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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1980-05-01 · No. 46-47 (Mai 1980) · p. Seite 11

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1980
Issue
No. 46-47 (Mai 1980)
Date
1980-05-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Diese Annonce stand in allen Breslauer Zeitungen grade richtig vor dem ersten April, dem Tag an dem die meisten Dienstbotenwechsel stattfanden. Es gab zwar noch drei andere Tage, 1. Januar, der aber wegen der Weihnachtsgeschenke kaum in Frage kam, den 1. Juli, vor den grossen Ferien auch nicht, eher schon der 1. Oktober. Man suchte sich den passenden, dienstbaren Geist bei einer privaten Vermittlerin aus, in Breslau war die tüchtigste, eine jüdische Frau mit grosser Menschenkenntnis, oft schickten die Bauersfrauen ihre Töchter dorthin, wo sie selbst ihre Arbeit gesucht hatten, und wussten, dass Frau Merz schon den richtigen Platz für das Mädel aussuchen würde. Hausfrauen, die ihre Leute nicht gut behandelten, oder deren Haus nicht in Ordnung war, bekamen kein Mädchen und Dienstboten, die nichts taugten, wurden nicht zum zweiten Male verdingt. Jedes Dienstmädchen musste ein, von der Polizei ausgestelltes, Buch haben, in das dann die neue Stelle vermerkt und, bei Verlassen, im Zeugnis eingetragen werden musste. Schade, dass solche Bücher nicht erhalten sind, die eingetragenen Zeugnisse waren manchmal urkomisch. Eine wichtige Frage der zukünftigen Arbeitgeberin war: „Haben Sie einen Schatz?, und wie lange schon? Meist war das ein Soldat, und der sass dann öfters abends in der Küche und bekam zu essen. Manchmal kaufte man ihm sein Kommissbrot ab, das war das beste Brot. Ich rieche es noch und weiss, wie es schmeckte. Wurde man einig, so gab man dem Mädel einen Thaler (drei Mark) das verpflichtete sie, zum Antritt des Dienstes und damit bezahlte sie den Transport ihrer hölzernen Truhe, in der sie ihre Habseligkeiten hatte, Heiratete sie nach einigen Jahren, so war die Truhe voll mit Wäsche, den Weihnachtsgeschenken. Schlafplatz war meist auf dem Hängeboden, der durch eine schmale Treppe erreicht wurde und grade Platz für das Bett mit den bunten Bezügen und für die Truhe hatte. Aber nicht bei meiner Mutter, da bekam das Mädel ein richtiges Zimmer und weisse Bettwäsche. Arbeitszeit unbegrenzt, ausgehen, eine Woche Sonntag Vormittag in die Kirche, am zweiten Sonntag Nachmittag, wenn die Küche aufgeräumt war, bis 10 Uhr. Für viele Mädchen waren die Jahre in guten Familien, die besten Jahre ihres Lebens. Ja, oft blieben sie viele Jahre in der Familie. Meine Verwandten Loewys holten ihre „treue Seele“ schliesslich her. Sie hatte bei meiner Tante vielleicht schon 20 Jahre gedient, als Hitler den Juden arische Dienstboten verbot. Marie nahm deshalb im gleichen Haus bei Ariern eine Stelle für wenig Lohn an, arbeitete und kaufte vor allem für meine Tante und meinem Vater ein. Als nach Vaters rod die 75jährige Schwester nach Theresienstadt verschleppt wurde, nahm Marie alle Wertsachen und mietete für ihr Geld einen Safe. Und war unglücklich, als die Bank zerbombt wurde. Aber ich wollte doch erzählen, wie es zu der Annonce kam. Eines Nachts stand vor dem Bett meiner Mutter ihre kleine Tochter in ihrem langen, weissen Nachthemd, schlafend mit geschlossenen Augen und rezitierte den ersten Monolog aus der Jungfrau von Orleans. Mutter war sehr erschrocken, aber Vater nahm mich auf den Arm und trug mich wieder ins Bett,, ich wusste am nächsten Morgen nichts davon. Viele Kinder gehen so im Schlaf spazieren, ob es mit dem Mond zu tun hat, wie behauptet wird, weiss ich nicht. Meinen Ralph fanden wir einmal unter dem Esstisch. Das Bürstengeschäft von London & Co auf der Oderstr. war sicher das bekannteste Geschäft in Breslau und nicht bloss wegen der Annoncen. Eigentlich haben doch Besen und Bürsten, Kämme und Scheuertücher keinen besonderen Anreiz und der Laden auf der Oderstr., die vom Ring an der Elisabethkirche vorbei, hinunter zur Oder führte, war nicht grade eine Prachtstrasse. Aber mein | JOHANNA GEHT, j j DOCH IMMER KEHRT SIE WIEDER J J MIT BESEN UND BÜRSTEN VOnJ London & co„ oderstr. s\ I H Vater gehörte zu den seltenen Menschen, die, wie er selbst sagte: „allen Dingen ein goldenes Schwänzchen“ anhängen konnten. Der schmale, wenig attraktive Laden, in dem ein halbes Dutzend Verkäuferinnen und eine Kassiererin arbeiteten, hatte am Ende ein grosses Fenster auf einen ziemlich dreckigen Hof. Ein verglaster Gang, den meine Mutter zu einem Wintergarten gemacht hatte, führte zu dem Privatcomptoir, von dort kam man in einen grossen, dunklen Raum, wo die teuren Waren, Kleider-, Kopf- und Zahnbürsten und dergleichen aufbewahrt wurden, und eine Treppe hinauf in die Buchhalterei führte, wo man an den Pulten stehend und sitzend arbeiten konnte, mein Platz war am Fenster und ich hatte ein paar besondere Bücher zu führen. Ein grosses Licht bin ich nie gewesen, kam auch nie weiter, las zu der Arbeit. Wieder höher waren dann grosse Speicher mit allerhand sperrigen Dingen, vom Laden hinunter in den Keller führte eine Treppe, dort wurden die Waren zusammengestellt, die jeden Tag verladen wurden, denn die Hauptsache war das Ehgros Geschäft, für das drei, später fünf Reisende Aufträge einbrachten. Mein Vater verstand es, aus seinen Angestellten eine Einheit, ich möchte sagen, beinahe seine Familie zu machen. Alle liebten und verehrten ihn, wobei es ihm sicher zustatten kam, dass er ein sehr schöner Mann war, mehr aber, dass er es grossartig verstand, mit Menschen umzugehen. Bis auf einen älteren Reisenden und einen dummen Lehrling, der dann Nazi wurde und das Geschäft sich nahm, sind alle männlichen Angestellten, mein Bruder dazu, im Krieg gefallen. Die Londons, und ich konnten das an vier Generationen beobachten, haben immer den Kopf voll phantastischer Ideen gehabt, die ihnen aber nie etwas einbrachten, nur Vater konnte wenigstens einige seiner Ideen verwirklichen. Zu meinen Pflichten gehörte, zu Onkel Hermann Rosenthal zu gehen, dem Lehr-Chef meines Vaters, der ein Geschäft mit Rohmaterialien hatte. Vater kaufte dort allerhand und es gab oft irgend einen Auftrag für mich, etwas zu holen oder zu bringen. Ich ging gern, nicht bloss weil ich immer Schokolade bekam, sondern wegen der schönen Geschichten. Er war mit einer Cousine meiner Grossmutter verheiratet, meine Eltern hatten sich bei Rosenthals kennen gelernt und unsere Familien waren befreundet. Eigentlich bin ich mit Fritz und Margot aufgewachsen, Hans, den ich eigentlich heiraten sollte, aber wir beide wollten nicht, fiel am ersten Kriegstag in Frankreich. Onkel Hermann hatte noch die Reden von Lasalle gehört, hatte den Hungeraufstand der schlesischen Weber erlebt, den Gerhard Hauptmann in seinem Drama behandelt. Als Lehrling war er mit einem Planwagen zur Leipziger Messe gefahren, die damals nicht Mustersondern Warenmesse war, hatte den polnischen Aufstand gegen Preussen erlebt Der Familie Stern und Rosenthal gehörten die grossen Mühlen, die dann von einem Konzern auf gekauft wurden, der Juden nicht mehr anstellte, obwohl im Direktorium noch Juden sassen, dass das schon Sturmzeichen waren, das hatte nur Herzl erkannt. Wieso und warum weiss ich nicht, aber Onkel Hermann kaufte für die weite Familie von Landleuten, die zu ihm ins Geschäft kamen, Hühner und Eier und Tauben, einmal flogen ein paar weg und sassen dann auf dem Dach gegenüber und er sagte: „Ich habe eine Hypothek auf dem Haus". Die Alten konnten noch in Frieden sterben, was aus der jüngeren Generation geworden ist, weiss ich nicht. Nachdem Vater so bitteres Lehrgeld mit seiner Fabrik in Herdain bezahlt hatte und die Arbeiterorganisation ihm noch dazu das Leben sauer gemacht hatte, wollte er keine Fabrik mehr haben. Der preussische Staat , um die Ausgaben für seine Strafgefangenen zu verringern, war auf die Idee gekommen, die Gefangenen für private Firmen arbeiten zu lassen. Die Arbeitgeber hatten den ortsüblichen Lohn zu zahlen, die Arbeitsgeräte und den Werkmeister zu stellen, den Gefangenen wurde frei gestellt, die Arbeit anzunehmen. Von ihrem Lohn zog sich die Verwaltung die Kosten für Brot und Bewachung ab, der Rest wurde dem Gefangenen gutgeschrieben, er konnte das Geld seiner Familie zukommen lassen oder bekam es bei Entlassung ausgezahlt. Der Vorteil für den Arbeitgeber war, dass er nichts mit der Arbeiterorganisation zu tun hatte, und dass er Jeweilig so viel Leute einstellen konnte, wie er grade brauchte. Diese Einrichtung trug viel zur Befriedung der Gefangenen bei In der besten Zeit beschäftigte Vater etwa 300 Leute in Myslowitz, dann noch im Arbeitshaus in Lauban, wo Strafentlassene, die lange Strafen abzubüssen hatten, zum Schluss in Arbeitshäuser kamen, wo sie allmählich wieder zu freien Menschen erzogen werden sollten, dann hatte Vater noch einen kleinen Holzschneidebetrieb im Gebirge, der arbeitete aber nur, wenn die Leute nicht mit Waldarbeiten und Blaubeeren pflücken zu tun hatten. Myslowitz, die drei Kaiser Ecke dort, wo Österreich, Russland und Deutschland zusammen stiessen. Eine Mischbevölkerung, allgemein die Wasserpolaken genannt, die Polen wollten mit ihnen eben so wenig zu tun haben, wie die Deutschen, sie sprachen einen besonderen Dialekt, arbeiteten in den Kohlen- und Erzgruben, vernachlässigt von der Regierung, schlechte Löhne, eine verkommene Bande, die zu allen Verbrechen neigte. Freiwillig ging weder ein Beamter noch ein Offizier dorthin, das Gerücht ging, dass alle, die dort beschäftigt waren, etwas auf dem Kerbholz hatten, der Mittelstand bestand durchwegs aus Juden, was dann bei der Abstimmung nach dem Krieg, die auf Anordnung des Völkerbundes stattfand, sich klar herausstellte. Alle Beamten, auch die Geistlichen, waren hier nicht aus freiem Willen, stammten aus anderen Gegenden, hassten die Gefangenen und ihre Vorgesetzten. Nur zu zwei und bewaffnet betraten sie die Zellen, nur mit strengen Strafen wurde Ordnung gehalten. Dunkelarrest für 24 Stunden bei Wasser und Brot, Anschliessen an eisernen Ketten, Hand und Fuss, waren üblich. Einmal nahm mich Vater mit, den Eindruck der Menschen, die wie Tiere hinter eisernen Stangen sassen, über der Tür die Ursache: Totschlag, Raub, Sodomie, Gotteslästerung, was es nur an Verbrechen gab. In der Abteilung, in der Vaters Arbeiter sassen, waren nur solche mit längeren Strafen, weil es sich nicht gelohnt hätte jemanden, der nur ein paar Wochen hatte, anzulernen. Vater ging in die Zellen allein und ohne Waffe, er hörte sich jede Klage an und half so gut er konnte. Am Abend erzählte er dann seine Erlebnisse und konnte so gut nachmachen: „Pannje London, 11

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