Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981)
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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IN MEMORIAM , ARTHUR SILBERGLEIT GLEIWITZ 1881 — AUSCHWITZ 1943 Von E. G. LOWENTHAL, Berlin An diesem 26. Mai würde der zarte Lyriker und Mensch Arthur Silbergleit 100 Jahre alt geworden sein. Seine Wiege stand in Gleiwitz, sein Todesort dürfte Auschwitz gewesen sein, nicht weit von Gleiwitz entfernt. Zu seiner Deportation aus Berlin am 3. Marz 1943 erklärten die Nazis hernach, die Verschleppung sei ein „bedauerliches Versehen“ gewesen. Seit 1932 war Silbergleit mit einer ihm und sein Werk verehrenden nichtjüdischen, sogenannten arischen Frau verheiratet und hätte also vor dem Schlimmsten bewahrt bleiben können. Diese Frau hatte ihn bis dahin geschützt und ihn, als es in der NS-Zeit für ihn wirtschaftlich noch schwieriger wurde, als es vorher ohnehin schon für ihn war, mit ihrem kleinen Einkommen unterhalten. Als die Nachricht, dass er nicht mehr am Leben sei, mit erheblicher Verspätung in die freie Welt gelangte, erinnerte sich Dr. Kurt Pinthus (damals in New York), der Freund, Sammler und Kritiker zeitgenössischer deutscher Lyrik, der Silbergleit wahrscheinlich auch persönlich kannte, u.a., dass Martin Buber ihn um 1906 aus einem Breslauer Bankgeschäft nach Berlin geholt habe. Hier habe er „so still und zart, dass man ihn kaum vernahm“, gelebt und gedichtet und „im Laufe vieler Jahre viele kleine Dichtungen veröffentlicht, in mildsüssem Wohlklang, durchströmt von pastell-bunten Bildern und schwärmendem Gefühl“. Pinthus nennt dabei den Roman „Der Verlorene Sohn“ (1917), den Gedichtband „Balaleika“ (1918); mit Lithographien des 1944 in Haifa verstorbenen Hermann Struck), das „Füllhorn Gottes" (1919), „Bajazzo Herbst“ (1928), die letzte grosse Dichtung „Orpheus“ (1931) und das Buch „Farbenfest“ (1932). 1935 brachte die „Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“ (im Verlag von Berthold Levy, Berlin C.2) unter der Bezeichnung „Der Ewige Tag“ eine Auswahl von Silbergleit- Gedichten heraus, die, aus der damaligen jüdischen Situation in Deutschland entstanden, aber auch unter dem Einfluss langer Krankheit, innige Religiosität ausstrahlten. Die Titel der in diesem, seiner Mutter gewidmeten Bändchen enthaltenen, meist kurzen, aber tief anrührenden Gedichte lassen die Stimmung erkennen, in der sie geschrieben waren. „Der Leuchter“, „Hiob“, „Sabbat", „Aufbruch“, „Abschied“, „Vor der Tür des Jüdischen Wohlfahrtsamts“. Als vor zweieinhalb Jahren eine getreue Fakmile-Ausgabe des „Ewigen Tags“ im Verlag „Europäische Ideen“ (Andreas W. Mytze, Berlin - Zehlendorf) neu herauskam, schloss Silbergleits Landsmann, der 1930 in Gleiwitz geborene Autor und Regisseur Horst Bieneck, der schon vorher, 1977 in seinem Roman „Septemberlicht" Silbergleit ein literarisches Denkmal gesetzt hatte, sein Nachwort mit dem Satz: „Silbergleit verdiente es, wenigstens in Sammlungen oder Anthologien zu überleben, und sei es nur mit ein paar Gedichten"; vielleicht werde jemand zu seinem hundertsten Geburtstag am 26. Mai 1981 eine Bronzetafel mit den Schlusszeilen aus dem Gedicht „Erlebnis“ am Hause Ansbacher Strasse 23, nahe dem Wittenbergplatz in Berlin, anbringen, die da lauten: „Tausend Jahre ziehen stumm vorbei an den Frommen wie ein ewiger Tag, trostvoll, was auch immer kommen mag.“ Die Juden Breslaus im Anfang des 20. Jahrhunderts Aus einem Brief (1961) von Ernst Avraham Markowicz sei. an Dr. Johannes Jänicke, Chemiker, Frankfurt a.M., der ihn um Aufzeichnungen reiner Erinnerungen an Prof. Fritz Haber (Nobelpreisträger für Chemie) gebeten hatte, und speziell am jüdischen Milieu Breslaus jener Zeit, dem Prof. Haber entstammte, interessiert war. * ., . .Nun kommen wir zu einem Gebiet, das Sie sehr interessiere, zu dem Milieu Habers in Breslau. Ich kann dazu erzählen, obwohl ich selber nicht zu dem „Akademisch-Literarischen Verein“ gehörte, von dessen Wirksamkeit und Kreis ich manches hörte. Ich selber bin in Breslau geboren, und auch meine Mutter ist bereits geborene Breslauerin gewesen, mein Vater ist, wie viele Breslauer, aus der Provinz Posen hinsugezogen, während meine Grasseltern, Wie ebenfalls viele andre Breslauer Juden, aus Oberschlesien kamen (Mütterlicherseits). Ich bin in Breslau aufgewachsen und habe dort bis zu meinem 25. Jahre gelebt, dem Jahre, ais ich, auf Veranlassung von Prof. Jul. Meyer, meinem Doktorvater, zu Haber als Assistent gerufen wurde (1926). Ich gehörte b's zum Jahre 1923, vom Jahre 1917 an, der deutsch-jüdischen Jugendbewegung an, „Kameraden“, einer Bewegung, die sich die Synthese - „Deutschtum-Judentum“ im besten Sinne beider Werte, zur Aufgabe gemacht hatte. Es gab damals in Breslau drei oder vier verschiedene „Schichten“ von Juden: 1) Das alte „aristokratische“ Breslauer Judentum, wie es am besten im „Akademisch-Literarischen Verein“ zum Ausdruck kam. Dieses Judentum, dessen Wurzeln zwar ebenfalls auf Oberschlesien zurückzuführen sind (Beuthen, Kattowitz, Gross Strelitz, Myzslowitz, Königshütte usw.) lebte im Breslau des beginnenden Jahrhunderts bereits seine 60 bis hundert Jahre, nachdem nach den Befreiungskriegen die Einwanderung der Juden nach Breslau erleichtert war. (Friedrich der Grosse wollte in seiner etwas derben Art aus Breslau kein „zweites Jerusalem“ machen, und setzte der Einwanderung von Juden Schwierigkeiten entgegen). Dieses „alte" Judentum, für das Familiennamen wie Neisser, Milch, Landsberg, Schottländer, Haber, Silberstein, Michaelis, Hirschberg und andere charakteristisch sind, war einerseits sehr stark assimiliert, seine Beziehungen zum Judenutm wurden schwächer und schwächer, während auf der anderen Seite, mit dem Fortschreiten der wirtschaftlichen Entwicklung und der relativ liberalen Aera nach Bismarck, und auch unter Wilhelm dem Zweiten, der soziale Aufstieg dieser Gruppe sehr bedeutend war. Kommerzienräte, Justizräte, Ärzte, Ingenieure und Chemiker gingen aus dieser Gruppe hervor, viele Professoren der Breslauer Universität, wie Prof. Sachs, Beutell, Milch, Neisser, Arndt, Frank und auch unser Haber, kamen aus diesen Kreisen ,die in dem Übertritt. zum Christentum, das ihnen in der Wilhelminischen Aera nahegelegt wurde, nur einen äusseren Schritt sahen. Andere, die diesen Schritt aus ideologischen Gründen nicht taten, wurden ihrerseits, trotz der geringen Beziehungen zum Judentum, eben wegen ihrer repräsentativen Stellung, in die Gremien der Gemeinde, und ihrer Institutionen gewählt und verbanden, wie fc.B, Stadtrat Milch, der Bruder des Mineralogen Milch, die Tätigkeit in der Stadt Breslau mit der aktiven Mitarbeit in der jüdischen Gemeinde. Die Kinder heirateten oft Christen, manchmal trat Jedoch auch das Gegenteil ein, dass nämlich gerade die Kinder, die sogar schon getauft wurden, zum Judentum zurückkehrten, gerade in der Zeit des wieder erwachenden Judentums, zur Zeit des ersten Weltkrieges. Beispiel: Sohn von Stadtrat Milch. (Nebenbei gesagt, Verwandte des Fliegergenerals Milch). Die im Weltkriege sich bildende deutsch-jüdische Jugendbewegung „Kameraden“, die besonders im „dir deutsdi-aational, im besten Sinn des Wertes, elngeste.lt war, jedoch sich positiv zum „uder.lum bekannte, erhielt von diesen Kreisen manchen wertvollen Zuwachs und wir bemühten uns auch sehr um diese Jungen und Mädchen, da sie menschlich und geistig meistens eine Elite cVrrstelltcn. Das kulturelle Niveau des Hauses war ein ungewöhnlich hohes, Musik und Literatur wurde gepflegt, Wissenschaft und Künste standen ln so hohem Ansehen, dass bei den Kindern fast nie che Frage auftauchte, ob man sich diesen hohen geistigen Dingen widmen sollte, sondern nur, welcher Wissenschaft oder Kunst man am meisten zugeneigt war. Die zweite Kategorie der Breslauer Juden, die den Hauptbestandteil ausmachte, waren die Kaufleute, Geschäftsleute, Agenten, Rechtsanwälte und Aerzte, auch einige Ingenieure, Baumeister, Apotheker, Bankiers und Lehrer. Diese Schicht, denen es meistens pekuniaer gut bis sehr gut ging, war zu einem sehr grossen Teil entweder selber noch aus Fosen oder Oberschlesien zugewandert, oder waren Söhne von zugewanderten ICleinhänd ern, die ihr Geschäft nach Breslau überführt hatten. Auch diese Schicht, der meine Eitern und Grosseltern mütterlicherseits zugehörten, war meist nichc ganä so assimiliert wie die erste Schicht, ihr Verkehr mit christlichen Deutschen war schwächer und ihre Beziehung zum Judentum meist etwas stärker, in vielen Fällen hielten sie sich noch an die altjüdischen Gebräuche und hatte ihre eigene Synagoge. Der überwiegende Teil dieser Schicht war jedoch „liberal“, mit ebenfalls eigener Synagoge, d.h. man ging zu den Feiertagen in die Synagoge, jedoch kaum am Schabbat, man ass unkoscheres Fletsch und hatte keinen religiösen Haushalt, man schickte Jedoch die Kinder in die religiös-liberale Religions-Schule, sofern sie nicht am Gymnasium den offiziellen Religionsunterricht hatten, dessen Lehrer Staatsbeamte waren. Es war das Besondere der Breslauer jüdischen Gemeinde, dass die Gegensätze zwischen „orthodox" und „liberal“ nicht sehr scharf waren, viel schwächer als etwa im Westen oder Süden Deutschlands, wo der religiöse Jude üus-erst streng war, mit kaum irgend welchen Konzessionen, während der „liberale“ oder freie Jude, etwa in Frankfurt oder Koeln oder Muenchen fast nichts mehr mit dem Judentum oder der Religion zu tun haben wollte. In Breslau war der orthodoxe nicht so streng, und der liberale war noch ziemlich stark jüdisch. Dies ist auch der Grund, weswegen Breslau der Ausgangspunkt für den grössten Teil der Jugend-Bewegungen war: Der „Kartell-Konvent (K.C.)“ d.i. die deutsch-jüdische Studenten-Verbindung, ging von Breslau aus, mit der Verbindung „Viadrir.a“, später wurden die ersten zionistischen Verbindungen in Breslau gegründet, der „Blau-Weiss“ der eiste jüdische und zionistische Wandervogel, wurde in Breslau im Jahre 1912 dvr eh den kürzlich verstorbenen Josef Marcus ins Leben gerufen und verbreitete sich von da über ganz Deutschland, ebenso nahmen die „Kameraden", der „deutsch-jüdische Wanderbund“ (zu dessen Gründern ich gehörte), ihren Ausgangspunkt von Breslau. Kurz, es herrschte ein besonders re- 7