Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980), Fortsetzung
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 41 (sequence 2509)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7411685-7412731-7412768--0891-7412773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Synagogen in Hamburg (In der letzten Nummer wurde der letzte Platz der portugiesischen Synagoge irrtümlich in die Oberstrasse verlegt. Sie befand sich aber in einer umgebauten Villa der benachbarten Innocentia- Strasse). Vor wenigen Wochen wurde im Kol Israel- Radio, im Rahmen der religiösen Sendungen am Mozae Schabbath, eine Aufnahme übertragen, die im Hause des Staatspräsidenten Ben Zwi im Tonband aufgenommen wurde. Bekanntlich ist der Präsident ein eifriger Sammler jüdischer Foiklore, und bestrebt, in einem besonderen Archiv die Bräuche und Minhagim aller jüdischen Gemeinden in der Zerstreuung, vor allem derjenigen, die der Zerstörung anheimgefallen sind, festzuhalten. Der General David Schealtiel (der im Befreiungskrieg den Abschnitt Jerusalem zu verteidigen hatte und heute israelischer Botschafter in Brasilien ist), ein Spross der alten hamburger Familie Schealtiel, die in der portugiesischen Gemeinde immer eine führende Rolle spielte, übergab dem Präsidenten in einem feierlichen Akt das „Minhagbuch der hamburger portugiesisch-jüdischen Gemeinde“, das sich übrigens völlig mit dem der Amsterdamer Befardischen Gemeinde deckt. Schealtiel erzählte dem Präsidenten in bewegten Worten von der Grösse und Blüte dieser Gemeinde, die nun heute für immer der Vergangenheit angehört. Als er die Namen der Führer aufzählte, der Jessuruns, Pizas, Dolmonte, Zarfati, Rokamora usw. und ihre Leistungen für die Juden und für die nichtjüdische Bevölkerung rühmte, trat plötzlich eine Pause ein. Der Sprecher, der die Sendung mit erklärenden Worten begleitete, entschuldigte sich bei den Hörern, dass der General infolge^ sichtbarer innerer Erregung nicht imstande sei, seinen Vortrag unmittelbar fortzusetzen... Mit dem Jahrhunderte hindurch in der hamburger Synagoge gesungenen „Jigdal“ klang die Feier aus. Die Geschichte der „Portugiesisch-jüdischen Gemeinde“ in Hamburg ist in der Tat eines der interessantesten Kapitel des jüdischen Exils. Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien siedelten sich bekanntlich zahlreiche Familien in den Niederlanden an und von hier aus zogen wiederum bedeutende Teile weiter nach London, Paris und Hamburg. Es ist interessant, dass der Hamburger Senat, der nicht immer der Ansiedlung der Juden positiv gegenüber stand, die Einwanderung der portugiesischen Juden begrüsste und sie zeitweise sogar förderte Die ersten portugiesischen Juden werden Im 16. Jahrhundert erwähnt, während von den aschkenasischen Juden die ersten Urkunden aus dem späten 17. Jahrhundert datieren. Der Grund war sicher darin zu sehen, dass unter den sefardischen Juden Grosskaufleute in grosser Anzahl zu finden waren, die durch ihre Beziehungen nicht wenig zu dem Überseehandel in Hamburg beigetragen haben. Auch der Ärztestand war von portugiesischen Juden frequentiert, und als Leibärzte der dänischen Könige stehen die Namen portugiesischer Juden, stets an sichtbarer Stelle. Dabei haben sie niemals ihre Treue und Dankbarkeit für die Aufnahme im holländischen Königreich vergessen, und kein Ereignis am holländischen Königshofe ging vorbei, ohne dass im G’ttesdienst dessen gedacht wurde. Das Gebet für das Vaterland, das am Schabbath gesprochen wurde, schloss regelmässig bis in die letzten Tage ihres Bestehens das Gebet für das Wohl des holländischen Königshauses ein... Ein Besuch in der portugiesischen Synagoge war für uns immer von RÜBEN MALTA CHI (Fortsetzung) gleichbedeutend, wie ein Ausflug ins Exotische. Die Bräuche, die Kleidung, die Ordnung im G’ttesdienst — alles dies war grundverschieden von allem, was wir in den sogen, aschkenasischen oder deutschen G’ttesdiensten gewohnt waren. Die Sitzplätze der Beter waren kreisförmig angeordnet, — nicht dass der Blick nach Osten gerichtet war, sondern die Beter sassen um den Almemor herum, das Gesicht stets auf den in der Mitte des G’tteshauses stehenden Vorbeter gerichtet. Nur am Eingang war eine Bank errichtet, wo die Beter den Blick zur Heiligen Lade richteten. Wenn wir in unserer Schüchternheit eintraten, und uns auf diese letzte Bank bescheiden setzen wollten, wurden wir vom Schamasch, dem Synagogendiener verjagt, da diese Bank nur für Leidtragende reserviert war, die von hier aus das Kadischgebet sprachen. Der aus dunklem Ebenholz geschnitzte Aron Hakodesch mit seinen Goldverzierungen stand stets ungedeckt, d.h. ohne den üblichen Aussenvorhang. Statt dessen war das Parocheth — innen angebracht und dann erst wurden die Thorarollen sichtbar. Die Thorarollen standen in kunstvoll geschnitzt slbernen und hölzernen Gehäusen, und die Rückseite der Rollen war in wertvolle Atlasseide gekleidet. Der Chasan und der Schamasch trugen statt des Baretts Dreimaster-Hüte, dazu einen Frack, Kniehosen und weisse Strümpfe, während die Füsse mit schwarzen Halbschuhen versehen waren. Das alles gab dem Ganzen ein echt mittelalterliches Aussehen, das vielfach an die bekannten Rembrandtbilder erinnerte. Am Simchath Thorafeste war es für die aschkenasische Jugend „Ehrensache“, für wenigstens eine halbe Stunde bei den „Portugiesen“ zu besuchen und niemand scheute den dreiviertelstündigen Weg von der Grindelgegend in die Markusstrasse, um „dabeigewesen“ zu sein. Die Chatanim, der Chatan Thora und der Chatan Bereschith, trugen an diesem Tage dann auch den Dreimaster, und ausserdem den in Hamburg bei festlichen Gelegenheiten üblichen seidenen Überwurf, der auch bei den deutschen Juden üblich war. Hier wurde er nur von dem Bräutigam unter dem Trauhimmel und von den freiwilligen „Kabranim“, den ehrenamtlichen Helfern der Chewrah Kadischa (Beerdigungsbrüderschaft) getragen. Als Rabbiner funktionierte an der portugiesischen Synagoge während der 20er Jahre Rabb. S. Lövy, der während des zweiten Weltkrieges in Brüssel lebte und heute mit seiner Gattin in Raananah lebt, wo er die geistliche Betreuung der deutschsprachigen Juden innehat. Des öfteren gab aber auch ein holländischer „Chacham“ eine Gastpredigt. — Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts achteten die Mitglieder der portugiesischen Gemeinde streng auf ihre Selbständgkeit und Absonderung von den sogenannten „hochdeutschen Juden" — sogenannt, da in den ersten hundert bis hundertfünfzig Jahren die offizielle Sprache der Portugiesen das in Hamburg übliche „Plattdeutsch“ war. Ehen zwischen aschkenasischen und sefardischen Juden waren bis zu dieser Zeit fast ausgeschlossen. Das änderte sich erst zu Beginn dieses Jahrhunderts. Natürlich wurde das bis dahin von den „Deutschen" als „Dünkel" bezeichnet... Immerhin war es Tatsache, dass eine völlige gesellschaftliche und religiöse Trennung zwischen diesen Gemeinden bestand. Auch auf dem Friedhof ist noch heute ein getrennter Platz in Hamburg — Ohlsdorf zu sehen, der separat eingezäunt ist und an dessen Eingang der Name „Portugiesenfriedhof“ prangt. Die Grabsteine befinden sich dort in liegender Form und auf jedem derselben ist ein Schädel mit zwei liegenden Knochen eingemeisselt, was stark an das in Apotheken übliche Giftzeichen erinnert. Ich konnte bisher von niemandem eine Erklärung für diesen merkwürdigen Brauch erhalten, den ich übrigens nirgends in der Welt, auch in sefardischen Friedhöfen wiedergefunden habe. — In der Jahrhundertwende trat in dem Verhältnis der portugiesischen zu den aschkenasischen Juden Hamburgs eine Änderung zum Guten ein. Mehr und mehr fielen die gegenseitigen Schranken und Ehen zwischen Angehörigen beider Gemeinden waren keine Seltenheit mehr. Auch in Altona bestand bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts eine portugiesische Synagoge und der Friedhof der portugiesischen Gemeinde in der Königstrasse stand bis zum heutigen Tage unter Denkmalschutz (was sogar von den Nationalisten respektiert wurde). Ausserhalb Hamburg erregte es vielfach Erstaunen, dass die offiziellen Titel der Gemeinden “Deutsch-Israelitsche Gemeinde", oder „Deutsch- Israelitischer Synagogenverband“ ln Hamburg, — in Altona sogar „Hochdeutsche Israeliten Gemeinde" lautete. Das hatte aber nichts mit deutschem Patriotismus zu tun, sondern sollte die Abgrenzung vor den Portugiesischen Gemeinden, welche bei Gründung der deutschen Gemeinden längst bestanden, betonen. Die Umgangssprache der Portugiesen In Hamburg war das lokale „Plattdeutsch", während die deutschen Juden sich „hochdeutsch“ verständigten, was im offiziellen Namen der Gemeinde zum Ausdruck kam. Der erste offizielle Oberrabbiner der „Drei- Gemeinden" war Jakob Zwi Aschkenasi, der unter dem Namen „Chacham Zwi" fungierte, was damit erklärt wurde, dass er auch von den Portugiesen als rabbinische Autorität anerkannt wurde, bei denen (wie heute noch in sefardischen Gemeinden üblich) dem Rabbiner der Titel „Chacham“ beigelegt wurde. Chacham Zwi war der Vater des „Jawez“ (Achrostikon des Namens Jakob ben Zwi) der durch seine Anklagen gegen Oberrabbiner Jonathan Eybeschütz ln dem Amulettenstrelt zur Zeit von Shabtai Zwi berühmt wurde. Mehr als 100 Jahre später führte auch der (aschkenasische! Oberrabbiner Jizchak Bernays den Chacham-Titel. Bernays war der Lehrer des Begründers der sogen. Neo-Orthodoxie, Samson Rafael Hirsch (nach dem übrigens neuerdings eine Strasse in Jeruschalaim benannt wurde). Der Grund des Chacham-Titels dürfte der gleiche wie beim „Chacham Zwi“ gewesen sein. Die Version, dass zur Zeit von Bernays die liberalen Führer den Rabbiner-Titel führten und er aus Protest diesen Amtsnamen ablehnte, dürfte nicht zutreffen, weil die Hamburger liberalen Geistlichen von Anfang an unter dem Titel „Prediger" amtierten. Chacham BernayB war der erste gesetzestreue Rabbiner, der in deutscher Sprache predigte und das Ornat als Amtskleidung trug. Ausser diesen fünf bedeutenden Gemeindesynagogen bestanden in Hamburg noch mehr als 41