Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1981-01-01 · No. 48-49 (1981), Nachtrag · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1981
Issue
No. 48-49 (1981), Nachtrag
Date
1981-01-01
Page
Seite 57 (sequence 2604)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/7411685-7412805-7412846--0982-7412863
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

antwortete er mir: „Wir haben keine solchen Gesetze, wir unterstehen nur Hindenburg, und kein anderer hat uns därelnzureden. Ausserdem waren Sie doch Frontkämpfer“. Auch zum Stadtbauamt ging ich auf Wunsch um Offerten abzugeben. Dort waren viele Konkurrenten. Plötzlich sagte einer, der früher von mir manches Gute empfangen hatte: „Was will denn der Jude noch hier?“ Daraufhin kam die scharfe Stimme des Stadtbaumeisters: „Ich verbitte mir dergleiche Redensarten hier“. Das waren immerhin kleine Tröstungen für mich. Ich erkannte immer mehr, dass auch meine Tage in der Stadt gezählt wären. Mein Freund M., der zu einem zionistischen Kongress nach Berlin fuhr, nahm mich kurzerhand nach dort mit. Inzwischen ging es mit meinem ältesten Bruder gesundheitlich weiter bergab. Nachdem er schon eine Hand verloren hatte, wollte man auch die zweite amputieren, weil die Röntgenverbrennung weitergeschritten war. Ich besuchte ihn mit innerer Anteilnahmen, glaubte ein Wrack anzutreffen und fand einen Helden. Einen Menschen voller Lebensmut und Lebenswillen. Er hatte viel durchgemacht, und auch die politischen Geschehnisse hatten ihn sehr mitgenommen. Das Schicksal war doppelt grausam gegen ihn gewesen. Ich freute mich, dass er mit mir kam, um die interessante zionistische Ausstellung zu besichtigen. Er freute sich sehr und sagte auch, wie erfreut er sei, dass er meinen Namen öfters in der jüdischen Rundschau lese, und dass ich so aktiv sei. Auch er nehme an, dass ich meinen Betrieb aufgeben müsse, und er sehe für mich als Ausweg nur Palästina. Und das war der Gedanke der mich nicht mehr losliess. Ich kehrte nach Hause zurück mit dem .festen Vorsatz: Auswandern. Meine beiden Brüder, die Rechtsanwälte, mussten ihre Berufstätigkeit einstellen. Der Ältere aus Frankfurt erhielt eine Anstellung bei der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ und reiste in deren Auftrag durch das Land, um in den Gemeinden Vorträge zu halten. Der jüngere aus Fürstenwalde — er war gerade zwei Jahre Advokat gewesen — übersiedelte nach Berlin, um dort „umzuschichten". Nun traf es sich schon, dass die Juden auf der Strasse nicht mehr gegrüsst wurden, und dass viele Bürger wegsahen oder auf die andere Strassenseite gingen, wenn sie einem Juden begegneten. Es amüsierte mich köstlich, als ich eines Tages dem Vertreter des Baurats vom Hochbauamt begegnete, der mir noch viel Geld schuldete. Als er mich ankommen sah, betrachtete er plötzlich die Schaufenster eines Kolonialwarengeschäfts mit „so grossem Interesse“, dass er so lange dort stehen blieb, bis ich an ihm vorübergegangen war. Ich war diesem Mann nicht gram, sonder bedauerte ihn, weil er das Opfer seiner Kinder war, welche in der Hitler-Jugend organisiert waren. Solche Vorfälle passierten mir öfters, und man gewöhnte Bich schnell daran. Hingegen begegnete ich eines Sonntag bei einem Winterspaziergang mit meiner Familie auf dem zugefrorenen See der Familie des Bürodirektors des Landrats. Ich wollte der vielen Menschen wegen diesen Mann nicht in Verlegenheit bringen und blickte schon in einiger Entfernung an ihm vorbei. Er schien diese meine Rücksicht bemerkt zu haben und rief belustigt: „Nicht so stolz, mein Lieber“, blieb stehen und begrüsste uns alle so herzlich, wie früher. Diesen Mann habe ich noch heute dankbar in Erinnerung, und nach den letzten Berichten, soll er sich charakterlich gleich geblieben sein. Von nun an übernahm ich auf Wunsch des Vorstands die Leitung des zionistischen Schulungskurses in jüdischer Geschichte. Auch begannen wir alle, die hebräische Sprache zu erlernen, wobei wir Fortschritte machten. Wir versuchten, durch häufige Zusammenkünfte uns gegenseitig aufzumuntem und uns Mut zu machen. Auch auswärtige Redner kamen und brachten Filme aus Palästina mit, die wir alle begeistert aufnahmen. Ich begann nun ernstlich meine Auswanderung zu betreiben und fuhr zum Palästinaamt nach Berlin, wo man jedoch so umständlich war und so viele Formalitäten verlangte, dass man fast mutlos werden konnte. Auch dauerte es so lange, bis man sich von einer zur anderen Stelle durchfrangen musste. — Ich beschloss, die Geschäftsräume zu vermieten und das Warenlager zu verkaufen. Anfang 1934 nahm alles greifbare Formen an. Ich begab mich nach vielen vergeblichen Versuchen beim Palästinaamt auf das englische Konsulat, wo man mich sehr entgegenkommend behandelte und mir Anweisungen gab, was ich zuerst zu unternehmen hätte. Zu Hause wurde der Pachtvertrag abgeschlossen und das für das Warenlager erzielte Geld auf das Auswandererkonto bei der Iwriabank eingezahlt. Ich selbst wollte in Berlin noch in meinem Installationsfach praktisch arbeiten, um die Zeit bis zur Auswanderung noch auszunutzen. Mit einem Male kamen so manche christliche Bekannte und fragten, warum ich auswandern wolle, es wäre doch schon ruhiger geworden und mir würde nichts geschehen. Ich aber erwiderte diesen „Tröstern“, ich wünsche nicht, dass meine Kinder die gleichen Enttäuschungen erleben sollten, wie Ich, und ich möchte sie zu freien, unverbogenen Menschen erziehen. Man bedauerte mein Scheiden aus einer Stadt, in der bereits vier Generationen gelebt und so manches Vorbildliche geleistet hatten. Als ich in Berlin ankam, waren alle meine Geschwister erfreut, und besonders die Familie meiner verheirateten Schwester, bei der ich auch Wohnung nahm. Meine junge, 17jährige Nichte liess sich von mir ln den zionistischen Ideenkreis einführen, während meine Schwester inständig bat, nicht auszuwandern, sondern mir In Berlin eine Stellung zu suchen. Dieser Gedanke erschien mir absurd. Ich hatte In einer Fabrik für Bier- - druckapparate und Sodafontainen, in der früher mein jüngerer Bruder tätig war, der Jetzt in Paris eine gleiche Stellung innehatte, eine Stelle gefunden und angetreten. In dem Raume, wo ich ohne gedliche Entschädigung arbeitete, waren ca. 15 weitere Arbeiter und alles Nichtjuden. Man nahm mich herzlich auf und wollte mir in jeder Hinsicht behilflich sein. Aber ich lehnte dankend ab und wollte schwer arbeiten, um diesen Kollegen zu beweisen, auch Juden können schwer arbeiten und sind keine Parasiten. Und bald hatte ich mir die Achtung dieser Leute und ihr Vertrauen erworben. Bald kam der eine zu mir, um mir zu flüstern, dass sie alle erst vor 4 Wochen in die Partei eingetreten seien, weil sie in die Arbeitsfront hineinmussten. Aber sie wären keine Judenhasser und hätten auch meinen Bruder sehr geschätzt. Ein zweiter kam und erzählte, er habe eine jüdische Frau, die er sehr gern habe und verkehre auch sonst viel mit Juden. Er denke nicht daran, diesen Nazischwindel mitzumachen. Und wenn ich irgendwie in Verlegenheit kommen sollte, die Kollegen würden mir helfen. Ich war von diesen Menschen angenehm berührt, sie schienen mir ehrlich zu sein. Aber auch mein Chef war rührend zu mir. Nachdem ich auch die Ausreisegenehmigung erhalten hatte, gab ich meine Stellung auf, um meiner Frau beim Einpacken zu helfen und alles aufzulösen. Dann wollte ich die ganze Familie nach Berlin bringen. Ich fuhr nach Hause und packte. Als Übersiedlungstermin war der 7. September 1934 gedacht, und im November ging das Schiff nach Eretz Israel. Mitten in der Arbeit ereilte mich am 5. September die Nachricht, dass mein ältester Bruder plötzlich auf der Strasse, während er mit einem Freunde sprach, zusammengebrochen und im Krankenhaus gestorben war. Ich war zuerst erschüttert, aber dann, bei ruhiger Überlegung, gönnte ich ihm diese Erlösung vom schwersten Leiden, obwohl er selbst gerne noch gelebt hätte. So fuhren wir nun einen Tag früher als verabredet, um am Begräbnis teilzunehmen. Auf dem Bahnhof hatten sich viele Bekannte eingefunden, um uns das letzte Geleit in der Heimat zu geben. Einige Tage vorher hatte die zionistische Ortsgruppe uns noch einen Abschiedsabend gegeben und mir zum Andenken ein Buch geschenkt. Heute weilt eine Anzahl dieser Freunde hier im Land, und manche sogar in unserer Nähe. Ich schied aus der Heimatstadt in ernster Stimmung und liess während der Bahnfahrt im Geiste mein ganzes Leben vorüberziehen. Noch einmal umfing ich die schönen Seen und Wälder und anderen Stätten, die ich so sehr geliebt. Und Je weiter die Entfernung wurde, desto ruhiger und befreiter wurde es in mir, und dann noch einmal... leb wohl... Du Heimatstadt..., habe Dank..., und dennoch, auch Du bist mir fremd geworden durch Deine Menschen. Ich arbeitete noch sechs Wochen in einem Jüdischen Installationsgeschäft in Charlottenburg. Meine beiden Kinder besuchten noch eine Schule in der Nähe unserer Wohnung, wo es Ihnen gut gefiel, und wo nette objektive Lehrer unterrichteten. Sie erhielten sogar Bücher leihweise, und der Rektor sagte zu meiner Frau beim Abschied: „Es äst schade, dass Sie Jetzt noch nach Palästina auswandem wollen, wo es hier doch bald andere werden wird.“ Seitdem sind weiter sechs Jahre verflossen. Für meine Kinder bot das Leben in der Grossstadt viel Abwechslung. Sie interssierten sich für alle Dinge, die sie Bähen, ob es zweistöckige Autobusse, Untergrundbahn oder Rolltreppe war. Tn- ,zwischen musste ich noch zum englischen Konsulat, wo man mir die Visen erteilte und gute Überfahrt wünschte. Auch zu den Steuerbehörden musste Ich noch gehen. Die Beamten waren vorbildlich korrekt, ja, auch sie sagten zu mir: „Jetzt können Sie doch eigentlich schon hierbleiben, es wird ruhiger, und auch bald anders werden“. Aber sie halfen mir mit grösstem Entgegenkommen alle Formalitäten zu erledigen..., Ja, sie veranlassten mich durchaus, einen Antrag zur Verleihung des Frontkämpferehrenkreuzes zu stellen, welches ich später in Palästina erhielt. Dann fuhr ich noch zu meinen Geschwistern nach Frankfurt an der Oder, um mich zu verabschieden. Es war noch ein schöner Tag. Mein Bruder zeigte mir noch das Manuskript zu einem Roman, an dem er schrieb, u. der fast fertig war. Meine Schwägerin, die mir einst als Soldat so viel Liebes erwiesen hatte, war bedrückt, aber Ich ahnte nicht, warum. Sechs Monate später ist sie dann freiwillig aus dem Leben gegangen, auch ein Opfer Hitlers. Und endlich ging ich noch zu meinen Freunden und Kriegskameraden, sowie auch Freundinnen aus früherer Zeit. Noch einmal wollte ich die Stufen meines Lebens vor meiner Seele genlessen. Die Menschen waren ernst. Einmal ging ich auch noch in das Theater des Jüdischen Kulturbundes und erlebte „Jeremias“ von Stefan Zweig. EB ergriff mich sehr, und Ich fühlte mich schon unterwegs. Der Tag der Abreise kam schnell heran, meine Schwestern waren Sehr bekümmert, aber auch mein Herz war sehr schwer. Denn so leicht... fiel mir doch der Abschied aus einem mir liebgewesenen Kulturkreise doch nicht... Deutschland, einst so schön..., so liebenswert..., nicht mehr mein Vaterland... 57

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.