Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1981-01-01 · No. 48-49 (1981) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1981
Issue
No. 48-49 (1981)
Date
1981-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/7411685-7412805-7496889--0927-7412808
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

□ach so vielen positiven Äusserungen und Beispielen nicht ewa für ein grossartiges Musterbild an Toleranz halten. Ich bin auch nur ein schwacher Mensch, und dies zeigt sich darin, dass ich —■ zum Beispiel — der Teilnahme an Podiumsdiskussionen solcher Gruppen inzwzischen müde bin, die auf Sachargumente gar nicht mehr eingehen wollen, weil Ideologie sie blind und taub und intolerant gemacht hat. Wenn Toleranz etwas mit Liberalität, Verständnis und Gelassenheit zu tun hat, so ist' mir (nach langjährigem Bemühen) klargeworden, dass dort Liberalität nicht nutzt, sondern schadet. Das Verständnis ist mir zwar geblieben, doch ich gestehe, dass mir die Gelassenheit bei diesen Gelegenheiten abhandenkommt. Aber wenn es stimmt, dass man Toleranz nicht nur selbst üben soll, sondern, dass man sie auch erwarten darf, so erbitte ich an diesem Punkt, an dem meine eigene Toleranzschwelle erreicht ist, nun Ihre Toleranz mir gegenüber, und ich tröste mich über meine niedere Toleranzschwelle an dieser Stelle mit Moses Mendelssohn, der auch einmal fruchtloser Auseinandersetzungen müde geworden war — nämlich mit dem Frankfurter Advokaten Johann Balthasar Kölbele — und der Sich dazu wie folgt geäussert hat: .Wenigstens in dieser Angelegenheit mögen Aufforderungen, Zumutungen, Angriffe, Widerlegungen herauskommen, von wem man will, so höflich oder unhöflich man will, ich werde nicht eher antworten, als bis ich glauben werde, meine Zeit nicht nützlicher anwenden zu können“. So lehrt uns Moses Mendelssohn, dass Toleranz nicht bedeutet, sich für aller und jedermann zu verschleissen. Aber nun möchte ich Ihnen doch noch kurz ein positives Beispiel für die. Möglichkeit einer Förderung von Toleranz zwischen Gruppen erzählen. Es besteht kein Zweifel daran, dass — etwas global und damit simpel und sicher zu vordergründig ausgedrückt — auch Juden gegen Zigeuner und Zigeuner gegen Juden Vorurteile haben, weil sie einander zu wenig kennen. Im letzten Jahr nun trat die Leiterin der WIZO, der grössten Jüdischen internationalen Frauenorganisation, in der jüdischen Gemeinde Mannheim an mich heran mit der Bitte, bei einer Veranstaltung etwas über „Zigeuner“ zu erzählen. Ich war erfreut über diese Idee, und ich dachte mir: Wenn Toleranz etwas mit Interesse am „anderen“ ■ zu tun hat, mit dem Kennenlernen und damit dem besseren Verstehen mit Verstand, Nachdenken und Menschlichkeit, dann müsste es doch gut sein, Juden und Zigeuner einmal zusammenzubringen, damit sie mehr voneinander hören, lernen, erkennen, nachdem die Gruppe der Sintis in so grauenvoller Weise während der NS-Zeit zu natürlichen Leidensgenossen der Juden geworden waren. Die Vorsitzende der WIZO war sofort bereit, einige mir befreundete Zigeuner — unter ihnen Romani Rose — machten mit, und ich kann nur berichten: Nach 1% Stunden konnte ich selbst verschwinden, ohne dass dies überhaupt bemerkt wurde. Man war so vertieft im gegenseitigen Fragen und Antworten, dass diese Begegnung — was immer auch aus ihr entsteht oder nicht entsteht — auf alle Fälle ein Musterbeispiel bleibt für das Beschreiten eines Weges, auf dem Toleranz der erste Schritt war. 3. Beispiel: Die Förderung von Toleranz zwischen Völkern. Ich darf auch hier — für viele mögliche andere Beispiele — ein Beispiel wählen, das heute so aktuell ist wie kaum ein anderes: den sogenannten „Nahen Osten“, die arabischen Staaten und Israel. Wenn ich die Situation dort richtig beurteile, so kann man die Staaten der Welt mit Blick auf dieses Problem in zwei Teile unterscheiden: Der eine Teil sind die Staaten, die den winzigen sogenannten Fremdkörper im Vorderen Orient, der sich Staat Israel nennt, schnellmöglich wieder von der Landkarte verschwinden lassen wollen. Es sind die Staaten, die eine UNO-Resolution einbringen und ihr natürlich zustimmen, in der nur der bedingungslose Rückzug Israels aus allen besetzten Gebieten gefordert und mit keinem Wort eine Anerkennung des Existenzrechts und sicherer Grenzen für Israel auch nur erwähnt wird. Der andere Teil sind die wenigen Staaten, die bei einer solchen Resolution mit „Nein“ stimmen und die, die sich — leider, aber — wenigstens noch der Stimme enthalten. Von dieser Minderheit, die sich in solchen Süuationen wenigstens noch der Stimme enthält, nehme ich an, dass ihr das Fortbestehen des Staates Israel jedenfalls nicht gleichgültig ist. Ich hoffe darüber hinaus, dass es dem einen oder anderen Staatsmann sogar am Herzen liegt, auch wenn er es nicht unmissverständlich und eindeutig genug bekundet. Ich sage: Ich hoffe es. Und ich mag deshalb nicht anders denken, weil ich meine eigene Regierung zu dieser Gruppe zähle. Diese Gruppe richtet Appelle an Israel (nicht an die Gegenseite), diese Gruppe gibt Ratschläge an Israel (nicht an die Gegenseite), diese Gruppe kritisiert Israel (nicht die Gegenseite), diese Gruppe kündigt ei-' gene Vorschläge für eine Friedenskonzeption im Nahen Osten an. Diese' Gruppe meine ich, wenn ich im folgenden einige Fragen stelle und eine eigene Meinung dazu äussere, wie Toleranz zwischen den Völkern im Nahen Osten gefördert werden sollte, damit dem Frieden gedient wird. Meine Fragen sind: Bei Israel weiss man — so scheints —, was dem Frieden abträglich ist: die Verweigerung des Rückzugs aus den besetzten Gebieten, Begins Siedlungspolitik, das Jerusalem- Gesetz. Man glaubt zu wissen, dass Israel all dies nur tun oder lassen müsste — Israel müsste nur „wollen“ (so erscheint es jedenfalls dem Leser und Hörer all dieser Missbilligungen, Appelle, Kritiken), es müsste nur nicht so verstockt sein, es müsste nur „wollen“ — und" schon wäre man dem Frieden in Nah-Ost näher. Ich vermag — leider — nicht zu glauben, dass das so einfach ist. Aber mir geht es um etwas anderes: Ich wiederhole: Bei Israel weiss man — so scheints —, was dem Frieden abträglich ist. Ich habe nur zwei Fragen: Weiss man denn nicht, dass es auf arabischer Seite (ausser Ägypten, das — genau wie Israel — keine einzige öffentliche Anerkennung für den ersten Schritt zum Frieden erhalten hat), weiss man denn nicht, dass es auf arabischer Seite keinen einzigen Staat gibt, der Je den Wunsch oder auch nur die Bereitschaft geäussert hätte, mit dem Staat Israel Frieden zu schliessen? Nicht einen einzigen. In Israel gibt es bekanntlich eine grosse „Peace-now-Bewegung", die nicht aus Extremisten besteht, sondern die „quer durch das ganze Volk" geht. Wo in irgendeinem arabischen Staat gibt es eine ähnliche Bewegung, die Frieden mit Israel wünscht und dafür auf die Strasse geht? Wo finden diese israelischen Menschen der — ich wiederhole: grossen — „Peace-now-Bewegung“ ln irgendeinem arabischen Staat ihre gleichgesinnten Ansprechpartner? Und nun meine zweite Frage: Weiss man denn nicht, dass die PLO die Vernichtung des Staates Israel zum zentralen Anliegen ihres Kampfes erklärt hat? Dass im „Palästinensischen Nationalabkommen“ der bewaffnete Kampf als einziger Weg zur Befreiung Palästinas festgelegt worden ist? Dass in den Beschlüssen des 13. Palästinensischen Nationalrats vom 20.3.1977 ausdrücklich festgeschrieben wurde, sämtliche Pläne zu einer Bereinigung der Palästina-Frage abzulehnen? Weiss man das alles nicht bei denen, die doch so gut wissen, wodurch Israel den Frieden hindert? Selbstverständlich weiss man es — setze ich voraus. Aber warum kritisiert, mahnt, missbilligt man dann — seit Jahren — immer nur Israel? Kann das ernsthaft dem Frieden dienen? Wenn Toleranz wirklich der erste Schritt auf einem Weg ist, der (durch Förderung dieser Toleranz auch unter den Völkern) zum Frieden führen könnte, und wenn zu den Stationen dieses Weges Mut und Gleichbehandlung gehören, dann ist es Jetzt an der Zeit, auch an die Gegner Israels zu appellieren: Einen Appel an die arabischen Staaten zu richten, zu erklären, ob bei ihnen überhaupt ein Wunsch nach Frieden mit dem Staat Israel besteht, wenn dieser seine Truppen aus besetzten Gebieten zurückzieht; und ob sie bereit sind, diesem Staat seine Existenz zu garantieren; und ein Appell an die PLO, dass sie öffentlich und glaubhaft ihr mörderisches Ziel aufgibt, den Staat Israel zu vernichten, ehe man daran denken kan, sie Israel als Verhandlungspartner zuzumuten. Es dient nicht dem Frieden, wenn man — Jedenfalls in den öffentlichen Verlautbarungen — Israel wieder einmal fortlaufend zum alleinigen Sündenbock macht und allein ihm Forderungen stellt, ohne von seiner feindlichen Umwelt gleichzeitig das Minimum an politischer Moral zu fordern. Wir Deutschen sollten jedenfalls die letzten sein, die — ich zitiere Johann Baptist Metz (in „Gott nach Auschwitz", Freiburg 1979) — „den Juden, nachdem sie in der jüngsten Geschichte unseres Landes an den Rand der totalen Vernichtung gebracht wurden, nun ein übertriebenes Sicherungsbedürfnis vorwerfen, und wir müssen die ersten sein, die der Versicherung der Juden Glauben schenken, dass sie ihren Staat nicht aus zionistischem Imperialismus, sondern als ‘Haus gegen den Tod’, als letzte Zufluchtstätte eines durch Jahrhunderte verfolgten Volkes verteidigen“. So gilt es, zum Schluss die Frage zu stellen: Wenn Toleranz den ersten Schritt auf dem Weg zum Mitmenschen bedeutet, was haben dann wir, die wir uns die Förderung von Toleranz zur Aufgabe gemacht haben, zu tun? Das heisst: Was kommt dem Mitmenschen zu — als „Mensch“ und als „Mit-Mensch“? Auch hier wird unsere Antwort nicht gleichlautend sein. Die Menschen sind verschieden, jeder von uns hat seinen „Standort im Leben“, von dem aus er spricht — auch Jeder hier im Saal. Und auch der Jury gehören unterschiedliche Gruppen und Personen an. Aber wir wünschen uns Ja, Toleranz zu üben, zu lernen und zu lehren — aus diesem Anlass sind wir heute hier versammelt. Und so könnte es sein, dass wir im Hinhören aufeinander entdecken, dass wir — vielleicht mit unterschiedlichen Worten — möglicherweise doch viel Gemeinsames zu sagen haben. Wie fördert man Toleranz? Was kommt dem Mitmenschen zu, der da am Ende des Weges steht? Nun: die einen werden sagen „Nächstenliebe“; anderen wird das Wort „Humanität" mehr liegen; und wieder andere halten es sicher mit der „Solidarität“. Jetzt könnte ich wieder mit „Gedankensplittern“ beginnen und fragen, ob nicht „Nächstenliebe“ die beiden anderen Begriffe als grosser Bogen umspannt? Oder ob wahre Humanität nicht Solidarität einschliesst und in Nächstenliebe enden kann? Oder ob Solidarität zwischen Nächstenliebe und Humanität deren anscheinende Gegensätze schnell zusammenschrumpfen liesse? Aber ich will keine „Gedankensplitter" mehr zusammensetzen. Ich bin der Meinung, dass alle drei Begriffe zusammengehören, weil Jeder für sich ein optimales Ziel anvisiert, Jeder für sich aber — wie die Vergangenheit lehrt — offenbar in der Anwendung durch Menschen zu schwach war, tun im Alltag dem Anspruch gerecht zu werden, den man mit dem Begriff verbindet. 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.