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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1980-05-01 · No. 46-47 (Mai 1980) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1980
Issue
No. 46-47 (Mai 1980)
Date
1980-05-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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AUS EINEM BRESLAUER TAGEBUCH 1979 (Zu Ehren von Dr. Ernst Markowitz, dessen zartes Mentorat uns durch die ganze Wiederbegegnung mit Breslau 1979 begleitete) Es regnet, als wir an der Oder entlanggehen. Der Weg ist glitschig. Höcker und Löcher. Zwischendrin Lehm. Anders stellte ich mir die Oder nach so vielen Jahren vor. Entweder von Industrien verstellt. Von Hallen, Kaminen, Schloten. Oder prallvoll von Menschen, die an einem Tage wie diesem trotz des Regens scharenweise auf dem Damm in die Ausflugslokale ziehn. Stattdessen begegnen wir niemandem. Einsam fliesst die Oder in die Stadt. Zu den Girlanden, den Brücken. Zu den Hellebarden, den Türmen. An den Rändern bewuchert von grünem Schwertgras und blauem Busch. Aber so liebe ich die Oder. So einsam. So melancholisch. So weinend in weinender Welt. So ist dieses Wiedersehen ein herzliches Wiedersehen für mich. Unser Begleiter wäre zufriedener, wenn es hier an der Oder mehr Fabriken, mehr Wirtschaft gäbe. Aber das ginge der Oder gegen den Strich. So wie ihr damals das Babylon der Ausflügler gegen den Strich gegangen war. Da war sie bevölkert, befahren, betrubelt, umschwärmt. Da gab’s Motorboote, Ruder-Renner, Vergnügungsdampfer. Da gab’s die Polonaise der Kaffeetanten, Tanzwütigen, Kegelknechte, Korpsstudenten nach Wilhelmshafen, zum damals bekannten Kaffee- und Kuchen-Haus, oder zum „Oderschlösschen“, dem mozartisch kleinen Liebeslauben-Lokal. Da gab’s aber auch das Am-Gängelband-Gehen mit den Omas, den Stieftanten, den Nennonkels, das uns Buben als obligate lästige Sonntagsnachmittag-Gesellschaftsfron auferlegt war. In den Matrosenanzügen, den weissen — die waren so weiss, dass die Angst, sie könten bekleckert werden, gösser war als die Lust, sie zu tragen. Da sassen wir dann, als hätten wir Lineale verschluckt, steif von Angst, wir könnten uns bekleckern, vor unseren Henkeltassen mit Schokolade und mit dem Klacks „Schlacke“ drin und vor unseren „Schweinohren" und Sahnerollen. Da kommen zwei Buben mit Fahrrädern auf uns zu. Schlingernd. Springend. Über Höcker. Durch Löcher, Strähnig. Zattig. Wild wie die Oder. Passt das nicht besser zu dieser wilden, verwucherten Schönheit? Wir wären damals auch lieber wie diese zwei Buben mit unseren Fahrrädern über Höcker, durch Löcher geschlingert, gesprungen. Auch ich bin damals, wenn ich die Oder für mich haben wollte, mit meinem Fahrrad immer viel weiter weg nach draussen gefahren... Es regnet. Alles ist wuchrig .wuschlig, üppig. Alles ist saftig, struppig, urig. Strandwellen, in Ondulationen, wölben sich aus. Rinnsale, in Handschriften, zeichnen sich ab. Übergriffelt mit Hieroglyphen ist der Spiegel der Oder. So, in ihren Phantasien in sich selber beschlossen, lebt die Ruhige, Strömende, Schwermütige. Sie hat sich wiedergefunden. Sie ist sich wieder ihrer selber bewusst geworden. Die Ulmen, die Linden sind wie das Schiff, die Gräser mächtig, ausschweifend. Schutzgebend. Hier, in dieser Oderlandschaft, ist jene uralte Landschaft des Pan wiedererstanden, wie sie, vor Hunderten von Jahren, die Wanderer erfreut, erschüttert, beschwichtigt, beherbergt hat. Da kommen die zwei Buben mit ihren Fahrrädern wieder zurück. Schlingernd. Springend. Uber Höcker. Durch Löcher. Strähnig. Zottig. Wild wie die Oder. AUF DEM JÜDISCHEN FRIEDHOF Kaum ein Pfad ist zu finden, wenn man durch die schiefe Blechtüre den alten Jüdischen Friedhof betritt. Soviel Gestrüpp, bizarr im Gomorrha von Steinen, verwehrt den Schritt. Schräg, in fallendem G'.anz, stehen Grab- Stelen gegen verknulpte Akaziensäulen. Schriftzeichen in Gold glitzern aus ihnen hervor. Inschriften, in Sandstein, Kalk, Marmor, Basalt eingraviert, verraten ferne Namen: Schottländer, Marek, Dyrenfurt, Heimann, Milch. Grosse Familien, die Breslaus Gründer-Epoche, die Hoch- Zeit der Stadt im Neunzehnten Jahrhundert, geprägt haben. Auf der Innenseite des zerbröselnden, .abblätternden, zerstäubenden Mauerquadrats prangen hohe Gedenktafeln. Im Untergang stolze Altäre, drei-, vier-, fünffach gegliedert. Mit chevaleresken Architraven, bekränzten Pilastern, Tympanen, geometrisch ornamentiert. Eine Wand aus patriarchalischen Heiligtümern durchschneidet das Ruinenkastell. Mächtige byzantinische Kuppel-, Säulen-, Giebel-Architekturen. Pharaonische Mausoleen. Krypten fürstlichen Stils. Deutsch auf ihre Stirnen gestanzt sind Vor- und Nachnamen der Stammväter: Jakob Kohn, Julius Friedländer, Salomon Stein. Deutsch und hebräisch folgen Namen und Daten der Angehörigen, Kinder und Kindeskinder. Der Breslauer Adel hat seine Adelsprädikate gehabt. Herzog. Graf. Baron. Das Breslauer Grossbürgertum hat seine Titel gehabt: Wirkliche, Geheime und sonstige Räte. Das Breslauer Judentum hat nichts als seinen Namen gehabt. Eine gebrochene schwarze Marmorsäule glänzt, von Moss und Russ unbehelligt, wie neu. Aus den Rissen zerbrochener Totenkammern recken sich krude Ranken — wilde exotische Tänzerinnen — in die Wipfel melancholisch dastehen- . der Eichen. Gefällt Stämme, als Hebel in Ritzen gestemmt, um die Deckel wegzurücken und die Totenkammern frech aufzutun, erzählen Geschichten von Fledderern, die zu den Knochen hinabgestiegen sind, um Ketten, Ringe, Zähne zu rauben. Moss schweigt im blättrigen Labyrinth. Margaruiten blühn schüchtern im Farn. Zypressen, klein auf Grabhügel gepflanzt, gross aus Grabhügeln herauswachsend, bohren sich spiralig in den überwölbenden Himmel. Da strahlt, wenn man genügend Geduld gehabt hat, plötzlich inmitten des Sodoms, kalkigweiss ein Stück Mauer hervor. Davor steht, aus schwarzem Basalt, ein kleiner Tempel. Er hat einen griechischen Giebel. Auf ihm zu lesen ist der Name Lassall. Darunter, auf der Schriftplatte, steht: „Ferdinand Lassall geb. d. 11. April 1825 gest. d. 31. August 1864 Rosalie Lassall geb. Heinzfeld geb. d. 8. Mai 1797 gest. d. 5. Okt. 1854“ Vor dem kleinen schwarzen marmornen Tempel auf einem granitenen Sockel liest man die polnische Inschrift: Ferdinand Lassall dem grossen Sozialisten Die PPS (Polnische sozialistische Partei) am Tage ihres XXX XXVII Kongresses 14 XII 1947“ Hier also liegt Ferdinand Lasall. Breslauer Rebell. Berliner Philosoph. Pariser Grandseignem-. Arbeiterführer. Genialer Umformer der kommunistischen Veränderung zur sozialdemokratischen Reformation der Gesellschaft. Dichter. Liebender. Des Faust und der Helene Sohn Euphorion. Gestürzt von seiner Lichtbahn im Duell. Verewigt im Volkslied: „Zu Breslau ein Kirchhof, Ein Toter im Grab. Dort schlummert der Eine, Der Schwerter uns gab.“ Ferdinand Lassall, gemeinsam mit seiner Mutter, liegt als Mittelpunkt hier im Grabe. Nicht weit weg davon — um ein Loch, das durch Mauer und Grabtafel geschossen ist — verwelkt die Schrift eines Epitaphs. Noch zu lesen sind die Zeilen der Schrift: Hier ruhen die irdischen Überreste unserer unvergesslichen Schwester der Schriftstellerin und Gutsbesitzerin Fräulein Friederike Kempner geb. d. 25. Juni 1828 gest. d. 23. Februar 1904 zu Friederikenhof Ihr Leben war geistiger Arbeit und Werken der Nächstenliebe geweiht." Hier also liegt Friederike Kempner, der „schlesische Schwan“. Die komische Dichterin komischer Verse — deren begnadetes Clownstum für das ganze begnadete Clownstum der schlesischen Dichtkunst schlesisches Herz. Was sie auf Kepler gedichtet hat, naiv, rührend, zum Weinen, zum Lachen verrückt — hat sie’s nicht auf sich selbst gedichtet. „Du sähest herrliche Gesichte In finsterer Nacht. Ein ganzes Blatt der Weltgeschichte Du hast es vollgemacht.“ Friederike Kempner liegt als Mauerblümchen hier im Chaos. Rote Vogelbeeren tragen wir beiden ans Grab. Dem grossen Mittelpunkt der Welt legen wir sie auf den schwarzen basaltenen Tempel. Dem grossen Mauerblümchen der Welt legen wir sie ins Mauer loch. Dr. Wolfgang Schwarz, Landau/Pfalz (Anmerkung der Redaktion: Dr. W. Schwarz ist Schrifsteller und Dramaturg, geboren 1916 in Tarnowitz O/S und hat seit 1924 in Breslau gelebt). STATIONERY — BOOKSELLER JOSEF FREYHAN formerly Dr. Wilhelm Freyhan 63431 Tel-Aviv, Ben Jehudastr. 60 empfiehlt: Lehrbücher, Lehrmittel NEUESTE LANDKARTEN j IN ALLEN MASSTÄBEN j Spezial-Abteil.: Israel Reiseführer ' TEL. 280564 8

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