Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981), Nachtrag
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 2602)
- Language
- German
- Belongs to
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„Meine Herren, ich habe die Ehre, Ihnen im „Auftrag des Herrn Reichswehrministers hier „In dieser feierlichen Stunde zum Ausdruck „zu bringen, dass wir dieses Gedenkbuch „unserer jüdischen Kameraden, die im Welt- „krleg gefallen sind, in hohen Ehren „halten werden zum Gedächtnis dieser „treuen und echten Söhne unseres „deutschen Volkes“. Ich nahm mit Dank von diesem Beamten das Buch und war innerlich sehr ergriffen von diesem Charakterzug. Bald gärte es überall. Durch das Radio hörten wir dann den grossen Fackelzug der Nazis vor der Reichkanzlei vorbeimarschieren, hörten den brausenden Jubel der Menschenmassen und wurden sehr deprimiert. Wir wagten nicht, an diesem Abend auf die Strassen unserer Stadt zu gehen, denn auch dort war ein Jubel ohnegleichen. Und am nächsten Morgen flatterten von den Häusern die Hakenkreuzfahnen und daneben auch die schwarzweissroten des Kaiserreichs. Aber jetzt konnte man auch schon feststellen, wer von den Bekannten ein Nazianhänger war. Man sah bei manchen Bürgern einen Zug im Gesicht, den man früher nicht entdeckt hatte. Auch viele Katholiken machten schon mit. Und die Jugend ging und marschierte voran. Dann hörte man die grosse Kundgebung der neuen Regierung und die Reden der neuen Minister. Herr Hugenberg sprach, und das Radio übermittelte uns u.a. einen Satz, der mich sofort stutzig machte. „Wir erwarten, dass unser neuer Kanzler treu die uns gemachten Zusagen halten wird“. Dann wurden Neuwahlen ausgeschrieben. Die Republik war sang- und klanglos abgetreten. (Noch eine Woche vor Hitlers Machtantrit sagte der Führer des Reichbanners, Höltermann, im Lustgarten zu Berlin: „Lieber tot als Sklav“. Er starb nicht, wurde auch nicht Sklave, sondern war wie viele andere, schon im Ausland.) Kurz vor den Wahlen kam der Reichstagsbrand und das Verbot der Kommunistischen Partei. Verhaftungen setzten ein. An dem Tage von Potsdam wurden die Betriebe geschlossen, damit das Personal am Lautsprecher die Feier miterleben konnte und die erste Tagung des neuen Reichstags. Hitler erhielt die Ermächtigung und Herr Goering wurde Reichstagspräsident. Zwar wagten noch einige Soziademokraten zu opponieren, aber es war nur noch ein Sichanklammern an dem Strohhalm vor dem Ertrinken. Der Kampf gegen das Judentum war der erste Programmpunkt, der zur Durchführung gelangte. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Auch bei uns machten die Nazibanden die Strassen unsicher. So näherte sich der 1. April, der Tag des Judenboykotts. Bereits am frühen Morgen des Freitag sah man die SA mit ihren Transparenten durch die Stadt ziehen. „Die Juden sind unser Unglück“, „Gegen die jüdische Greuelpropaganda im Auslande". In den Vormittagsstunden begannen sich die Posten der Nazis vor die jüdischen Geschäfte und Betriebe zu stellen, und jeder Käufer wurde darauf aufmerksam gemacht, nicht bei Juden zu kaufen. Auch vor unserem Lokal postierten sich zwei junge Nazis und hinderten die Kunden am Eintritt. Mir erschien das Ganze unbegreiflich. Es konnte mir nicht einleuchten, dass so etwas im 20ten Jahrhundert überhaupt möglich sein konnte. Denn solche Dingen hatten sich doch höchstens im Mittel - alter ereignet. Und doch war es bittere Wahrheit, dass da draussen vor der Tür zwei Jungens in braunem Hemd standen, die ausführenden Organe Hitlers. Ich nahm meine Kriegsauszeichnungen und legte sie an, ging auf die Strasse und besuchte Jüdische Geschäfte, wo man mich auch zuerst anhielt. Aber auch in mir gärte es, und ich hätte am liebsten diesen Barbaren meinen Hass ins Gesicht geschrlen. Hass, Hass-seit wann hatte dieses Element In mir Platz ergriffen?-Seit einigen Stunden erst war in mir eine Wandlung eingetreten. Dieses Land und dieses Volk, das ich bisher liebte und schätzte, war mir plötzlich zum Feinde geworden. Ich war also kein Deutscher mehr, oder ich sollte es nicht mehr sein. Das lässt sich natürlich nicht mit einigen Stunden abmachen. Plötzlich erschien mir auch die Strasse fremd, ja die ganze Stadt war mir fremd geworden. Es gibt nicht die richtigen Worte um die Empfindungen zu schüdern, die ich in diesen Stunden erlebte. Zu Hause angelangt, ging ich auf den einen Posten zu, den ich kannte, und der auch mich kannte, und sagte ihm: „Als Sie noch in den Windeln lagen, hab ich schon draussen für dieses Land gekämpft“. Er erwiderte: „Sie sollten mir aus meiner Jugend keinen Vorwurf machen, Herr..., aber ich bin kommandiert worden, hier zu stehen“. Ich sah in sein junges Gesicht und dachte mir, er hat recht. — Arme, irregeführte Jugend. Trotz alledem kamen auch noch an diesem Tage eine Anzahl Kunden zu mir, besonders Katholiken, und es war auch so mancher dabei, der nur aus Protest gegen das Treiben da draussen mich besuchte. Auch der Bürodirektor des Landrats kam, um, wie er es so schön sagte, mir nur die Hand zu drücken. Als ich ihm dankerfüllt sagte, er möge meinetwegen nicht seine Stellung aufs Spiel setzen und an seine Familie denken, antwortete er voll Stolz: „Ich bin Parteimitglied No. 20 der Deutschnationalen Volkspartei; was soll mir passieren?“ Der arme Idealist..., er sollte bald gewahr werden, dass auch diese Partei nichts mehr gelten sollte. Aber ich war ihm von Herzen dankbar, denn in mir war es wund. Am Nachmittag wurden zwei jüdische Gutsbesitzer verhaftet, der katholische Landrat abgesetzt. Ich lief auf die Strasse und ging zu meinem Jüdischen Schulkollegen, der ein Einheitspreisgeschäft nebenan hatte, und wir gingen die Strasse auf und ab. Vor der Tür seines Geschäfts fragte ich ihn, was er tun würde, wenn auch am nächsten Tage die SA-Leute vor der Tür stehen würden. Er antwortete und hielt seine Zigarre fm Mundwinkel: „Ich werde schliessen“. Ich ging nach Hause, der neue Posten wollte mich nicht einlassen, und ich machte Radau, dass er kein Recht hätte, mir den Eintritt in meinen Betrieb zu Verwehren, woraufhin einige SA-Leute hinzukamen und den 15jährigen Hitler- Jungen fragten, warum der Jude solchen Radau mache. Ich ging dann unbelästigt in meinen Betrieb, den meine Frau sofort schloss. Das Personal sah mich traurig an und fragte, ob es am kommenden Tage kommen soll. Ich verneinte... die Leute gingen hinweg.., ich war innerlich zerzbrochen. Mir wäre schon alles egal gewesen. In meiner Wohnung rüstete meine Frau zum Schabath. Ich ging in die Synagoge, wie viele andere Juden. Dort sah ich verzweifelte Gesichter voll tiefstem Seelenschmerz..., bleich..., zitternd. Noch niemals haben Juden inbrünstiger gebetet, als an jenem Abend, wo sie ihr Judensein so gründlich erlebten Auch mein Herz bebte, und meine Seele schrie heimlich zu üirein Gotte: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“... Als ich im Kreise meiner Familie den Schabbath einweihte, wie stets, als rch an die Stelle im Gebet kam „der, Du uns erwählt hast von allen anderen Völkern“, und meine Kinder sah, die mich mit ihren unschuldigen und fragenden Augen anblickten..., da war es mit meiner Fassung vorbei; da entlud sich in mir die Schwere des erlebten Tages, und ich brach zusammen, die letzten Worte nur noch stammelnd. Die Kinder wussten oder begriffen nicht, warum Ich heftig weinte, aber ich wusste: das war mein Abschied vom Deutschtum, meine innere Trennung vom gewesenen Vaterland..., ein Begräbnis... Ich begrub 43 Jahre meines Lebens, und wäre es nur der eine und einzige Tag solchen Erlebens gewesen, Jetzt konnte ich kein Deutscher mehr sein Und was war ich nun... Zwar war ich ein religiöser Jude, aber doch schon sehr assimiliert... Ich war heimatlos geworden... In der Nacht zogen die Nazihorden durch die Stadt und tobten. Am kommenden Tage, dem Sonnabend, begannen die Haussuchungen bei Juden und Sozialdemokraten. Auch bei vielen jüdischen Freunden erschienen die braunen Banden. Die ganze Stadt war in Aufruhr. Wieder standen die Posten. Ich konnte und wollte nichts sehen, ich war fertig. Wir glaubten, das Ausland könnte im 20. Jahrhundert eine solche Barbarei nicht dulden. Wo blieb England..., wo Amerika... Wo war das Christentum geblieben?... Zwar hielt damals John Simon einige Protestreden, aber es blieb nur dabei, und Israel blieb ganz allein. War Gott auf seiner Seite? Was barg noch die Zukunft? Die nächsten Tage brachten etwas Beruhigung, und auch wir begannen zur Besinung zu kommen. Ich liess mich bei dem neuen kommissarischen Landrat melden, als Repr. Vorsteher der Gemeinde. Zu mir waren so viele Jüdische Bürger gekommen und sagten, ich sei der einzige, der etwas dort ausrichten könne. Und darum ging ich dorthin und wurde vorgelassen. Man sagte mir, ich solle die übrigen Juden beruhigen, die Aktion sei nun wieder abgeschlossen, sie wäre nur eine Strafe für die Propaganda der Juden in anderen Ländern gewesen. Ich teilte dies meinen Leidensgefährten mit, und sie hatten etwas mehr Mut. Ich aber hatte kein Vertrauen mehr und war zwar nach aussen hin tapfer und stark, aber innerlich mutlos und verlassen. Ich ging zu den Gräbern meiner Eltern..., Grosseltern. .. und Urgrosseltern... und hielt Zwiesprache. Ich gab ihnen alles zurück, was ich vom Deutschtum von drei Generationen empfangn hatte, in mir auf genommen und gepflegt hatte Ich schrie ihnen ins Grab... Ihr habt Euch geirrt. Auch ich bin irregeführt worden... numehr habe Ich es begriffen. .., ich bin kein Deutscher mehr. Und was werden meine Kinder sein... Die Frage blieb offen. .. Die Grabsteine blieben stumm. Auch mein alter Lehrer konnte aus dem Grabe nicht mehr antworten... Und die Lebenden?..., mein zweiter Lehrer, der ein beliebter Rektor am Mädchengymnasium und von den Lehrern und Schülerinnen, sowie von deren Eltern sehr geschätzt war, wusste bald die Antwort zu geben. Während der Morgenstunden, als er gerade lehrte, erschienen SA-Leute und schrien ihm in Gegenwart der Schülerinnen zu: „Machen Sie, Jude, Sofort, dass Sie hinauskommen. Sie haben kein Recht, deutsche Kinder zu unterrichten!“ Er wurde starr..., viele Mädchen begannen zu schreien und riefen seinen Namen... Er aber sagte ihnen: „..„Liebe Kinder, ich habe über 15 Jahre an dieser Stelle gelehrt, ich habe stets Euer Bestes gewollt. Auch deutsche Kultur übermittelt..., ich gehe nun von Euch, well die Gewalt es so will. lebt wohl.-“ So ging er, und die Kollegen sahen ihm nach... Das war der Dank für seine aufopfernde Arbeit gewesen. Aber eine Freude sollte er noch erleben. Am Nachmittag erschienen in seiner Wohnung viele Schülerinnen mit Blumen und anderen Aufmerksamkeiten. Es war die Kritik einer noch unverdorbenen und unbeeinflussten Jugend. Am folgenden Mittwoch früh wurde mein Freund H. verhaftet, mit dem ich am Freitag vor seinem Geschäft diskutiert hatte. Ich war bestürzt. .. Was war geschehen? Ich ging zum Ersten Vorsitzenden des Jüdischen Frontbundes um zu . ..-Li... 55