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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1981-01-01 · No. 48-49 (1981) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1981
Issue
No. 48-49 (1981)
Date
1981-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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VOR FÜNFZIG JAHREN GESTORBEN ERINNERUNGEN AN ADOLF WARSCHAUER UND EUGEN GOLDSTEIN Von Dr. ERNST G. LOWENTHAL ges jüdisches Leben In unserer Gemeinde von etwa 25 000 Juden. Das geistige Niveau dieser Schicht war vielleicht nicht ganz to exquisit, wie das der ersten Schicht .aber auch diese Schicht bemühte sich, ihr kulturelles Niveau zu heben und vor allem der Jungen Generation die Möglichkeiten des Aufstiegs und der Anteilnahme am Kulturleben zu geben. In dieser Schicht spielten sich die grossen Kämpfe zwischen Zionisten und Deutschjuden ab, in den Jahren zwischen dem ersten Weltkrieg und der Hitlerzeit, Kämpfe, die in ihrer Heftigkeit weit über die Differenzen etwa zwischen Religiösen und Liberalen hinausgingen. Wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen darüber viel berichten, da ich mitten in diesen Kämpfen drin stand und sie alle in meiner eigenen Brust durchkämpfte. Die dritte Schicht, die viel kleiner war als die zweite, bestand aus Angestellten, kleinen Händlern, Hausierern, Gemeinde-Beamten und Handwerkern, vor allem Schneidern. Interesanterweise war es vor allem diese Schicht, die das Hauptkontingent für die religiösen Kreise stellte. Sie wohnten in anderen Gegenden, schickten jedoch ihre Kinder auch vielfach schon in die Gymnasien, zum mindesten in die Mittelschulen. In den Jugendbewegungen war ihr Anteil geringer, dafür gingen sie in späteren Jahren in die jüdisch-sozialistischen Gruppen, die Ende der zwanziger Jahre stärker wurden. Die gesellschaft ichen Bindungen zwischen der zweiten und der dritten Schicht waren gering, während sie zwischen der ersten und der zweiten stärker waren. Die dritte Schicht bildete einen Übergang zur vierten Schicht, die im wesentlichen aus Ostjuden oder erste kürzlich Zugewanderten gebildet wurde. Sie bildeten das Proletariat, mit dem das flirrende Judentum der. Stfedt nur insofern etwas zu tun hatte, als man Spenden für die Institutionen gab, wo für dieses Proletariat gesorgt wurde, in Suppenküchen, Kleidersammlungen, Wärmstuben, Krankenhäuser, Altersheime etc. Man sorgte für sie, ohne sich nach Möglichkeit mit ihnen zu identifizieren. Selbstverständlich war diese Gruppe, soweit sie nicht aktiv sozialistisch oder zionstisch -sozialsitisch war, sehr fromm. Aber die Schicht war klein. Sie fragen über das Mass der Toleranz zwischen den Konfessionen in Breslau. Ich kann Ihnen darüber nur folgendes sagen: In Breslau waren die Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken erheblich stärker, als die zwischen Juden und den beiden Gruppen. Ich habe doch die Schule und Universität in Breslau von 1906 bis 1925 besucht und habe niemals, von winzigen Ausnahmen abgesehen, unter , .Antisemitismus“ gelitten, hatte während all dieser Jahre stets sehr enge christliche Freunde, während ich oftmals Zeuge von ernsten Auseinandersetzungen zwischen meinen katholischen und ' evangelischen Kameraden war. Die Juden strömten zu den Predigten von Pastor Moehring, der ein „Liberaler“ unter den Lutheranern war und an den Hochmessen in Dom, Ostermessen oder Weihnachtsmassen konnten Sie jedes Jahr viele Juden sehen. Andererseits wurden untere christlichen Freunde zum Pessachabend eingeladen, man gab ihnen die „Mazze", kurz, es v/ar ein geradezu ideales Verhältnis, natürlich manchmal durch Scharfmacher von beiden Seiten gestört. So erinnere ich mich an einen regelrechten organisierten Turnier- Kampf“ zwischen einer antisemitischen Gruppe und den Ausgewählten der beiden jüdischen Wandervögel Blauweiss und Kameraden, der Im Beisein von Schiedsrichtern neutraler christlicher Gruppen stattfand. Ich war ein „Mitkämpfer" und alles klappte gut, bis auf einmal der Schiedsrichter den Kampf unterbrach als er feststellte, dass In den meisten Arbeiten aus der Feder von Professor Adolf Warschauer über posensche, westpreussische und polnische Geschichte findet man die Jüdischen Verhältnisse eingehend dargestellt, und zwar “auf den allgemeinen geschichtlichen Hintergründen, die sie genetisch erklären und nicht in isolierter Betrachtung“. Diesen heute noch immer nicht geläufig gewordenen, aber wichtigen Gesichtspunkt stellte vor 50 Jahren Dr. Raphael Strauss — München (1946 in den USA gestorben) heraus, als er seinen Nachruf auf den Geheimen Archivrat veröffentlichte. Jüdische Historiker in führenden Positionen des öffentlichen deutschen Archivwesens waren eine Seltenheit; zu diesen ist zweifellos der dem Judentum treu gebliebene Professor Adolf Warschauer zu rechnen, dessen Todestag sich am 26. Dezember 1980 zum fünfzigsten Mal jährt. Dass Warschauer ln der wissenschaftlichen Welt unserer Tage nicht vergessen ist, ergibt sich auch daraus, dass er erst 1978 im „Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte“ Erwähnung fand und, noch nachdrücklicher, 1964 im 9. “Year Book’’ des Leo-Baeck-Instituts (London). Warschauers Leben, Laufbahn und Leistung waren, für seine Zeit, aussergewöhnlich. Als Sohn eines Kantors in Kempen im Südosten der ehemaligen Provinz Posen kam er 1855 zur Welt. Diese einer der christlichen Teilnehmer ein Messer gezückt hatte, was gegen die Spielregeln war. Besonders hervorzuheben ist die ganz offizielle Bedeutung, die das Breslauer Judentum als Teil der städtischen Bevölkerung spielte. Als in den schweren Zeiten nach dem ersten Weltkrieg der Bürgermeister irgendwelche Aktionen organisierte, wandte er sich stets direkt an seine jüdischen Mitbürger als solche, wobei er stets die Bereitschaft der Juden zum Helfen besonders hervorhob, natürlich nie ohne Erfolg. Mein Vater, der einmal eine solche, von ihm angeregte Aktion, auf Veranlassung des Bürgermeisters selber zu leiten hatte und stets bei solchen Sitzungen dabei war, erzählte mir öfters davon. Ich glaube, es gab wenig Orte, wo das freundschaftliche Zusammenleben der Konfessionen so ausgeprägt war, wie in Breslau. Am kulturellen Leben hatten die Juden natürlich ihren grossen Anteil, daran ist ja nichts Besonderes. * Nachbemerkung der Redaktion: Der vorstehende Artikel ist uns aus dem Nachlass des Heimgegangenen von seiner Gattin Lotte Markowicz übergeben worden, der wir auf diesem Wege unseren Dank aussprechen. Wir haben den Lebensweg von Dr. Ernst Markowicz von seiner Jugend an verfolgt, kannten ihn als Gründer der „Kameraden“, schätzten ihn nicht nur wegen seiner ausserordentlich grossen Kenntnisse auf dem Gebiet der Chemie, die dem Staate Israel viel zu Gute kam, sondern auch als Sohn von Ludwig Markowicz, dem Inhaber der bekannten Firma J. J. Beier, Breslau, dem grossen Maezen für die jüdische Schule, nicht nur als Spender, sondern als Sammler für diese und später auch in Israel als treuer Helfer und Berater für die in Not geratenen alten Breslauer. E.L. Stadt zählte 1840 unter 6300 Einwohnern 3600 Juden: 57% waren selbst in dieser Gegend eine seltene Erscheinung! Nach Studien im sozusagen benachbarten Breslau, wo er sich besonders mit osteuropäischer Geschichte vertraut machte, trat er, mit Empfehlungen massgebender Historiker. 1881 in den preussischen Archivdienst. Von 1882 bis 1912, also ein ganzes Menschenalter lang, war er mit dem Staatsarchiv in Posen organisatorisch und wissenschaftlich aufs engste verbunden; in Jenen drei Jahrzehnten sind seine Arbeiten über die Stadt und die Provinz Posen entstanden (1919, nachträglich noch eine über Gnesen). Von 1903 an wirkte er ausserdem als Professor an der Akademie in Posen. Mit dem Titel eines Geh. Archivrats wurde er 1912 zum Direktor des preussisschen Staatsarchivs in Danzig ernannt und blieb auf diesem Posten — unterbrochen durch eine vorübergehende Abberufung in die Leitung der deutschen Archivverwaltung in Warschau während des Ersten Weltkrieges — bis 1919. Danzig, wo er auch am allgemein-wissenschaftlichen, wie am jüdischkulturellen Vereinsleben regen Anteil nahm (in seinem Buch über die Geschichte der Juden dieser Stadt, 1972, hat Samuel Echt Einzelheiten dann festgehalten), wurde ihm gleichsam zur zweiten Heimat. Seinen' Lebensabend verbrachte der gütige Mann in Berlin. Dort schrieb er 1926 seine „Erinnerungen aus vier Jahrzehnten“, und dort erlebte er noch das Wiedererstehen der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" (Philo- Verlag, Berlin 1929—1938), in deren Mitherausgeberkreis er bereitwillig eingetreten war. Wo immer es um die Geschichte des deutschen Osten in Verbindung mit den benachbarten Staaten, insbesondere Polen, geht, werden Adolf Warschauers Forschungen und Erkenntnisse von Nutzen sein, auch auf jüdischer Seite. So also wirkt die Erinnerung an den verehrten Geheimrat fort. Einen Tag vor dem Historiker Warschauer starb, gleichfalls in Berlin, der durch wichtige Entdeckungen (positiv geladene Kanalstrahlen; elektrische Ablenkung der Kathodenstrahlen; Grundlagen für die Entwicklung der Atomphysik) bekannte Physiker Dr. Eugen Goldstein. Er war 1850 in Gleiwitz/Oberschlesien geboren, also waren die beiden im besten Sinn Zeitgenossen. Goldsteins Berufsweg verlief in weniger vorgezeichneten Rahmen als der Adolf Warschauers. Hervoigegangen war er aus dem Berliner Institut des Physikers Hermann von Helmholtz (1821—1894). Durch diesen und den Astronom Wilhelm Förster (1832— 1921) kam er zur Berliner Sternwarte, an der er von 1878 bis 1921 tätig war. Von 1890 bis 1896 arbeitete Goldstein auch an der Physikalisch- Technischen Reichsanstalt (Berlin), ausserdem und mehr privat richtete er im Hinblick auf die wünschenswerte Informierung des Laienpublikums ln der „Urania" ein Physikalisches Kabinett ein — eine Idee, die später vom Deutschen Museum in München nur zu gern übernommen wurde. Bis 1927 hat Goldstein mit eigenen Mitteln, aber auch mit der Hilfe der Sternwarte ein kleines, privates Experimentierlabor in einer Mietwohnung im Berliner Westen unterhalten. Dort machte er seine Entdeckungen, die, nach dem Urteil heutiger Fachleute, durchaus deri;: Nobelpreis verdient hätten. Aber, wie es scheint, langte es nur zu einer Ehrung, anlässlich seines 80. Geburtstags im Spätsommer 1930, auf der Tagung der Naturforscher und Ärzte in Königsberg/Pr. 8

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