Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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werden 25 Familien betroffen. Das zeigt das Schicksal der Gemeinden, die sich ausserhalb der Hauptstadt entwickeln, die 1512 eine Tagessteuer, einen Leibzoll, für jüdische Besucher einführt, die Juden, die ausserhalb wohnen mussten, in die Stadt kommen, um ihren Handel, insbesondere Geldverleih, zu betreiben. Als die Stadt 1681 zu Frankreich kam, werden gewisse Erleichterungen eingeführt, aber es dauert noch hundert Jahre, bis ein erfolgreicher Armeelieferant, Herz Mendelsheim Cerfbeer aus Bischheim, heute eine Vorstadt von Strassburg, 1785 für sich und seine Familie und sein Personal, 60 bis 70 Personen, eine Wohnerraubnis erhalten konnte. Ein Datum, das zur Neugründung der Gemeinde geführt hat. Cerfbeer selbst durfte schon seit 1767 während der Wintermonate in der Stadt wohnen, und seit 1771 während des ganzen Jahres, wobei wir annehmen müssen, dass die 1785 erteilte Erlaubnis nur den bestehenden Zustand legalisierte. Ein Jahr vorher, 1784, hebt Louis XVI, den Leibzoll auf. Nach der französischen Revolution werden 1791 die sogenannten ‘Deutschen Juden’ legal gleichgestellt, und die Gemeinden beginnen, sich zu entwickeln. Der Strassburger Rabbiner Joseph David Sinzheimer, der Name, der wie viele der jüdischen Familiennamen im Eisass, die durch Napoleon eingeführt wurden, auf einen Ort hinweist, wird im Februar 1Ö07 zum Vorsitzenden des von Napoleon zusammengerufenen Sanhedrin, der für die Juden Europas, das von Frankreich beherrscht wurde, Richtlinien ausarbeiten sollte, und den Namen an das Synhedrion der Vergangenheit wählte. Damals werden die ‘Landesverbände’, die Consistories fastgelegt. Die Zahl der Strassburger Juden stieg unter dem Empereur von 100 auf tausend, während in der Provinz etwas mehr als 20 000 Juden lebten, einschliesslich der 25 Gemeinden, die zum Colmarer Oberrabbinat und Regionalverband gehören. Es ist bezeichnend, dass die alemannische — die deutschsprechende Bevölkerung des Eisass, bei Napoleon vorstellig wurde, um judenfeindliche Gesetze durchzudrücken, die der Herrscher glücklicherweise ablehnte. Die Gleichberechtigung wurde auch nach Napoleons Sturz nicht aufgehoben, wie in Deutschland, wo sich die Freien Städte, Frankfurt, wie die Fürsten beeilten, die Gleichberechtigung zu anullieren. Die Entwicklung der dutzenden Kleingemeinden im Eisass ist im 19. Jahrhundert eine andere als in Deutschland, das auf der ‘Nationalen Welle’ reitet, die zur Reichsgründung 1871 führt, und einer industriellen Entwicklung, die diese Provinz, auch als sie zu Deutschland gehörte, nicht mitgemacht hat. Es ist ein ruhigeres Leben, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Die Juden erreichen keine Spitzenfunktionen, weder in der Industrie, noch im Grosshandel, auch nicht in der Politik, sie werden keine Gründer von Wirtschaftssyndikaten und keine Grossindustriellen, vielleicht deshalb erleiden sie auch weniger Rückschläge als ihre Glaubensbrüder in dem neuen Deutschland, sie bleiben bis 1940, und teilweise auch noch heute, Händler und Kleinkaufleute, ihr Lebensstandard ist gut, etwas höher als der der Umgebung, aber nicht überragend, sie gehören in Frankreich zum Mittelstand und nicht zum Grossbürgertum, das leicht von der gesellschaftlichen Spitze abstürzen kann. In den fast zweihundert Jahren seit der Emanzipation macht eigentlich nur ein Jude aus dem Eisass Schlagzeilen, die schliesslich — bestimmt ohne sein Wollen — zur Schaffung des politischen Zionismus geführt haben. Wie wir sagten, liessen die elsässischen Juden die Hände von der grossen Politik und von entscheidenden öffentlichen Positionen, und sie haben es nicht zu bereuen gehabt, wie Rathenau oder die Verkünder der Münchener Räterepublik, wie ein Trotzky oder Bela Kun in Ungarn. Alfred Dreyfus 1859—1935, muss hier erwähnt werden. Nach 1871 gehörte er zu denen, die sich mit Frankreich identifizieren, aber während die anderen akademische oder kaufmännische Berufe in Paris ergreifen, hatte er es auf eine öffentliche Laufbahn abgesehen, und wählte das Militär, und noch dazu den reaktionären Generalstab. Es waren die Voraussetzungen für die Katastrophe gegeben, wie sie kein Dichter besser erfinden konnte. Nach dem Panama-Skandal, der 1889 zum wirtschaftlichen Zusammenbruch des bürgerlichen Mittelstandes, der in den Panama- Aktien in Frankreich führte, spekuliert hatte, und nach dem verlorenen Krieg 1870/71, suchte man ein Opfer, das man dem Volk vorwerfen konnte, und da bot 1894 der Name Dreyfus, der deutsche, der Jude aus Mülhausen, die beinahe ‘ideale’ Voraussetzung für eine Militärclique, ihn als ‘Verräter’ bloszustellen. In der französischen Öffentlichkeit gab es nur wenige Persönlichkeiten, wie ein Zola, die schon bald an seine Unschuld glaubten. Dreyfus wurde zwar 1899 begnadigt, aber erst 1S06 fand sich ein Gerichtshof, um ihn von der Anklage der Spionage freizusprechen, die ein Graf Esterhazy begangen hatte. * Eine ausführliche Beschreibung der elsässischen Juden um das Jahr 1800, ihre wirtschaftlichen Sorgen, ihrer Not, aber auch ihren festen religiösen Glauben, vermittelt ein Bericht eines Gabriel Schammeck, der als Achtzehnjähriger in Jahre 1813 für das französische Militär gemustert 'wird, bald bei Teplitz in russische Gefangenschaft kommt, sich in Böhmen ‘selbständig’ macht, wegläuft, und von dem ‘Rosch Kahal’ in Gross Meseritz Unterkunft und Arbeit bei einem Branntweinbrenner erhält, bis er 1816 in das Eisass zurückkehren kann. Uns sollen nicht seine ‘militärischen’ Erlebnisse interessieren, die nicht sehr heldenhaft sind, sondern die Schilderungen, in denen das Kind oder der Jüngling die Not im Eisass beschreibt, und die vielen Orte, die er nennt. Der Vater, in Isenheim geboren, beschäftigt sich als wandernder Tapezierer, der mit den Söhnen über Land zog ‘beweil in einem Fieck nicht viel zu schaffen ist von dieser Profession’, dann hat der Vater in Hagenau ‘geschafft’, gearbeitet. Als die Mutter starb, kommt eine Stiefmutter ins Haus, die die Kinder nicht pflegt, die Schwester ‘tritt in Dienst’ nach Beifort, ein Bruder arbeitet in Altkirch, der neunjährige Junge ist schon mit dem Vater unterwegs, arbeitet und handelt mit Garnen, aber jeden Schabbat kommen sie nach Hause, liefern brav ihren kleinen Verdienst ab, manchmal nur ein paar Sou, die kaum für Krumbiren, Kartoffel, reichen. Nach Kriegsende bekommt er mit einem Kollegen, Picard, in Colmar eine grössere Arbeit, Betten für die französischen Soldaten, an der sie gut verdienen, aber ‘die Jakeres-Teuerung war zu gross. Der Verdienst geht auf’. Der lange Bericht hört mit der Feststellung auf, dass er nach Amerika auswandern wolle, aber in Wirklichkeit kommt er irgendwann nach Strassburg, lässt sich dort nieder, und wird zu einem gutsituierten Bürger, dessen Nachkommen noch heute dort leben. Neben den schon genannten Familiennamen, die oft auf Orte hinweisen, wie Sinzheim, Bischheim, Guggenheim, sind es insbesondere bestimmte, die auf fallen, zu ihnen gehören Metzger, Kaufmann, Weil, Levi, Bloch, während Cohn und Katz nicht zu den ursprünglichen elsässischen Familien gehören. Es ist interessant, dass die elsässischen Juden trotz ihrer Religiosität nur wenig Kontakt mit dem Zionismus und mit Erez Israel gefunden haben, und dass die Zahl der Juden aus diesem Kreis im Lande so gering ist. Nach 1933 haben sie in beispielloser Hilfe und Ergebenheit die Refugöes aus dem Osten aufgenommen, bei den Behörden garantiert, dass die Flüchtlinge nur vorübergehend, auf dem Wege nach Palästina, dort bleiben, und nicht die Absicht haben, sich niederzulassen, aber sie fürchteten Ehen mit ihnen oder mit den Töchtern und Söhnen, denn nach französischem Gesetz ist es schwer, die Eltern eines in Frankreich geborenen Kindes auszuweisen. Sie haben sich auch der politischen Propaganda für den Zionismus gewehrt, und nicht das Fanal sehen wollen, das sich ihnen wenige Kilometer entfernt, im Osten, jenseits des Rheins, abzeichnete. Persönlich und menschlich haben sie sich alle Mühe gegeben, den jungen Menschen, die in den Dörfern und den kleinen Städten bei den Bauern arbeiteten, ein Heim zu bieten, und eine vorübergehende Heimat. Die elsässischen Juden hatten persönlich das grosse Glück, dass die Reichswehr sie sozusagen vor der SS rettete. Sie wurden nach dem deutschen Einmarsch 1940 auf Cammions, Lastwagen, verladen, um sie über die Demarkationslinien in die Burgund zu bringen, wo sie insbesondere in den Städten Dijon und Besangon, im Gebiet der Saone, überleben konnten, einige wanderten weiter und kamen bis Algier. Nach Strassburg kehrten 1945 8000 Juden zurück, 1000 sind in Lagern umgekommen und 1000 blieben draussen, während die Zahl in den Kleingemeinden rapide abgenommen hat, mit Ausnahme von Colmar, Weissenburg und Hagenau, wie den Vorstädten von Strassburg, in die nach 1962 eine grössere Anzahl algerischer Juden zuwanderte, andere aus Marokko, und nur verhältnismässig wenige aus Osteuropa. In Strassburg konnte 1958 eine neue Synagoge und Gemeindezentrum eingeweiht werden, der Friedenstempel, ‘Synagogue de la Paix’, dem angeschlossen sind Studentenheime, Kindergarten und jüdische Schulen. An der Universität Strassburg besteht heute ein Lehrstuhl für jüdische Studien. Während es im Jahre 1900 neben den beiden Oberrabbinern noch 30 Rabbinatssitze gab, bestehen heute 6 im Niedereisass und 3 im Obereisass, ausserdem sollen noch Juden in 67 Ortschaften leben. Die Zeit hat es mit sich gebracht, dass die Sitten und Gebräuche der elsässischen Juden, die ‘Minhage Elsos’ in Vergessenheit geraten, zusammen mit ihrer Sprache, dem Elsässer-Jüdisch, die sich aus alemannischen, französischen und hebräischen Wortstämmen entwickelt hat. Bis zum 2. Weltkriege konnte das Judentum dort noch etwas von seiner Ursprünglichkeit erhalten, die meisten der 25 000 Juden lebten noch in kleineren Orten, es war ein Landjudentum, aber doch anders als das in den deutschen Ostprovinzen bis 1914 oder selbst das hessische Judentum, mit dem sie viel äussere Gemeinsamkeiten haben. In unserem Jahrhundert waren sie fast alle wirtschaftlich gut basiert, sie besassen ein fundiertes jüdisches Wissen, durch die vielen aktiven Rabbiner bedingt, schöpften ihre jüdischen Neuigkeiten aus der seit 1860 in Frankfurt/Main erscheinenden religiösen Zeitschrift ‘Der Israelit’ und der lokalen, zweisprachigen ‘Tribüne Juive’. Es gibt lange Listen jüdischer Landgemeinden aus dem 13. und 14. Jahrhundert, eine Synagoge wurde in Colmar 1278 verbrannt, 1808, als die Consistoire geschaffen wurde, gehörten zu dem Ort 25 Gemeinden, und jetzt wohnen wieder über tausend Juden dort. Es waren fleissige Menschen, die ihr Judentum und ihre jüdischen Bräuche für selbstverständlich nahmen, sie waren verwachsen mit ihrer Provinz, und nach Jahrhunderten der Verfolgung konnten sie seit der Zeit Napoleons ruhig leben, — zur Zeit der Dreyfus Affaire waren sie Deutsche, und in 29