir eins donnern hörten, verzogen wir uns in den Miklat, der für Flugzeugbomben ganz sicher nicht ausreichte. Aber es waren ja unsere Bomber, die den arabischen Positionen den Rest gaben. Shimon behauptet, ein Berg habe buchstäblich geraucht. Gegen Mittag war es zuende, glaube ich, und wir erhielten durch Radio die Erlaubnis, die Miklatim zu verlassen. Wir Hessen es uns nicht zweimal sagen. Die dritte Nacht schHefen Eva und ich in der Hall unserer Wohnung. Sie sollen gegen acht Uhr abends einen derartigen Lärm im Miklat vollführt haben, dass Eva hinüberging und ihnen sagte, der Feind wird Euch hören, wenn Ihr so weiterlärmt. In dieser Nacht, da alles ganz ruhig war, hatte ich zum erstenmale unmotivierte Angstzustände. Vielleicht hatte mich schon die Infektion am Wickel, die mir seitdem, drei Ärzten zum Trotz, die Hölle heiss macht, damit auch ich merke, dass “der Krieg kein Honiglecken” sei. Nun aber bemächtigte sich unserer guten Jerusalemer eine Art Paroxysmus, eine Art Freudentaumel, der von den Zeitungen geschürt wurde. Die Fahnen sollten herausgehangen werden, und alle Welt wollte — zur Klagemauer. Jawohl, so war’s: das gleiche Volk, das sich seit Jahrzehnten garnicht hatte genug tun können in Gottesleugnung, in Blasphemie und Lästerung, das gleiche Volk kannte keine andre Sehnsucht als das Klagemäuerchen. Umsonst alle Beschwörungen der MiUtärbehörden: es bestünde Minen- und Snipergefahr... die Menschen versuchten hinzukommen, und manche wurden leider von Minen zerrissen. Das Schawuotfest fiel diesmal auf den 14. Juni. Bis dahin war es der Armee geglückt, einen sichern Weg — in Verlängerung der Papst-Strasse vom Zionsberg bis zum Dungtor zu bauen und den Platz vor der Mauer durch Sprengungen weit zu vergrössern (womit übrigens die Orthodoxie nicht zufrieden war: man macht nicht aus einer kleinen heiligen Stätte eine sight-seeing-Sensation für Tausende). An diesem Schawuot-Tage des Jahres 1967 sind sage und schreibe zweimalhundertausend Juden zur Klagemauer gewallfahrtet, nach weiteren zwei Tagen waren es 350.000. 1% Millionen sind nach 1948 gekommen, hatten also die Klagemauer noch nie gesehen! — Ich musste an das Wort denken, das einst August der Starke auf dem Dresdner Bahnhof gesprochen hat, als seine begeisterten Sachsen seinen Waggon umlagerten: “Ihr seid mer scheene Rebubliganer...” Der Grund ist noch gut, und das ist das schönste Erlebnis dieser grossen, dieser sehr grossen Tage. Es scheint mir, als müsse man dem Bericht von der Heimatfront noch etwas hinzufügen oder besser gesagt vorausschicken. Wie ist es sonst zu verstehen, dass jeder von uns nach Beendigung des kurzen Krieges feststellte, er habe mehrere Kilo an Gewicht verloren. Anstrengungen gab es in diesen Tagen gar nicht, speziell mussten das die ausserhalb ihrer Häuslichkeit arbeitenden Frauen empfinden; weniger zu essen brauchten wir auch nicht, da immer ein paar ruhige Augenblicke zum Herrichten einer Schnellmahlzeit gegeben waren und jeder im Miklat bestrebt war, etwas von seinen Vorräten reihum anzubieten. So mögen die Aufregungen und Sorgen um nächste Angehörige und um den Verlauf der Kämpfe dazu beigetragen haben. Ein entscheidender Anlass aber waren ganz sicher die Vorbereitungen. Als erstes wurde der Bevölkerung nahegelegt, sich mit Lebensmitteln für den Verbrauch einer Woche einzudecken, um nicht durch gelegentliche Belieferungsstockungen oder die Unmöglichkeit, den Miklat zu verlassen, in Schwierigkeiten zu geraten. Nun, diese Anregung zeigte bald die Verschiedenheit der Temperamente; während sich die einen nur langsam entschlossen, sich dies oder das “für alle Fälle” anzuschaffen, kauften die anderen von jeder Sorte nicht weniger als einen ganzen Sack (mit dem Erfolg, dass die Lebensmittelgeschäfte am Tage nach dem Waffenstillstandsbeginn zahlreiche Angebote von Zucker, Reis und Mehl zu herabgesetzten Preisen erhielten). Natürlich fehlte bald an einem Platz der Reis, während es in anderen Geschäften unmöglich war, Makkaroni oder Nudeln zu erhalten. In jedem Fall wurde eine geordnete Geldwirtschaft unmöglich und es ergab sich viel Überlegen und das Nachhausetragen der Besorgungen. Denn jetzt kam eine einschneidende Veränderung, in unser Leben durch die Mobilmachung der Autobus-Chauffeure (wohl (Fortsetzung auf Seite 5) 4