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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1980-05-01 · No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung · p. Seite 47

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1980
Issue
No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung
Date
1980-05-01
Page
Seite 47 (sequence 2515)
Language
German
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„Der Kapitän bittet die Herrschaften, sich in ihre: Kabinen zu begeben“. Schön gesagt, dachte ich — so man eine hat! Und blieb also oben, wie andere auch. „Alle Herrschaften verlassen das Deck!“ tönte es nach fünf Minuten. Wir sahen jetzt sämtlich angstvoll nach oben, wo es sich unheimlich blauschwarz von einer Seite, gelb von der andern zusammenzog. Man rannte zur Treppe, wenige blieben. Wo sollten wir eigentlich hin? In die zwei schmalen Korridore zwischen den Kabinen im oberen und unteren Stock? Zu den Heizern? Auf die engen Wandbänke in den Restaurants — wir zweihundert? Neben mir stand jetzt ein etwa vierzigjähriger Mann, der jovial versicherte: „Möchte doch mal einen richtigen Sturm erleben, habe noch nie so was durchgemacht!“ Kannst du haben, dachte ich. Und noch dazu in einem See! Denn auf dem fuhren wir nun, und zwar so geschwind, wie unser langer und so schmaler Kasten sich noch nie bewegt hatte. Das Deck wurde leer. Es kam ein schneidender Wind, der sich in zwei Minuten zu einem Sturm auswuchs. Ich jagte zur Treppe, und als ich mich, schon ein paar Stufen tiefer, nach dem Mann umdrehte, wurde er gerade von dem Pfahl, den er umarmt hatte, losgerissen und im Nu zur Treppe geschleudert, wo ihn ein Matrose auffing und wütend hinunterwarf. Ich war eine der letzten, die in einer schreienden, weinenden, tobenden Menge von Männern, Frauen und Kindern, nach einem freien Fleck suchte. Ich war aber auch die erste, der es übel wurde, wohl aus übergrosser Anstrengung vorher, denn sonst bin ich auch auf dem Meer, bei schlimmstem Unwetter, nie seekrank geworden. Ich wachte in einem Bett auf, sehr verwundert. Es war, wie ich später hörte, eine Offizierskabine, eine von ganzen sechs. Denn die Offiziere durften in dieser Nacht natürlich nicht schlafen, sondern hatten mächtig zu tun, um das Schiffchen mitten auf dem wilden See zu halten. Wehe, wenn es etwa an einen Strand schlug, dann würden am Morgen wohl nur Trümmer noch von ihm und uns erzählen. Übrigens waren auch alle Offiziere und Matrosen seekrank — sie mussten aber doch dabei arbeiten — nur nicht der alte Seebär von Kapitän. Mein Bett war eng, zu meinen Füssen war Raum nur für Waschtisch und Stuhl. Zu beiden Seiten hatte ich Riegel. Ich brauchte mir nicht lange den Kopf zu zerbrechen, wozu diese Dinger da waren — ein furchtbarer Stoss, der mich einen Meter hoch warf, lehrte mich, sie zu fassen und festzuhalten. Durch solch einen Stoss war ich wohl auch erwacht. Das Schiff krachte in allen Fugen, und die Masten klatschten links und rechts ins Wasser. Und dabei schlingerte das Schiff einmal von oben nach unten, dann von links nach rechts; und so ging’s alle Minuten: pardauz! Schwung nach oben und ratsch! zurück ins Bett. ES war nun gegen elf, sollte das die ganze. Nacht so weiter gehen? Mein armer- Magen drehte sich um und um: dabei hatte ich doch fast nichts gegessen. Mir wurde mörderlich schlecht, aber unbarmherzig ging es weiter: hopp nach oben, wupp nach unten .schlingering links, schlingering rechts, hopp, wupp, hopp, wuppp... Und dabei schlief ich ein! Muss so um Mitternacht gewesen sein. Mein herrlicher Jugendschlaf! Als ich morgens erwachte, lachte zur Luke der blaue Mimmel herein, die Sonne malte Kringel auf meine Decke, und das Schiff fuhr wieder ruhig — glitt über den grossen, strahlenden See. Ich wusste noch immer nicht, was für ein Glückspilz ich gewesen war. Meine zweihundert Schicksalsgenossen — bis auf fünf, die die übrigen Offizierskabinen bekamen — wurden in die Restaurationsräume bugsiert, die. Frauen in den oberen Stock, die Männer in den unteren. Sie lagen da an der Wand (ohne Riegel) auf den schmalen Bänken, wo die Füsse eines Menschen aufhörten, fing der Kopf eines andern an. Da sie sämtlich seekrank waren, kann man sich die Luft in den schmalen Räumen vorstellen; die Luken mussten geschlossen bleiben, da das Wasser ja sogar über das Deck schlug und selbst die Masten bald links, bald rechts ins Wasser tauchten (das war das Schlingern!) Bei den Männern, einen Stock tiefer, war die Luft fast unerträglich. Aber selbst hier war nicht Platz genug für die Überzähligen. Für diese hatte der Kapitän eine Art Leinwandgitter auf Deck machen und und die Ärmsten in Schlaf - decken wickeln lassen — aber ich sah sie am Morgen, wie Sturm und Wasser sie zugerichtet hatten, mit roten triefenden Augen, braun und blau geschlagen.- Und nun sah der Himmel drein, als könnte er „kein Wässerlein trüben“, die Sonne lachte herunter, lachte offenbar über uns, und wir stoppten wieder einmal an einer Schleuse und liessen uns erzählen, dass die Seeleute neun Stunden lang mit allen Kräften das Schiff in der Mitte des Wenersees gehalten hätten und es also gottlob nicht zerkracht war. Da fingen sogar die hustenden, schnupfenden Rotäugigen wieder ein bisschen an zu leben. Nach einer Weile kamen mir aber andere Gedanken. Wir hatten noch zwei Tage zu fahren, und von den achtzehn Schleusen waren noch die wenigsten erledigt. Von einer Beschleunigung war nichts zu spüren; offenbar war der Kapitän zufrieden, wenn seine Maschinen nur überhaupt durchhielten, wie seine Feuerung, mit neun Stunden Kampf noch dazu. Aber das liebe Schifflein sollte nachmittags in Stockholm ankommen — und wenn es nun aber mitten in der Nacht anrutschte? Jetzt freute es mich, dass ich mir ein Zimmer im Hotel Continental vorausbestellt hatte. Aber wie hinkommen? Würde ich bei dem Ansturm von so viel Menschen und mitten in der Nacht einen Wagen bekommen? Gehen — womöglich im Finstern? Ohne ein Wort schwedisch? Siehst du, wohin die Faulheit führt, dachte ich. Warum hast du nicht schwedisch gelernt? Aber dann rebellierte ich: Auch das noch! Vielleicht auch dänisch und norwegisch dazu? — Nein, ich müsste es machen wie beim Sturm — gar nichts planen, abwarten und mich fest auf meinen allerdings schon vielgeplagten Schutzengel verlassen. Also verlebte ich den Rest der Schleusen und der Fahrt in behaglicher Stimmung, schwamm an lauter grüngoldener Herrlichkeit vorbei, liess mich von der milden Sonne wärmen und von der Brist kühlen, der folgende Wettersee war überaus freundlich, und so auch der Mälar, und ich kam wirklich mitten in der Nacht in Stockholm an. Kein Mond und keine Sterne. Nach ein paar Minuten kein Mensch mehr in Sicht, auch kein Schiff, kein Haus. Nichts als undurchdringliche Schwärze und ein Gebrause von verschiedenen Seiten. Herr du mein, dachte ich bänglich, ich weiss nichts als ein einziges Wort: „Continental“! Und das brüllte ich jetzt in die ägyptische Finsternis hinaus. „Hier!“ sagte plötzlich eine tiefe Stimme, gleich darauf schälte sich eine Nebelgestalt aus dem Nichts, und es war ein Kutscher — mit der Stirnmütze „Continental“! — Nun ging ich immer einen Schritt hinter ihm und meinem Koffer zu seinem Wagen, stieg ein, hottelte los und war nach einer Viertelstunde in einem herrlichen Bett. Glückselig. Was war da zu sagen? Höchstens: danke, Schutzengel! Stockholm habe ich dann eine Woche lang ausgiebig genossen. Zuerst schlenderte ich nur ln Strassen und Gassen, hinauf zum Schloss und zur Kathedrale, hinunter zum Hafen und zum Meer. Stundenlang konnte ich da sitzen und auf die zahllosen Inseln schauen, auf das Gewimmel der Boote und Segler und Dampfer, auf die Farben der See. Endlich sah ich doch einmal in meinen Führer hinein, und entdeckte nun unter dem vielen Besternten und Gepriesenen zwei Ausflüge, die mir begehrenswert schienen: Upsala und Saltjöhaden. Aber ich hatte eins zu wählen, für beide reichte die Zeit nicht mehr. Ich entschied mich für Saltjöbaden, denn damals war mir (wie heute wieder) die Natur das Liebste. Ich war sehr glücklich dort, mitten im Grünen und gleichzeitig im Meer, rundum nichts als Schönheit. Diese leise singenden Wellen der Ostsee vergass ich selbst über dem Brausen der Brandung in Biarritz nicht. Sehr niedergeschlagen stieg ich auf das letzte Schiff meiner Fahrt. Nun nur noch ein, zwei Tage Seeluft, kein Schweden mehr, und dann die Türme von Lübeck... Aber ich irrte. Die Fahrt war schön, so sehr, dass ich Ort und Zeit vergass. Ich starrte nur immer auf die Wellen und verlor mich in Träumereien. Da klopfte mir wer auf die Schulter. „Wissen Sie auch, wo Sie jetzt fahren? Da, tief unter Ihnen, liegt Wisby, die versunkene Stadt — Ich erschrak. Wisby — das war Ja die Märchenstadt mit der reichen Frau, die ihr Korn ins Meer schüttete und lachte, weil die Hungernden darum weinten — Wisby, die verderbte Stadt, die zur Strafe in einem furchtbaren Sturm vom Meer verschlungen wurde und heute noch unten steht, mit leeren Kirchen und Kapellen, von denen manchmal Glockenklang herauftönt, und der Türme Glückskinder sehen können... Ich starrte in die Tiefe: die Türme sah ich nicht, nur Welle auf Welle, aber mir schien, als hörte ich dumpfe Glocken. Die alten Märchen sind wahr, dachte ich, dort unten liegt Wisby. Vielleicht ist es nicht ganz so zugegangen, vielleicht war die Stadt, wie andere auch, nur ein wenig verderbt, ein wenig gut und sehr töricht — und das Meer war wild und böse und tötete sie im Schlaf... In Norwegen habe ich einmal an Wisby gedacht. Ein Führer zeigte uns auf einem Berge, wie die Landstrasse, die wir herauf gekommen waren, mitten in einen See mündete. „Versuchen Sie, die Strasse noch weiter, im See, zu sehen!“ Wir blickten angestrengt, und mehrere riefen: „Die Strasse geht weiter!!“ „Was sehen Sie noch?“ fragte der Führer. Ich starrte minutenlang ins Wasser, dann stammelte ich: „Ein Haus, zwei, drei — " und dann schrie ich: „Das vierte ist halb versunken!“ Dort war noch eines Abends ein Dorf mit vielen Menschen, und als am Morgen der Wagen mit dem Brot für sie kam, lag da dieser runde See, blau und still, hat nicht verraten, warum die Erde sie verschlungen hat. Schliesslich stiegen die schönen Türme von Lübeck empor, das laute Leben schäumte am Hafen, und nachher sauste die Bahn nach Hamburg. Schweden versank für mich in Traum wie Wisby im Meer. Aber die Augen der Erinnerung sehen bisweilen tief hinein, alles Herrliche scheint dann emporzuschweben, nahe, ganz nahe, und ich höre ein sanftes Klingen. 47

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