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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1980-05-01 · No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung · p. Seite 46

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1980
Issue
No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung
Date
1980-05-01
Page
Seite 46 (sequence 2514)
Language
German
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wünschte, wenigstens eine Fremdsprache zu beherrschen — war ich doch nur darum eine geduldige Lehrerin, weil ich selber so hahnebüchen schwer eine fremde Zunge lernte. Es dauerte nicht lange, so waren wir in lebhaftem Gespräch, und bald war es heraus, dass sie Lyrikerin und ich Schriftstellerin war. Es amüsierte uns beide. Sie holte natürlich gleich Verse aus ihrer Handtasche und jammerte, dass sie mir nur traurige Prosa übersetzen konnte. Ich tröstete sie, so gut ich konnte. Schliesslich lud sie mich zum Spaziergang auf den Berg, durch den schönen Wald bis auf die Höhe mit dem weiten Ausblick. Wie lange wir gingen, weiss ich nicht mehr, nur dass wir spätnachmittags verträumt, glückselig und fussmüde uns in einem Cafe an den bunten Häusern freuten, eins rosa, eins veilchenblau, eins gelb, eins grün, eins hellrot. Alle schienen Holzhäuschen, für Sommerfreude ausgedacht. Dann sah Maria Eckmann auf ihre Uhr: ,Oh, ich muss zum Schiff! Meine Freundin spielt heute im Sommertheater in Gothenburg. Sie können sich nicht vorstellen, wie gut sie spielt — im Winter in Stockholm! Und denken Sie: so jung wie ich ist sie und spielt die komischen Alten! Sie müssen sie auf der Bühne sehen — Sie lachen sich tot! Wissen Sie was — kommen Sie mit! Kommen Sie mit zum Theater. Ich kenne den Direktor gut — wir bekommen Freiplätze, und Sie werden sich grossartig amüsieren!“ Warum nicht, dachte ich. Morgen früh fahre ich mit meinem Schiff davon, so sehe ich also noch ein schwedisches Theater! Wir zogen los, die Sonne war im Untergehen. Das Meer flammte, erst leuchtete noch Marstrand, langsam versank es, und die Lichter von Gothenburg glühten auf. Wir machten noch einen tüchtigen Marsch zum Theater, und ich stand in der Vorhalle herum, während sie zum Direktor ging. Strahlend kam sie zurück und zeigte mir schon von weitem die Karten, prachtvolle Parkettplätze. Nun drängten auch schon viele Menschen herein, und wir gingen mit, aber im Gang zog sie mich durch Nebentüren hinter die Bühne zu ihrer Freundin, die in einer wahren Kasematte von Zimmerchen noch mit Schminken beschäftigt war. Sie begrüsste uns mit grossem Vergnügen, obwohl sie vor dem Spiegel sitzen blieb — schon weil der Raum mit uns dreien voll war. Wir sassen dann bequem in der Mitte etwa der achten Reihe, und Maria freute sich schon auf mein Erstaunen Im voraus. „Haben Sie gesehen, wie hübsch sie ist? Sieht sie nicht aus, als . wäre sie siebzehn? Und jetzt passen Sie auf — das Stück spielt in einer Matrosenkneipe, und sie ist eine alte Person, die durchaus mittanzen will und auch Tänzer findet, weil nicht genug Mädel da sind —“ Ich verstand von den Worten natürlich nichts, und auch die Handlung nur obenhin, aber ich amüsierte mich köstlich: und nur über Marias Freundin, sie war der Clou des Stückes, und ich merkte, dass ich nicht die einzige war, die nur sie anschaute, nur über sie lachte. Die Komik lag nicht in ihrer allerdings fabelhaft grotesken Maske und Aufmachung, sondern in ihrem Mienenspiel, das immer etwas zum Ausdruck bringen wollte, was ständig verunglückte. Sie wollte zärtlich sein und wurde unwiderstehlich komisch; sie wollte zornig sein, und stattdessen kam irgendwie schliesslich eine überwältigende Gutherzigkeit zutage. Alles an ihr war verdreht, ungeschickt und fast blödsinnig — und dabei so rührend hilflos und lächerlich. Mir liefen die Lachtränen die Backen herunter, und Maria freute sich. Als sie ausgetanzt hatten und der Spass vorbei war, hielt Maria mich fest. „Das ist ein angebrochener Abend“, sagte sie. „Sie sind auch weit von Ihrem Hotel und finden nicht leicht zu ihm zurück. Kommen Sie mit uns, wir gehen alle zusammen in ein nettes Cafö, und dann begleiten wir Sie nachhause“. „Das wird zu spät für Sie, denn Sie haben dann noch den Weg zurück!“ Maria hörte auf keinen Einwand, und ich dachte: nun gut, ich verlaufe mich sonst wirklich, und morgen muss ich doch früh heraus und zum Schiff nach Stockholm. Also trabte ich mit. Es war eine lustige Gesellschaft, und ich hörte allerlei Deutsch, von gediegenster Klassizität bis zu holprigen Versuchen. Ene junge Dame half sich mit Englisch, und ein paar sprachen halb deutsch, halb schwedisch. Es war ein vergnügtes Völklein, und ich hatte sie sämtlich gern. Wirklich wurde es ein weiter Heimweg, und ich bedauerte die zwei Freundinnen und mich dazu, denn ich sollte doch mindestens um halb sieben aufstehen, denn um neun ging mein Schiff. Sie lachten mich nur aus. Maria nahm mir das Versprechen ab, ihr zu schreiben; sie hatte mir schon ihre Adresse gegeben und ich ihr die meine. Mit vielem Dank und herzlichem Gruss nahm ich Abschied — der tat mir weh. Ob ich sie noch einmal Wiedersehen würde? Am Morgen fragte ich den Kellner, ob ich Punkt neun am Schiff sein müsste. „Sind Sie vorgemerkt?“ fragte er. „Ich habe schon eine Karte bis Stockholm und weiter“, protzte ich. „Das wird Ihnen nicht viel helfen“, meinte er, „es ist immer grosser Andrang, und wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Mir fiel vor Schreck fast die Tasse aus der Hand. Sonnabend fuhr ich nicht, also müsste ich im Notfall hier eine Woche bleiben, dann fiele Stockholm mir „ins Wasser“, denn meine Ferien reichten dann nur noch für die Tage auf dem Kanal und die Rückfahrt durch die Ostsee. Ich liess also den Rest des Frühstücks auf dem Tisch,, zahlte und rannte nach meinem Gepäck und zum Strand. Ja, da lag das wunderschöne Schiff — und Hunderte von Menschen drängten sich vor der Schiffsbrücke, wo ein Leutnant sich bemühte, den Leuten klarzumachen, dass alle Kabinen besetzt wären. Wenige machten kehrt, von den andern hörte man nur flehentliche Bitten. „Auch ohne Kabine! Wir wollen auf Deck schlafen! Das Wetter ist herrlich! Wir müssen mitkommen! Wir müssen!" Er liess sich wirklich erweichen, und mitten im furchtbarsten Gedränge quetschte ich mich auch noch hinein. Oben verschanufte ich an der Reling, es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich von der Hetze und Aufregung erholte. Und da, was sah ich? Unten standen die zwei, Maria und ihre Freundin, und winkten und riefen mir gute Reise zu — und als sie mir näher kamen — sehr hoch war das Schiff nicht — warf mir Maria noch einen Blumenstrauss zu, wohlgezielt — er traf meine Backe. Und dann kam der Schiffslärm, die Glocke, die Maschine, das aufrauschende Wasser, und ich fuhr davon, konnte nur schwer den Blick von ihnen wenden. Welch ein Opfer hatten sie gebracht — sie konnten ja kaum geschlafen haben! Ich habe Maria Eckman und Gottenburg und Schweden nicht wiedergesehen. Ein paarmal haben wir uns noch geschrieben, aber dann kam das Leben dazwischen — dieses bunte, leichtherzige, harte, verbindende und zerschneidende Leben. Aber siehst du, Maria, ich habe dich doch im Herzen behalten und lebe noch immer mit dir. Auf dem Schiff erfuhr ich, dass etwa zweihundertfünfzig Passagiere Kabinen hatten, unc zweihundert nicht. Es war mir so gleichgültig wie meinen Schicksalsgenossen, der Himmel war blau, und wir würden nachts auf Deck Matratzen und warme Wolldecken bekommen. Zunächst war der Vormittag strahlend schön. Wir fuhren gemächlich durch das grüne Land, zu beiden Seiten saftige Wiesen oder Wald. Nachmittags kamen wir zu den Trollhätta-Fällen, den schönsten, die ich bisher gesehen. Ich bekam vor Freude Herzklopfen. Ich hatte gar nicht gewusst, dass wir hier aussteigen durften. Gedruckte Führer mochte ichnicht, liess mich lieber überraschen. Als die andern zum Schiff zurückwanderten, blieb ich noch eine ganze Weile. Das waren ja doch die herrlichsten Diamanten, und ich liebte Diamanten. Die Sonne schenkte ihnen alle Farben des Regenbogens — es war, als ob der Himmel zu mir niederstiege. Als ich mich endlich losriss, fand ich,- dass ich ganz allein war. Nun erschrak ich und rannte zum Schiff. Ich sah es schon von ferne, aber als ich nahe kam, wurde die Schifsbrücke hochgezogen. Ich winkte, ich rief aus Leibeskräften, was sollte ich hier bloss anfangen, eine Woche lang und ohne mein Gepäck? — Ich sah nun auch Passagiere, die sich hin und her bewegten, dann welche, die mir etwas zuriefen. Es brauste mir in den Ohren, ich konnte nichts verstehen, ich war nahe daran hinzufallen, da kam das Wunder: die Schiffstreppe fiel wieder herab, und ich stürzte hinauf, mehr tot als lebendig und fiel oben in den ersten Deckstuhl. Ich sah in ein mitleidiges Gesicht und schloss die Augen, denn Mitleid kann ich nun gar nicht vertragen, aber von der Tasse Kaffee, die mir jemand an den Mund hielt, nahm ich doch ein paar Schluck. / Nach wenigen Minuten war ich wieder obenauf. Ich sah mich um, wir hielten wieder einmal an einer Schleuse, wurden hochgepumpt, und hernach auf das neue Terrain niedergelassen. Das dauerte immer eine ganze Weile, und währenddessen spielten die Männer Karten, und die Frauen schwatzten. Ich sass seitab und wollte nur Ruhe. Die Füsse fingen an wehzutun, nicht schlimm, aber unangenehm. Nun, auch das würde sich geben. Wir fuhren wieder, und später vergoldete die Abendsonne Schiff und Land. Es gab nun Abendbrot, unten und oben auf Deck; ich sah zu, wie die andern assen und trank nur Tee. Aber ich war zufrieden und bewunderte die flinken Matrosen. Eins, zwei, drei abgedeckt, und nun zogen sie rings um das Deck eine bunte Leinwand wie ein Gitter. In die Mitte setzte sich ein lustiger, dicker Maat mit seiner Ziehharmonika. Der Kapitän liess zum Ball bitten. Und alles wirbelte an mir vorbei — ich drückte mich hinter drei Stühle, zum Tanzen war ich denn doch noch zu klapperig. Wir glitten nun in einen wunderschönen See, der sich wie ein Meer ausbreitete. Ich schaute mir den Himmel an, der von rosenrot zu sanfteren Farben überging, und schliesslich in einem sanften Hellgrün mündete. Ganz fern am Horizont schaukelte ein weisses Wölkchen. Die Ufer traten schon weit zurück. Eine Weile später fielen mir die Augen zu. Als ich erwachte, war Dämmerung, ich sah auf die Uhr, hatte eine Viertelstunde geschlafen. Aber der Harmonikamann war verschwunden, Tische und Stühle fort, der Tanz war aus, und junge Matrosen raffen die Leinwand ringsum zusammen. Ich blickte zum Himmel: mein Wölkchen war eine Wolkenwand geworden, merkwürdig gelblich. 46

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