Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981), Nachtrag
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2597)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus einem Manuskript, das sich unter den Papieren von Frau Recha Fink, geh. Cohn, s.A. fand. „Meine Mutter, Jenny Goldstein, war die älteste Tochter von Johanna und Sigmund Goldstein Im Alter von 18 Jahren heiratete sie meinen Vater, Rabbiner Dr. John Cohn. Ihr Brautbild hängt in meinem Zimmer, sie war eine Schönheit, grosse, strahlende Augen, ein zierliches Figtirchen ln der kleidsamen Tracht von damals mit der engen Taille und einen langen, dicken Zopf bis weit über die Hüften. Der Vater meines Vaters war ein marokkanischer Jude. Auf der Reise von Marokko nach Spanien ging sein Schiff unter, er schwamm auf einem Balken im Meer und wurde von einem englischen Dampfer aus dem Meer gerettet und kam über England, Holland nach Altona als Dajan an der dortigen sephardisehen Gemeinde, heiratete eine Altonärin, Marianne Stern. Mein Vater war der Älteste von 9 Geschwistern, besuchte die Schule und das Gymnasium in Altona und studierte dann in Berlinauf dem Rabbiner-Seminar und der Universität. Nach Beendigung seiner Studien starb sein Vater und er übernahm für kurze Zeit seinen Posten, bis der Jüngere Bruder Jakob seine Rabbiner-Qualifikation erhielt und den Posten übernehmen konnte. Mein Vater erhielt dann eine Berufung nach Wreschen, Prov. Posen, und dorthin heiratete meine Mutter. Es waren sicher sehr glückliche Tage dort ln Wreschen, sie fanden dort eine Reihe junger Paare in der Gemeinde, junge Rechtsanwälte, Kaufleute usw., mit denen sie ihr Leben lang ln Freundschaft verbunden waren. Dort wurden ihnen 4 Kinder geboren. Die Älteste Ella, dann ein Sohn, Benno, wieder eine Tochter, Recha (das bin Ich) u. noch ein Sohn, Walter. Ich habe gar keine Erinnerung an Wreschen, da ich knappe 3 Jahre alt war als mein Vater sein Amt in Rawitsch antrat. Rawitsch war eine viel grössere, aufblühende Gemeinde. Wir wohnten erst im Gemeindehaus, das neben der schönen, neuen Synagoge stand. In Rawitsch wurden noch 3 Kinder geboren: Cilly, Ilse und Erna. Bei der Geburt von meiner jüngsten Schwester Erna starb meine Mutter. Ich war damals 11 Jahre alt, aber ich weiss es noch genau, wie sehr unser Leben durch dieses Ereignies geändert wurde. Mein Vater war durchaus nicht ein weitabgewandter Gelehrter, er war ein grosser Talmudist, aber er war ein liebenswürdiger, gewandter Gesellschafter. Er arrangierte unsere Dilletanten-Aufführungen im Literaturverein, verfasste die Gelegenheitsgedichte und Texte zu den Couplets und spielte gern lrn Freundeskreis einen Skat. Aber der Tod seiner innig geliebten Frau war ein so schwerer Schlag für ihn, dass er viel von seiner Lebenslust und Lebensfreude einbüsste. Er heiratete nach Ablauf eines Jahres ein älteres Mädchen, Rosa Itzkowski, ihr Vater hatte eine Buchdruckerei in Berlin und sie war in dem Betrieb tätig gewesen, hatte ein gutes jüdisches Wissen und war eine herzensgute Frau und uns eine gute Stiefmutter. Wir wohnten in einem schönen Haus an der Promenade, das Haus stand an der Strasse, war ganz mit Wein bewachsen und von beiden Seiten und hinten erstreckten sich ein grosser Garten mit Obstbäumen, Fliederbüschen und einem Tennisplatz. Was für glückliche Jugendtage wir dort verlebt haben, unser Haus war der Sammelpunkt unser Freunde und Freundinnen, wir hatte auch einige Pensionäre, Jungens der Umgebung, die in Rawitsch das Gymnasium besuchten. Mein Vater hatte sein Studierzimmer nach der Strasse mit einer Terasse, die in den Garten führte. Sein Studierzimmer war bis zur Decke hinauf an allen Seiten mit Bücherregalen bedeckt, er sass an seinem Schreibtisch und studierte im Talmud, aber meistens ging er in seinem Zimmer herum und machte die Notizen zu seinen Predigten oder seinen Büchern an seinem Stehpult. Das Zimmer war in Zigarrenrauch gehüllt, denn die Zigarre ging bei meinem Vater niemals aus. Dieses Studierzimmer hatte einen grossen Reiz für alle, Ich erinnere mich an eine junge, elegante Frau, die erst kurze Zeit in Rawitsch verheiratet war, sie kam mit ihrem Mann am Abend zu einem Te&besuch zu uns, mein Vater kam zu uns zu einer gemütlichen Plaudenstunde. Bevor die Gäste weggingen, bat die Junge Frau, in das Studienzimmer meines Vaters eintreten zu dürfen, nur um das Bild dieses Zimmers mit nach Haus nehmen zu können. Wir hatten gute Schulen in Rawitsch. Meine Schwester Ella ging nach Beendigung des Lyzeums nach Breslau auf das Lehrerinnenseminar und war dann in Berlin und Frankfurt a.'M als Lehrerin tätig. Sie heiratete im Jahre 1912 Oberlehrer Dr. A. Blau aus Hamburg. Sie hatten 3 Kinder. Der Älteste lebt in New York, ist Talmud-Gelehrter, verheiratet, hat 3 Kinder. Die Tochter lebt in London, ist mit Emil Marmorstein verheiratet, hat 6 Kinder. Der Jüngste ist in Holland in der Hit.erzeit umgekommen. Mein Bruder Benno hat sein Abitur in Rawitsch bestanden, hat Nationalökonomie in Berlin studiert, war dann im Geschäft in Breslau und Hamburg tätig, zuletzt als Angestellter der Oberschlesischen Holzindustrie in Cadca. Er wurde nach der Besetzung der Tschechoslovakei erst nach Berlin und dann nach dem Osten abtransportiert. Ich habe im Jahre 1919 geheiratet, den Kaufmann Ernst Fink aus Hamburg. Wir sind 1933 mit 6 Kindern nach Israel ausgewandert. Mein Mann starb im Jahre 1948 hier, Unser Jüngstes Kind haben wir im ersten Jahr hier an Polio verloren. Die anderen 5 Kinder leben alle hier in Israel und sind verheiratet. Walter war im ersten Weltkrieg Kriegsfreiwil- *■ liger, wurde schwer verwundet und ein Bein wurde amputiert. War im Messingwerk und in Berlin als Kaufmann tätig, heiratete Edith Schwersenski, eine Jugendfreundin aus Sarne bei Rawitsch, hatte einen Sohn, lebte zuletz in Teschan, wurde von den Nazis deportiert. Cilly heiratete Paul Pinkus, Metallhändler in Berlin, hatte 2 Kinder, Heinz und Ilse. Heinz ln Cardiff verheiratet, 2 Kinder, Ilse in Israel verheiratet, 2 Kinder. Cilly war geschieden und wieder verheiratet mit Joachim Koppel, der 1949 starb. Lebt ais Witwe in London. Erna war Oberlehrerin in Liegnitz, nach 1933 in Leipzig an der Carlebach-Schule. Heiratete 1935 Rabbiner William Schlesinger aus St. Gallen und ging mit ihm nach Buenos Aires an die dortige jüdische Gemeinde. Sie hat eine Tochter. Erna starb im Jahre 1958. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Rawitsch polnisch-, die Gemeinde löste sich auf, viele Juden zogen nach Breslau, und Dank ihres Einflusses erhielt mein Vater in Breslau einen Posten als Dajan. Er hatte auch in Breslau einen grossen Kreis von Schülern und Freunden. Er starb im Jahre 1934 in Bres’au, seine Frau Rosa folgte ihm ein Jahr später in den Tod.“ November 1975. Synagoge Cosel O/S mit Prediger Krolik (Eingcsand von Judith Oelsner geh. Scheftelowitz, Rishon Lezion, deren Vater ebenfalls in dies-er Gemeinde wirkte.) <jw «sw 50