Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DIE PRODUKTIVSTE TAT IST DIE LIEBE Der Schriftsteller Max Tau (geboren am 19.1. 1897 in Beuthen, Oberschlesien, gestorben am 13.III. 1976 in Oslo, Norwegen) hat sich trotz der Bitternis seiner schweren Vergangenheit ein Leben lang unbeirrbar für Versöhnung und Freundschaft zwischen Menschen und Völkern eingesetzt. Ziel seines Lebenswerkes war es, in aller Welt Bücher erscheinen zu lassen, deren Inhalt bei hohem literarischen Niveau der Völkerverständigung diente. Mit seinem eigenen schriftstellerischen Werk wollte er Brücken schlagen über die vom Kriege aufgerissenen Abgründe zwischen den Nationen, die Augen der Menschen öffnen für die Schönheit der Welt und ihre Herzen aufschliessen für das Gute in ihren Mitmenschen. „Ich möchte versuchen“, so sagte er einmal, „zu zeigen, wie herrlich Menschen sein können." Was Max Tau zu sagen hatte, ist nicht mit seinem Tod verstummt; es behält seine Gültigkeit über die Jahre hinaus bis hin zu der Zeit da Leid und Krieg ein Ende nehmen werden, da die Völker „aus Schwertern Pflugscharen" machen und die Visionen der Propheten Israels vom Frieden Gottes auf Erden ihre Erfüllung finden. Seine Worte sind von alttestamentarischer Schlichtheit und oft beschwörender Eindringlichkeit. Es geht um die Hoffnung, die die Menschen in sich tragen, um die Aktivität zur Veränderung der Wirklichkeit, die Gestaltung der Zukunft, um die Bereitschaft zur weltumspannenden Versöhnung und — wie Tau es selbst formulierte: um das Bekenntnis zur Menschenliebe. Hier werden keine künstlichen Probleme aufgeworfen, nicht schockiert um der Sensation willen, keine Abgründe aufgerissen — hier wird getröstet, ermutigt, erhoben; Im Frühling ging ich mit meinem Grossvater durch den blühenden Garten. Hinter der Brille leuchteten seine blauen Augen, und sein Patriarchenbart wehte. „So schön ist die Welt“, sagte er. „Wenn die Menschen nur sehen wollten. So schön kann sie für jeden sein, wenn er Liebe genug hat, um im Bruder, im Nächsten, alles zum Blühen zu bringen. Ohne Zuspruch gedeiht nichts. Das gute Wort, das vom Herzen kommt, bringt das Beste im Menschen zum Wachsen. Darum versuche, überall das Beste zu sehen, mein Kind. Nichts kann dir mehr helfen." Nimmst du das Böse, das jeder Tag dir bringt, in dich hinein, verdorrst du. Wenn du aber das Gute zu sehen dich bemühst, kannst du eineis Tages blühen. Als mein Vater mich zum ersten Mal in das Gotteshaus mitnahm, erklärte er mir den Sinn des Tages. „Keiner“, sagte er, „kann die Fehler von uns nehmen, die wir, kleine Menschen, haben, aber Jeder kann versuchen, sie zu begrenzen und sein Leben zu veredeln, dass er, wie die Frommen uns lehren, sich weiter in das Buch des Lebens einschreibt. Denn die zehn Busstage, die nach dem Neujahrsfest dem Versöhnungstag vorangehen, sollen Wandlung, Reue und Versöhnung schaffen. Ich möchte allen Völkern diesen Tag wünschen, damit Versöhnung das grösste Ziel für sie werde, dem alle nachstreben.“ Die meisten Menschen fliehen vor sich selbst. Sie entschuldigen sich damit, dass sie keine Zeit haben. Eigentlich versuchen sie einen Wettlauf mit der Zeit, ohne die Zeit richtig zu gebrauchen. Sie vermögen nur, die materielle Seite zu sehen. Sie wollen weniger arbeiten, mehr verdienen und noch mehr besitzen. Eigentlich verlangen sie eine Versicherung für das Leben. Sie wollen nicht einen einzigen Schritt gehen, ohne zu wissen, dass sie sich in Sicherheit befinden. — So flüchten sie vor dem Leben. Sie wollen Leiden entgehen. Sie wollen nur sein, aber nicht wachsen. Den tiefsten Grund für diese verzweifelte Situation vermag ich nur in der Überschätzung der äusseren Kenntnisse, die dem Menschen Macht geben, zu sehen. Viele Probleme, mit denen wir im Augenblick kämpfen, sind nur entstanden, weil wir einen viel zu grossen Wert auf die Ausbildung unserer Kenntnisse gelegt haben, ohne dass wir versuchen, Herz und Charakter zu bilden. Der Mensch hat sich in sein eigenes Gefängnis eingeschlossen. Er... ist einsam geworden. Er kann alle technischen Verbindungen in einem Augenblick herstellen, aber die einzige Verbindung, die ihm unentbehrlich ist, die Verbindung zum Menschen, ist abgebrochen. Er will nur verteidigen, was er besitzt... und vergisst, dass der eigentliche, unvergängliche Reichtum darin besteht, mit dem andern teilen zu können. — Ist er bereits zum Roboter herabgesunken. Denn für Menschliches hat er verschiedene Schubladen, er kann liebevoll zu seinen Kindern sein, er kann guter Musik mit Andacht lauschen, aber er besitzt keine echte Reaktion, denn alles steht in Verbindung mit Genuss und seinem kleinen privaten Ich. Es ist nicht die Arbeitslast, die die Menschen drückt, es ist die Sinnlosigkeit, die sie oft zur Verzweiflung treibt. Man braucht Ja nur die Tagesnachrichten zu hören. Mindestens die Hälfte hat nichts mit dem wirklichen Leben der Menschen zu tun. Nachrichten von Verbrechen, Katastrophen und Unfällen werden täglich über den Äther gesendet. Aber keine Tat des stillen Dienens erreicht die Menschen. Dieses fortwährende Schockieren führt nur dazu, dass der Mensch überhaupt nicht mehr schockiert werden kann. Er wird durch all das Unglück, das es auf der Welt gibt und von dem er jeden Augenblick hört, abgestumpft und entmutigt und versucht, irgendwohin zu fliehen. Jeder Mensch wird mit einem Traum geboren. Er will das Wesentliche seines Eigenen in der Welt verwirklichen. Alles, was dem Guten dienen soll, vermag nur aus der Sehnsucht der Seele, aus dem Verlangen des Geistes, geboren zu werden. Es erfordert eine Geduld, die den meisten noch mangelt. Aber es lässt uns ernten, was unverlierbar bleibt. Ein jeder von uns muss von seinem Platz aus täglich in seiner Arbeit, durch seine Haltung und durch seine ethische Verantwortung zeigen, dass er aufbauen will. Zuerst will er zu sich selbst kommen, um dadurch an dem Bau der Welt richtig beteiligt zu sein. Nur wenn wir alles mit dem Menschlichen durchdringen, wenn uns der Glaube mehr als der Besitz, das Vertrauen mehr als die Macht bedeutet, dann werden wir auch die Kraft der schaffenden Liebe erreichen, die das Böse erkennt und doch nicht einen Augenblick ruht, es durch das Gute auszugleichen. Wir, Menschen, haben die freie Wahl. Die Entscheidung ist immer nur möglich, wenn wir unser Gewissen fragen. Die göttlichen Gesetze, zu denen wir aufsehen, sie müssen wir auch erfüllen. Jeder von uns sollte danach streben, etwas zu tun, was über ihn hinausweist. Jeder Mensch kann das Seine tun, um die Welt zu retten, indem er durch sein Denken und Leben zum Vorbild wird und damit auch die Haltung des anderen Menschen wandelt..., keinem wird es vergönnt sein, ihn zu verstehen, ihm zu vertrauen, ihn zu lieben — das ist der Weg empor. Heute gilt es nicht zu lehren oder zu belehren, heute muss ein Jeder versuchen, durch sein Leben zu überzeugen. Eigentlich befindet sich die Menschheit erst am Anfang. Sie hat alles andere entwickelt und ist zu erstaunlichen Entdeckungen gelangt, ohne dass sie sich bisher bemüht hat, mit dem gleichen Mut und der gleichen Kraft das Menschliche zu entdecken. — (Die) unentdeckten menschlichen Kräfte ... sind mächtiger als alle Waffen, umfassender als alle Erfindungen und segensreicher als alle Kräfte, die wir entfesselt haben. Man mus das Gute einmal gesehen haben, tun auch wirklich überzeugt daran glauben zu können. Man muss die Liebe einmal empfangen haben, um sie auch richtig weiterzuschenken. Niemals kann man helfen, wenn man nicht mit all seiner Liebe eins wird mit dem, der leidet. Wir müssen unsere Fragen erst verändern: Sage mir, was du liebst, muss es heissen, und ich werde dir sagen, wer du bist. Jedes Gespräch, jede Verbindung zum anderen macht unsere Augen grösser und hilft uns, das Gute im andern zu sehen und den Glauben an den Menschen zu erneuern. Denn aus der Anerkennung des Mitmenschen erwächst zugleich das Bewusstsein seiner selbst. ..., man überwindet die Vorurteile und man urteilt nicht mehr über den anderen, ehe man an seine Stelle getreten ist. Erst wenn wir imstande sind, demütig anzuerkennen, dass ein jeder von uns eine einmalige Aufgabe zu erfüllen hat, und wenn wir das Grosse in der Kleinarbeit des Tages des anderen zu erschauen vermögen, dann kann es uns gelingen, das Menschliche auszustrahlen und dem anderen zur Befreiung und zu seiner Freiheit zu verhelfen. Das Unglück der Atombomben abzuwenden ist keine politische Frage. Es ist eine Frage des Gewissens, der Ethik und des Glaubens, der Pflichterfüllung und der Verantwortung für das Leben. Das Leben ist ein Geschenk, ein einmaliges, vom Schöpfer überantwortetes Geschenk. Keiner darf das Leben eines anderen gefährden. Die Physik hat ihre Pflicht erfüllt, sie hat die Materie gespalten, das Atom und gefangene Kräfte freigemacht. Nun muss die Ethik ihr Werk vollenden und die schlummernden Kräfte des Herzens, auf die keiner Wert legte, freimachen. Es gibt für uns Europäer keine grössere Aufgabe, als für alle Erfindungen den Platz zu finden, wo sie den Menschen dienen können. Es muss unsere Aufgabe sein, uns nicht von neuem von den Mächtigen trösten und in einen ruhigen Schlaf einlullen zu lassen. Wir dürfen nicht schlafen. Wir dürfen nicht ruhen! — Wir müssen retten. Das ist nur möglich, wenn die Menschen zueinander finden, überall leben Menschen. Noch können wir das Unglück abwenden. Ein jeder von uns ist imstande, in seinem kleinen Kreise ein Vorbild zu geben, seine eigenen Erkenntnisse durch seine Tat zu verwirklichen, sich dem Befehl gegen das Menschliche zu widersetzen, sich zu empören aus der Verantwortung für das Leben des Nächsten. Zu Menschen kann man nur hinwachsen. Wer den Frieden will, muss erst den Frieden in sich selbst schaffen. Alle Religionen vereinen sich im gleichen Gebet für den Frieden auf Erden. — Oft haben die Menschen dieses Gebet mechanisch nachgesprochen. Nur in den Augenblicken der Not hat sie der Sinn dieses Gebet erleuchtet. Sie suchten nach Frieden für sich selbst. Aber der Friede ist unteilbar. Keiner kann ihn allein erreichen. Alle müssen versuchen, ihn zusammen zu finden. — (Er) kann nur von Mensch zu Mensch geschlössen werden. Es gibt eine Gewissheit: Das Böse unterliegt doch der langsameren, aber sicheren Allmacht des Guten. Auch die grösste Angst vermag Freiheit und Frieden nicht zu ersticken. Alle, die an das Gute glauben, tragen zum Bestehen der Welt bei. 4