Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981)
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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AM ANGER UND IM FICHTENHAIN AUS DER PAEDAGOGISCHEN PROVINZ DES HUMANISTEN ALFRED COHN Von A. TOBIAS Zwei Jahrzehnte hindurch habe ich meine Zeugnismappe treu bewahrt und ängstlich gehütet. Viele meiner Lehrer haben an ihr gearbeitet. In den Jahren der grossen Katastrophe ist sie in der grossen Flut untergegangen. Das Erinnerungsbuch, das dem Andenken von Dr. Alfred Cohn (1898—1976) gewidmet ist und vom Kibbutz-Seminar „Oranim" (in hebräischer Sprache) herausgegeben wurde, ist so eine Art „Zeugnismappe". Sie ist, zum Unterschied von den üblichen Dokumenten dieser Art, im wesentlichen von Schülern des Verstorbenen gschiieben, und auch die ältesten der in dieser wirklich wichtigen und mitunter erregenden Publikation vertretenen Erwachsenen — unter denen ich vor allem Hans Tramer s.A. erwähnen möchte, gehören einer Jüngeren Altersschicht an. Von Alfred Cohns früherer Tätigkeit in Breslau ist in der Sammelschrift begreiflicherweise nur wenig die Rede. Aber schon damals muss seine Persönlichkeit eine starke Ausstrahlung auf Schüler gehabt haben, wie aus dem Bericht von David E. Schaal hervorgeht, der manches Interessante aus dem jüdischen Schulleben in den 30er Jahren zu erzählen weiss. Wegen ihrer prozionistischn Haltung waren drei Lehrer, die an den „Jüdischen Privatkursen am Anger“ unterrichteten, mit dem Gemeindegewaltigen in Konflikt geraten und sie wurden mit Entlassung bedroht. Da verfassten neun Schüler und Schülerinnen einen Protest, in dem sie betonen, wie sehr sie ihren Klassenlehrer A. C. geliebt haben und wie bei Uun „die üblichen Schülerbetrügereien wie Abschreiben und Vorsagen nicht existiert hätten“. Später hat er noch in einer der neugegründeten jüdischen Schulen des Berliner Westens und in dem bedeutenden niederschlesischen Hachscharazentrum in Schniebinchen unterrichtet. Als es Dr. Cohn (seine späteren Bewunderer nennen ihn schlicht Alfred oder auch A. C.) 1940 gelang, über England nach Eretz Israel zu kommen, war er kein junger Mann mehr. Es sollte noch fast ein Jahrzehnt vergehen, bis er — nach manchen tastenden Versuchen sich einzuordnen — in dem Kibbutz-Seminar eine Wirkungsstätte fand, die den Höhepunkt, die späte, beglückende Erfüllung und, fast möchte man sagen: triumphale Krönung seiner menschlichen und pädagogischen Lebensbahn bildete. Aus den vielen, teils kritisch-wertenden, teils aber auch rauschhaft-begeisterten Stimmen, Skizzen und Erinnerungen von Schülern aus drei Jahrzehnten wird eines klar: man war nicht blind für die oft skurrilen Eigenheiten dieses Erziehers, man übersah auch nicht seine Mängel, etwa was die Beherrschung der hebräischen Sprache betraf — aber alles wurde von dem grossen humanistischen Kulturerbe überwogen, das dieser Reife- und später auch schon sichtlich Alternde — vor ihnen auszubreiten wusste. Hier in diesem Seminar, damals (um 1949) noch eine junge Institution, hatten drei Elemente sich zu einer fruchtbaren Synthese vereinigt. Sein Gründer, Joschua Margolin (1877—1948) war ein Pionier der Naturerkenntnis gewesen (in einem der kürzesten und schönsten Beiträge der Schrift, auf S. 48, erwähnt ihn Rivka Siev, eine der begeisterten Schüllerinnen Alfred Cohns), so hat er auch den Fichtenbaum (tüh) zu seinem Namenssymbol erwählt. Dazu kam die sozialistische Weltanschauung, und hierin bestanden für den Neuankömmling aus der Stadt Lassalles keinerlei Anpassungsschwierigkeiten. Er aber konnte der bildungshungrigen Jugend von der griechischen Antike, vom Apollinischen und Dionysischen mitteilen, den Chor aus „Antigone“ auf Grund des Originals interpretieren, sie mit der deutschen Klassik vertraut machen und Goethes „Urworte- Orphisch“ mit ihnen lesen, und das wohl schönste „Zeugnis“ aus der Erinnerungsmappe ist die von einer anderen Schülerin, Miriam Bloch aus Tivon, liebevoll nachgezeichnete Unterrichtsstunde, in der sowohl der deutsche Text, wie auch eine recht gewandte hebräische Übertragung (von J. Kafkafi, Ma’os Chaim) Jener tiefen Gedankenlyrik („Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“)! dem Leser präsentiert werden. Daneben machte er die Jungen mit der Welt Shakespeares und Montaignes bekannt, interpretierte er „Tonio Kröger" von Thomas Mann, die „Nachgeborenen" von Brecht, lehrte sie die „Siebente“ Beethovens hören und das „Prinzip Hoffnung“ des marxistischen Humanisten Ernst Bloch verstehen (wieder ist es eine Schülerin, Channa Kazir, die solches auf S. 75 berichtet). Aber es war ja wohl nicht nur der Stoff, das Was, sondern auch die Durchdrungenheit des Lehrers mit ihm, sein Ethos, kurz das „Wie“, das hier den bleibenden Eindruck gezeitigt hat. Verschiedentlich werden kurze Sentenzen in den Schülerbetrachtungen zitiert, die der von ihnen verehrte Lehrer in seinem Munde führte (was Im Talmud mit "maim Rt’J'i»,, bezeichnet wird). „Die Welt ist nicht gegeben, sondern aufgegeben“, „Probleme werden nicht gelöst, sondern abgelöst“ und „Verlasse die Welt, wenn sie besser geworden ist, nicht wenn du besser geworden bist“. Alfred Cohn hat nicht viel Schriftliches hinterlassen, doch sind in dem letzten Teil der Schrift Vor mir liegt die No. 7 Januar 1981 der von Tilly Boesche-Zacharow — Berlin und Tel-Aviv — herausgegebenen Zweimonatszeitschrift, die seit Beginn 1980 im Einverlag der Herausgeberin erscheint. Die Auflage ist bisher klein, 300 Exemplare im ganzen, so dass der Zeitschrift auch ein bibliophiler Wert zukömmt, wesentlich erhöht durch das literarische Niveau der von der Herausgeberin gesammelten Beiträge. Tilly Boesche ist um die Synthese von Altem und Neuem bemüht, von unbewähltigter Vergangenheit („Schriftsteller auf der schwarzezn Liste“, Erich Kästner, Thomas Mann, Gedenken an Auschwitz), bis zur unmittelbaren Gegenwart, was Tilly Boesche „Lebendiges Fundament" nennt — Weltdichtung gestern und neut, deutsche und israelische Autoren. Da findet man Beiträge von Lenau und Oscar Wilde, über Heinrich Heine (von der Herausgeberin) einen längeren Essay, — von ihr stammt auch eine Besprechung des soeben wieder erschienen „Reubeni“- Romans von Max Brod; von israelischen Autoren finde Ich Werner Bukofzer, Benno Fruchtmann einige theoretische Abhandlungen aus seinem Nachlass abgedruckt. Dort lesen, wir unter anderem den Aphorismus: „Die Grundlage jeder Erziehung ist die Erziehung zur Sprache“. Auch hierfür gibt es in unserem Schülersymposion ein beredtes Zeugnis. Wieder stammt es von einer Schülerin (charakteristischerweise). Rivka Ben Schachar (Haifa) hat ein kleines Glossar von Begriffen aus den klassischen Sprachen zusammengestellt, die A. C. ethymologisch zu deuten pflegte. Die Reihe geht von Enthusiasmus über Materie bis zu Karneval und (natürlich) Pädagog. Zum Schluss noch eine kleine ergänzende Berichtung. Zu Beginn der Schrift zeichnet Emst Horwitz (aus Beth Haschitta) das Leben des Heimgegangenen. Eine Station aber wird dort übergangen. Im Jahre 1944 war Dr. Cohn pädagogischer Leiter im Kinderheim Tel Lltwinsky (heute Tel- Haschomer; das Heim bestand von 1936—1976), und dort war ich sein Kollege bei der nicht leichten Arbeit. Es war auch für A. C. ein schweres Jahr. In der Volksschule des Internats war für sein humanistisches Gepäck nicht viel Verwendung und auch in dem „Parallelprogramm der Kräfte“, zwischen Direktion, Lehrerschaft und Schülergemeinde hat er sich auch nicht immer zurechtfinden können. Immerhin hat es auch dort Augenblicke gegeben, eine kleine Feier hier, ein Lehrerkonvent dort, wo wir damals „Jungen“ und „Aufsässigen“ von seiner Bildung beindruck wurden. Von den vielen schönen Worten, die über A. C. geschrieben wurden, will ich wieder eine Schülerin zitieren, die anonym bleiben wollte, und die ihn in seinem letzten Lebensjahr zum Lehrer hatte. „Der Humor“ — so sagt die Unbekannte — „war ein unzertrennlicher Teil von Alfreds Wesen" und seine Distanz und seine Einsamkeit waren ein Teil seiner Fähigkeit, die wahrhaft wichtigen Dinge, die Jenseits des Jetzt und des Augenblickes bestehen, zu erkennen". und andere mehr. Die Zeitschrift, mit ihren 20 Seiten Umfang im Grossformat, bietet Wissen und Anregung nicht weniger als, von der Herausgeberin bestimmt, eine menschliche Grundhaltung zum echten Humanismus. Eine ganze Seite ist dem Spendenaufruf der Welthungerhilfe Vorbehalten. Gedichte aus Deutschland (Paola Keren, Franz Berndal, Atti Rossmann, Klaus Rainer Goll, Annelise Mayer und Tilly Boesche selbst) und ein Literaturarchiv („Aus meiner Dichter-Kartei“), sowie Buchbesprechungen ergänzezn den Inhalt, und in ihrem Vorwort zum neuen Jahre sagt die Herausgeberin: 1981 sollte ein Jahr der ungesagten Worte und des tatsächlichen Handelns sein, in diesem Sinne — Peace / Schalom / Frieden. Mögen Sie glücklich sein!" Ich glaube, die sehr sympathische und unprätentiöse kleine Zeitschrift verdient Unterstützung und Hilfe, durch Abonnements, die die Zahl der Auflage erhöhen, die Zeitschrift ist eine Brücke von Israel zu Europa. A. F. (Tel-Aviv, c./o., Alexander Yännay Str. 13) v ..SILHOUETTE” “ EINE NEUE LITERATURSCHRIFT 12