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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1981-01-01 · No. 48-49 (1981) · p. Seite 9

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1981
Issue
No. 48-49 (1981)
Date
1981-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Profil einer zionistischen Ortsgruppe 1903/04 ZUR SOZIALGESCHICHTE DES DEUTSCHEN ZIONISMUS In seiner gründlichen und aufschlussreichen Einleitung zu „Kurt Blumenfeld und der deutsche Zionismus“ betitelten Briefen des Wortführers der zionistischen Organisation Deutschlands1 zitiert Jochanan Ginat eine Aussage Blumenfelds über den „relativ kleinen“ Kreis zionistischer Studenten, dem sich der damals 21jährige anschloss: - „Es waren junge Menschen, junge Studenten, die weder Geld noch politischen Einfluss hatten noch suchten, aber reich waren an unerfüllter Sehnsucht“.4 Wie Blumenfelds eigener Lebenslauf lehrt, handelte es sich zum überwiegenden Teil um die von ihm so bezeichneten „postassimilatorischen Juden“ Ginat schliesst sich der allgemein verbreiteten Meinung an, dass der Zionismus — im wesentlichen die Söhne assimilierter deutsch-jüdischer Eltern erfasste und in seinen Bann zog, auch wenn er dieser Verallgemeinerung einen einschränkenden Satz voranschickt: „Ohne Zweifel waren keineswegs alle deutschen Zionisten als postassimilatorisch anzusehen; ein nicht unbeträchtlicher Teil, von ihnen entstammte einem Milieu, in dem jüdische Tradition, wenn auch in verschiedenen Formen, noch durchaus lebendig war, und diese Menschen fanden ihren Weg zum Zionismus ohne die Notwendigkeit, ihr Judesein neu zu entdecken. Eine relativ breite Schicht jedoch — niemand kann heute wohl ihren tatsächlichen Umfang feststellen — gehörte zu den assimilierten deutschjüdischen Familien, und gerade sie gaben dem deutschen Zionismus sein charakteristisches Gepräge“.3 Auf Grund dieser Ausführungen soll hier der Versuch unternommen werden, das Profil einer zionistischen Ortsgruppe in den Anfangsjahren der Bewegung nachzuzeichnen. Im Nachlass meines sei. Vaters Max Walk, der sich im Jahre 1903 als damals 20jähriger der zionistischen Organisation anschloss, befindet sich eine „Mitglieder- und Spender-Liste der Breslauer Zionistischen Vereinigung für das Jahr 1903/04, die 211 Namen mit Adressenangabe aufweist." Einem Grossteil der genannten Personen ist ihr Beruf beigefügt. Um einen möglichst genauen überblick über die soziologische Zusammensetzung der Breslauer Ortsgruppe zu gewinnen, versandte ich die Liste an die wenigen noch lebenden alten Breslauer Zionisten (bzw. ihre Nachkommen) und erbat folgende Angaben: Geburtsland (Deutschland oder Ausland); gesetzestreu oder liberal; Beruf (soweit nicht bereits vermerkt). Auf diese Weise gelang es mir, nähere Auskünfte über die Herkunft und religiöse Einstellung von nahezu 45% der Breslaer Zionisten zu erhalten, und eine Berufsstatistik von 65% aller namentlich aufgeführten Mitglieder aufzustellen. Diese Zahlen dürften eine einigermassen zuverlässige Analyse gewährleisten. Die Mitte 1898 gegründete Breslauer Ortsgruppe war eine der ältesten und aktivsten Deutschlands. Zu ihren Gründern gehörten u.a. die Ärzte Dr. Ernst Kalmus (später Hamburg), Dr. Aron Sandler (später - Berlin) und vor allem der weit über Breslau hinaus als Publizist bekannte Zahnarzt Dr. Hugo Schachtel, der die erste zionistische Zeitung Deutschlands herausgab.5 In seinen im August 1963 niedergeschriebenen „Erinnerungen aus meiner ersten zionistischen Tätigkeit in Breslau von 1898—1904“° behauptet der heute 96jährige Hugo Translateur (dessen detaillierten Antworten auf meinen Fragebogen auf ein ausgezeichnetes Gedächtnis schliessen lassen), dass die Breslauer Ortsgruppe schon um die Jahrhundertwende über 100 Mitglieder zählte, darunter „auch einige Rabbinatskandidaten des Breslauer Seminars“. Nun weist aber die Mitgliederliste 1903/04 nur einen einzigen Rabbinatskandidaten auf. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich m.E. aus der uns auch aus der Geschichte anderer konformistischer Gruppen bekannten Tatsache, dass sich verschiedene Anhänger des Zionismus scheuten, ihre Sympathie für die als „revolutionär“ verschrieene Bewegung offen zum Ausdruck zu bringen. So fehlt z.B. der Name des an der liberalen „Breslauer Zeitung“ tätigen Redakteurs Gottschalk, eines „stillen Mitarbeiters“ der Zionistischen Ortsgruppe, in der Mitgliederliste, und gleich ihm werden auch zukünftige Rabbiner es vorgezogen haben, ihre politische Gesinnung geheim zu halten. Wenn wir also bei unseren Berechnungen „Spender" als „Mitglieder" angesehen haben — in der Liste nicht auseinander zu halten — so dürfte diese Ungenauigkeit dadurch ausgeglichen sein, dass es im Jahre 1903/04 in Breslau noch eine ganze Reihe „ungezählter“ Anhänger der Bewegung gab. Aber auch ohne diese anonymen Mitläufer konnte der Jahresbericht von einem „erfreulichen Zuwachs von Mitgliedern“ sprechen. Die Zionistische Organisation Deutschlands brachte es — nach der „Jüdischen Rundschau“ — im Jahre 1903 auf 4500 Schekelzahler. Wenn wir diese Zahl zu Grunde legen, entfallen auf die Breslauer Ortsgruppe hach dem obigen Mitgliederstand 4,7%, die den Anteil der Breslauer Gemeinde an der jüdischen Gesamtbevölkerung Deutschlands (1905: 20.365 von 607.862 3.3%) um 1.4% übersteigt. Die Zahl der anonym bleibenden Schekelzah’er dürfte noch höher als der Mitgliederbestand gewesen sein, doch da sich die Zionistische Vereinigungen naturgemäss vor allem in den Grosstädten gebildet hatten, können wir die Breslauer Ortsgruppe als ein mehr oder weniger typisches Beispiel einer zionistischen Vereinigung ansehen. Man wird vielleicht einwenden, dass die im Osten Deutschlands gelegene Breslauer Gemeinde eine unverhältnismässig grosse Anzahl von „Ostjuden" umfasste, die den Weg zum Zionismus leichter fanden als ihre westeuropäische Glaubensbrüder. (Mein in Litauen geborener sei. Vater pflegte mir zu erzählen, wie die Lektüre des 6. Kongress-Berichtes ihn 1903 zum Zionisten machte: „Jedes Wort war mir wie aus der Seele gesprochen“). Leider liegen mir keine ergiebigen Zahlen über die „Ostjuden“ in Breslau vor. Im Jahre 1910 sprachen von den 20.212 Juden der Stadt nur 351 1.7% Deutsch nicht als Muttersprache,7 doch diese Zahl besagt wenig, da viele im Ausland gborenen Juden — wie etwa die Familienangehörigen meines Vaters — schon zu Hause Deutsch gesprochen hatten. Im Jahre 1925 gab es in Breslau unter 23.240 jüdischen Einwohnern nur 2006 (= 8,6%) Ausländer,8 aber auch diese Ziffer gibt nur die Zahl der ausländischen Staatsangehörigen an, nicht aber der im Ausland gebürtigen „Ostjuden“, die grösstenteils bereits eingebürgert wären. Zur gleichen Zeit belief sich der Anteil der ausländischen Juden an der jüdischen Gesamtbevölkerung Deutschlands auf 19.1%,5 sodass also — überraschend genug — Breslau weit unter dem Reichsdurchschnitt lag. Wir dürfen annehmen, dass die im Ausland geborenen „Ostjuden“ auch im Jahre 1903/04 das Gesamtbild der Gemeinde nicht übermässig beherrscht haben und legen dementsprechend für unsere späteren Berechnungen eine Höchstzahl von 6—7% „Ostjuden“ für diesen Zeitpunkt zugrunde. (Deutsches Reich: 7% (1900); 12.8% (1910). Im Gegensatz. zu Frankfurt a.Main, Berlin, Koeln, war die Breslauer Gemeinde bekanntlich eine „Einheitsgemeinde“, die konservative und liberale Juden einschioss. Da es in Breslau nur wenige ausgesprochen „orthodoxe" Juden gab, andererseits aber viele Gemeindemitglieder als „positiv-jüdisch“ anzusehen sind (eine in Breslau unter dem Einfluss des Frankelschen Rabbinerseminars beliebte Definition), benutzten wir die Bezeichnung „gesetzestreu" und umrissen mit diesem Begriff das von Max Wiener beschriebene „gefühlsmässige Judentum", welches — im Gegensatz zum liberalen, weitgehend assimilierten Judentum — noch stark national Jüdisch empfand und den Grossteil der deutschen Juden umfasste. „In derletzten Generation bildeten die Schichten, die wir hier im Augen haben, in Mittel- und Westeuropa das Rekrutierungsgebiet des Zionismus“.'? Wir werden im weiteren nachprüfen, in wie weit diese Behauptung Wieners auf die Breslauer Juden zutrifft, wobei wir die. Prozentzahl der „gesetzestreuen" Juden mit 20% ansetzen.11 Für die Berufsschichtung der Breslauer Juden liegt uns eine exakte Statistik aus den Jahren 1907 vor,12 die wir zum Vergleich mit unserer speziellen Berufsstatistik heranziehen können. Die in der Mitgliederliste angegebenen und zusätzlich erfassten Berufsbezeichnungen haben wir in den uns von der offiziellen Zählung vorgeschriebenen Gruppen entsprechend zusammengefasst, wobei allerdings verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden waren und zum Teil nicht behoben werden konnten. So sind z.B. in der amtlichen Statistik für unser Thema so überaus wichtige Gruppen wie Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer unter „öffentlicher Dienst, freie Berufe“ zusammengefasst und gehen Studenten in der Gruppe „ohne Beruf“ auf. Wenden wir uns nun, unter Berücksichtigung der oben erwähnten Einschränkungen den Ergebnissen unserer Umfrage zu:13 1. Geburtsland: Wir erhielten genaue Angaben über 95 <= 45%) aller Mitglieder der Breslauer Ortsgruppe. Von diesen waren 80 (= 84,2%) im Inland, 15 (= 15,8%) im Ausland geboren. Im Vergleich zu der von mir geschätzten Zahl von etwa e_7% ausländischer Juden, stellt sich also heraus, dass der Anteil der im Ausland geborenen Juden, die sich der zionistischen Ortsgruppe anschloss über doppelt so hoch liegt wie ihre zahlenmässige Stärke in der Breslauer Jüdischen Gemeinde. Selbst wenn wir dieses Resultat dahingehend einschränken, dass — wie schon oben erwähnt — viele im Ausland geborene bereits deutsche Staatsbürger geworden waren, dürfen wir mit Sicherheit annehmen, dass die These von der Anziehungskraft des Zionismus auf die ostjüdische Bevölkerung Deutschlands ihre Berechtigung hat.?, Ecl'giösc Richtung: Detaillierte Angaben liegen nur für 94 (= 44%) der 211 Namen umfassenden Liste vor. 41 (= 43.6%) Mitgieder der Breslauer Ortsgruppe wurden als „gesetzestreu“ bezeichnet — wobei wir in Zweifelsfällen, der Gewissheit halber, mündliche Nachfragen anstellten — und 53 (= 56.4%) als „liberal“ eingeschätzt. Es ergibt sich also, dass das Kontingent der traditionell eingestellten Juden in der zionistischen 9

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