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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1980-05-01 · No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung · p. Seite 45

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1980
Issue
No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung
Date
1980-05-01
Page
Seite 45 (sequence 2513)
Language
German
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Eine Reise nach Schweden-damals Heute muss ich darüber lachen, dass ich eine meiner schönster Ferienreisen für fünfundzwanzig Dollars gemacht habe. Für die hundert Mark hatte ich eine Fahrkarte von Lübeck über Kopenhagen, Malmö, Gothenburg, von der Nordsee durch den Götakanal nach Stockholm, und von da durch die Ostsee zurück nach Lübeck. Ich konnte an diesen Zwischenstädten, wo es mir beliebte, meine Reise unterbrechen und mit einem folgenden Schiff der Linie weiterfahren, und ich hatte auf diesem auch freie Verpflegung. Die Kost machte mich nicht besorgt, denn je ein Tag bloss mit Obst und Brot oder sogar Hungern machte mir nichts aus, und länger würde ich nur einmal auf See sein. Aber sogar damit wurde ich freundlich überrascht, denn da stand ein zehn Meter langes Büffet voll mit Brot der verschiedensten Art und noch viel mehr Sorten von Fischen, gepökelt, geräuchert in öl, in Tomaten, und was weiss ich. Das sollte die Vorspeise zum Essen vorstellen. Nun, ich ass mich redlich satt und erschien niemals zu einer Mahlzeit, ausser zum Frühstück. Selbstverständlich stieg ich zuerst in Kopen hagen ab und besuchte Stadt und Sund, die ich so liebgewonnen hatte, zum zweiten Mal. Am .Sund war wieder Mutter Grün, und die roten Rosen rankten sich noch immer voll und schwer um die bunten Häuslein, auch die Parks waren lieblich und hell von Sonne durchschimmert, und die Seen plätscherten auch immer noch an das Grün der Wiesen und Wälder. In Malmö blieb ich nur, so lange das Schiff hielt. Ich sah den Dom von aussen, er schien mir schwer, wie von harten Wikingern aufgebaut. In Gothenburg stieg ich für eine Woche aus. Ich hatte mich diesmal kaum auf die Reise vorbereitet und war überrascht von der Schönheit dieser Stadt, die mich an Holland erinnerte. Ich hörte bald, dass sie wirklich von Holländern erbaut war. Aber das Beste war die Lage der Stadt und nicht die vielen Kanäle: sie ragte herrlich zwischen Meer und Bergen. Und es war die Nordsee, die rauschte, nicht die sanfte Ostsee. Noch dazu waren blinkende Inseln und Klippen in ihr verstaut. Ich fragte nach den Inseln und hörte, dass eine, Marstrand, eine beliebte Sommerfrische war. Ich wanderte zuerst in der Stadt, war auch lange im Museum, wo ich überrascht war, dass es so wundervolle schwedische Maler gab; selbst von Liljefors hatte ich noch nichts gesehen oder gehört. Ich dehnte meine Spaziergänge bald aus und eines Tages wagte ich mich in den grossen Park, von dem man mir erzählt hatte. Und nun staunte ich erst! Das war eher eine Gebirgslandschaft, wenn auch gepflegt. Herrlich war es da, und ich ging und ging und kletterte, fand kein Ende, wollte auch keins. Schliesslich wurde ich aber doch müde, und nun besann ich mich: schon lange war ich keiner Seele mehr begegnet, und wo war eigentlich der Ausgang? Sollte ich denn bis in die Nacht hinein suchen? Als ob mein sowieso überanstrengter Schutzengel meine Lage bedacht hätte, sah ich einen alten Herrn des Weges kommen. Ich konnte ihn betrachten, weil er nicht schnell ging, aber offenbar ausdauernd, da er bis hierher gekommen war. Er hatte silbernes Haar, sehr feine Züge, und als er mir nahe war, scharfe, blitzende Augen. Ich trat auf ihn zu und bat ihn, mir den Ausgang zu weisen. Das wollte er gern, er wanderte aüch heimwärts. Ich wäre wohl Deutsche; wie mir denn der Park gefiele. Oh, sagte ich, er wäre wohl mehr Von ELSE COHN, Jerusalem (EVA LOTTING) ein Wunderwerk Gottes, als der Menschen. Er lächelte und meinte: „Sie sind sehr gütig, dass Sie uns Menschlein wenigstens ein bisschen Verdienst lassen, übrigens haben Sie recht. Aber waren Sie auf unserem schönsten Aussichtspunkt, dort rechts oben?" „Nein“, sagte ich beschämt, „ich fühlte mich schon etwas zu müde, um noch zu steigen“. „Ich fühlte genau so, aber jetzt hätte ich Lust, Ihnen den doch noch zu zeigen. Wollen Sie?“ „Und ob ich will!“ Ich lachte. „Ich war auch gar nicht müde. Faul war ich!“ „Wunderschön. Und nun erzählen Sie mir, wo Sie herkommen und was Sie hier schon alles gesehen haben“. So begann eine Unterhaltung von Stunden, in der ich mich von allen Seiten kennen lernen liess, von ihm aber trotz einiger gewagter Fragen nicht das Geringste erfuhr. Allerlei erriet ich: dass er hochgebildet war, eine bekannte Persönlichkeit sein musste, nicht nur mit Land und Leuten vertraut, sondern auch vielgereist und welterfahren, mir überlegen auf Schritt und Tritt. Und dabei diese Liebenswürdigkeit. Die Aussicht war unsagbar schön; ich konnte den Blick, zumal vom Meer, nicht lassen. „Besuchen Sie Marstrand, eine vulkanische Insel; sie steigt vom Meer in sanfter Rundung empor und ist voller Wald. Am Rand, unten, liegt der Ort, jetzt voller Leben, mit täglichem Strandkonzert. Buntes, frohes Leben, wie ein junger Mensch es liebt. Und da Sie Lehrerin sind — würde es Sie interessieren, eine Höhere Schule zu besuchen?" Ich bejahte mit Freude. Immer wieder staunte ich doch, wie diese Nordländer die deutsche Sprache beherrschten. Was für ein Gestammel machte selbst unser Seminarlehrer Hormel, wenn er einmal ein paar Sätze vorlas, vom Sprechen ganz zu schweigen. Und konnte irgend wer von meinen Kollegen englisch oder französisch fliessend sprechen — oder ich? Eine wahre Schande! — Und nun sollte ich in eine Schule schauen und sehen, wie sie deutsch und englisch und französisch trieben — denn sie lernten drei Sprachen schon als Kinder... Also freute ich mich sehr. Komischerweise kam mir überhaupt nicht der Gedanke, dass doch Sommer war und Ferienzeit! In der Stadt hielt er vor einem grossen Gebäude und klingelte. Ein Hausmeister erschien, machte ein überraschtes Gesicht und dann eine, wie mir schien, sehr tiefe Verbeugung. War mein alter Herr der Direktor? Es war eine Oberrealschule oder ein Gymnasium. Natürlich leer. „Ich möchte der Dame die Schule zeigen“, sagte er, und der Mann führte uns durch Konferenz- und Klassenzimmer. Ich sah da, was es in Deutschland zu der Zeit noch nicht gab: Zimmer für Werkarbeit, Bücher-Einbinden und dergleichen, einen Raum für Turnen und Gymnastik von grosser Vollendung, und vieles andere, was ich zwanzig Jahre später nur in der Odenwaldschule gesehen habe. Im Hinausgehen fragte mich der alte Herr, ob ich auch eine Höhere Mädchenschule besuchen wollte. Natürlich wollte ich. Dort stieg mir schon im Korridor das Blut zu Kopf. So etwas hatten wir natürlich nicht zu bieten — nirgends. Der ganze Flur war mit Fresken von Larsson bemalt. Wurden etwa bei uns oder in der reichen Schweiz die Mädchenschulen von Hodler oder Menzel oder Liebermann ausgemalt? Und dann die herrlichen Klassenräume mit so viel Luft und Licht! In einem lagen hohe Stapel von Heften. Durfte ich den alten Herrn — wer war er wohl, dem sich alle Türen auftaten wie einen: Alraun? — auch noch fragen, ob ich die Helfte ansehen könnte? „Nehmen Sie nur, wenn Sie Lust haben“, sagte er, als ob er auch Gedanken läse, „es interessiert mich, wie Sie sie finden“. Ich griff nach einem Stapel mit deutschen Aufsätzen. Erste (oberste) Klasse. Meine Klasse in Hamburg. — Die Themen, wie ich sie auch stellte. Ich las schnell einen Aufsatz, der mit „gut“ gezeichnet war. (Ich würde — in Deutschland! — „sehr gut“ darunter geschrieben haben). Und die Korrekturen: die Stilkorrekturen! Ich wurde rot unter den Ohren. Welche Feinheiten standen da, wie war Mattes, Farbloses mit wenig Worten vielsagend, reich, blühend gemacht. Wie war Falsches gerügt, Gutes noch besser gefeilt! Ich legte die Hefte zurück. „Nun.“ fragte mein geduldiger Führer lächelnd. Ich schluckte eine Weile, bis ich die Sprache wiederfand. „Wundervoll. — Dass ich bessere Aufsätze finden würde, als bei meinen Schülerinnen, wusste ich schon vorher, nach dem, wie hier alle sprechen, also lernen; aber ich habe nicht für möglich gehalten, dass die Korrekturen so sehr viel besser sind als —“ Meine, wollte ich sagen, aber es fiel mir ein, dass es wohl hochnäsig sei, sich so viel zutraueD zu wollen. Ich sah ihn scheu an, und er mich mit grossem Wohlwollen. „Es war mir eine Freude, Sie zu führen. Nicht jeden Tag findet man so gütige fremde Besucher. Nun sind Sie mir auch nicht mehr fremd. Bleiben Sie uns freundlich und geniessen Sie die Schönheit unseres Landes". Er verneigte sich, offenbar wollte er noch hier verweilen. Ich dankte ihm herzlich und ging. Am nächsten Morgen, sehr früh schon, eilte ich zum Landeplatz nach Marstrand.-- Schon die Fahrt war ein Genuss. Der Himmel war lichtblau, die Sonne strahlte mild, und eine meerduftende Brise kühlte die Wangen. Schön stieg Marstrand aus den Wellen, nun sah ich schon den kegelförmigen Berg mit dem Wald. Ich schritt gleich unten zu einem Park und von dort auf eine kleine Anhöhe, von wo man hinunter auf Städtchen und Meer und hinauf zum Wald schauen konnte. Da waren auch Bänke; ich setzte mich auf eine, wo eine Junge blonde Schwedin sich’s bequem gemacht hatte. Sie lag da halb und halb, nahm ungefähr drei Plätze ein und blickte vergnügt umher. Als ich kam, setzte sie sich sofort sehr graziös auf einen Platz in der Mitte, sodass ich nicht umhin konnte, nahe von ihr zu sitzen, denn mehr als fünf Plätze waren da nicht. Sie sprach mich sofort an, schwedisch natürlich. Ich erwiderte auf deutsch, dass ich leider kein Schwedisch verstünde — aber etwas Französisch und Englisch. Sie antwortete sofort in Deutsch, mit schwedischem Akzent und ab und zu etwas absonderlichen Wortgebilden, aber doch so, wie ich 45

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