Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2518)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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(ANM. D. REDAKTION. M E In der vorigen Ausgabe unseres Mitteilungsblattes brachten wir den Ersten Teil der Erinnerungen von Edwin Landau. In der Fortsetzung beschreibt Herr Landau seine Kriegserlebnisse als Frontsoldat an allen Fronten Aus Raummangel können wir diesen Teil seines Berichtes Leider nicht abbdrucken. Wir setzen heute den Bericht mit. seinen Erlebnissen in den zwanziger Jahren fort). ■¥■ Am 9. Dezember 1918 meldete ich mich mit anderen in Spandau um Urlaub zu nehmen. Als wir dann in die Kleiderkammer des Ersatzdepots kamen, und um bessere Mäntel baten (es waren noch die gleichen Bonzen dort, wie im Frühjahr als wir ausgezogen waren) und diese Leute uns höhnisch sagten, unsere Kleidung wäre gut genug für Revolutionäre, wurden sie überrant und hinausgeprügelt und andere Beamte kleideten uns ein. Wir draussen an der Front hatten bestimmt nicht an Revolution gedacht, sondern an den Sieg. Am gleichen Tage war ich in Berlin bei meinem ältesten Bruder und unsere Freude war gross. Unverhofft kam ich am folgenden Tage in meiner Heimat an, und die Freude meiner Angehörigen war gross. Noch grösser wurde sie, als ich alle meine Liebesgaben auspackte, die ich aus Frankreich und Belgien mitgebracht hatte. Es waren alles Dinge, die man in der Heimat schon lange entbehrt hatte, wie z.B. Waschseife, Kaffee, Schokolade, Kakao, Tee und Kerzen. Und nun ging das Erzählen los, und die Nachbarn kamen und hörten zu. Und nun kamen auch täglich die Soldaten zurück, und viele Bekannte konnte ich Wiedersehen und sprechen, darunter auch manche, die Offiziere waren. Und alle, die ich sprach, waren froh darüber, dass nun endlich nach 4 Jahren der Krieg vorbei war, wenngleich mit der Republik nicht alle einverstanden waren. Man merkte vielen dieser aus gut bürgerlichen Kreisen stammenden an, dass sie lieber prominente Persönlichkeiten an der Spitze gesehen hätten. Auch ich war im Herzen kein Republikaner, da mir die Monarchie noch zu sehr im Blute lag. Ich brauchte überhaupt erst einmal etwas Zeit, um mich in alles hineinzufinden und mich von alten Vorstellungen freizumachen. Interessant war für mich die Tatsache, dass mein Vater ein strammer Republikaner war und meine Mutter stets den Kaiser in Schutz nahm und aus ihrer Liebe zur Monarchie keinen Hehl machte, sodass es zuweilen zwischen den Eltern politische Diskussionen gab. Und ich sah mir auch die lieben Mitbürger an und konnte sie einteilen in die nie erwachenden Spiessbürger, die nie zufrieden zu stellenden Nörgler, die selbst am liebsten beim Glas Bier den Krieg gewonnen hätten, und die ehrlichen Gegner der Republik. Dazwischen gab es auch noch eine Schicht, die sich noch nicht zu erkennen gab und auch die Beamten, die teils für und teils gegen die Republik eingestellt waren. Nun trat auch an mich die Frage heran, was jetzt wieder beginnen. Als erstes meldete ich mich zur neu gegründeten Bürgerwehr, um den inzwischen in Posen und anderen Städten eingedrungenen Polen Widerstand zu leisten, falls sie auch bis zu uns Vordringen sollten. Infolgedessen winde ich aus dem Militärdienst entlassen, und mein Pass trug bei der Rubrik „Führung“ den Vermerk: Sehr Gut. Als dann die Polen wieder zurückgedrängt waren, wurde die . Wehr wieder aufgelöst, und die Gewehre wieder abgegeben. Ich ging auch viel in den heimatlichen Wäldern, die ich so sehr liebte, 50 IN LEBEN EDWIN LANDAU (Fortsetzung) spazieren. Noch lag Schnee auf den Bäumen, und die Seen waren noch eisbedeckt. Und trotz dieser Starre in der Natur war ich überglücklich — Heimat, wie oft habe ich in Ost und West gewünscht, wieder oder noch einmal nur Sie zu sehen und nun war ich da, und der Krieg war vorbei, und ich konnte die Natur in all ihrer' Schönheit gemessen. Ich würde sie immer besitzen ... immer. Welch ein Gottesgnadengeschenk ... Mein jüngster Bruder schmachtete immer noch in französischer Gefangenschaft, und wenn er auch regelmässig schrieb, so waren die Eltern doch sehr bedrückt. Trotzdem konnten sie sich glücklich preisen, denn sie hatten im Kriege keinen Sohn verloren. Meine Eltern hatten den Wunsch, dass ich wieder daheim im Betrieb arbeiten sollte, denn mein Vater war ja auch älter geworden und schliesslich musste ich doch zurück ins berufliche Leben. Ich hatte mir aus dem Felde einen festen Willen, Energie und Tatkraft mitgebracht. Und so ging ich mit frischer Kraft an die Hebung des Geschäfts, was mir auch langsam gelang. Ich gewann mir Vertrauen bei den Behörden, und da ich Frontkämpfer war, erhielt ich von diesen Aufträge, sodass ich in der Klempnerei und Installation noch einen Facharbeiter einstellen musste. Aber mir genügte nicht die Arbeit im Geschäft allein; ich hatte auch andere Interessen, und auch verlangte es mich nach politischer Betätigung. Zunächst wollte ich die reifere jüdische Jugend erfassen, damit sie in die neue Zeit mit neuen Gedanken hineinwachsen sollte. Zwar lebte noch der Synagogengesangsverein, aber er hatte andere Bestrebungen. Die Jugend musste lernen, selbständiger zu denken, sich selbst gegenseitig zu erziehen und Gemeinschaftsgeist zu pflegen. Auch wusste ich aus eigener Lebenserfahrung, dass man die jungen, jüdischen Angestellten und Lehrlinge mit heranziehen müsse, damit sie sich nicht so wie einst vereinsamt fühlen. Und so ging ich an die Gründung eines jüdischen Jugendbundes, wozu ich auch die Gemeindevertretung eingeladen hatte. In der Versammlung, die ich leitete, und in der ich meine Gründe darlegte, hatte ich die Genugtuung, fast die ganze Jugend hinter mir zu sehen. Dagegen waren die älteren Gemeindevertreter dagegen, sogar mein früherer Lehrer. Diese Leute meinten, man sollte die Jugend im Gesangsverein zusammenfassen; ein neuer Verein wäre unnötig. Aber die Jugend kam mehrfach zum Wort, besonders die weibliche, und sie siegte. Der Verein wurde gegründet, und ich als Vorsitzender übernahm die ersten Referate. Bald wurde auch sein Wirken von der Gemeinde anerkannt. Als sich nach kurzer Zeit Bestrebungen bemerkbar machten, besonders von einigen Chaluzim, die in der Umgebung auf einem jüdischen Gute arbeiteten, den Verein mit zionistischer Tendenz zu durchsetzen, setzte ich es durch, dass die neutrale Grundlage desselben gewahrt blieb. Nach einiger Zeit beantragte ich bei der Gemeindevertretung, eine Gedenktafel für die gefallenen jüdischen Soldaten der Gemeinde in der Synagoge anzubringen. Da man in dieser Angelegenheit sehr lässig war, wohnte ich einer Versammlung der Vertretung bei, um mich bei dieser Gelegenheit darüber zu beschweren und griff auch bei dieser Gelegenheit den Geist dieses überalterten Kollegiums an, was mir natürlich einige Gegnerschaft eintrug. Bei einer kurz darauf stattfindenden Ersatzwahl, bei der auch ich als Repräsentant kandidierte, fiel ich durch, was den Leuten Genugtuung brachte. Aber auch in nichtjüdische Vereine trat Ich ein. Ich wurde Mitglied des Männergesangsvereins, des Schachklubs und des Handwerkervereins, überall begegnete man mir mit Freundlichkeit und in gemütlichen Stunden erzählte man untereinander seine Kriegserlebnisse. Aber es herrschte doch in allen Vereinen ein monarchistischer Geist, und die Republik schien nur geduldet. Nun kam dazu, dass eine der ersten Taten der Republik, die Schaffung einer neuen Fahne war, wodurch sofort ein grosser Zwiespalt in die Bürgerschaft hineingetragen wurde. Wenn es auch erklärlich war, dass besonders die Arbeiterschaft, die in den sozialdemokratischen Gewerkschaften organisiert war, sich sofort der Fahne schwarzrot-gold bediente, so wurde doch dadurch ganz offen der Widerspruch eines Teils der bürgerlichen, besonders aber der Rechtsparteien herausgefordert. War an und für sich die Anhängerschaft der demokratischen und anderer Mittelparteien im Anfänge noch gering (und auf diese Parteien stützte sich ja zunächst die Republik), so war die Liebe des grössten Teils doch mehr bei der schwarz-weiss-roten, als bei der neuen Fahne. Schliesslich musste sich diese ja erst einmal die Herzen der Menschen erobern, die ihr bisher noch fremd gegenüberstanden. Was meine persönliche Einstellung anbetrifft, so habe ich gleich am Anfang zu einem jüdischen Frontkameraden geäussert: „Über die Fahne wird eines Tages die Republik stolpern“. Auch mein Herz war wie das der meisten Frontkämpfer immer noch bei der schwarzweiss-roten Fahne, für welche wir jahrelang gekämpft hatten. Obwohl sich der grösste Teil der jüdischen Bürger um die Linksparteien scharte, hatte doch nur ein einziger den Mut, bei allen Anlässen die schwarz-rot-goldene Fahne zu zeigen. (Diesen Mut hat er nach der Machtergreifung Hitlers im Konj zentrationslager büssen müssen). Bei den bald einsetzenden Wahlversammlungen, an denen auch ich regelmässig teilnahm, konnte man bald unterscheiden wer Republikaner oder Gegner war. Ich hatte sehr viele katholische Bekannte und auch Kunden, mit denen man sich gelegentlich aussprach. Trotzdem durfte man sich nicht ganz offenbaren, da man ja nicht in das Herz dieser Menschen sehen konnte. Es war damals ja noch eine Atmosphäre eines gewissen Misstrauens der Bürger untereinander. Diese befanden sich ja immer noch in Gärung, und viele wussten selbst nicht, wo sie hingehörten. Eines stand jedoch fest; wenn wir, jüdische Soldaten, geglaubt hätten, uns durch die Teilnahme am Kriege die Liebe unserer Mitmenschen zu erringen, so hatten wir uns geirrt. Herrschte auch kein offener Antisemitismus, so standen den Juden, welche doch mit den Arbeitern solidarisierten, ein grosser Teil der Leute als Gegner gegenüber, welche die Republik hassten. Es schien auch schon, als ob die wirtschaftliche Macht dieser Gegner sehr stark war, und dass auch von ihnen bald die Parole ausgegeben wurde, dass die meisten Juden Drückeberger gewesen seien. Und so wie in meiner Heimatstadt, war es ja im ganzen Reiche, und wenn auch die Arbeiter stets die Juden in Schutz nahmen, so schlossen sich doch die jüdischen Frontkämpfer, für welche der Schutz von dieser Seite eine gewisse Demütigung darstellte, unter Führung früherer Offiziere zu einer Vereinigung zusammen, dem „Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten“.