Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981), Nachtrag
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 2603)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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beraten, was geschehen sollte, um ihn zu befreien. Ich ging zum Polizeikommissar, der hochanständig zu mir war, aber nicht sagen konnte, weshalb mein Freund H. verhaftet sei; die Polizei sei jetzt oft machtlos. Ich wollte ihn aber sprechen und ihn nach seinen Wünschen fragen, die ihm auch sofort erfüllt wurden. Der Kommissar sagte mir, Ich solle zum Landrat gehen, der hätte die Macht in Händen. Ich eilte dorthin, aber der war nach Berlin gefahren. Sein Vertreter war ein mir bekannter Beamter, ein Freund des Bürodirektors, mit dem ich mich beriet. Den ganzen Tag war ich auf den Beinen. Am Nachmittag rief mich der Kommissar telefonisch an, ich müsse auf die Wache kommen, er müsse mich vernehmen. Ich eilte zu Ihm. Er sagte, es sei eine Anzeige gegen den Verhafteten, er hätte am Freitag zu mir gesagt, er würde auf die SA am nächsten Tage s c h i e ss e n. Ein Mädchen hatte es gehört und ihrem Grossvater erzählt, und dieser hatte es angezeigt. Ich erwiderte, es sei eine Lüge und erzählte den Tatbestand, wie er sich zugetragen. Mein Freund hätte wahrscheinlich wegen der Zigarre im Munde undeutlich gesprochen. Er habe aber bestimmt gesagt, er werde das Geschäft schllessen. Solch ein Narr würde keiner von uns sein, mit Schiessen zu drohen. Nach weiteren Verhandlungen wurde dann noch am Abend mein Freund wieder entlassen. Am kommenden Tage war bei mir plötzlich Haussuchung. Sechs Mann erschienen, darunter auch ein Stahlhelmmann, dessen Schwester einige Jahre bei mir Buchhalterin gewesen war. Er schämte sich sehr und entschuldigte sich leise bei mir und übernahm im Kontor am Geldschrank die Buchsuchung und war schnell fertig, ohne etwas zu finden. Einige durchsuchten die Geschäftsbücher und Registriermappen. Ich reichte ihnen meinen Revolver und meine Patronen und zeigte den Waffenschein. Sie riefen den Kommissar an, ob sie die Waffe beschlagnahmen sollten, was Jener jedoch verneinte. Dann ging es in Keller und Wohnung. Das Klavier wurde geöffnet, der Violinkasten aufgemacht... Man hat nichts gefunden und ging wieder; nachdem man auf dem Dachboden meine schwarzweiss-rote Fahne noch gesehen hatte. Am Sonnabend darauf wurde mein Freund C. verhaftet, der sozialdemokratischer Stadtverordneter gewesen und stets als einziger Jude die schwarz-rot-goldene Fahne gehisst hatte. Mit ihm wurden noch 3—4 Juden verhaftet und auf die Polizeiwache gebracht. Auch einige christliche Sozialdemokraten waren dort oben. Sie wurden gut behandelt, durften für sich kaufen lassen, was sie wünschten. Ich bemühte mich um die Freilassung der Juden, machte Eingaben, telefonierte mit der Hauptleitung des Frontbundes..., aber es nützte nichts. Einige Tage darauf fuhr ein Lastwagen die Gesellschaft in ein Konzentrationslager. Wir winkten ihnen noch einen Grass zu... Einer kam nicht mehr zurück, die anderen nach drei Monaten. Inzwischen machte sich der Rückschlag im Geschäft bemerkbar. Kunden blieben zurück. Einige Kostenanschläge erhielt ich zurück, da man im Augenblick keinen Gebrauch davon machen könne. Da erhielt ich die Nachricht, dass mein jüngerer Bruder (einst 314 Jahre als Kriegsgefangener in Frankreich) von einer Geschäftsreise nach Paris geschrieben hätte, er käme nicht mehr zurück, sondern bleibe dort. Ich war über diese Nachtricht froh, ich erkannte, er hatte die letzte Konsequnez gezogen. Aber ich, was konnte ich tun?... Eines war mir klar, man hatte Pflichten zu erfüllen, man musste sich mehr der Gemeinde widmen und sich besonders der Jugend annehmen. Auch Arbeiter musste ich wegen Arbeitsmangel entlassen. Es kam der 1. Mai... Der erste wirklich Volksfeiertag. Was die Republik nie fertigbekommen hatte in 14 Jahren..., das hatte das Dritte Reich ln 3 Monaten vollzogen. Die Massen zogen im Festzug durch die Strassen, und man sah fast friedliche... SA-Leute und die roten Gewerkschaften. Schon aber waren die Hakenkreuzfahnen der Häuser überwiegend. Die SA sang Sturmlieder, und die Gewerkschaften sangen schüchtern mit..., die Melodien waren einander ähnlich. Am nächsten Morgen besetzte die SA „schlagartig“ das Gewerkschaftshaus und löste alle Verbände auf. So gingen die Nazis totalitär vor, und so rieben sie alles auf, was sich ihnen in den Weg stellte, oder auch nur unbequem war. Bei den Juden begann es, und bei den Stahlhelmern war es noch nicht zuende. Feindschaft und Misstrauen entstand unter der Bürgerschaft, und Jeder wollte plötzlich ein „alter Kämpfer“ sein. Unser Erster Bürgermeister wurde als Oberbürgermeister in eine Stadt im Harz versetzt und nahm seinen evangelischen Obersekretär mit, der eine katholische Frau hatte. (Einundeinhalb Jahre später wurde er wegen seiner „Fähigkeiten“ wieder zurückversetzt). Viele Beamte trugen Jetzt die braunen Uniformen. Ich selbst glich einem Pendel. Ich war haltlos. Die Gemeindemitglieder trafen sich öfter im Gemeindehaus oder auf dem Friedhof. Dort war es noch ruhig. Aber wenn einmal ein Jude beerdigt wurde, sah man (im Gegensatz zu früher) keine Christen mehr im Geleit. Die Leute waren ängstlich geworden. Eines Abends wurde ich von einem Schulfreund M. in seine Wohnung geladen, wo eine Anzahl Bekannte und auch ältere Zionisten anwesend waren. Mein Freund hielt eine zündende Agitationsrede für den Zionismus, um dort eine Ortsgruppe zu gründen. Ich sah, wie viele „Zentralvereinler“ zur neuen Zionistischen Ortsgruppe übergingen, Ich aber konnte mich nicht entschliessen. Ich war noch zu verwirrt von allen Geschehnissen. Die zionistische Ortgrappe hatte sofort zwanzig Mitglieder. Man lud mich als Gast zur ersten Sitzung ein. Es wurde das Organ der Zionist. Partei ausgelegt, „Die Jüdische Rundschau“. Da las ich vor mir Überschriften: „Jasagen zum Judentum“... „Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck“, u.a. Wie, wenn man das könnte, „die uns zugedachte Infamie... innerlich umwandeln zum nationalen Stolz..., das Schimpwort „Jude“ als Ehrenname". Würde das nicht einem den Weg heraus zeigen aus der inneren Zerrüttung und Verzweiflung? Würde man nicht den Kopf trotz Allem dann wieder hoch tragen können, wie einst...?- Es wurde ein interessanter Abend, bei dem auch einige Chaluzim sprachen. Da fiel das Wort „Palästina“... Ich dachte an meine Schulzeit. Unser Lehrer sagt an der grossen Landkarte... „das ist das Heilige Land..., das Land unserer Väter“... Und Jetzt sollte es wieder das Land unsere Kinder werden! Vielleicht sogar auch unser Land! Auf dem Heimweg ging mein Freund M., der Vorsitzende der Ortsgruppe allein mit mir. Wir gingen durch die stillen Strassen im Mondschein. Ich fühlte mich innerlich freier. Er sprach, und redete auf mich ein. Seine Worte fielen auf mich wie der Tau frühmorgens auf die Pflanzen und Bäume. Sie lösten in mir angeborene Fesseln und linderten den Schmerz meiner Seele... Und noch spät in der Nacht pochte es in mir... Palästina. „Altneuland“... Herzl.. Denk an die Kinder... Mit dem Geschäft ging es weiter bergab. Kunden zogen sich zurück..., und neue kamen nicht dazu... Was solte werden...? Wenn wir mit Bekannten spazieren gingen, so war es mehr ein „Spazierenschleichen“. Auf Umwegen, wo sonst wenig Menschen gehen, gingen wir in den Buchenwald... zu den Seen, aber nicht in das Restaurant. Wie habe ich von Jugend an Euch geliebt — Ihr Seen und Wälder der Heimat! Wie sehnte ich mich in der Fremde..., im Felde als Soldat nach Euch!...-Und Jetzt... Fremd seid Ihr geworden, denn Ihr gehörtet mir nicht mehr. Ich habe kein Recht mehr, Euch zu lieben. Aber eines darf ich noch... Euch danken für Eure Schönheit..., für die Kühlung, die Ihr mir so oft schenktet..., für die Stunden der Erholung, die ich bei Euch genoss. Und Ihr seid nicht schlecht... Ihr seid Natur..., ein Stück von Gott!! Nach einer weiteren Sitzung bat mich mein Freund sehr, einen Vortrag zu übernehmen auch ohne, dass ich Mitglied sei. Das Thema überlasse er mir, er könne nicht verlangen, das ich einen zionistischen Vortrag halte. Ich sagte nach einigem Zögern zu. In meiner Bibliothek hatte ich einen Band Gedichte von Hugo Zuckermann, dem Jüdischen Dichter, der im Weltkrieg gefallen war. Beim Lesen wurde ich sehr ergriffen, von dem tragischen Schicksal dieses Menschen, der für sein Vaterland gefallen ist. Ich beschloss' daher, über diesen Mann zu sprechen, und Junge Menschen sollten einige seiner Gedichte vortragen, während ich gleichzeitig die verbindenden Worte sprechen wollte. Es kam der Sonntagnachmittag des Vortrages. Der Raum war überfüllt. Jugend und Alter waren beisammen. Und als ich ansetzte, sah ich alle Gesichter auf mich gerichtet mit gebannten Blicken. Ja, in mir fing es an zu singen..., zu leuchten..., ich sah in vielen Jungen Augen Tränen. Visionär sah ich das Land, das der Dichter besungen. Auch mein älterer Junge sprach ein Gedicht... Ich war wie im Traum, entrückt und die Worte kamen nur so aus mir, bis ich zu Ende war. Alles kam begeistert zu mir, und der Vorsitzende sagte ln seinem Dank, es sei ein ergreifender zionistischer Vortrag gewesen, ich hätte mich als Mitglied, in die Ortsgruppe hineingesprochen und brauche nicht mehr einzutreten..., denn ich sei schon mit dabei. So wurde ich nach Jahren wieder Zionist. Und die Mitglieder freuten sich, dass sie mich wiederhatten, denn sie wussten, dass ich . stets aktiv bin, wo ich auch immer Mitglied bin. Für mich selbst aber wurde es ein innerer Aufstieg. Ich wurde ruhiger und fand den Kontakt mit dem neuen Leben wieder. Ich vertiefte mich in die zionistische Literatur und beteiligte mich lebhaft bei den Diskussionen. Inzwischen waren meine Bekannten aus dem Lager entlassen worden. Auch ein christlicher Sozialdemokrat; er war unser Friedhofsgärtner, kam einen Tag nach seiner Rückkehr zu mir und sagte: „Soeben komme ich vom Grabe unseres Leidensgenossen S. Es war der Jude, der sich s.Zt. an den Schlägereien mit den Nazis beteiligt hatte, und dessen Leiche wir im verschlossenen Sarg aus dem Lager herausbringen mussten. Aber das Eine möchte ich Ihnen sagen, wenn ich das noch vor mir hätte, was der erduldet hat, so würde ich mir sofort das Leben selber nehmen“. Als ich zu meinem Freunde C. kam und ihn fragte, ob er sehr viel habe aushalten müssen, antwortete er nur kurz: „Ich bin Ja trotz Allem wieder hier, und das ist alles“. Dann teilte er mir aber mit, dass er nunmehr nach Palästina auswandern wolle. Eines Tages wurde ich zur Militärbehörde gerufen, um einen Kostenanschlag abzugeben. Als ich den Intendanturbeamten fragte, ob es denn überhaupt Zweck habe, da ich doch nach den neuen Gesetzen nicht mehr berücksichtigt würde, 56