Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Grenzland hielten sich auch die deutschen Behörden vor einem ausgesprochenen Antisemitismus zurück, sie hatten ihre eigenen Probleme zu lösen, insbesondere wollten sie die bürgerliche Bevölkerung zu ‘Deutschen’ deklarieren, und sie wussten, dass die Juden, von denen die meisten auch französisch sprachen, nur zu leicht sich nach Paris absetzen können, was ja viele insbesondere die Jugend auch getan haben. Ihre politische ‘Ahnungslosigkeit’, wenn man es so nennen will, führte dazu, dass ein Dreyfus niemals die Tragödie begriff, die mit ihm und um seinen Namen zur Af faire aus wuchs. In der jüdischen Geschichte wird das elsässische Judentum meist nur am Rande erwähnt. In einem Land, wie Frankreich, in dem Paris tonangebend ist, spielt auch das elsässische Judentum nur eine untergeordnete Rolle. Das Pariser Judentum ist alles andere als homogen, die ersten waren die sephardischen Juden, die aus Spanien kamen, dann in unserem Jahrhundert eine grössere Immigrationswelle der Juden aus Polen und den aschkenasischen Juden, den ‘deutschen’ aus dem Eisass, dazu kommen nach dem Krieg grössere Gruppen nordafrikanischer Juden. Ein ‘französisches Judentum’, wie es einmal das deutsche war, kennt man noch nicht, noch besteht überall das Nebeneinander der verschiedenen Gemeinden. Für die Landgemeinden im Eisass kojnmt dazu, dass wir heute im Zeichen der wirtschaftlichen Grossbetriebe leben, Ein- und Verkaufsgesellschaften, Produktionssyndikate, und da haben die jüdischen Kaufleute, die Getreide- und Weinhändler keinen wirtschaftlichen Raum. Die Kleingemeinden, die keine Rabbiner mehr haben, verlieren die jüdischen Sitten und Bräuche, die ‘Minhage Elsos’, zusammen mit der Synagoge, die weder in Paris gesprochen wird, noch von den Zuwanderern aus Nordafrika, die französisch als Muttersprache haben, und so von den Behörden gerne auch in die kleineren Orte gebracht werden. Mindestens bis 1940 bestanden in vielen der Gemeinden ‘Memorienbücher’, Journale, in denen alle, die in dem Ort vorkomnienden Ereignisse, Geburten, Hochzeiten, Todesfälle, aber auch Synagogenbauten und Reparaturen und andere Dinge verzeichnet wurden. Es ist zu hoffen, dass mindestens einige gerettet wurden, aber bis heute hat sich keiner die Mühe gemacht, diese Eintragungen durchzusehen, auszuarbeiten und zu bewerten, es ist sicherlich viele interessantes historisches Material, das zur Geschichte dieser kleinen Gemeinschaft, die zwar niemals viel mehr als 30 000 Menschen zählte, zur Zeit ihrer Blüte 1871, als sie ein Viertel der Bevölkerung bildete, beitragen könnte. Sie stellte eine interessante Erscheinung des europäischen, wenn man will, nach der Sprache, des deutschen Judentums dar, mit dem es in vielen Sitten verbunden war, aber doch verschieden, und dem hier gedacht werden sollte. nnnnnraiMEanEggaHm Die Juden im Eisass 1784 — eine Zählung Nach Abschluss der Vonarbeiten und der Niederschrift des Aufsatzes über die Juden im Eisass, habe ich erfahren, dass ein strassburger Verleger, W. Fischer, es unternommen hat, die Listen einer Judenzählung im Eisass aus dem Jahre 1784 zu reproduzieren. Das Werk, das 390 Seiten hat, wird durch Pierre Dreyfus, Strasbourg, vertrieben, es umfasst die Namenlisten von 181 Jüdischen Gemeinden mit 19 264 Namen, — so dass die für die Jahrhundertwende 1800 angegebenen 20 000 Juden als richtige Schätzung angesehen werden darf. Die Zählung der Juden wurde von Ludwig XVI am 10. Juli 1784 verordnet. Der König hebt im gleichen Jahre den ‘Leibzoll’ der Juden im Eisass auf. Eine Legende erzählt, dass der König, der nicht wusste, dass Juden zu seinen Untertanen gehören, einmal beim Ausritt in der Nähe von Versailles einem Trauerzug begegnet, dessen Teilnehmer ihm durch die schwarze Kleidung auffallen. Nach der Herkunft dieser Männer befragt, erfährt er, dass es Juden seien, und da es nur im Eisass grössere jüdische Gemeinden gab, ordnete er die „Judenzählung’ an. In Paris und einigen südfranzösischen Orten gab es nur wenige Juden. Der Erfolg ist überraschend, es werden minutiös die Namen aller Juden von 181 Gemeinden aufgezeichnet, in einigen leben mehrere hundert Juden mit Rabbiner, Chasan und Lehrern, in anderen nur eine jüdische Familie. In den strassburger Archiven konnten drei Exemplare überdauern, die erstmalig 1927 von dem damaligen Rektor der strassburger Universität ‘entdeckt’ wurden, aber über deren Vorhandensein wenig nach aussen drang, bis sie Anfang 1979 reproduziert wurden. Jede der 181 Gemeinden wird gesondert aufgeführt, Familienvorstand, Ehefrau, Kinder und Angestellte, soweit vorhanden, Diener, Dienerin, einige Familien leisten sich Erzieher für ihre Kinder. Die Namen (offiziell werden in Frankreich Familiennamen für Juden erst 1808 eingeführt), bestehen meistens aus zwei jüdisch oder jüdischdeutschen Vornamen, bei einigen erscheint ein Städtename, der auf die Herkunft der Familien hindeutet, wie Mannheimer, Hambourg, Rothenbourg, Reichshoffer, es erscheinen aber auch schon die immer noch im Eisass vorherrschenden Namen wie Netter, Dreyfus, Weyl, von Weiler, eine Bezeichnung, die viele Orte tragen, Bouxweiler, Ingweiler etc. Vier Jahrzehnte nach der Katastrophe des europäischen Judentums, in der auch viele der Landgemeinden des Eisass zerstört wurden, stellt die Veröffentlichung ein Fundgrube für alle die dar, die an jüdisch-historischen Dingen Gefallen finden, denn das elsässische Judentum hat vielleicht einen gemeinsamen Nenner mit dem aus Schlesien, dass kaum in einer der anderen früheren deutschen Provinzen so deutlich spürbar ist, dass sie eine jahrhunderte alte jüdische Gemeinschaft bildeten, mit eigenen Sitten, eigenen Traditionen, einem gewissen Zusammengehörigkeitsgefühl, das auch noch dann zu spüren ist, wenn das Schicksal die Familien auseinandergerissen hat. — hwg — Ein Juedisches Kinderschicksal In dem Buch „Wenn die Erinnerung kommt...“, das im Verlag Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1979 erschienen ist, erzählt Saul Friedländer seine Eiinnerungen an die acht Jahre von der Flucht aus der Tsehecho-Slowakei mit seinen Eltern nach Frankreich im Alter von sieben Jahren bis zu seiner Ankunft in Israel 1948. Er ist Professor für neuere Geschichte an der Universität Tel-Aviv, auch Gastprofessor an der Universität Genf und hat sich einen Namen gemacht durch seine Untersuchungen über die Zeit des Holocaust. Auch in diesen persönlichen Erinnerungen ist die Kunst des echten Historikers zu spüren, das Vergangene zu vergegenwärtigen. Das Buch ist in der Form eines Tagebuchs geschrieben, was ihm ermöglicht, seine Kindheit mit den Erfahrungen der Gegenwart zu konfrontieren. So notierte er im Tagebuch aus einem Brief seines Vaters, den er 1939 geschrieben hat, als er sich um eine Einwanderung nach Palästina bemühte: „Da ziehe ich es vor, zeitlebens ein Schnorrer zu bleiben., oder mit Arabern Krieg zu führen“ Hierzu bemerkt Friedländer: „Konnte er ahnen, dass auch die Generation seiner Enkelkinder Krieg führen würde — und deren Kinder womöglich auch noch? Unter demselben Datum berichtet er seine Beteiligung an der Beerdigung eines Schülers, der im Jom-Kippur gefallen ist. Der Verfasser ist das Kind einer wohlsituierten und kultivierten assimilierten Prager Familie. In der französischen Emigration gaben ihn seine Eltern in ein jüdisches Internat. Die jiddisch-sprechenden Internatsschüler mit Käppchen und Schläfenlocken sahen in ihm einen Goj und rächten sich an ihm für all das, was die Gojim ihnen angetan hatten. Als in Frankreich 1942 die Razzien auf die Juden begannen, fanden seine Eltern ein katholisches Internat, das bereit war, ihn aufzunehmen, obwohl er sich einer schweren Gefahr aussetzte. Um sicher zu sein, dass die Schule ihn behält, stimmten sie seiner Taufe zu. Sie selbst versuchten, über die Schweizer Grenze zu gehen, wurden aber gefasst. Am selben Tag, an dem er im Tagebuch einträgt, was ihm von dieser schmerzvollen Zeit im Gedächtnis geblieben ist, gibt er eine erschütternde Radiosendung über den Hunger und Tod von Kindern im Warschauer Ghetto wieder In der katholischen Schule erstickte das zehnjährige Kind unter der strengen Disziplin und litt an Heimweh. Aber allmählich befreundete er sich mit andern Schülern und fand Ruhe. „Dieser absolute Glaube, den man uns eintrichterte, war genau das, was ich brauchte“. Nach einiger Zeit begann er sogar, davon zu träumen, dass er zum Priester berufen sei. Nach Kriegsende erzählte ihm ein Pater zum ersten Mal von Auschwitz, den Millionen Toten und vom Schicksal der Juden. Da begann er, sich plötzlich als Jude zu fühlen. „Vielleicht hätte der Pater es lieber gesehen, dass ich Katholik blieb. Doch sein Sinn für Gerechtigkeit (oder war es ein tiefes Gefühl der Barmherzigkeit?) stand mir das Recht zu, selbst zu urteilen“. Er wechselte in das Internat eines weltlichen Gymnasium über. An Wochentagen und Feiertagen besuchte er einen jüdischen „Gegenvormund“. Zionist wurde er durch die Worte eines zionistischen Redners: Nie wieder würden wir uns wie Schafe zum Schlachthaus führen lassen. Deshalb brauchen wir einen Staat. Er entschloss sich, „unserem Feind mit der Waffe entgegenzutreten“. Da er erst 15 Jahre alt war, fälschte er sein Geburtsdatum, um sich an einem Transport Freiwilliger beteüigen zu können. Obwohl er nur wenige Tag vor dem Vorabitur stand, schloss er sich einer Gruppe des Betar an und fuhr mit dem Schiff Altalena nach Israel. Zu Haus in Prag wuchs er als „Pavel“ auf. In der französischen Emigration wurde er „Paul“ und in der katholischen Schule „Paul-Henri“ umgenannt. Als „Saul“ in Israel fand er die Verwurzelung und Sicherheit, nach der er gestrebt hatte. Anni Loewenstetn 3a