Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981)
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedenken an Arthur Silbergleit (1881-1943) Der obersehlesisch-jüdische Dichter Arthur Silbergleit wäre am 26. Mai 1981 100 Jahre alt geworden. Dieses zarten Lyrikers, der in Auschwitz umkam, wollen wir, die nicht Geopferten, ehrfürchtig und liebevoll gedenken. Sein Elternhaus in Gleiwitz war der Ausgangspunkt, zu dessen jüdischem Geiste er in den letzten Jahren seines Lebens zurückkehrte. Nach Beendigung der Schulzeit wurde für einige Jahre Breslau der Ort seiner ersten Lebenserfahrungen. Und von 1908 an lebte er in Berlin, bis ihn, dreieinhalb Jahrzehnte später, das Judenschicksal ereilte. Es gibt nur noch wenige, die sich seiner erinnern. Gelegentlich gedachte man seiner, wie u.a. seine alte Freundin, die Schriftstellerin Gertrud Isolani, die, über 80jährig, in Basel lebt, wie sein Freund Karl Loewy mit einem sehr schönen, ihm nahen Aufsatz im deutschen Blättchen anlässlich seines 60. Geburtstages, und wie in letzter Zeit Horst Bienek in seiner Gleiwitz-Trilogie, in der er, wenngleich in dichterischer Freiheit, Silbergleit ins Bewusstsein eines gröseren Leserkreises heraufgeholt hat. 40 Briefe und vollbeschriebene Karten an Paul Mühsam, meinen Vater, gerichtet, befinden sich in dessen Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Sie sowie meines Vaters Erinerungen an Silbergleit in seinen noch nicht veröffentlichten Lebenserinnerungen „Ich bin ein Mensch gewesen“ veranlassten mich, dessen schmales Büchlein zu lesen und weitere Zeugnisse seines Lebens zu suchen, von denen ich eine grössere Anzahl im Deutschen Literaturarchiv fand. In einem im Jahre 1936 verfassten „Selbstporträt“ erzählt Silbergleit von seinem traditionelljüdischen und, wie er hinzufügt, „patrizischen“ Elternhaus. Hier zeichnet der nun 55jährige „aus tiefster Verehrung“ ein Bild seines Vaters: „. .Photograph, Maler, Dichter, Erfinder, Besitzer zahlreicher Patente, grosses Weltkind und Prophet einer neuen Zeit, war er ebenso für die Schönheiten der Landschaften und Städte wie für die Wunder der Technik empfänglich. ... Ich sehe (ihn) immer wieder im Bilderbuch meiner schönsten Träume, und ich schäme mich nicht, meine mystische Verbundenheit mit ihm hier öffentlich zu bekunden. Ihm, sowie meiner wahrlich heroischen Mutter, die seit vielen Jahren ihr Schicksal als völlig Erblindete im jüdischen Altersheim zu Breslau trägt, verdanke ich die Erschliessung dumpfer Sinne für manche Herrlichkeit. .. .So verzauberte sich meine Jugend in der Vaterstadt zu einer wortlosen Lyrik voll tiefer Gefühlsquellen.“ Auch Arthurs Bruder, seine beiden Schwestern und die erblindete Mutter kamen im Zuge der Judenvernichtung um, sein Vater starb noch vor der Mutter eines natürlichen Todes. Von seinen nächsten Angehörigen blieb nur der Sohn seiner Schwester am Leben. Er lebt heute mit seiner Familie in Tel. Aviv und ist als ein aktives Mitglied der „Centra“ vielen unserer Leser gut bekannt. Der für den Kaufmannsberuf völlig ungeeignete Arthur versucht es als Lehrling in dem Breslauer Bankhaus Heimann. Immerhin hält, er es hier drei Jahre aus. Er fängt früh an, Verse zu schreiben. Sein Freund Erwin Magnus führt ihn in die „Breslauer Dichterschule Per Osten“ ein. Paul Barsch und seine Frau, Marie Barsch-Muthreich, beide Schriftsteller und Leiter der Vereinigung, und andere bekannte Persönlichkeiten, wie Philo vom Walde und Paul Keller, ermutigen und fördern ihn, seine Gedichte erscheinen im Organ der Dichterschule. 1905 lernt er Walter Meckauer, den unseren Le- ARTIIUft SILBERGLEIT fBflp ' <* sern gewiss bekannten schlesischen Romancier und Lyriker, kennen, mit dem ihn lebenslang eine herzliche Freundschaft verbinden wird. Martin Buber wird auf ihn aufmerksam. Er erkennt, dass ein Bankhaus nicht der gemässe Ort für einen jungen Poeten, wie Arthur, ist. Ihm verdankt Silbergleit die Anstellung als Hilfsredakteur bei dem Berliner Pressebüro „Ost und West“ und somit seine im Jahre 1908 erfolgende Übersiedlung nach Berlin. In dieser in guten wie in Kriegszeiten hellwachen, prickelnden Stadt, die so ganz seiner unruhigen Ahasver-Natur entspricht, beginnt nun für Silbergleit das ewig ungesichtere Leben des berufslosen Dichters. Die kleine Stellung, die er anfangs innehat, bedeutet nur einen kümmerlichen Zuschuss zu seinem Existenzminimum. Er lebt von der Hand in den Mund, seine Gedichte, seine kleinen Sachen muss er bei Zeitungen unterbringen, um nicht zu verhungern, muss Empfehlungen benutzen, Demütigungen ertragen und doch sein Gesicht wahren. Bei allen Sorgen bewahrt ihn seine schöpferische, sprudelnde Fantasie, sein blitzender Witz, sein Geist, und als Wesentliches: seine Religiosität vor dem Untergehen in Resignation, die oft genug Anlass hat ihn zu überfallen. Seine Briefe an Paul Mühsam sind Zeugnis der Sorgen um seine Manuskripte, der Suche nach Verlegern und den damit verbundenen Hoffnungen und vielen Enttäuschungen. „Von keinem meiner Bücher kam bisher Je eine zweite Auflage heraus (kaum höchstens ein Viertel der ersten wurde verkauft)". Es sind kleinste Verlage, Eintagsfliegen, ihre Produkte, o Ironie, werden heute im Antiquariat zu Fantasiepreisen angeboten. Notgedrungen steht er im literarischen Getriebe. Doch gleichzeitig kommt seine Bekanntsteller-Kollegen und anderen guten Geistern und ein grosses Netz von Korrespondenz seinem Bedarf an geistigem und auch geselligem Austausch entgegen. Dazwischen blühen seine stillen Gedichte auf, seine zarten Pastelle. Unter den Freunden, die er durch seine Güte, Hilfsbereitschaft, seinen beweglichen Geist erwirbt, nenne ich, die Görlitzerin, nur Dr. Erich Schwenk, der mit seiner Frau ein Jederzeit offenes Haus bereithält füy junge, oft notleidende Künstler, Ludwig Kunz, den unermüdlichen Förderer unerkannter Talente und Herausgeber der heute kostbaren Blätter „Die Lebenden“, und Paul Mühsam. Von Stefan Zweig spricht Silbergleit mit grosser Dankbarkeit. Er ermöglicht ihm jahrelang eine Erholungsreise, ihm und seiner Frau Gertrud, die ihn, als sogenannte Arierin, in der Hitlerzeit heiratet, um ihn zu schützen. Als Freiwilliger nimmt er am 1. Weltkrieg als Krankenpfleger teil, kommt krank nach Berlin zurück. In dieser Zeit lernt Paul Mühsam ihn kennen, beginnt ihre Freundschaft. Denn im vorletzten Kriegsjahr, im Winter 1917, wird mein Vater an das Zentralkomitee vom Roten Kreuz in Berlin berufen. Als Mitglied der „Breslauer Dichterschule" kommt ihm in deren Organ das Kapitel einer Legende von Arthur Silbergleit zu Gesicht. „Ich war so hingerissen“ — schreibt mein Vater in seinen Erinnerungen — „von dem veröffentlichten, immer und immer wieder gelese"<>n Kapitel, dass ich keinen grösseren Wunsch hatte, als die ganze Dichtung selbst kennen zu lernen.“ Er schreibt dem Autor, dieser stellt ihm sein Manuskript zur Verfügung, er sucht ihn auf. „Nachmittag 1% Stunden bei Arthur Silbergleit“, trägt er am 22. März 1918 in sein Tagebuch ein. „Ein kluger, feinsinniger Mensch, innerlich diszipliniert und ethisch hochstehend. Er las mir sein neustes Werk, eine lyrische Phantasie, „Der verlorene Sohn“ vor, die den gleichen Reiz der hochpoetischen Sprache hat wie die Legende und was ich sonst von ihm gelesen habe.“ Jahrzehnte später erinnert er sich noch einmal an diese erste Begegnung: „Seine Gechichtszüge erweckten den Eindruck eines Leidenden. Er sprach etwas monoton und öffnete den Mund so wenig, dass es oft sogar beim Gegenübersitzen schwer war, ihn zu verstehen.“ Auch an anderer Stelle charakterisiert mein Vater Silbergleits traumhafte Sprechweise beim Lesen seiner Dichtungen. „Silbergleit glaubt nicht,“ notiert er nach einem Zusammensein, „das seine Legende („Die Magd“, d.Vf.) anerkannt werden wird, da die letzige Zeit nicht dazu angetan ist. ‘Wenn ich kaputt bin, werde ich entdeckt werden’, sagt er resigniert." Er fühlt sich zurückgesetzt. So spricht er sich seinem engeren Landsmann, dem Dichter Alfred Hein, gegenüber aus: „ ... Ich erkenne immer wieder nicht ohne Bitternis, mit welcher Teilnahmslosigkeit mir gerade meine Heimat begegnet, meine Heimat, die ich doch sehr liebe“. „Doch“, fährt er fort, „mag mir diese auch Dornen Bpenden, ich will ihr immer nur Rosen schenken...“. Kurz danach aber wird er vom Volksrat zu Breslau eingeladen, in der „Ausstellung für Kultur und Arbeit 5