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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1980-05-01 · No. 46-47 (Mai 1980) · p. Seite 32

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1980
Issue
No. 46-47 (Mai 1980)
Date
1980-05-01
Page
Seite 32 (sequence 32)
Language
German
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Tischa beav’stimmng in einer kleinen Gemeinde Ritschenwalde, ein kleines Städtchen der ehemaligen Provinz Posen, unweit Rogasen, hatte 2000 Einwohner, darunter circa 200 Juden. Der Lehrer der Jüdischen Volksschule, Abramowitz, war gleichzeitig der Chasan der Gemeinde. Das Zusammenleben zwischen den Einwohnern und den Juden war aussergewöhnlich gut. Es gab eine evangelische, katholische und Jüdische Gemeinde. Die Synagoge wurde um 1845 gebaut. Die Juden waren sehr fleissig, und Jeden Morgen und Jeden Abend versammelten sich alle Männer zum Gottesdienst. Mein Vater war Mitglied des Stadtrats, und als einmal eine wichtige Sitzung wegen der zu gründenden Gasanstalt länger dauerte, wurde die Sitzung unterbrochen, da mein Vater zum Abend- Gottesdienst ln die Synagoge gehen wollte. Die Mitglieder gingen indessen in die Kneipe, und als mein Vater zurückkam, ging die Sitzung weiter. Die Synagoge war der Inbegriff des gesamten Jüdischen Lebens. An jedem Schabbat war der Jüdische Lehrer der Chasan, und an den Feiertagen beteten die einzelnen Gemeindemitglieder vor. Im Winter gab es auch kulturelle Veranstaltungen, geleitet von dem Literaturverein. Der Mittelpunkt des Jüdischen Lebens waren die Feiertage. Die Stimmung und Andacht an diesen Tagen ist mir unvergesslich geblieben, ebenso unvergesslich ist mir der „Tischabeav" dieser kleinen Gemeinde. Tagelang vorher drehte sich das Gespräch der Männer um den bevorstehenden Trauertag, den 9. Av, den Tag der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. „Seitdem sind wir zerstreut unter alle Völker“, seufzte Driesen. „Ja, aber der Messias wird kommen und alle ins heilige Land zurückführen“, tröstete der alte Jena. „Amen", sagten alle leise. Dann erfuhren sie noch, dass dieses Jahr der Polajever aus Schritthaus kommen würde, um die Klagelieder am Abend vorzusingen Auch wenn er kein Kantor mit geschulter Stimme war, so legte er doch sein ganzes Herz in seinen Gesang und besonders die Klagelieder sang er herzergreifend. Die letzten Tage vor dem Trauertag vergingen ruhig und still und ohne Jedes Ereignis. Alle Jungen schnitzten sich Schwerter aus Holz. Es wurde heiss und drückend wie immer um diese Zeit. Im Laden und ln der Werkstatt war es in dieser Zeit ruhig, mein Vater sass viel am Tisch und las die Klagelieder, die er leise und traurig vor sich hinsummte. Den letzten Nachmittag ging er zum Schrank und holte ein altes Buch hervor, es war der Untergang des Jüdischen Staates, er schlug das Kapitel über die Belagerung Jerusalems auf, dann rief er uns und alle Nachbarjungen herbei, und sie mussten ihm erzählen, was sie schon ln der Religionsschule über die Zerstörung des Tempels gelernt hatten. Die Jüngsten wussten nur, dass die Römer Jerusalem zerstört hatten, es war im Jahre 70. Der Nächste sagte: „Zweimal wurde der Tempel am 9. des Monats Av zerstört, der erste wurde wieder aufgebaut, und dann wurde der zweite von Titus zerstört. Jerusalem wurde grossartig verteidigt, man kämpfte todesmutig, aber die Parteien stritten sich ununterbrochen“. „Ausserdem", fuhr mein Bruder David fort, „war die ganze Stadt belagert, die Menschen hatten nichts mehr zu essen und sie verhungerten“. Langsam blätterte mein Vater in dem alten Buch, der Provinz Posen dann rief er Jakob, den Ältesten herbei und wies mit dem Finger auf das Kapitel: „Die Einäscherung des Tempels“. „Lies uns das vor“. Jakob begann: „Der Feind stand nunmehr vor dem heiligsten Bollwerk der Nation, vor dem Jerusalemer Tempel. Von dicken Mauern umgeben, stellte der Tempelhof eine mächtige Festung dar“. Mein Vater überschlug eine Seite und sagte dann: „Hier, lies weiter“. Am 8. des Monats Av mussten sie sich in den inneren Tempelhof zurückziehen. Am nächsten Tage legten die römischen Soldaten das Feuer an. Bald verwandelte sich der ganze Platz in ein einziges Feuermeer. Die blutige Schlacht erreichte Jetzt ihren Höhepunkt. Die Römer machten alle nieder. Viele Juden stürzten sich selbst in die Flammen, von dem Wunsche beseelt zusammen mit ihrem nationalen Heiligtum unterzugehen. Der Tempelberg schien von Grund aus zu glühen, da er von allen Seiten in Feuer gehüllt war. Aber noch heftiger als die Feuerströme schienen die Blutströme zu fliessen. — Nirgends sah man mehr vor Leichnamen den Boden, über ganze Berge von Toten rannten die Soldaten den Fliehenden nach... „Genug“, unterbrach der Vater hier leise und ernst, „das ist der 9. Av Um 7 Uhr abends gingen al’e in die Synagoge, heute war sie ganz dunkel, nur auf den Treppen zum Altar brannte eine Kerze, der heilige Schrein war kahl, ohne Schmuck, und hier und da brannten ein paar Kerzen. Alle Männer sassen niedrig auf Treppen oder Rütschen, also ob sie um einen Toten trauerten. Der Kantor, es war der Mann aus Schritthaus, setzte sich auf die Treppen des Altars, und bei Kerzenlicht begann er halblaut die uralten Klagelieder zu singen. Nach Schluss gingen alle schweigend, ohne ein Wort des Grosses nach Hause. Nächsten Morgen, gingen alle, Männer, Frauen und Kinder frühzeitig zum Gottesdienst, der dauerte fast bis 8 Uhr. Von dort gingen alle gemeinsam auf den Friedhof, und die Jungen trugen ihre vorher geschnitzten Schwerter mit sich. Der Friedhof lag malerisch an einem Teich, uralte Kiefern und Tannen wuchsen rings um den Zaun, heute war das Tor weit offen. Jede Familie ging an ihre Gräber, dann nahmen sie uns die Schwerter ab, zerbrachen sie und steckten sie in das Grab der Ahnen. Nach einem kurzen Gebet sprachen sie alle feierlich gemeinsam den alten Schwur: „Wenn ich Dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte". Mein Bruder David sagte zu mir leise: „Wenn wir gross sein werden, gehen wir nach Jerusalem. „Er ist aber leider im ersten Weltkrieg gefallen, und so ging ich an seiner Stelle. Indessen gingen die Leute von Grab zu Grab, als wollten sie heute mit allen Verstorbenen der Gemeinde vereinigt sein. Mein Vater ging mit dem Lehrer zusammen, und beide gemeinsam versuchten sie, die alten Inschriften zu entziffern. Wir Jungen standen dabei und hörten zu, Gerade sagte der Lehrer: „Dieses Grab ist über 100 Jahre alt, der Mann hiess Leib Hirsch". „Ja, erinnerte sich der Vater, „mein Grossvater hat mir von ihm erzählt, er war ein Schneider, aber seine Kinder sind später alle nach Amerika gegangen, er ist hier einsam gestorben, und niemand weiss, wo das Grab seiner Frau ist“. Es war heiss geworden, die Menschen verliessen nach und nach den Friedhof und gingen nach Hause. Alle fasteten bis zum Abend, und der Abend kam spät um diese Jahrzeit. Wir sassen auf der Bank vor der Tür und schauten zum Himmel, um die drei Abendsterne zu suchen. So haben unsere Eltern, beziehungsweise Vorfahren in den kleinen Städten der Provinz Posen gelebt. Dr. A. M. Ben Zadok (Rummelsburg) s.A. (Früher Nathanya) DR. ADOLF KOBER aus Beuthen ZUM 100. GEBURTSTAG DES RABBINERS UND HISTORIKERS Am 3. September wäre Dr. Adolf Kober, der langjährige frühere Kölner Gemeinderabbiner, ein Jüdischer Historiker von Rang, hundert Jahre alt geworden. Seine 20 letzten Lebensjahre verbrachte er in der Emigration in New York; dort starb er am vorletzten Tag des Jahres 1958, tief betrauert auch von den zahlreichen Institutionen und Organisationen, mit denen er bis ins hohe Alter eng und aktiv verbunden geblieben war. Vor allem wurde seiner jüdisch-wissenschaftlichen und jüdischen sozialen Tätigkeit gedacht, die er in seiner Wahlheimat fortsetzen konnte. Der gebürtige Oberschlesier — Kober kam aus Beuthen —, der von 1898 bis 1907 am Jüdisch- Theologischen Seminar in Breslau studiert hatte, wirkte im ganzen 23 Jahre als Rabbiner in Köln; zwischendurch war er ein Jahrzehnt in Wiesbaden. Schon 1903, als er von der Universität Breslau mit einer Dissertation „Studien zur mittelalterlichen Geschichte der Juden in Köln am Rhein“ zum Dr. phil. promoviert wurde, hatte er sich, geistig sozusagen, auf sein späteres Arbeitsfeld im Gebiet zu beiden Seiten des Rheins vorbereitet und eingestellt. Als Emigrant hat er in seinen Forschungen zu diesem Kulturbereich zurückgefunden. Kennzeichnend dafür ist beispielsweise sein 1940 in der Serie jüdischer Gemeindegeschichten in Philadelphia erschienenes Buch „Cologne“. Und wo immer in den beiden letzten Dekaden wissenschaftliche Arbeiten zur Geschichte der Juden im Westen Deutschlands publiziert worden sind — der Name von Adolf Kober fehlt nirgendwo; man denkt dabei insbesondere an das Handbuch zur „Monumenta Judaica“-Ausstellung (Köln 1963/64) oder an den zweiten Doppelband des grundlegenden topographischen Lexikons „Germania Judaica“ (Tübingen 1968) oder auch an die ersten „Year Books“ des Leo-Baeck-Instituts, zu dessen Vorstand Dr. Kober gehörte. Auch in der Stadt Köln, die er als Besucher aus Amerika noch zweimal Wiedersehen konnte, 1953 und 1957, ist er nicht vergessen. In einer Vortragsveranstaltung des Kölner Geschichtsvereins im März 1959 gedachte seiner der Stadtkonservator Professor Dr. Hans Vogts; und seit 1963 gibt es in Köln eine Adolf-Kober-Strasse — zur gleichen Zeit wurden in der Rheinmetropole Strassen nach Moses Hess (1812—1875), Elias Gut, einstigem Studienrat an der Kölner Adass-Schule, und Georg Beyer, dem sozialdemokratischen Redakteur und Stadtverordneten, benannt. Dr, Ernst G. Lowenthal Berlin 32

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