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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1981-01-01 · No. 48-49 (1981) · p. Seite 14

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1981
Issue
No. 48-49 (1981)
Date
1981-01-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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Das Ruebezahlfest auf der Wilhelmshoehe bei Krummhuebel In Erwartung der „Grossen Ferien“ hatten Gert und ich schon monatei?ng die Tage gezählt. Freilich gab es da noch ein Hindernis zu überwinden. Zeugnisse gab es nicht, aber wer schwach war in seinen Schuileistungen, bekam in seinem schwarzen Heft, in dem sonst die Tadel eingetragen wurden, eine Miteilung an die Eltern, dass wenn sich die Leistungen nicht bessern würden, die Versetzung am Ende des Schuljahres in Frage gestellt war. (Erst als ich zu meinem geliebten Dr. Jantzen in die 4. Klasse kam, wurde ich eine gute Schülerin). Also bewaffnet mit dem Tadelheft nach Hause, die übliche, elterliche Strafpredigt überstanden, begann die herrliche Zeit. „Die Arche“, so wurde der mächtige, geflochtene Reisekorb genannt, der so gross war, dass wir zwei Kinder uns gut darin verstecken konnten und, während die Mutter und Rose packten, heimlich noch allerhand von unseren Sachen hineinschmuggelten, der stand schon gepackt da, nur der Fresskorb mit kaltem Huhn und Kirschen kam noch, dazu, dann schnell auf den Bahnhof. An jedem der vielen Waggons des Ferienzuges stand der Name. Und endlich gings los, wir kannten jede Station bis Hirschberg, dann in die Kleinbahn. „Das Blumenplücken während der Fahrt ist verboten“, aber das war nur ein Ulk, wahr dagegen, die Aufforderung, „Aussteigen bei Agnetendorf. Die männlichen Fahrgäste werden gebeten, beim Schieben über die Anhöhe mitzuhelfen." Aber Agnetendorf, wo Gerhard Hauptmann residierte, war eine Nebenstrecke. Auf einer der Ferienreisen war unser Ziel die Wilhelmshöhe bei Krummhübel. Ein Berggasthof. Dorthin fuhren wir, zusammen mit Familie Plaschke. Mutter und den vier Töchtern. Alice, die uns versuchte Klavierstunde zu geben, Elsa, unser „Fräulein“, die jeden Nachmittag zu uns kam, mit uns spazieren ging und unsere Schularbeiten beaufsichtigte, keine leichte Aufgabe, besonders bei meinem Bruder, der noch schlechter lernte, als ich. Dann noch Anita und Raimonda. Alle waren in Columbien geboren, wo ihr Vater ein Bergwerk hatte und offenbar viel verdiente, aber eines Tages war er tot, und die Witwe musste mit 5 kleinen Mädchen zurück nach Breslau in das Haus ihrer Mutter. Das war ein grosses Haus in einem herrlichen Garten, dorthin gingen wir, falls wir unsere Schulaufgaben zur Zeit fertig hatten. Familie Plaschke wohnte in einem kleinen Gartenhaus mit vielen Andenken an Columbien, den geliebten Papagei hatten sie allerdings dem Zoo geben müssen, aber wenn wir ihn besuchten, und Frl. Elsa sagte: „Demp la Patuita!“, dann Streckte der Papagei die Pfote raus. Wie oft habe ich bedauert, damals nicht spanisch gelernt zu haben! Eine meiner vielen Unterlassungssünden. Elsa Plaschke blieb bei uns zu ihrer Verheiratung und auch dann hörte meine Verbindung mit ihr nicht auf, bis zu meiner Hochzeit. Der Garten war ein Glück für uns beide Kinder. Die alte Frau Baumeister, die Grossmutter, der das Haus gehörte, war über 90 jahre alt. sie trug die Kleider nach der Mode ihrer Jugend, Krinoline innen mit Reifen aus Fischbein, eine fast ebenso alte Sehneiderin fabrizierte diese Toiletten. Die alte Dame war besessen von Geiz und Habsucht. Jede Streichholzschachtel wurde aufebwahrt. Als sie dann doch nach einigen Jahren starb, hatten die Erben zwei grosse Bodenkammern voll davon, die mussten nachgesehen werden, und richtig fand sich dort in den Schachteln sehr wertvoller Schmuck. Aber erzählen konnte die alte Frau immer noch, und auch noch das, was ihr ihre Mutter erzählt hatte, so z.B. von dem Aufenthalt Napoleons auf dem Wege nach Russland, da hatte er sein Standquartier (warum weiss ich nicht mehr) ln dem höchsten Haus. Dem Haus der sieben Kurfürsten auf dem Ring. Aber ich wollte ja von Wilhelmshöhe und dem Ruebezahl-Fest erzählen. Der Wirt klagte meinem Vater, dass in diesem Jahr so wenig Kaffegäste gekommen sind, und Vater versprach, ihm zu helfen. So entstand der Gedanke an das Ruebezahlfest auf der Wilhelmshöhe. Vater, ein Expert in Propaganda, entwarf eine Voranzeige, das am nächsten Sonntag Nachmittag auf der Wilhelmshöhe das Ruebezahlfest gefeiert wird. Vorführungen, Kaffeetafel, Tanz. Alle Pensionsgäste nahmen die bunten Plakate und brachten sie überall auf ihren Spaziergängen an, bis hoch oben auf der Schneekoppe. Dann dichtete er einen Prolog, den ich und Gert vortragen mussten, in unseren Ferien-Bauernkleidern, die damals bei Schulkindern Mode waren. Die älteste Schwester der Plaschkes hatte grade ein paar Monate vorher geheiratet, Fontane hätte die Geschieht eschreiben können, aber sie ist eine wahre, traurige Begebenheit, die die oberen Gesellschaftschichten in Deutschland aufs Tiefe erschütterte. Es war in den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als eine blutjunge Frau aus einer vornehmen Familie we-r gen Unterschlagung von Geldern, die sie der Kasse des Gustav-Adolf-Vereins, eines protestantischen Wohltätigkeitsfonds, die sie ehrenamtlich verwaltete, entnommen hatte, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Ihr Vater, ein hoher Offizier und ebenso ihr Ehemann, beide mussten den Abschied einreichen, sie wurde geschieden. Zwei Familien waren unglücklich gemacht. Wie war das gekommen? Ganz einfach! Das junge Ding, hübsch, vollkommen lebensunerfahren, bestrebt zu gefallen, hatte sich in Schulden gestürzt, durch Kauf von Kleidern. Sie hatte, da sie kein bares Geld besass. leichtsinnig Wechsel unterschrieben, und als sie die nun zahlen sollte, sich das Geld aus der Vereinskasse „geborgt“, was durch eine unerwartete Revision herauskam. „Schrecklich“, sagte man in den Salons, aber nur ein Mensch dachte über die Ursache nach, das war eine wohlhabende, ältere Dame, die als Kunstliebhaberin und Malerin in Rom lebte, Ida von Kortzfleisch: „Die Erziehung der Jungen Mädchen unserer Kreise ist daran schud, die sie nicht auf ihre Aufgabe als Hausfrau vorbereitet. Wenn es immer mehr abwärts mit unseren ererbten Gütern geht, so ist daran mitschuldig die Gutsherrin, die nicht Bescheid weiss in der Küche, im Stall, im Garten. Wir müsen Schulen schaffen, nicht Mädchenpensionate, wo Benehmen, Tanzen und französisch parlieren und Deckchen sticken gelehrt wird, sondern reale Arbeit. Fräulein von Kortzfleisch muss eine Gabe für Organisation gehabt haben, denn es dauerte garnicht lange, da hatte sie, nach Deutschland zurückgekehrt, einen grossen Kreis von Frauen ihres Standes für das Projekt gewönne, und auch das Geld beisammen. Die adligen Damen gekränkt durch das brüske Verhalten des Jungen Kaisers gegen den „Eisernen Kanzler“ und dessen Abdankung, wollten Bismark ihre Verehrung zeigen, ohne offen Stellung gegen den Herrscher zu nehmen und hatten eine Frauen-Bismarkspende gesammelt, ohne recht zu wissen, was mit dem Geld anzufangen. Die Bismarkspende wurde das Grundkapital. Die Deutsche Adelsgesellschaft übernahm das Patronat. So wurde Reifenstein, ein »ltes Schloss ge- •sie hatten auf der Hochzeit einen Indianer-Tanz mit Keulen aufgeführt, das passte gut. Wie sie ihre Kostüme aus Breslau herbekamen, weiss ich nicht. Auch andere Pensionsgäste konnten noch irgend welche Vorträge ankündigen, Mutter übte unermüdlich sie alle um Klavier begleitend. Und so kam das Fest zustande. Vater hatte erkannt, dass sich die Leute in den Ferien manchmal langweilen. Es war ein grosser Erfolg. Vater hielt die Begrüssungsrede, alle Pensionsgäste halfen, alle jungen Mädchen bedienten, sogar ich half beün Aufwaschen und Einfüllen von Milch und Zucker zum Kaffee, dann kamen die Aufführungen und dann spielte Mutter stundenlang zum Tanz. Der Riesengebirgsbote brachte einen ausführlichen Bericht. Vater wurde zum Ehrenmitglied des Riesengebirgsvereins ernannt, aber eine Wiederholung des Festes lehnte er ab, doch er hatte den Weg gewiesen, die Ferien noch ein bischen vergnügter zu gestalten. Vera Rosenbaum-London kauft, sehr bald kamen andere dazu. Die grösste Schwierigkeit war die Ausbildung der Lehrerinnen. Mathilde Woerner gehörte zu der ersten Gruppe, sie erzählte uns, wie man sich die Ausbildung zusammenstoppelte, denn es gab damals weder Seminare für Koch- oder Haushaltlehrerinnen oder Gärtnerinnen oder gar für die anderen landwirtschaftlichen Fächer. Aber grade die erste Gruppe scheint aus besonders fähigen Menschen bestanden zu haben. An Schülerinnen fehlte es nicht. Ausser Töchtern von Gutsbesitzern kamen vor allem Offizierstöchter, die nicht standesgemäss heiraten konnten, weil die Familie die „Apanage“ nicht aufbringen konnte. Ein Offizier bekam nur dann die Heiratserlaubnis, wenn das Brautpaar den Besitz einer ziemlich hohen Summe, ich glaube, es waren 30.000 Mark, nachweisen konnte. So gab es in Offizierskreisen viele alte Jungfern, aus denen sich die verbitterten Lehrerinnen rekrutierten, die ich reichlich zu erdulden hatte, dann blieb nur noch die Möglichkeit Diakonissin zu werden Nun eröffneten sich neue Berufe. Die Reifensteiner Schulen wurden zu Seminaren für Haushaltlelirc-rinnen, ein ganz neuer Beruf, Gutssekretärinnen, vor allem aber war es leichter, einen Gatten zu finden, wenn schon keinen Majoratsherren, dann wenigstens einen Domänenpächter. Die Disziplin war streng, wahrscheinlich einfach der Kadettenanstalt nachgemacht. Es ging sehr „preussisch“ zu. (Ein Film „Mädchen in Uniform“, natürlich filmisch-verkitscht, aber im Ganzen recht ähnlich behandelte das Leben in einer solchen Schule.) Unser Theresenhaus war nur „affiliert“ viel, viel bescheidener als die grossen Adelsschulen, die keine Juden aufnahmen, aber der Drill war der Gleiche, bloss dass eben Mathilde Woerner und nicht ein sturer weiblicher Oberwachtmeister herumkommandierte. Die interessanteste Schule war Maidburg bei Kempen, wo Mädchen für die Kolonien in Afrika ausgebildet wurden, sie hatte als Patron einen Herzog von Meklenburg, der hatte eine Safari in Afrika mitgemacht und herausgefunden, dass die Offiziere, Beamten, vor allem aber die Farmer tüchtige Frauen brauchten. Der Schulplan war deshalb dort viel umfangreicher, Krankenpflege, und Landeskunde, aber auch allerlei Handwerk kam dazu, selbst Schuhe konnten die Mädel reparieren. Und zu der Schule gehörte auch eine sehr sorgfältige Heiratsvermittlung auf Wunsch des Herzogs. Vera Rosenbaum-London UEBER DEN URSPRUNG DER REJFENSTEINER SCHULEN 14

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