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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1980-05-01 · No. 46-47 (Mai 1980) · p. Seite 7

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1980
Issue
No. 46-47 (Mai 1980)
Date
1980-05-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Das Folgende ist der Text des Vortrages, den der Bayerische Rundfunk in München bei mir bestellt, auf Tonband aufgenommen und am 4. August 79 in der Sendung „Breslau - Wroclaw, eine europäische Stadt“ gesendet hat. Auch beim Westdeutschen Rundfunk in Koeln war ich an der Sendung „Breslau, einst und heute“ („Alte und neue Heimat“, am 11. October 79 beteiligt. Die deutsche Stadt Breslau südlich der Oder ist nach der Abweisung des Mongolensturmes im Jahre 1241 gegründet worden im Verlauf der grossen deutschen Ostkolonisation, die das Schlesierland beiderseits der Oder für 700 Jahre in kerndeutsches Land mit eigener deutsch-schlesischer Sprache und deutsch-schlesischer Literatur verwandelt hat. Hier dichtete Angelus Silesius, hier Joseph von Eichendorff, hier lebten Karl von Holtei, Gustav Freytag, Felix Dahn, Gerhard und Carl Hauptmann und viele andere. Der Bauplan der Stadt war der für solche Gründungen übliche, zuerst wurde der Marktplatz ausgerodet. Die Grösse, die man dem Ringe von Breslau gab, beweist, dass die Stadt zu einem Handelszentrum des Ostens gemacht werden sollte. Das ist ja dann den Kaufherren von Breslau auch gelungen: Breslau ist hinter seinen Befestigungen im Mittelalter ein grosser Handelsplatz nach allen vier Himmelsrichtungen gewesen, während in der modernen Zeit der Norden dominierte. Ich sah das Licht der Welt am Berliner Platz gegenüber dem Freiburger Bahnhof und habe dann 40 Jahre in Bres'au gelebt, habe dort meine Lebensgefährtin gefunden, meine ersten zwei Kinder bekommen, zweimal an der Friedrich Wilhelm Universität studiert und meine ersten drei Bücher dort geschrieben und publiziert. „Ei Schläsing da war ich derheeme“. Das Breslau meiner Kindheit war eine friedliche, ruhige Stadt. Ich bin noch mit der kleinen, klapprigen Pferdebahn in die Schule gefahren und immer zurecht gekommen. Ich habe noch bei der Petroleumlampe lesen und schreiben gelernt; scheinbar nicht ganz schlecht „Es muss nicht Hummer sein mit Majonnaise, man kann auch glücklich sein bei Harzer Käse“, Zwei Bauwerke haben auf mich als Kind den grössten Eindruck gemacht: Eines der frühesten Erlebnisse wäre die Stunde nach der Einweihung des Kaiser Wilhelm Denkmals. Das muss also 1896 gewesen sein Die Strasse war noch abgesperrt, nur blaue Schutzleute mit ihren glänzenden Pikelhelmen liefen darauf herum. Dann kamen offene Landauer mit Studenten in Wichs und Fahnen. Ein zweites Mal erinnere ich mich an das Denkmal in der Jubiläumsnacht des 31. Dezember 1899. Da Stand hinten auf der Terrasse die Feuerwehr mit einem roten Scheinwerfer und beleuchtete die Figur von hinten her. — Und ein drittes Mal war das Denkmal die Kulisse, als 1906 beim Kaiser- Manöver der gewaltige nächtliche Zapfenstreich aller Musikkorps des 6. Armeekorps an ihm vorbeizog von Fackelträgern begleitet. Die Musiker waren nach Instrumenten geordnet, so dass der Hirschberger Jäger zwischen dem Ohlauer Husaren und dem Breslauer Kürassier marschierte. Angeführt wurde der riesige Zug von dem General- Musik-Direktor hoch zu Ross* Das war der gewaltigste Klangkörper, den ich je im Leben gehört habe. — Das zweite Bauwerk war das herrliche Rathaus. Ich hatte das Glück, die ersten Schuljahre gegenüber diesem wunderbaren Bau zubringen zu dürfen. Wenn ich aus dem Klassenfenster hinausblickte, sah ich genau die grosse Uhr des 3HLlt3HtgatlkM«ffg3ÜEg BRESLAU UM 1900 Von WALTER B. GOLDSTEIN □Exxsa Rathauses. In den Pausen sassen wir auf dem grossen Fensterbrett (die Mauern waren meterdick) und sahen auf den Ring hinunter, auf dem damals nicht viel Verkehr war. Der blaue Schutzmann hatte nicht viel zu tun. Vor dem Rathause war ein Droschkenhalteplatz (Taxameter gab es noch nicht) und an der Wand waren allerlei Buden. Das Leben in der Stadt war damals behaglich und gemütlich. Der Verkehr von Fuhrwerken war nur schwach: es gab nicht viele Equipagen, wohl aber die grossen, gelben Postwagen, auf denen hoch oben der Postillon sass, und die kleinen, grauen Müllwagen. Das Pferd regierte die Strasse. Man konnte ruhig über den Fahrdamm gehen, ohne Angst, überfahren zu werden. Ich habe den Hauptstrassenzug von Breslau in der Erzählung „Der Sang von der Strasse“ geschildert und viele Dankbriefe dafür aus allen Ecken der Bundesrepublik erhalten. — Die Sprache war damals voller französischer Worte. Man sagte zehnmal am Tage adieu und merkte garnicht, dass man französisch sprach und den Namen Gottes im Munde führte. Erst bei Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 wurde die deutsche Sprache von diesen vielen französischen Brocken gereinigt. Das politische Schicksal Breslaus war ein sehr merkwürdiges. Erst gehörte die Stadt zur Krone Boehmen, also zum Westen, dann den Habsburgern. also zum Süden, später den Preussen, also zum Norden und jetzt gehört sie den Polen, also zum Osten. Breslau hat im Mittelalter politisch und wirtschaftlich eine weit grössere Rolle gespielt als später, es besass damals eine erheblich grössere Selbständigkeit. Breslau war nicht eigentlich eine leichtlebige Stadt. Der Charakter des deutschen Schlesiers war eher schwer, ernst, religiös sehr stark gebunden, zum Sinnieren neigend und äusserst arbeitsam. An den Ufern der Oder wachsen keine Reben, sondern nur Mücken, und so war es ein Glück, dass in früher Zeit die Wallonen die Kunst des Bierbrauens in Breslau eingeführt hatten. Ereslau war — noch um 1900 — eine grosse Bierstadt: in den Vorstädten waren die grossen Brauereien mit ihren Biergarten und in der Stadt selbst die vielen kleinen Kretschmereien. Obenan stand der Keller des Rathauses, der Schweidnitzer Keller hiess, weil hier allein das bevorzugte Schweidnitzer Bier ausgeschenkt werden durfte. Wenn es bei uns auch nicht so fröhlich zuging, wie beim Koelner Karneval oder beim Muenchener Oktoberfest, so war doch auch die Festwiese in Scheitnig voller Munterkeit, und die Winterfeste der Kunstakademie waren alljährlich eine neue Sensation. 700 Jahre sind eine lange Zeit. Man kann in einigen Minuten nicht viel davon erzählen. Das alte Breslau hat eine sehr reiche und vielseitige Geschichte gehabt, und viele Könige und Herrscher in seinen Mauern begrüssen dürfen. Die Stadt war in ganz Europa hoch angesehen und die Hauptstrasse war die — Albrechtsgasse, deren Breite und Schönheit weithin berühmt war. Uns erscheint das unglaublich, aber es war so. Das moderne Breslau war eine sehr schöne Stadt zu deren Wachstum die 20 000 Breslauer Juden nicht wenig beigetragen haben. Sie vereinte das Mittelalter mit der Neuzeit, die deutsche Gotik des Rathauses mit dem österreichischen Barock der Universität und mit dem modernsten eckenlosen Baustil der Jahrhunderthalle und des Warenhauses Wertheim. Ja, das moderne Breslau war schön, und die Eisenwerke von Linke - Hofmann waren in ganz Europa berühmt. „Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können". Etwas aus Breslaus medizinische^ Vergangenheit In meiner freien Zeit beschäftige ich mich oft mit interessanten Persönlichkeiten, die in der Geschichte der Medizin eine bedeutende Rolle gespielt haben und stiess dabei u.a. auf den Namen Johann von Mikulicz-Radecki. Er war von Geburt Pole, wurde später ein Schüler des berühmten Chirurgen Billroth in Wien, der u.a. auch durch seine Freundschaft mit Johannes Brahms bekannt ist. Mikulicz wurde später Leiter der chirurgischen Abteilung der Universität Breslau. In dieser Stellung führte er viele neue technische Methoden ein. Dazu gehörten u.a. der Gebrauch von weissen Handschuhen, die zur Vermeidung von Infektionen von ihm und seinen Assistenten benutzt werden mussten. Später wurden sie durch Gummihandschuhe ersetzt. Er machte intensiven Gebrauch vom Gastroskop, mit dessen Hilfe er schon vor einer geplanten Magenoperation die Innenseite des Magens sichtbar machen konnte. Er war nach Billroths Tod 1894 einer der am meisten aufgesuchten europäischen Chirurgen. Hier sei auch der hervorragende Bakteriologe Robert Koch erwähnt. Als er als Arzt in Wollstein, einer kleinen Stadt mit teils Jüdischer teils polnischer Bevölkerung tätig war, machte er grundlegende Studien über den anthrax bacillus. An ihnen wies er nach, dass Sporen von anthrax Kulturen diese Erkrankung an damit infizierten Versuchstieren hervorrufen konnten. Die Bestätigung dieser Versuche konnte er nur von Autoritäten einer Universität erlangen. Er wandte sich zu diesem Zweck an den bekannten Botaniker der Breslauer Universität Ferdinand Cohn, der erst annahm, dass Koch ein „amateur scientist“ sei, aber doch später Koch aufforderte seine Versuche zu demonstrieren. Nach wenigen Monaten bestätigte er die Richtigkeit der Koch’schen Versuche und empfahl ihn dem erstklassigen Breslauer Pathologen Julius Kohnheim. Dieser hervorragende Forscher betrachtete diese Studien als eine der grössten Entdeckungen auf dem Gebiete der Bakteriologie. (Es sei nur nebenbei erwähnt, dass der Pathologe von Weltruf, Rudolf Virchow, Kochs Ergebnisse als höchst unwahrscheinlich betrachtete). Zwei Jüdische Wissenschaftler der Universität Breslau waren also die Ersten, die die grosse Bedeutung der Koch’schen Untersuchungen erkannten und so den Grundstein zu Kochs weiteren hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Bakteriologie legten. Carl I. Sachs, M.D., Plalnfield, N.J., U.SA. 7

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