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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1980-05-01 · No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung · p. Seite 51

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1980
Issue
No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung
Date
1980-05-01
Page
Seite 51 (sequence 2519)
Language
German
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Ich seihst nahm die Gründung einer Ortsgruppe vor, welche bald 40 Mitglieder zählte, die statutengemäss auf Grund ihres Militärpasses sich als Frontkämpfer ausweisen konnten. Mein Vater war mit meiner Aktivität nicht ganz einverstanden, befürchtete er, vielleicht nicht zu Unrecht, dass wir einen Teil unserer Kunden verlieren könnten. Zählten wir doch zu diesen viele Rittergutsbesitzer, Landwirte, Beamte und auch Baumeister, die, wenn nicht deutschnational, so doch zur deutschen Volkspartei und zum Stahlhelm gehörten. Bald liess auch die Deutschsoziale Partei und ihr Führer, der berüchtigte „Knüppelkünze", bei uns von sich hören. Diese Partei hielt eine Wahlversammlung ab, zu welcher auch unser Frontbund und ein grosser Teil der Arbeiter aufmarschierte. Es sprach ein Dr. Veit aus Meiningen (dieser Ort erweckte Erinnerungen in mir). Der Redner brachte so dumme Lügen über die Juden vor, dass ich mich beinahe zum Worte melden wollte, um ihm zu entgegnen. Da mir mein Vater strengstens verboten hatte, öffentlich zu sprechen, unterliess ich es. Im weiteren Verlauf wurden Widersprüche der Arbeiter laut, da sie selbst die Anklagen gegen die Juden nicht glaubten. Da besass der Vortragende den Mut, die Behauptung aufzustellen, dass, wenn er nicht die Wahrheit gesprochen hätte, sich doch mindestens ein Jude zum Worte gemeldet haben müsste um ihm zu entgegnen, was jedoch auf allen seinen Vortragsreisen niemals der Fall gewesen sei. Da konnte ich mich nicht länger beherrschen und rief: „Dann meldet sich jetzt einer zum Wort!“ Der Vortragende stutzte erst, dann rief er. „Es wird mir nachher eine besondere Freude sein“, worauf ich erwiderte: „Vielleicht auch nicht!“ Nachdem er nun seinen Vortrag beendet hatte drängte ich zum Vortragspult auf die Bühne, gefolgt von vielen Frontbündlern und einigen Arbeitern, die mich kannten. In einer fast einstündigen Rede, in der ich mich auf Verteidigung beschränkte, hatte ich auf meine Mitbürger, die mich kannten, einen solchen Eindruck durch die Leidenschaftlichkeit meiner Argumentation gemacht, dass ich wusste, ich würde siegen. Die Gegner, die es merkten, versuchten, mir das Wort abzuschneiden, besonders die Schüler der Baugewerksschule, welche ich leicht abfertigen konnte. Aber die Arbeiter ergriffen für mich Partei, und der Schluss war, dass der Vortragende nicht mehr sein Schlusswort sprechen konnte, da alles im Tumult unterging. Meine Mitbürger riefen mir vielfach zu: „Na, dem haben Sie es aber gut gegeben!“ Wichtig war mir nur gewesen, dass man uns nicht feige schelten sollte. Mein Vater war mit meinem Auftreten, das am nächsten Tage in der Zeitung erwähnt wurde, nicht einverstanden. Aber der Vorstand der jüdischen Gemeinde kam zu mir, um mir für mein mannhaftes Auftreten zu danken, was ich lächelnd entgegen nahm. Aber bei den Gegnern stand ich auf der schwarzen Liste. Inzwischen hatten sich meine Familienverhältnisse wie folgt entwickelt. Meine verheiratete Schwester hatte eine Tochter bekommen. Mein ältester Bruder hatte in Berlin selbst ein Metallgeschäft aufgemacht. Mein zweiter Bruder war Rechtsanwalt geworden und hatte sich mit unserer Kusine verheiratet. Mein jüngerer Bruder kam 1920 aus der Gefangenschaft zurück, und nach dem Wunsche des ältesten Bruders sollte er (da er schon sein Baumeisterexamen bestanden hatte), noch die technische Hochschule besuchen, was er auch 2 Semester lang tat. Der jüngste Bruder endlich ging schon als Student jur. auf die Berliner Universität. Bei meinen öfteren Besuchen bei meiner verheirateten Schwester, deren Mann in einer pommerschen Kleinstadt (ca. 2 Stunden von meiner Heimat entfernt) ein Manufakturgeschäft hatte, wollte es mir nicht gefallen, dass mein Schwager als Geschäftsmann sich zum sozialdemokratischen Stadtverordneten wählen liess. Seine Kollegen weilten viel im Geschäft, und er opferte viel Zeit für sein Amt. Aber die Folge war, dass sich ein Teil der bürgerlichen Kunden zurückzog und in anderen Geschäften einkaufte. Da das Geschäft darüber kaputt ging, musste mein ältester Bruder einspringen und half mit einer grossen Geldsumme aus. Ich selbst betätigte mich nicht parteipolitisch. Zwar wurde ich vom „Bund der freien sozialdemokratischen Jugend“ eingeladen, dort zu sprechen und hielt auch vor ca. 200 jungen, arbeitenden Menschen beiderlei Geschlechts einen ca. 2stündigen Vortrag. „Wie kann die deutsche Jugend am Wiederaufbau des Vaterlandes mitarbeiten“. Mein Referat wurde mit grossem Beifall aufgenommen und brachte nicht nur mich allein, sondern auch die jüdische Jugend diesen Kreisen näher. Man versprach sich gegenseitig zu nähern, was auch der Fall wurde. Ich wurde nicht Mitglied irgendeiner politischen Partei, ging aber in alle Versammlungen und wurde nicht dümmer davon. Mit grossem Eifer widmete ich mich nur dem Jüdischen Jugendbund, wo auch mein aus der Gefangenschaft heimgekehrter Bruder einen Vortrag über seine Erlebnisse hielt. Auch vor der jüdischen Gemeinde hielt ich einen Vortrag und wurde nun mit grosser Mehrheit ins Repräsentantenkollegium gewählt. Auch in den Vorstand des einst von meinem Grossvater gegründeten „Jüdischen Wohltätigkeitsverein“ wurde ich gewählt. Mein Vater, der früher lange Jahre Repräsentantenvorsteher war, sagte zwar, dass jedes Amt viel Aerger und Feinschaft mit sich bringe, wenn man es objektiv versehen wolle, aber ich muss sagen, dass man mir, dem jüngsten Repräsentanten Achtung und Respekt zollte, da ich immer rein sachlich blieb. Geschäftlich hatte ich mich nicht nur bei den alten Kunden eingeführt, sondern auch neue geworben, sodass ich viele Neubauten in der Stadt zu installieren hatte. Ich ging auch zu den Behörden und stand bald in guter Geschäftsverbindung mit dem St.adtbauamt, Kreisbauamt, Preussischen Hochbauamt, sowie mit der Militärbehörde. Da mein jüngerer Bruder in einer Fabrik für Bierdruckapparate und Sodafontainen Angestellter geworden war, so übernahm ich von dieser Firmr., die teilweise meinem ältesten Bruder gehörte, die Vertretung und belieferte eine Anzahl von Restaurants mit neuen Apparaten. Mein Vater meinte nun auch, es wäre Zeit, dass ich ans Heiraten dächte, und meine verheiratete Schwester hat in ihrem Wohnort eine befreundete Familie mit zwei Töchtern, deren ältere sich gerade verlobt hatte, während die zweite, ein gut wirtschaftlich erzogenes anständiges Mädel noch zu haben sei. Auch mir gefiel dieses Mädel ganz gut, und ich trat in freundschaftlichen Briefverkehr mit Einwilligung ihrer Eltern. Zur Hochzeit der älteren Schwester fand auch unsere Verlobung statt, zu der ua. viele christliche Nachbarn, sogar der deutschnationale Bürgermeister zugegen war. Im Jahre 1921 heiratete ich, und auf meiner Hochzeitsreise nach der Insel Rügen'las ich dort von der Ermordung Erzbergers. Es war klar, dass man unterirdisch wühlte, um die Männer der republikanischen Regierung einzuschüchtern. Als nun auch bald die Inflation einsetzte, begann ringsum die wirtschaftliche Not zu steigen. Man konnte selbst nicht mehr richtig rechnen. Aber besonders schlimm traf es die Arbeiter und den Mittelstand, zu dem man auch die Beamten rechnen musste. Auch gesellte sich eine grosse Wohnungsnot dazu. Um diese Zeit wurde auch unsere Synagoge von der Baubehörde für baufällig erklärt, und unsere Gemeinde beschloss den Bau einer neuen Synagoge. Ich wurde auch Mitglied der Baukommission. Wir übergaben die Bauleitung einem tüchtigen evangelischen Architekten, der auch provisorisch Direktor der Baugewerkschule war. Um diese Zeit wurde in der Stadt ein „Verein für Kunst und Wissenschaft“ ins Leben gerufen, in dessen Vorstand ich ebenfalls gewählt wurde. Kurz darauf trat ich als tätiges Mitglied in den neugegründeten „Gesangsverein“, dessen Leitung ln den Händen eines feinsinnigen Musikers lag, der Musiklehrer an dem dortigen katholischen Lehrerseminar war. Ich wurde einer seiner besten und zuverlässigsten Sänger, wie überhaupt die fünf jüdischen Sänger und Sängerinnen auserlesenes Stimmaterial besassen. Der Chor zählte ca. 80 Mitglieder. Wir gaben auch in der Umgebung der Heimatstadt wiederholt Konzerte mit grossem Erfolg. Leider war unser Dirigent, der einen polnisch klingenden Namen hatte, vielen Anfeindungen vonseiten der evangelischen Mitbürger ausgesetzt, und als die Abstimmung in Oberschlesien war, fuhr er auch dorthin, um als Deutscher abzustimmen. Mit einer Lungenentzündung kehrte er heim, an der er 2 Wochen danach starb. Wir begruben ihn mit dem Gesang seiner eigenen Komposition. Als aber dann ein grosser Abstimmungssieg für Deutschland stattfand, bewegte Bich in patriotischer Begeisterung ein grosser Demonstrationszug sämtlicher Vereine durch die Stadt, an dem auch die jüdischen Vertretungen teilnahmen. Nachdem um diese Zeit die Nationalsozialistische Partei durch Adolf Hitler gegründet wurde, kam auch in unsere Stadt ein neuer Geist. Besonders die Baugewerkschüler wurden Mitglieder und machten Reklame für das Hakenkreuz. Im November 1922 hatte ich das grosse Glück, dass mir meine Frau einen Sohn gebar, den ersten Stammhalter unserer ganzen Familie. Auch meine filtern freuten sich sehr, aber mein Vater, der bettlägerig war, konnte das Kind nicht sehen, und hat es auch nicht mehr gesehen, da er im Dezember einen Schlaganfall hatte und wenige Tage darauf verstarb. Und das in dem Augenblick, als mein ältester Bruder gerade eintraf um ihn noch zu sehen. Früher hatte mein Vater immer gesagt, dass jedes Mal, wenn sein ältester Sohn ihn besuchte, er ihm immer Segen brachte. So brachte er ihm auch jetzt den Segen der Erlösung. Nunmehr, als alleiniger Leiter des Betriebes musste sich erweisen, ob ich mir bereits das Vertrauen der Kundschaft erworben hatte, oder ob es nur meinem Vater gegolten hatte. Ich konnte aber feststellen, dass mir die privaten, wie auch behördlichen Kunden treu blieben; ja, ich erwarb noch neue dazu. Durch die Besetzung des Ruhrgebiets steigerte sich nunmehr die Inflation ins Uferlose, und die Not wurde riesengross. Mein jüngster Bruder, der stud. jur. konnte sich für das Geld, mit dem mein Vater zu dessen Gunsten in Höhe von 5000 Mk. versichert war, gerade noch ein Pfund Butter kaufen. In dieser Zeit kauften viele wohlhabende und die Situation begreifende Bürger Grundstücke und Ländereien von den in Not geratenen Mitbürgern. Auch die Stadt gab Notgeld heraus, und die Kreisbank unseres Kreises baute sich einen Bankpalast mit selbstgedrucktem Notgeld. Inzwischen kam der Hitlerputsch im Bürgerbräukeller zu München und der Verbot der Partei. Auch Herr Ludendorff hatte sich kompromitiert, während für Feldmarschall v. Hindenburg überall, sogar in vielen Arbeiterkreisen Sympathie herrschte. Für den Augenblick schien der Hitlerismus erledigt, sogar ersthafte nationale Politiker lehnten diese Geistesrichtung ab. Ja, es muss gesagt 51

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