Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981)
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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in Oberschlesien" Breslau, aus seinen Werken zu lesen. Danach führt Ihn eine Vortragstournee nach Beuthen, Königshütte und Oppeln. Eine Würdigung seines Freundes Walter Meckauer zeichnet liebevoll Silbergleits Wesen und Werk: „Silbergleit hat ein Jahrzehnt lang mit abwehrender Gebärde von den sich in kurzen Epochen folgenden Lärmen der zünftigen .modernen' Kunst abseits gehalten, und' er ist dabei reif und still geworden und tief an Gesichten und menschlichem Verstehen. Er hat die heraufquellenden Gestalten seiner dichterischen Vision in seinem Innern wachsen lassen, ehe er mit seinen eigensten Formverhe'ssungen vor die Öffentlichkeit trat. Ein gewissenhafter Abwäger feinster Nervenschwingungen, ein behutsamer Kritiker einer von Anbeginn hohen Versku tur, — hat die Ehrfurcht vor dem grossen Kunstwerk seinem Wirken in die Öffentlichkeit eine Scheuhe!t und ein Zaudern gegeben, das ihn immer wieder bewog, schon Vollendetes in seinen Schreibtisch zu verschliessen und es im Hinblick auf noch Reiferes zu unterdrücken...“. Zu der Zeit der ersten Begegnungen meines Vaters mit Silbergleit ist dieser „in einem sehr elenden Zustand“. Sobald er wieder ausgehen kann, treffen sich die beiden gewöhnlich einmal wöchentlich abends im Cafe Josty. Sie lesen sich gegenseitig ihre neuesten Produkte vor, bestätigen einander, üben Kritik und stellen ihre Betrachtungen über zeitgenössische Autoren an. Im Berlin dieser letzten Kriegsjahre blühen „Schleich- und Schieberhandel, Wucher und Demoralisation“. Mit Kriegsende kehrt mein Vater nach Görlitz zurück. Seine Anwaltspraxis muss er neu aufbauen. Nun setzt ein lebhafter Briefwechsel ein. Während sich bei Paul Mühsam das Wort: „Bücher haben ihre Schicksale“ bestätigt, indem ihm auf seltsamen Umwegen der erste Verleger beschert wird, beleuchten Silbergleits Briefe die traurige Situation der kleinen Berliner Verlage jener Inflationsjahre. 1919 entsteht eine grössere Dichtung „Orpheus". Silbergleit hält sie für sein bestes Werk, an dem die deutsche Literaturgeschichte nicht vorüber gehen könne, wie er sich zu Paul Mühsam äussert. Er vermutet, dass sie wohl kaum einen Verleger finden werde, da zu umfangreich. Dennoch — fügt er hinzu, wird er — vielleicht nach Jahren — auferstehen!“ „Sein herrlichstes Werk“ nennt seine Freundin Gertrud Isolani 1921 den „Orpheus". Tatsächlich wird dieser 600 Gedichte umfassende Zyklus erst 12 Jahre später, 1931, in strengster Auswahl von nur 40 Gedichten, sein Erscheinen erleben. AN EURYDIKE So vergehe ich an Dir Wie ein Kerzenlicht am Winde Meine blitzende, nun blinde Sonnenseele dunkelt mir. So vergehe ich an Dir Wie am Grabe ihres Kindes Eine Mutter, doch kein lindes, Tröstendes Gebet wird mir. So vergehe ich an Dir, Doch in meinen tiefsten Wehen Bleibt das Bangen: So vergehen Wirst Du einmal auch an mir. In diesen Jahren entstehen auch die Dichtungen „Das Füllhorn Gottes", „Die Balalaika“ und „Bajazzo Herbst“ und finden ihre kleinen Verlage. Doch im Grunde ändert sich Silbergleits Situation kaum: „...Von dem Autorenelend hier lassen Sie mich lieber schweigen“, heisst es in einem Brief an Paul Mühsam. In einem anderen: .Wir müssen Märtyrer bleiben, aber vielleicht gewinnen wir aus der Herbheit unseres Loses den süssen Trost, dass wir trotzdem nicht umsonst lebten, sofern uns ein Genius zu schöpferischem Wirken segnete." Und 1928: „...Von meinen R Verlegern gingen 7 zu Grunde." In diesem Jahre kann jedoch sein „Bajazzo Herbst“ im Drei-Kegel- Verlag erscheinen. „Silbergleit hat noch längst nicht den Platz in der deutschen Literatur inne, der ihm als einem der feinsten Lyriker unserer Zeit gebührt“, äussert sich Paul Mühsam in seiner Besprechung des eben erschienenen Buches. „Noch tönt in manche dieser um den Bajazzo Herbst kreisenden Gedichte das uns aus seinem früheren Schaffen vertraute Orgelspiel hinein, aber in den meisten erscheint er neu gewandet im Schellenkleid und tanzt eulenspiegelhaft mit der Oboe an uns vorbei, deren kurzes Auflachen im brausenden Föhn verweht. Und dann wieder wirft er die Oboe weg, und der Künstler wird zum Maler und zaubert uns mit allen Farben seiner Palette die Schönheit des von den Dichtern auf Kosten des Frühlings oft vernach’ässigten Herbstes. Aber manchmal legt er auch den Pinsel beiseite und wird zum stillen Gottessänger, und dann fällt aller Prunk von ihm ab, und sein Lachen verstummt, und er wird ganz leise und zart, ganz schlicht und gläubig wie Angelus Silesius und Matthias Claudius, und dann erblühen seine schönsten und reifsten Dichtungen.“ AHORNBLATT Ich fand in einem Ahornblatt, Wie Gott hier Linienentwürfe Für eine neue Friedensstadt, Durch die kein Frevler wandeln dürfe, Sich skizzenhaft gezeichnet hat. Er striche'te mit feinster Feder Auch meine Sternenwege ein. Mein Blick folgt träumend dem Geäder Der reichverschlungnen Strassenreihn. Schicksalsjahr 1933. Die letzten Jahre seines Lebens sind gekennzeichnet von der immerwährenden Furcht vor Aufspürung durch die Gestapo und damit Verschickung in ein Todeslager. Mitte des Jahres 1936 erreicht meinen Vater in Haifa ein Brief Silbergleits, es ist der letzte an ihn. Dank für den Glückwunsch zu seinem 55., zugleich seine Gratulation zu Paul Mühsams 60. Geburtstag. „ ... Ein Blick in die neueste Nummer der C. V. (Zeitung) belehrt mich, dass ich Ihnen a:s Gratulant zu nahen habe. Ich erfülle diese freudige Pflicht in dem seligen Bewusstsein einer innigen Kameradschaft und denke sehr oft an die Zeiten gemeinsamer Bemühungen um die Gunst der Musen. ... Es wird um mich sehr still: Fritz Engel u. Rudolf Presber, meine unermüdlichen Förderer, ruhen im ewigen Frieden, und ich, alter Knabe, schreibe noch immer, sogar emsiger als je, obwohl ich mir der wirtschaftlichen Aussichtslosigkeit, grössere Arbeiten unterzubringen, längst bewusst bin.“ Und er fügt die Bitte um Auskunft über das palästinensische Klima an — „für einen lungenkranken Bekannten" — es ist er selbst, wagt dies nicht zu schreiben. Bezeugt er in eben diesem Jahre in seinem „Selbstporträt“ die Empfänglichkeit seines Gemütes für den romantisierenden Katholizismus seiner oberschlesischen Heimat, die sich a’s eines seiner machtvollsten Jugenderlebnisse in seinen frühen Dichtungen ausgewirkt habe (u.a. in „Die Magd“, d.Vf.), aber auch als nicht minder bezwingend die Andächtsstunden in der Synagoge, die starken Gewissensaufrufe durch das Schofarhorn und die eindringlichen Erzählungen seines Vaters vom Sagenzauber — wie er sagt: erlauchter Sabbatfeiern im Patrizierhaus seiner Eltern, so nehmen nun diese Stimmen des jüdischen Erbes von seinem ganzen Wesen Besitzt, wie wir es auch an der Thematik seines Jüdischen Familien- und Generationenromans „Der Leuchter“ ersehen, einem der wenigen Manuskripte, die nicht der Vernichtung anheimfielen. Diesem Roman stellt er das gleichnamige, dem Zyklus „Orpheus“ entnommene Gedicht als Motto voran: DER LEUCHTER Ich bin bei Dir zur Nacht mit meinen sieben Kerzen Halt ich vor einem Herzen Vor Deinem Herzen Wacht. Du aber fühlst es nicht Wie ich mich Dir befehle. Es fliesst mein reines Licht Um Deine reine Seele. Wo eine Falte ist, Glätt’ ich mit lindem Lichte Sie Dir aus dem Gesichte, Dass Du voll Frieden bist! Er ist heimgekehrt. Seine Gottessehnsucht gelangt in letzten Gedichten zu einem gesammelten, reifen Ausdruck. Die in diesen Jahren unter dem Titel „Der ewige Tag“ entstandenen und 1935 von der Künstlerhilfe der jüdischen Gemeinde zu Berlin herausgebrachten Gedichte sind vor zwei Jahren als Nachdruck vom Verlag „europäische ideen“, Berlin, wieder aufgelegt worden. Am 3. März 1943 wird der fast völlig erblindete Dichter Arthur Silbergleit aus seiner Wohnung von der Gestapo herausgeholt und mit einem Sammeltransport nach Auschwitz verschickt. Ich lege meine Feder fort. Du sprachst zu mir das erste, Du sprichst zu mir das letzte Wort, Das tiefste, allerschwerste. Doch wer Dich je im Geist erreicht, Ihm wird die Erde ätherleicht, Ihm wuchsen Cherubschwingen, Und er vermag zu singen. Empfang’ dies schmale Kind der Zeit Und sei gelobt in Ewigkeit. Elbe Levl - Mühsam aV pt» -t» er—; lasf £*t* A.« Mf «O ERLEBNIS (EINES DER GEDICHTE AUS „DER EWIGE TAG”) Plötzlich stockt der Schwung des Priestermunds. Einer schrie wie irr: „Was wird aus uns?“ Der Rabbiner sieht sich schaudern um. Klanggewordenes Martyrium Überschrie Herzurlautton des Herrn. Da verdunkelt sich der Davidstern Und erhellt sich wie der Seelenhirt: „Löwen- und Weltsäulenstärke wird Jedem, der vertraut in tiefster Not Ihm, vor dessen Angesicht der Tod Sinnt, ob er sich selbst nicht töten soll!“ Gross und immer grössere hoheitsvoll Wächst der Rabbi in der Beter Traum, Und im Andachtbann der Tempelraum Wähnt, dass ein Prophet erstanden sei. Tausend Jahre, ziehen stumm vorbei An den Frommen wie ein ewiger Tag Trostvoll, was auch immer kommen mag. Arthur Silbergleit 6