Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981), Nachtrag
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 2598)
- Language
- German
- Belongs to
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Chachme Lothar —die Weisen Lothringens DIE PROVINZ ZWISCHEN DEUTSCHLAND UND FRANKREICH Die Geschichte der Juden und der Jüdischen Gemeinden Europas spiegelt ein Stück Weltgeschichte wieder, insbesondere der Gemeinschaften in den Gebieten, die während Jahrhunderte GRENZland sind, den Einflüssen verschiedener Herrscher und politischen wie kulturellen Belastungen ausgesetzt. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass Lothringen, heute in vier Departments, Verwaltungseinheiten Frankreichs eingestellt, zwischen Frankreich, Deutschland und Belgien liegt. Die Chachme Lothar, die Weisen Lothringens, deren Auslegungen das europäische Judentum seit Tausend Jahren sein Gesicht verdankt, stellen einen Begriff dar, der auf die Vorsteher der Schulen von Mainz und Worms geprägt wurde — das zeigt, wie Begriffe geographische Barrieren überspringen, der von der Persönlichkeit des Rabbi Gerschom ben Jehuda, 960—1030, ausgeht. Man weiss wenig von seinem Leben, die Angaben über das Todesdatum schwanken zwischen 1028 bis 1040. Er soll in Metz, Lothringen, geboren sein. Es sind seine, oder von ihm intiierten Verordnungen, Takkanot, Auslegungen, Tossafot, Antworten, aber auch Pitujim und Slichot, Gesänge und Bussgebete, die das Familienleben des aschkenasischen Judentums bestimmen, angefangen von denen, die die Bigamie untersagen und mehr als eine Frau zu nehmen, keine Scheidung ohne Einwilligung der Frau auszusprechen, die, die das Briefgeheimnis unter Androhung des Bannes fordert. Die Verordnungen stellten so etwas wie eine historische Notwendigkeit dar, ein Erwachen des europäischen Judentums, das sich auf eigene Beine stellen musste. Seit dem Untergang des Staates, seit bald Tausend Jahren wurden Entscheidungen in religiösen wie zivilrechtlichen Fragen von den Vorstehern der Akademien in Sura und Pumbedita gesprochen. Die Juden Europas, die vielleicht über Italien und/oder die Mittelmeerstädte Frankreichs in die Gebiete beiderseits des Rheins wanderten, in das römische Gallien und Germanien, wandten sich, der Tradition entsprechend, an die Schulen in Babel, deren Oberhäupter, der Tradition entsprechend, von 639 bis 1038 den Titel Ga’on führten. Die Akademien bestanden noch bis in das 13. Jahrhundert, verloren aber in den letzten 200 Jahren ihres Bestehens an Bedeutung. Ihre Antworten, Responsen, waren aramäisch, der Gewohnheit entsprechend, während die Chachme Lothar sie hebräisch gaben. Es dauerte viele Monate, bis ein Bescheid eintraf. In Europa wurde in der Zwischenzeit das Christentum vorherrschend. Das Reich der Karolinger und die der Nachfolger schufen politische, wirtschaftliche und geistige Bedingungen, die denen in Babel, das islamisch geworden war, fremd sein mussten. In der Tradition wird auch Raschi, 1040—1105, zu den Chachme Lothar gerechnet, er sei ein Schüler seiner Schüler, Talmid, Talmidaw, dazu werden insbesondre Jakob Ben Jakar und Isaak ben Jehuda gerechnet. Raschi ist nur in seiner Jugend als Schüler in Worms, wirkt aber in seiner Geburtsstadt Troyes. Der Bruder Gerschoms, ein Rabbi Meir, soll ein Lexikon zusammengestellt haben, dessen Manuskript verloren ist. Mit dem Jahr Tausend beginnt die Unabhängigkeit des deutschen, damit des europäischen Judentums von den babylonischen Gelehrtenschulen. Gerschom gehörte zu den Initiatoren, nicht umsonst erhält er später den Ehrentitel Ma’or Hagola, das Licht, die Leuchte der Golah. HEINZWERNER GOLDSTEIN Das Land Lothringen kommt unter Lother, Karls des Grossen, durch den Vertrag von Verdun, 843, als das Reich geteilt wurde, an das Mittelreich, zwischen Ost- und Westfranken, zusammen mit Italien und Burgund. Dessen Sohn, Lothar II., der dem Land den Namen gibt, wird 855 erster König von Lothringen, einem reichen Land zwischen den Vogesen, der Champagne und den Ardennen. Es hat Kohle, Eisen und Salz ln der Erde, fruchtbaren Boden, auf dem Weizen, Hopfen, Wein, Obst und Gemüse wächst. Ein Grenzland hat früh Jüdische Händler angezogen. Leider bestehen historische Aufzeichnungen fast nur aus Tragödien. Solange nichts Grausames passiert, schweigen die Annalen. Es scheint sicher, dass Juden mit den Römern, während der ersten Jahrhunderte der Zeitrechnung in die Orte zu beiden Seiten des Rheins kamen. In der Zelt der Karolinger sollen Juden in Metz, Toul und Verdun leben. Schon 888 beschliesst eine Kirchensynode in Metz den Christen zu verbieten, gemeinsam mit den Juden zu essen, von ihnen Speisen und Getränke anzunehmen. Im Jahre 945 soll ein Jude, Dawid, einen Weinberg in Metz besessen haben, worauf man schliesst, dass Juden in der Landwirtschaft tätig waren. Die Kreuzzüge bringen, durchgeführt wie ln anderen deutschen Städten, Ausschreitungen, 1096, werden 22 Juden in Metz ermordet, andere ausgewiesen, nicht so absolut die Gemeinde bleibt bestehen. Die Zahl der Juden ist immer nur gering. Ende des 13. Jahrhunderts erhalten einige Familien Wohnrechte, in Laxon dürfen sie einen Friedhof unterhalten, in Sarreguemines (Saargemünd) dürfen um 1336 drei Familien unter dem Schutz eines Herzogs Räoul leben, wobei wir nicht wissen, wie gross die Familien sind, ob nicht Angestellte, Knechte, Lehrer zur Familie gerechnet werden. Bischof Konrad Bayer gestattet 1422 den Juden aus der Umgebung in Metz Handelsgeschäfte zu treiben und Lombard, Pfandleihen. In der Stadt dürfen sie immer nur drei Tage offiziell bleiben, nachdem sie von dort 1365 vertrieben wurden. Vorher hatten die Verfolgungen während der Pestzelt, 1347—1356, auch Ihnen Leid und Anklagen gebracht, doch gemässigter, verglichen mit den Leiden, die die Gemeinden im nahen Eisass und im Rheingebiet aushalten mussten Ein Fürst, Johannes H. 'verkauft’ 1455 Wohnrechte in Nancy, Neufchateau, Lneville und Pont-a-Mousson, 1477 weist Rend H. Juden aus, aus ‘Dankbarkeit’ über den Sieg gegen Karl den Kühnen. Die französische Besetzung 1552 gibt drei Jüdischen Familien Aufenhalts- und Hendalserlaubnis in Metz, die Zahl wird 1565 und noch einmal 1567 erhöht. Am Ende des Jahrhunderts zählt die Gemeinde 120 Mitglieder, von Heinrich IV und seinen Nachfolgern beschützt. Im Jahre 1670 gibt es eine Rltualmordaffalre, ln der der Angeklagte hingerichtet wird. 1689 führt die Gemeinde ein Pflichtschule ein. Bis 1718 vergrössert sich die Gruppe durch Zuwanderung aus dem Rheinland, 1748 werden 480 Familien gezählt, 3000 Seelen. Schon im 17. Jahrhundert konnte die erste Synagoge errichtet werden, die amtierenden Rabbiner werden noch aus dem Ausland geholt, so Jona Teomim-Fränkel, 1660—69, aus Prag, Gabriel ben Jehuda Löw Eskeles, 1694—1703, aus Krakau, Jonathan Eibenschütz, 1742—50, aus Prag, der von Metz nach Altona übersiedelt, wo er den berühmt berüchtigten Skandal über die Benutzung des Namens Schabtai Zwis ln den von Ihm auagestelleten Amuletten auslöst.. Es gibt immer wieder Beschränkungen und Drohungen, 1720 schränkt Leopold I. ihre Bewegungsfreiheit ein, und 1721 droht er, alle die Juden auszuweisen, die nach 1680 eingewandert sind. Auf einer veröffentlichen Liste erhalten 74 Familien Wohnrechte in 24 Orslchaften, das zeigt, wie klein die Gemeinden wirklich waren, etwas später, 1733, werden 180 Familien priviligiert. Erleichterungen treten unter Stanislaw I. ein, dem abgesetzten polnischen König, den man zum Herzog von Lothringen macht, 1733—17661 In Lun6ville wird eine Synagoge errichtet, 1785, und ein Friedhof, in Nancy ein Gotteshaus 1788. Um 1753 lebten Juden in 28 Ortschaften. Die französische Annektion, 1766, bringt die offizielle Anerkennung. Bei Ausbruch der französischen Revolution werden 500 Familien in Lothringen gezählt, davon 90 in Nancy, dem französisch Sprachgebiet, wo sie schon Bankiers, Milltärlieferanten, Händler und Unternehmer sind, die sich an der aufkommenden Industrie beteiligen, insbesondere der Textilverarbeitung. In Metz wird 1774 eine Drukkerei durch Moses May gegründet, der neben rabbinischer und liturgischer Literatur auch Daniel Defoes Robinson Crusoe in deutscher Übersetzung herausbringt, in hebräischen Lettern gedruckt Die Veröffentlichung talmudlscher Traktate erweist sich wirtschaftlich verhängnisvoll, sein Schwiegersohn, Godschan Spire, rettet die Druckerei, die bis 1793 besteht, durch die Herausgabe leichter Unterhaltungslektüre und eines Rätselbandes von Moses Ensisheim, 1787. Spätere Drucker sind erfolgreicher, Ephraim Hadamar und Seligmann Wiedersheim, deren Betriebe bis 1870 durchhalten. Kurz vor der Revolution sieht sich die Akademie von Metz veranlasst, eine Ausschreibung über die Frage der Judenemanzipation zu veranstalten, in der sie einige seh gehässige Antworten erhalten. In den Generalstaaten erheben die Bürger Lothringens Anklage gegen die Juden, Vorschläge werden laut, sie auszuweisen oder sie zur Zwangsarbeit einzusetzen. Der Militärkommandant von Metz, Lavayett, garantiert 1792 den Juden die religiöse Freiheit im Sinne der Revolution, die bald, 1794, unter der Herrschaft des Terrors, verloren geht. Inzwischen hat sich 1790 die Einheitsgemeinde Lothringen aufgelöst, es bleiben die unabhängigen Gruppen, die unter Napoleon 1808 in zwei Konsistorien zusammengefasst werden, Metz mit 6517 Mitgliedern, und Nancy mit 4200. Aus der Metzer Jeschlwa wird 1829 das Rabbinerseminar, das 1859 nach Paris verlegt wird, wo es bis heute besteht. Die Synagoge wird 1850 erneuert Nach dem Anschluss des östlichen Teile der Provinz, dem deutschsprechenden Teil Lothringens, an Deutschland, 1871, wandert ein Teil der Juden nach Frankreich, nach 1918, als das Gebiet wieder französisch wird, gibt es eine Zuwanderung aus Osteuropa. Während des 2. Weltkrieges wird Lothringen nach 1940 ,.Judenrein”, die Juden, die nicht zeitig genug abwandern konnten, und es waren nur wenige, die die Gefahr von Jenseits der Grenze erkannten, wurden teilweise nach Südfrankrelch abgeschoben, andere in die Vernichtungslager gebracht, die meisten Gotteshäuser und andere Gemeindeeinrichtungen durch die Nazis zerstört. Nach der Befreiung 1945 kehrten einige zurück, durch den Zuzug aus Nordafrika vergrösserten sich fast alle Gemeinden. In Metz lebten 1970, die letzte verfügbare Zahl, 2500 Juden, Im Konsisto- 51