Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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VORFAHREN. Mein Urgrossvater, der Vater der Mutter meiner Mutter, Aron Joseph ist 1803 in Radomsk in Russisch Polen geboren. Es war wahrscheinlich damals kein sehr glückliches Los für einen Juden, in Russisch Polen zu leben. Wer immer konnte, suchte so früh als möglich auszuwandern — jedenfalls bevor die Armee des Zaren ihre Hand nach ihm ausstreckte. So kam auch mein Urgrossvater in Jungen Jahren nach Deutschland. Als kleiner Junge von zwölf Jahren schwamm er mit einem kleinen Bündel in der Hand durch die Prosna über die russische Grenze. Meine Grossmutter hat es uns oft erzählt. Ich weiss nicht mehr von ihren Erzählungen, wer ihn jenseits der Grenze zuerst aufgenommen hat. Aber ich weiss, dass er in Jungen Jahren geheiratet hat und dass er in Pieschen, einer kleinen Stadt nicht allzu weit von meiner Heimatstadt Krotoschin, ein kleines Gasthaus besass, als meine Grossmutter ein Junges Mädchen war. In jenen Jahren war die Feuerwehr in den kleinen Städten der Provinz Posen die Sache freiwilliger Helfer. Und die ganze Liebe meines Urgrossvaters gehörte seiner Tätigkeit in der Feuerwehr. Er schlief mit der Feuerwehr-axt immer neben seinem Bette, um jederzeit parat zu sein. Wieder und wieder rannte er hinaus, wenn ein Feuer ausbrach, und suchte zu retten und zu helfen ... zuweilen unter Gefahr des eigenen Lebens. Der König Friedrich Wilhelm IV. verlieh ihm die Rettungsmedaille am Bande... Meine Grossmutter besass ein kleines, in rotes Leinen gebundenes, handgeschriebenes Gebetbuch. Ihr Bruder Hermann Joseph hatte es für sie geschrieben. Auf den letzten Seiten dieses Buches schrieb meine Grossmutter selber eine Betrachtung über ihre Eltern. Da erzählt sie, was sie uns auch mündlich wieder und wieder berichtet hat: wie der Landrat im Tempel in Pieschen ihrem Vater die Rettungsmedaille des Königs überreicht und angesteckt hat. „Diese Freude“, so schreibt sie „hat den Guten zu Tränen gerührt. Es steht mir immer noch lebhaft vor Augen. Die Gestalten der geliebten Eltern sind mir beide immer nahe... Der Vater meines Vaters, Isaak Heimann Margolius war Kaufmann in Adelnau. Er hatte ein Geschäft mit Tuchen und Kleiderstoffen. Aber ich glaube, wenn ich den Berichten meines Vaters trauen darf: er kümmerte sich nur wenig um sein Geschäft und überliess die Sorge dafür seiner Frau. Er selbst widmete den grössten Teil seiner Zeit dem Studium der „Lehre“: der Versenkung in Bibel und Talmud, und den Angelegenheiten der Synagoge. Hier war er mit ganzem Herzen dabei. Wenn er beim Gottesdienst am Versöhnungstag als Vorbeter vor der Gemeinde stand, dann pflegte ihn die Heiligkeit des Tages mit grosser Gewalt zu überkommen. Er betete mit so grosser Innigkeit, dass ihm der Schweiss aus den Poren brach. Kam er dann vom Gebet nach Hause, musste seine Frau ihm das Wasser aus den Kleidern ringen. Auch sie selbst aber war eine fromme Frau, die über der Besorgung des Geschäfts ihres Mannes gewiss nicht versäumte, alles zu tun, was von einer Jüdischen Frau erwartet wurde. Sie hiess Judith Margolius und war sehr stolz auf ihren Namen. Die Bauern, die vom Land rfngs um Adelnau in die Stadt kamen, um dort ihre Einkäufe zu machen, liebten es, bei ihr zu kaufen. Sie wussten auch, dass sie nicht stören durften, wenn meine Grossmutter etwa gerade beim Beten war. Dann setzten sie sich geduldig vor dem Ladentisch nieder und warteten, bis sie mit ihrem Gebete fertig war. Kamen Inzwischen neue, noch unerfahrene Käufer in den Laden, dann legten die alten Kunden den Finger auf den Mund und mahnten um Ruhe: „Still, das gute Frauchen betet!“ Freilich, die Tatsache, dass meine Grossmutter fast ganz allein für das Geschäft zu sorgen hatte, blieb nicht ohne Einfluss auf ihr Denken und Handeln. Und das wirkte sich einmal beinahe verhängnisvoll aus. Als ihre älteste Tochter einem Jungen Mann versprochen war, da richtete meine Grossmutter — gewöhnt selbständig zu handeln — noch vor der Hochzeit dem Jungen Paar ein neues Geschäft ein. Die Braut, die Junge Minna half eifrig mit. Und als der Bräutigam mit seinen Angehörigen und Verwandten zur Hochzeit kam, da war der Platz seiner neuen Wirksamkeit schon bis ins letzte vorbereitet für ihn. Ihm selbst mag das nicht missfallen haben. Denn auch er war — wie mein Grossvater — mehr ein Gelehrter als ein Kaufmann. Aber die Verwandten waren sehr unzufrieden. Sie fanden, dass die Braut und ihre Mutter unschicklich gehandelt hatten. Alle waren erregt. Meine Grossmutter, die mit allen ihren Kunden gut Freund war, hatte auch alle zur Hochzeit ihrer Tochter eingeladen. Aus allen Dörfern der Umgebung waren Gäste gekommen. Nun sassen sie in grossen Scharen an' den festlich gedeckten Tischen und wussten nicht, was beginnen — ungewiss, ob die geplante Hochzeit nun überhaupt stattfinden würde. Da lief meine Grossmutter durch die Reihen und rief: „Esst nur Kinderchen! Es kostet alles mein Geld! Ihr seid bei mir zu Gaste!"... Aber die Hochzeit wurde doch nicht abgesagt. Der Vater des Bräutigams legte sich schliesslich ins Mittel. Was man auch von der Handlungsweise der Braut denken wolle — so meinte er — nun sei man einmal zur Hochzeit gekommen — und in keinem Falle dürfe man einen Menschen beschämen. So wurde schliesslich die Hochzeit doch noch gefeiert... Damals war mein Vater noch ein kleiner Junge. Er sollte ursprünglich ein Kaufmann werden. Man gab ihn bei einem Kaufmann in Ostrowo in der Nähe von Adelnau in die Lehre. Aber er wollte kein Kaufmann werden und rann aus seiner Lehrstelle fort. Es gelang ihm, seinen älteren Bruder Max für sich zu gewinnen. Max war zu Jener Zeit schon mit seiner Ausbildung fertig und hatte in Breslau eine gute Stellung. So fand er sich bereit, meinem Vater zu helfen und ermöglichte es ihm, Lehrer zu werden. Voll Freude bezog mein Vater die Präparanden-Anstalt in Ostrowo. Von dort kam er an das Seminar in Rawitsch. Hier bestand er seine erste Lehrerprüfung. Der Vater meiner Mutter, Adolf Lev.v, war 1829 in Krotoschin geboren. Er hatte eine Schwester und zwei Brüder. Der jüngere dieser Brüder Heymann heiratete die Schwester meiner Grossmutter. Dass zwei Brüder zwei Schwestern zu Frauen nahmen, erschien mir in meiner Kindheit als ein denkwürdiges Ereignis. Und ich hielt mir viel darauf zugute, dass dieses denkwürdige Ereignis in meiner nächsten Familie .stattgefunden hatte. Aber auch der älteste Bruder meines Grossväters, Simon Levy, gab mir Anlass zu besonderem Stolz. Er hatte das erste photographische Atelier ln Krotoschin. Die photographische Kirnst war erst zwischen 1820 und 1850 erfunden worden. So muss der Bruder meines Grossvaters zu den Ersten gehört haben, die überhaupt als Photographen tätig waren. Auch mein Grossvater selbst hatte ein Handwerk erlernt. Er war Buchbinder, was mir auch immer ein besonders erfreuliches und achtungswertes Handwerk schien. Freilich, zur Zeit meines Grossvaters gab es wohl nicht genug Arbeit für einen Buchbinder ln Krotoschin. Und so gliederte mein Grossvater ein Geschäft mit Schreibwaren und ein Geschäft mit Schokoladen und Konfitüren an. Der Ruhm seiner Schokoladen muss sehr bald seinen Ruf als Buchbinder weit übertroffen haben, denn er war in Krotoschin sehr bald nur als der „Nasch-Levy" bekannt. Dabei blieb er doch stets ein Mann, der viel auf die Geschicklichkeit seiner Hände gab. Wenn irgendeiner bei ihm vorsprach, um ihm diese oder Jene neue Erfindung anzupreisen und zum Kauf anzubieten, dann pflegte er zu sagen: „Das will ich mir gewiss alleine machen!“ Meine Mutter war die einzige Tochter ihrer Eltern. Als mein Vater als Lehrer an die Jüdische Rektoratsschule nach Krotoschin kam, da trug meine Mutter ihre braunen Haare noch ln einem Zopf über ihrem Rücken. Sie war noch sehr Jung, als mein Vater begann um sie zu werben. Mehl Grossvater war zunächst nicht sehr begeistert von dem Gedanken, seine schöne Tochter einem Lehrer in Krotoschin zur Frau zu geben. So schickte er seine geliebte Bianka nach Posen, der Hauptstadt der Provinz, und hoffte, dass sie dort den Jungen Lehrer vergessen würde. Sie tat aber nichts dergleichen, sondern schrieb dem Geliebten ein Briefchen, in dem sie ihn beschwor auch nach Posen zu kommen. So reiste der Junge Lehrer nach Posen. Mein Grossvater Hess daraufhin seine Tochter nach Krotoschin zurückkommen. Und kurz danach schickte er sie mit ihrer Mutter nach Bad Warbrunn in Schlesien. Mein Vater folgte ihr auch nach Warbrunn. Oft hat er mir später erzählt, wie ihm meine Mutter damals in einem Organdykleid, mit kleinen bunten Blümchen bestickt, auf dem Kurplatz in Warbrunn entgegen kam, als er gerade dort eingetroffen war. Meine Grossmutter war auf seiner Seite. Und so gab der Grossvater schliesslich die Einwilligung zur Hochzeit. Trotzdem er so lange damit zurückgehalten hatte, liebte meine Mutter ihren Vater sehr. Am 14. Juni 1887 fand im Krollschen ßaal am Neuen Markt in Krotoschin die Hochzeit statt. Der Vater war der erste Trauzeuge. Der zweite Trauzeuge war der Bruder des Bräutigams, der aus Breslau zur Hochzeit kam. Das Junge Paar war über alles glücklich. Nur einen kleinen Ärger konnte mein Vater lange nicht verwinden. Als er voll der schönsten und erhabensten Gefühle mit seiner Braut aus der Brautkutsche stieg, da hatte die Geliebte ihn schnell noch am Arm gefasst und ihm leise zugeflüstert: „Bitte, sieh, ob Schleppe und Schleier an meinem Kleid richtig liegen!"... Meine Eltern waren über 15 Jahre lang verheiratet, als ihr einziger Sohn sich endlich entschloss, zur Welt zu kommen. Umso grösser war die Freude, mit der ich erwartet und empfangen wurde. Aber meine Hochzeit, 36 Jahre danach, war keine grosse Festlichkeit. Meine gute Edith hatte keine Veranlassung, mich nachschauen zu lassen, ob die Schleppe ihres Brautkleides richtig lag. Denn es hatte keine Schleppe. Es war überhaupt kein besondere festliches Kleid. Unsere alte Freundin Hedwig Lebus hatte Edith geholfen es auszu- 25