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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1981-01-01 · No. 48-49 (1981) · p. Seite 2

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1981
Issue
No. 48-49 (1981)
Date
1981-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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andere) Meinung haben und diese auch kräftig vertreten. Toleranz ist eine Haltung, mit der man selbst zwar nicht immer rechnen kann, die vom anderen zu erwarten, aber man selbst — Gott sei Dank — auch ein Recht hat. Das Wort „Toleranz“ weckt Assoziationen. Das interessanteste und — wie mir scheint — wichtigste Ergebnis waren die Antworten auf die Frage: Was fällt Ihnen bei dem Wort „Toleranz" alles ein? Hier eine kleine Auswahl aus der Vielzahl der Antworten: Toleranz hat es zu tun mit (oder führt hin zu): Zuwendung, Gleichbehandlung, Verstehen, Liberalität, Selbstüberwindung, Nachdenken, Geduld, Liebe, Menschenliebe, Nächstenliebe, Lernen, Anstand, Fragen, Bewusstmachen, Erkennen, Humor, Bereicherung des eigenen Blickfeldes, Selbstverwirklichung, Offenheit, Erkennen der eigenen Grenzen, Verstand, Menschlichkeit, Humanität, Selbsterkenntnis, Verständnis, Gelassenheit, Interesse, guten Willen, Gerechtigkeit, Solidarität, Barmherzigkeit und Frieden „Toleranz fördern“ aber bedeutet immer, nach allen — mindestens nach zwei — Seiten offen zu sein. Genug der „Gedankensplitter". Wenn Sinnvolles dabei herauskommen soll, gilt es nun zu sortieren. Ich habe versucht, einige Thesen zu formulieren, in denen das Wesentliche des zuvor kunterbunt durcheinander Gedachten festgehalten wird. Folgendes ist bei diesem Versuch herausgekommen: 1. Beim Nachdenken über Toleranz bleiben Fragen offen. Zum Beispiel: a) Es ist sieher, dass es Grenzen der Toleranz gibt, aber wo liegen sie? Zweifellos hat Toleranz ihre Grenzen, wo Unmenschlichkeit, Missachtung der Menschenwürde und Verachtung des Rechtes auf Leben anderer Menschen und Völker zur Diskussion gestellt werden. Aber dann kommen die Grenzfälle, bei denen man schon unterschiedlicher Ansicht sein kann. Einige Fragen zur Andeutung des Gemeinten: Kann man in einer pluralistischen Demokratie verlangen, dass Nutzniesser ihrer Toleranz, die selbst Intoleranz als Tugend propagieren und praktizieren, wenigstens respektieren, dass ihr kritisches Denken überhaupt nur durch Toleranz wirksam werden kann? Endet die Pflicht zur Toleranz dort, wo sie eingefleischter Intoleranz begegnet? Oder wird Toleranz unglaubwürdig, wenn sie Intoleranz nicht toleriert? Kann eine streitbare Demokratie so weit gehen, dass sie Feinde der Freiheit toleriert? Oder verträgt sich in einer streitbaren Demokratie der Satz „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ mit dem Postulat der Toleranz — eben deshalb, weil Toleranz ihre — legalen — Grenzen hat? b) ist Toleranz eine Sache, die man nur der Majorität gegenüber Minderheiten abverlangen kann? Darf man nicht auch von Minderheiten ein gewisses Mass an Toleranz gegenüber Mehrheitsmeinungen verlangen — zumindest, soweit Toleranz es mit dem Anhören und Ernstnehmen und mit dem Verstehenwollen der Argumente anderer zu tun hat? Ich lasse diese Fragen bewusst offen als Beispiel dafür, dass es auch unter Toleranten Toleranz in der Frage nach den Grenzen von Toleranz geben muss. Aber beileibe nicht alles muss offen bleiben. Folgendes gilt: 2. Toleranz ist ein Wort, das heutzutage Jedermann kennt und das Jedermann in seinen Sprachgebrauch aufgenommen hat. 3. Toleranz ist eine erstrebenswerte Haltung zwischen einzelnen oder zwischen Gruppen oder zwischen Völkern — also immer zwischen Menschen. Objekt der Toleranz kann „der andere“ als solcher, die „andere" Gruppe als solche, das „andere" Volk als solches sein, also immer Menschen. Objekt der Toleranz kann eine Sache sein, eine Idee, eine Ansicht, ein Verhalten...; eine Sache wird vertreten von Menschen; eine Idee wird getragen von Menschen; ein Ansicht wird gebildet von Menschen; ein Verhalten wird praktiziert von Menschen. Menschen, Menschen, immer nur Menschen. .. Der Mensch also ist es, der im Mittelpunkt allen Nachdenkens über Toleranz zu stehen hat. 4. Wenn das Wort ,‘,Tolpranz“ heutzutage bei uns so viel Assoziationen zu wecken vermag, dann ist der Begriff „Toleranz" auf dem Weg zu einem erweiterten Verständnis — auf einem Weg, den man nicht aufhalten soll, indem man eine fertige Definition zu erzwingen versucht. Es wird aber eine Menge ’ Hoffnung in die „Toleranz“ investiert, wenn man ihr zutraut, dass sie zu so vielerlei Ersehntem führen kann wie Gerechtigkeit, Solidarität, Barmherzigkeit und Frieden. — Und weil — wie ich selbst entdecken konnte — heute so viel Hoffnung in Toleranz investiert wird, habe ich diesen Preis gern angenommen. Das Wort „Toleranz“ in seinem heutigen Allgemeinverständnis wäre demnach zu verstehen als ein erster Schritt auf einem Weg, der Stationen hat, die ein „Mehr“ bedeuten gegenüber der Toleranz, die Jedoch nicht erreicht werden können, wenn am Anfang nicht die Toleranz (als Minimum) den ersten Schritt auf diesem Wege tut. 5. Wenn diese These 3 stimmt, dass Toleranz es immer mit dem Menschen zu tun hat, und wenn These 4 stimmt, dass Toleranz ein erster Schritt auf einem mit vielen Hoffnungen beladenen Weg ist, dann kann am Ziel — am Ende dieses Weges, den mit dem ersten Schritt der Toleranz zu begehen sich lohnt — sinnvollerweise nur der Mit-Mensch stehen. An dieser Stelle möchte ich die Theorie wieder dem realen Alltag etwas näher bringen und an drei Beispielen — stellvertretend für viele andere mögliche Beispiele — darlegen, wie es zuge- •hen müsste, wenn man alle die güten und positiven „Gedankensplitter“ über Toleranz kombiniert und im Alltag ernst nimmt und dabei überlegt, wie die Förderung von Toleranz möglich sein könnte. 1. Beispiel: Die Förderung von Toleranz zwischen einzelnen Menschen. Ich darf — wie schon gesagt — unter vielen möglichen anderen Beispielen auf das eingehen, was meinen eigenen Berufsalltag ausfüllit und mir daher besonders nahe liegt: Menschen vor Gericht. Da gibt es den Zivilprozess, und da gibt es die Hauptverhandlung in Strafsachen. Im Zivilprozess stehen sich zwei Parteien (meistens zwei Menschen von Fleisch und Blut) gegenüber — gleichberechtigt — und streiten: Der Streit kann — theoretisch — mit einem versöhnenden Vergleich enden. Manchmal gelingt es dem Richter, einen solchen Ausgang zu vermitteln, oft gelingt es nicht, denn von den beiden, die da stehen und streiten, glaubt Jeder, er — und nur er allein — sei Im Recht. Dabei kann doch nur einer „Recht bekommen“. Wenn nun der Richter ein Mensch ist, dem Förderung von Toleranz ein Anliegen bedeutet, und -wenn es stimmt, dass Toleranz; es mit Gelassenheit, mit Selbstbescheidung und mit dem Erkennen eigener Grenzen zu tun hat, dann müsste es dem Richter in vielen Fällen gelingen, in rechthaberisch streitenden Menschen vor Gericht Einsichten zu wecken, die zu einem versöhnenden Vergleich führen. Diese Einsichten könnten etwa so lauten: Nicht immer steht Recht gegen Unrecht! Manchmal steht Recht gegen Recht. Jeder kann gute Gründe haben; oder wer sein eigenes Recht geltend macht, vergesse nie, dass das eigene Recht immer seine Grenze am Recht des anderen findet; oder wer Recht hat, überlege, ob es nicht auch hier und da besser sein kann, vom eigenen Recht keinen Gebrauch zu machen; man vergibt sich nichts, wenn man auf ein Recht verzichtet. Es ist meine eigene Erfahrung, dass Toleranz solche Einstellung möglich macht und dem Frieden dient — hier dem Rechtsfrieden. Und es gibt den Strafprozess. Da steht in der Hauptverhandlung der Angeklagte (manchmal mit einem Verteidiger, sehr oft ohne einen solchen) ganz allein vor Gericht. Keine „zweite Partei“, mit der er — gleichberechtigt — streiten könnte. Aus seiner Sicht — zu Recht oder zu Unrecht — ist hier „alles gegen ihn“: der Staatsanwalt wird ihn gleich anklagen, das Gericht wird ihn verurteilen, der „Wachtmeister“ wird ihn abführen. Und dann ist da das Publikum — die sogenannte „Öffentlichkeit“. Auch sie ist gegen ihn. Man bestärkt sich anscheinend selbst darin, ein guter Mensch zu sein, wenn man innerlich „den Straftäter da“ verurteilt. Und dass man dies tut, zeigt man durch Gesten und gelegentliche Ausrufe der Empörung — damit es die anderen auch wahrnehmen, wie man eine solche Tat — und damit den. „Täter“ — verachtet. Fällt das Urteil streng aus, geht ein beifälliges Murmeln durch den Saal. Ist es zu milde, wird der Unmut deutlich hörbar. Damit gerade hier kein Missverständnis entsteht, sei eindeutig gesagt: Wer eine Straftat begeht, wer seine Mitmenschen bestiehlt, betrügt, ausraubt oder sogar tötet, muss dafür einstehen, und die Opfer solcher Straftaten bedürfen unseres Mitleides und unserer Hilfe in grösstmöglichem Rahmen. Es gibt entsetzliche Taten, und an dieser Stelle möchte ich Heinrich Albertz zitieren, als er nach dem Mord an Jürgen Ponto im „Wort zum Sonntag" sagte: „Wer brutale Gewalt übt, wer mordet, wer Mörder unterstützt, wird nicht nur an seinen unmittelbaren Opfern schuldig. Er zerschneidet Jeden Lebenszusammenhang, er ... endet dort, wo wir schon einmal geendet sind, als ein Mörder unser Volk regierte...“ So ist es. Ich streiche nichts davon ab. Und dennoch: In der Hauptverhandlung ist der Angeklagte — Je schwerer seine Tat, umso mehr — der einsamste Mensch im ganzen Raum. „Hier“ sitzt er und „dort" der Staatsanwalt, das Gericht, die Zeugen, die Sachverständigen, die Aufsichtsbeamten, das Publikum. Wie sehr vermisst man in solchen Augenblicken die auch nur kleinsten Anzeichen einer „Solidarität der Sünder vor Gericht“, die doch spürbar werden müsste, wenn Toleranz es mit Verständnis, Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Solidarität zu tun hat, und wenn hier irgendwo ein wenig „Toleranz" (im weitesten Sinn) mit im Spiel wäre. Toleranz schliesst nicht aus, dass man einen Täter — wenn nötig auch streng — bestraft. Aber sie schliesst aus, dass einem nach Rechtskraft des Urteils das Schicksal des Verurteilten gleichgültig wird. Ich kann als Staatsanwalt einen Täter mit voller Überzeugung anklagen und ihn als Richter mit voller Überzeugung verurteilen und anschliessend bei ihm in der Zelle sitzen und an seiner Seite an seinem Schicksal mitleiden. (Das ist keine Phrase — das ist meine eigene Lebenserfahrung). 2. Beispiel: Die Förderung von Toleranz zwischen Gruppen. An dieser Stelle möchte ich ein ' Bekenntnis von Schwäche ablegen, damit Sie mich 2

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