Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981), Nachtrag
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2601)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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MEIN EDWIN (FORTSETZUNG) So darf man zusammenfassend behaupten, dass lm allgemeinen ein friedliches Zusammenleben von Juden und Christen in der Provinz existierte, das vielfach zum freundschaftlichen Verkehr sich entwickelte. Auch auf den Vergnügungen vieler Vereine herrschte gemeinschaftliches Zusammenleben von Juden und Christen und gesellschaftlicher Verkehr Inzwischen ging schon mein älterer Sohn in die evangelische Volksschule, und meine Mutter' erlebte an beiden Enkelchen sehr viel Freude und erwies ihnen eine Liebe ohnegleichen. Auch mein ältester Bruder hatte geheiratet, während mein Jüngerer Bruder im Dezember 1928 seine Hochzeit mit einer russischen Jüdin aus besten Kreisen in Warschau feierte. Auf Wunsch meiner Mutter nahm ich mit meiner Frau daran teil, zur Freude des Jungen Paares. Ich hatte Gelegenheit, meiner Frau bei Lowicz und Warschau Stätten zu zeigen, wo ich als Soldat einst gekämpft hatte. Manche Erinnerungen stiegen auf... 12 Jahre lag das schon alles zurück, und doch war es mir, als wäre es erst kürzlich gewesen. Das junge Paar kam mit uns, um die Mutter zu sehen, und die Freude war gross. Das Jahr 1929 war ein schicksalsschweres Jahr für uns. Im April starb plötzlich an einem Herzschlag unsere gute Mutter in der Nacht zu einem Sonntag, an dem ich an einem Rückspiel mit dem Schneidemühler Schachklub bei uns teilnehmen sollte. (Unser Spiel s.Zt. in Schneidemühl hatten wir gewonnen). Ich nahm nun nicht teil, und so ging das Spiel verloren. Meine Mutter erlebte noch kurz vor ihrem Tode die Freude, dass mein jüngster Bruder auch sein juristisches Examen bestand und sich mit einer alten Liebe in Frankfurt verlobte. Mich hatte der Verlust meiner Mutter innerlich sehr mitgenommen, aber der harte Alltagskampf zwang zu Arbeit und Schaffen. Ich siedelte mm wieder in das renovierte Elternhaus über, das für mich auch weil im Zentrum der Stadt gelegen, viel bequemer war. Bald wurde nun mein ältester Bruder, der sich eine Röntgenverbrennung durch Bestrahlung zugezogen hatte, operiert, und eine Hand wurde amputiert. Wir waren eigentlich froh, dass die Mutter es nicht mehr erlebt hat. Im Spätsommer erhielt ich Installationsaufträge für grosse Siedlungen, welche ein alter Kunde, für den ich schon sehr viel gearbeitet hatte, mir übertrug. (Er war nebenbei ein Schulkollege vom Gymnasium her). Im Dezember aber musste er seine Zahlungen einstellen, und ich verlor viele Tausende Mark dadurch. Aber noch nicht genug, verlor ich noch einige tausend Mark an anderen Handwerkern, und auch an einer sozialistischen Bauarbeiterorganisation, welche durch die obige Zahlungseinstellung ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden war. Es waren für mich harte Schläge, und ich geriet dadurch selbst ln eine schwierige Lage, da ich bei den Banken diskontierte Wechsel dieser Kunden bezahlen sollte. Infolgedessen musste ich meine Aussenstände rigoroser eintreiben, wodurch ich einige Kunden verlor. Aber die Banken nahmen in jeder Beziehung Rücksicht, doch mussten auf das Haus Sicherungen eingetragen werden. Ich vermietete einen Teil des Hauses, der mir als Ausstellungsraum gedient hatte, an ein katholisches Zeitungs- LEBEN LANDAU unternehmen, mit dessen Leiter ich bald gut bekannt war. Auch mein Schwager in Pommern musste sein Geschäft aufgeben und siedelte nach Berlin über. Das Jahr 1930 war für mich voller wirtschaftlicher Schwierigkeiten, obwohl ich noch eine Anzahl Bauten hatte, und auch mein Personal und die Unkosten verringerte. Auch Jüdische Freunde sprangen ein, und besonders mein Schwiegervater leistete mir Hilfe. Auch mein Nachbar, ein Zentrumsmann half mir, wo er konnte. Aber ich merkte, wie durch die wiederholten Wahlen die Entzweiung innerhalb der Bürgerschaft wuchs und auch mir entfremdeten sich manche Kunden, deren Kinder in der gegründeten Naziorganisation Mitglieder waren. Ich empfand, dass die Gefahr nicht so sehr bei meiner Generation, sondern bei der Jugend lag. Das war der Feind der Zukunft. Die Anhängerschaft der Nazis wuchs von Wahl zu Wahl. Viele Bürger, welche sahen, wie die Republik sich bemühte, den Siegern des Weltkrieges die Forderungen zu erfüllen, und wie wenig Entgegenkommen die früheren Feinde zeigten, liefen nun zu dem Manne über, der ihnen goldene Zeiten versprach. Aber auch die kommunistische Partei wuchs stark an und es war interessant zu beobachten, wie abwechselnd bald das Reichsbanner, bald die Nazis und die Kommunisten Umzüge veranstalteten, und auch der Stahlhelm demonstrierte. Mein ältester Junge besuchte das Gymnasium und hatte dort viel von den Mitschülern zu leiden. Ich dachte an meine Jugendzeit, die glücklicher war und ahnte noch nicht, was dieser Jugend bevorstand. Und doch schien es mir, als ob die Regierung Brüning grössere Stabilität auf wies als die früheren. Auch die Wirtschaft hob sich ein wenig, aber man fühlte als Jude und Republikaner schon überall unsichtbare Feinde um sich. Man traute auch den Mitmenschen nicht mehr, da man sah, wie so mancher Bekannte plötzlich ein Hakenkreuz trug. Trotzdem benahm man sich in den verschiedenen Vereinen und Organisationen nach aussen hin einwandfrei und korrekt, aber wer tiefer in die Menschen blickte, spürte etwas von dem Zwang, den sich mancher auferlegte, um nicht aus der Rolle zu fallen. Aber wenn die Menschen etwas zuviel getrunken hatten, dann zeigten sie ihr wahres Gesicht. Von der Oberpostdirektion Köslin, für welche Ich bereits früher Arbeiten ausgeführt hatte, erhielt ich auch im Jahre 1932 in unserer Stadt einen grösseren Auftrag. Mit dem bauleitenden Architekten sass ich ln einem Lokal (er konnte sehr viel trinken) und verhandelte. Da sagte er zu mir: „Sehen Sie, es ist sonderbar, ich bin ein Nazi, Sie ein Jude, und trotzdem bevorzuge ich Sie bei der Arbeit, weil Sie ein anständiger, ehrlicher Mensch sind, aber von Partei wegen dürfte ich Ihnen den Auftrag gamicht geben; ich bin ein objektiver Mensch“. Für mich war es ein Vorbote kommender Dinge, und ich fragte mich, wie oft ich wohl derartige Reden zu hören bekommen würde. Inzwischen spürte man auch schon unter der Republik die geheime Aufrüstung. Rings um unsere Umgebung wurden Befestigungswerke ausgeführt und getarnte gassichere Unterstände wurden bei den Kasernen angelegt. Aber für mich gab es dort keine Arbeit, vielleicht hielt man mich für nicht zuverlässig genug. Inzwischen sprach vor einer Wahl zum ersten Male Adolf Hitler in Schneidemühl, und alles strömte dorthin, um diesen kommenden Mann sprechen zu hören. Die Zeitungen brachten wahre mystische Ergüsse über diese Wallfahrt. Nunmehr fand sich öfter in der Heimatpresse irgend ein antisemitisch angehauchter Artikel. Als wir bei dem Zeitungsinhaber deswegen vorstellig wurden, antwortete dieser Volksparteiler, er wäre nicht dafür verantwortlich, sondern sein Redakteur. Von diesem wussten wir natürlich, dass er Mitglied der N.S.D.A.P. war. Besonders erwähnenswert ist aber die Tatsache, dass fast sämtliche Beamten des Finanzamts bis hinauf zum Regierungsamt vorbildlich korrekt und entgegenkommend waren. Hingegen ging der Erste Bürgermeister der Deutschnationalen Volkspartei ins Nazilager über. Auch einige Katholiken hielten schon die Zeit für gekommen, aus der Zentrumspartei auszutreten. Sie wollten den Zeitpunkt nicht versäumen, wenn es neue Posten gäbe. Jetzt erschien auch schon ein antisemitisches Hetzblatt (Stürmer) in kleiner Auflage bei uns, und die persönliche Verunglimpfung Jüdischer Mitbürger begann. Die Hetze setzte sich immer weiter fort und brachte vielen Juden Schaden. Man begann auch schon Friedhöfe zu schänden und belästigte linksrepublikanische Bürger. Als am allgemeinen Volkstrauertag, wie alljährlich Kranzniederlegung am Ehrenmal stattfand, nahm die S.A. nicht daran teil. Auch wir vom Frontbund gingen vereinzelt mit dem Kranz. Aber die Nazis veranstalteten später eine besondere Demonstration, zu der auch ein grosser Falkenburger Sturmtrupp erschienen war. Auch die Arbeiterschaft demonstrierte, und es kam zu verschiedenen Schlägereien zwischen S.P.D.-Leuten und Nazis, bei der sich u.a. auch ein Jude bemerkbar machte. (Dieser wurde dann später im Konzentrationslager totgeschlagen). Bei der letzten Wahl vor dem 30. Januar 1933, dem Tage der Machtergreifung Hitlers verloren die Nazis wieder eine Anzahl Stimmen, und man hoffte auf einen weiteren Rückgang der Anhänger. Wir Juden hatten eine Woche vor der Wahl Briefe folgenden Inhalts durch die Post erhalten: „Jude... „Du hast kein Recht in Deutschland zu wählen, „da du kein Deutscher bist. Tust du es dennoch, „so geschieht es auf eigene Gefahr und du wirst „vorgemerkt. Du bist gewarnt. Der Ausschuss für Judenausweisung“. Trotzdem organisierten wir unsere Wählerschaft und nur die Ängstlichen blieben daheim. Es ereignete sich nichts besonderes, wenn es auch einige Zwischenfälle gab und vereinzelt Scheiben eingeschlagen wurden. Aber wir spürten, dass ein Vulkanausbruch bevoistand. Mit Bangen begann für uns das schicksalsschwere Jahr 1933. Anfang Januar, als ich zufällig beim Btirodirektor des Landrats weilte, sagte er mir, dass sie auch von dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten das Gedenkbuch der gefallenen Jüdischen Soldaten im Weltkrieg erhalten hätten. Er glaube aber, dass man es bald in irgendeine Ecke legen werde, und er möchte es lieber mir geben, weil es bei mir besser aufgehoben sei. Es wäre zu schade, wenn man es schänden würde. Bekanntlich hatte auch der Reichspräsident ein Vorwort dazu geschrieben, und auch der damalige Chef der Wehrmachtsabteilung, Oberstleutnant Ost, hatte bei der feierlichen Übergabe am 17. November 1932 folgende Ansprache gehalten: 54