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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1981-01-01 · No. 48-49 (1981) · p. Seite 31

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1981
Issue
No. 48-49 (1981)
Date
1981-01-01
Page
Seite 31 (sequence 31)
Language
German
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Herbstreise in die BRD (EINE KLEINE E R L E B N I S S K I Z Z E) Von H. Ch. MEYER Herbstreise! Natürlich um während der Herbstfeiertage im Kreise einer jüdischen Gemeinde tätig zu sein. Man rief mich im Chaudesch Elul aus Stuttgart an. Man sagte mir, es wäre ein Gewinn für die verwaiste Gemeinde, wenn zu den Feiertagen ein Rabbiner fungieren würde. — Also die Pflicht rief, und ich sagte zu. Flog drei Tage vor Slichoth-Beginn zunächst nach Frankfurt. Von dort nach Bad Nauheim. Schabbath. Gottesdienst daselbst. Der alte Ortsrabbiner zu Scholosch s’sudes ganz wie wir ihn uns aus den Erzählungen im früheren jüdischen Osten vorstellen. Einem wird warm ums Herz. Es hat um das Dwar Tauro zur dritten heiligen Mahlzeit seine besondere Bewandnis, und nur derjenige, der die Veranlagung dazu mitbringt, spürt den Funken, der von ihr ausgeht. Das ganze Jahr hindurch, — Erew Slichoth in erhöhtem Mass! Allein um dieses Erlebnis wegen hat es sich gelohnt nach Nauheim zu fahren... Am Montag vor Rosch Haschana fuhr ich nach Stuttgart. Im Gemeindehaus ein reges Treiben. Der Mann, den man im offiziellen Amtsdeutsch als Geschäftsführer bezeichnet, war sehr beschäftigt; denn wir hielten nun 1% Tage vor Erew Rosch Haschana. Und was muss da noch alles vorbereitet und erledigt werden! Die Gemeinde unterhält seit Jahrzehnten ein Restaurant. Keine Kleinigkeit. Und nun hatte gerade der vorige Restaurateur Stuttgart verlassen, und ein neuer Mann mit seiner Gattin wurden erwartet. Und dieser neue Mann musste bereits übermorgen abend, wie auch danach zu den laufenden Feiertagen, dem Ansturm gewachsen sein, der mit Sicherheit zu erwarten war. Woher sollte er alles, was die lokalen Erfordernisse mit sich bringen, wissen. Und dann die Ankunft und Unterbringung meiner. Wenigkeit, Und, und, und... Der Erew Rosch Haschana kam heran. S’chor B’rith. Die Schul war nicht gerade voll. Man erklärte mir, wie das komme. Ich verstand von selbst. Nun wollte ich sicher-sein, dass alles, was den Gottesdienst und rituellen Bereich betrifft, richtig laufen möge. Machen sich keine Sorgen — hiess es. Der selige Dr. Bloch war in dieser Hinsicht Jeweils zufrieden. Sie werden es auch sein. Solange Joine Zyttenfeld seines Amtes waltet, wird alles okey sein. Wer ist Joine Zyttenfeld? — fragte ich. — Nu, Sie werden ihn sicher recht bald kennen lernen. Er wurde mir nicht vorgestellt. Joine war plötzlich da. Wie aus dem Boden gewachsen. Reb Joine, sagte ich, man hat mir von verschiedenen Seiten gesagt, Sie seien der Mann. Bitte um eine kleine Information! Das Restaurant soll innerhalb ein bis zwei Tagen auf vollen Touren arbeiten. Und der Restaurateur ist doch eben erst hier eingetroffen. Wie wird er das schaffen?! Joine brachte es .in wenigen Sätzen fertig, mir Auskunft zu geben, und ich war darob völlig beruhigt. Dieser Joine verkörpert in der Tat eine Art Institution in der Gemeinde, was die Kaschruth und die Durchführung des gesamten Ritualbereichs betrifft. Er ist nicht mehr der Jüngste, und er hat in den langen Jahren seines Aufenthaltes in Stuttgart seine Vater- und Muttersprache der ehemaligen polnischen Judenheit beibehalten. Lernte in seiner Kindheit und Jugend fast ausschliesslich Thora, Talmud und Dinim. In meiner Naivität hatte ich mir vorher Gedanken gemacht, ob Stuttgart noch gewisse aschkenasischsüddeutsche Tradition im Gebet bzw. Minhag praktiziert. Dieser „Sorgen“ war ich alsbald vollkommen enthoben. Joine zeigte mir das allgemeine Machsor aus den USA mit dem ehemaligen ostjüdischem Nussach. Eine Ausnahme freilich. Zum Schofarblasen benützt er persönlich in der Tat das alte Rödelheimer Machsor und bringt bei richtiger Zählung der T’kioth bei der leisen wie lauten Sch’mone Esre die erforderlichen hundert Töne zustande. — Seine grosse Stunde kam am Jom Kippur Schacharith. Die längste Tefilla des Jahres. Obwohl er — wie in der ganzen Welt — nicht alle Pijutim sagt, so war für denjenigen, der von Jugend her mit östlichen Einflüssen vertraut ist, sein Vortrag stiiecht, wie vor 60 oder 70 Jahren und länger. Damals als die Vorbeter als Hilfskräfte von „drüben" (Kongresspolen und Litauen innerhalb des Zarenreiches) nach den Städten der preussischen Ostprovinzen kamen und vorbeteten. Zuweilen ein geradezu mystisches Andachtserlebnis. Die Synagoge wurde schon verhältnismässig frühzeitig wieder aufgebaut. Im Inneren geht das Mauerwerk der Seitenwände in eine Anordnung von Buntglas über, sodass selbst, wenn die Sonne nicht scheint, ein beeindruckender Lichteffekt in rot, rosa, blau, violett und anderen Farben entsteht. Eine Augenweide für Jedermann. Auch alles übrige ist dazu angetan, dass sich die Feierlichkeit einer heiligen Stätte wie von selbst ergibt. Bei den Hauptgebeten fungierte, der in Tel- Aviv für synagogale Gesänge wohl bekannte Herr Korn. Der Lehrer waltete ebenfalls seines Amtes als Vorbeter und Thoravorleser. Die Lesung war nicht nur fehlerlos, sondern auch angenehm für denjenigen, der sich im Zeichensystem auskennt. Am Sonntag nach Schabbath Schuwa Besuch der Lagerfriedhöfe Vaihingen, und Enz. Der 1. Vorsitzende, Senator Ehrenburg und seine Gattin haben im Laufe der Jahrzehnte ein würdiges und feierliches Zeremoniell entwickelt. Die Friedhöfe weisen eine musterhafte Ordnung auf. Wege, Grünanlagen und Gräber sehen gepflegt aus. Auf den Grabsteinen steht in deutlicher Schrift Name und Alter des Opfers. Eine Wehmut ohne gleichen überkommt einen. Alles wird in uns wieder aufgewühlt. Stücke a.us den Psalmen aus dem Siddur und Machsor werden vorgetragen. Der Opfer soll in dieser Weise gedacht werden, zumindest so lange die Menschen, die mit dabei waren, noch leben und‘sich erinnern. Am Jom Kippur ein Zwischenfall mitten in der Predigt. Alfred Korn, der Geschäftsführer, der sich schon einige Tage zuvor beklagt hatte, dass sein Kreislauf ihm zu schaffen mache, erleidet einen Kollaps. Er muss hospitalisiert werden. Niemand konnte vorausschauen, dass er bei Ende der Herbstfeiertage nicht mehr am Leben sein würde. Vergl.: Ein Chassid kehrt heim. Es gibt zwei Suckoth. Eine kleine für die Kinder und die grosse. Man hat beim Bau des Restaurants die Verwandlung desselben in eine Suckah von vornherein eingeplant. Wer etwas skeptisch ist, dass es möglich sein würde durch die Wegnahme des Dachs und die Heraufmontierung von einer Menge Laubheu, Nadeln, Zweige usw. den Raum zur Suckah umzufunktionieren, wurde aufs angenehmste überrascht, in weicher Formvollendung unter Einhaltung aller Vorschriften dies gelang. Die Gemeinde in Stuttgart, — noch mancherlei wäre zu erzählen. Es wehen immer noch die Spuren des Wirkens der Rabbiner Dr. Neufeld und Rabbiner Dr. Bloch nach. Ersterer übernahm die Rekonstruktion bei Begmn der fünfziger Jahre. Er legte den Grundstein und sein Nachfolger Dr. Fritz Bloch hat dann während einer Amtszeit von über 25 Jahren, bis Herbst 1979, der Gemeinde den Stempel seiner Persönlichkeit aufgeprägt. Es ist schlechterdings nicht möglich auf dem zur Verfügung stehenden Raum alles zu bringen, was sich heute im Jüdischen Stuttgart ereignet. Die Bemühung um die Gestaltung des Schulunterrichts. Ferner das Aufbringungswerk für Israel, und schliesslich der Versuch die neuen Israelis im Rahmen der Gemeinde zu integrieren, — all das ist recht bemerkenswert. Und last not least. In Stuttgart leben einige hervorragende jüdische Persönlichkeiten. Zuvörderst Professor Herper, Musikologe von Rang und Format. Vor seiner Auswanderung nach Chile hat er Im Rahmen des Kulturbundes in den Jüdischen Gemeinden Schlesiens echte positive Leistungen zu verzeichnen. — Ferner lebt hier Frau Professor Käthe Hamburger. Eine Autorität auf dem Gebiete der neuen und neuesten Literatur. — Sodann der ehemalige Gymnasiallehrer Kamilio Landmann, Verfasser guter und durchdachter Essays über Israel und Jüdische Kulturfragen. Und schliesslich Adolf und Betty Kulp, Senioren aus dem früheren Stuttgart, damals an führender Stelle. Die Gemeinde hat natürlich ihre Probleme, aber wo gibt es dieselben in der BRD nicht. Tatsache ist Jedoch .dass allenthalben Jeweils um die Zeit aller Feier- und Gedenktage besondere Anstrengungen gemacht werden, den Anschluss an Klall Jisrael nicht zu verlieren. Und aller Problematik zum Trotz darf gesagt werden: gam su l’tova. EIN CHASSID KEHRT HEIM Diwre Aschkawa zum Heimgang von Alfred Korn, dem Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Stuttgart, Montag, nach Schabath Bereschit, 2. Tischri 5741/6. Oktober 1980. Halach adam l’olamo! Ein Mensch ist dahingegangen. Nur zu wahr passt auf ihn das Wort des Psalms: Unsere Tage währen 70 Jahre... Und wenn sie voller Mühsal und Ungemach waren, dann kann man von einem erfüllten Leben sprechen. Aber dieser Mensch hat ja nicht nur die Mühsal eines Lebens erduldet, wie sie der Psalmist im Auge hatte. Es waren viel mehr jene Leiden, die ungezählte unserer Brüder und Schwestern im Bereich des Frevels und Verbrechens erlitten. Dieselben zu schildern, ist Jetzt nicht die rechte Stunde. Jeder von uns Anwesenden weiss, was gemeint ist. Die Schatten von ungezählten Hunderttausenden und Millionen erscheinen vor unserem geistigen Auge. Auch der Dahingegangene verlor seine ganze Familie. Er überlebte. Aber er hat diese unbeschreibliche Mordorgie nie verwunden. Wiederum bewahrheitet sich das Wort des Psalms (Ps. 129) rabbath zereruni min’uraj Jomar na Jisrael rabbath zereruni, wegam lo jochlu 11 Seit meiner Jugend und im meiner Jugend hat man mir zugesetzt, so spreche Israel; die Meute war hinter mir her. Dennoch konnten sie mich nicht bezwingen. Dieser Mensch, — zerbrochen wie das ganze Haus Israel im damaligen Europa — fand die Innere Kraft wieder von neuem anzufangen. Wenngleich er trauerte, so hoffte er doch. 31

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