Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Identifizierung von Moses Mendelssohn mit Nathan dem Weisen wurde in der Emanzipationsepoche wegweisend. Ernst Simon schrieb 1929 in der „Jüdischen Rundschau" zum 200. Geburtstag von Lessing: „Die geradezu kanonische Geltung, die Lessings Nathan der Weise bei der deutschjüdischen Assimilation genoss, liess den Nathan zum pädagogischen Vorbild der Emanzipation werden. Er hat viele Scheinjuden nach seinem Vorbild gemacht“. Lessing selbst schrieb in seinem letzten Brief an Mendelssohn vom 19. Dezember, 1780 aus Wolfenbüttel: „Dass Ihnen nicht alles gefallen, was ich in letzter Zeit geschrieben, das wundert mich garnicht. Ihnen hätte garnichts gefallen müssen; denn für Sie war nichts geschrieben". Mendelssohn hat aber der Nathan gefallen. Die Rolle des Weisen las er oft selbst. Seinen Sohn nannte er in dankbarer Verehrung für das Drama der Toleranz Nathan und eine Tochter hiess Recha. Der Freund sieht in diesem Werk nur die Lehre von der Vorsehung und Regierung Gottes, sowie das Schädliche in dem Wunsch immer nach Wundern da zu suchen, wo der Finger Gottes zu finden ist. Aber „Nathan“ und Mendelssohn sind nur begrenzt einander ähnlich. „Mendelssohns Judentum war von der Aufklärung noch lange nicht so ausgelaugt“ (E. Simon), wie das Nathansbild Lessings, der nur die Lehre reiner Gottesverehrung, idealer Tugend und Sittlichkeit — nach H. Graetz — in Rechas oder Blandas junger Seele einflösst. So kann Lessing mit Recht in seinem Entwurf zu einer Vorrede schreiben: „Nathans Gesinnung gegen alle positive Religion ist von jeher die meinige gewesen“. Worin also besteht die Ähnlichkeit zwischen Mendelssohn und Nathan? Im Charakter. Alexander Altmann, der Mendelssohn das Vorbild einer authentischen Biographie gewidmet hat, schreibt: „Nathan ohne Mendelssohn wäre wie Hamlet ohne den Prinzen von Dänemark. Lessing hat seinen Freund weder idealisiert noch ihn genau dargestellt. Als Dramaturg zeichnete er ihn nach seinen künstlerischen Absichten. Aber er ist im Charakter des Nathan klar erkennbar.“ Es hat nicht an Bemühungen seitens späterer Kritiker und Literaturwissenschaftler gefehlt, die Ähnlichkeit zwischen Mendelssohn und Nathan zu verkleinern oder auch zu verneinen. Selbst Friedrich Schlegel — der es wissen sollte — nannte Nathan selbst: Lessings Lessing. Im Nathan gibt Lessing nicht nur seine Gedanken wieder, sondern spiegelt sich auch sein Lebensschicksal wider. Das Drama wurde in der dunkelsten Zeit seines Lebens verfasst. Zuerst starb das Kind. Wenige Wochen später verlor er nach kurzer glücklicher Ehe die Gattin. Wir ahnen im Nathan die Verbitterung und das Aufbäumen gegen das verhängte Los. Die letzte Lebenserfahrung Nathans ist auch die Lessings: das Beiseitestehenmüssen bei dem Glück der Anderen. Unter Vorwänden wollte man seine Stieftochter aus dem Hause des einsamen, kranken und verbitterten Lessings entfernen. Nathan wird zuletzt das Einzige genommen, was ihm das Leben lebenswert macht. So ist der Nathan nicht nur ein Charakterporträt des Herrn Moses. Und nicht nur ein Tendenzdrama im Sinne des toleranten, aufklärerischen Deismus Lessings, sondern auch Reflektion über die persönliche Tragödie des Dichters. Lessings Lebensende hat einen Jüdischen Zug. Seine Überzeugung besiegelt er mit dem Martyrium. In dem Kondolenzschreiben nach dem Tode Lessings schreibt Mendelssohn an den Bruder Karl im Februar 1781: „Der Biograph Ihres Bruders wird sagen: Er schrieb Nathan den Weisen und starb. Von einem Werk des Geistes, das ebenso sehr über Nathan hervorragte als dieses Stück in meinen Augen über alles, was er bis dahin geschrieben, kann ich mir keinen Begriff machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die sich unseren sinnlichen Augen völlig entzieht; und das tat er. Er Ist in der Tat mehr als ein Menschenalter seinem Jahrhundert zuvorgeeilt". Es ist das Verdienst Lessings, der Welt, die nur verkümmerte Ghettojuden kannte, im Nathan einen Juden als Geistesfürsten vorgestellt zu haben; eine Gestalt voll von sprühender Ironie und heilsamem Spott, mit einer künstlerischen Phantasie, die Märchen erfindet und zugleich voller anspruchsvoller ethischer Würde. So ist der Beifall verständlich, den auch gläubige Juden dem Drama bezeugt haben. Aber sie konnten nicht die Gefahr ahnen, die ihren Nachkommen von einem Ring drohen wird, der nur noch sehr schwach glänzt. Darum schrieb Ernst Simon 1929 in dem erwähnten Artikel zum 200. Geburtstag von Lessing: „Wir aber, die wir Lessings tapfere Humanität nur allzu sehr, gerade in unserer jungen Nationalbewegung brauchen können, wenden uns dennoch von seinem blassen und blutlosen Judenbilde ab und hören lieber mit Heinrich Heine in der Nacht des Jom Kippur Shylocks Stöhnen und Rufen: „Jessica, mein Kind“. Unsere Generation hat dieses Stöhnen und Rufen in tragischster Zeit millionenfach gehört. Müssen wir vor der Alternative Nathan oder Shylock stehen? Gibt es kein anderes Judenbild. Kann nicht vielleicht ein erneuertes Israel auf, seinem Boden eine neue Symbolfigur schaffen? Einen Juden, der im Ringen mit Gott und den Menschen im Zeichen der Humanität und Toleranz lebt. Im Jahre 1914 schrieb Isaac Heinemann im „Jeschurun“ über den Nathan: „Wir müssen es ablehnen den notwendigen Kampf der Geister mit anderen als den reinsten Waffen zu führen und den Ehrenschild unserer Sache durch lieblose Gehässigkeit zu schänden..." Mir scheint, das ist 1979 so wahr wie 1914. LIEBE MITGLIEDER UND FREUNDE Wir geben diesmal unser Blatt als Doppelnummer heraus, da durch schwere Krankheit im Redaktionsstab die Nr. zu Rosch Haschana zu unserem grossen Leidwesen nicht erscheinen konnte. Wir bitten unsere Leser diesbezüglich um Verständnis. Wir haben uns bemüht, als Entschädigung, diese Zeitung weit umfangreicher zu gestalten, und waren darauf bedacht, wie bisher, das Niveau zu halten. Die dauernden Anfragen aus aller Welt haben uns bewiesen, das auch weiterhin ein grosses Interesse für unser Organ besteht. Wir bemühen uns, unsere Arbeit nach besten Kräften zu leisten und stehen allen Anfragen unserer Leser immer gern zur Verfügung. Eine riesige Korrespondenz mit unseren Mitgliedern in Israel und in der ganzen Welt, beweist uns, dass wir in dieser Linie weiter tätig zu sein haben. Wir bitten unsere Mitglieder um pünktliche Einsendung der Beiträge: in Israel: jährlich IL 100.— im Ausland: jährlich $ 10.— Unser Bankkonto ist: 24195 American - Israel Bank, Tel Aviv, Rothschild Blvd. 11, zu Gunsten Irgun Joze Breslau, bez. Postscheine, oder Schecks an den Verband ehemaliger Breslauer, Ramat Gan, Mazadastr. 27 (Erich Lewin). Bei Einzahlung in unsere Bank am Kassenschalter bitte uns höfl. Nachricht zu geben. Ausserdem den genauen Namen des Einzahlers anzugeben. Bitte, vergessen Sie nicht das „Goldene Buch“ auf den Namen unseres unvergess. Gründers, Dr. Wilhelm Seew Freyhan. Mit herzlichen Grüssen und dem Wunsch eines guten Ergehens zeichnen wir Verband ehemaliger Breslauer in Israel Moses Mendelssohn und Schlesien In diesem Jahr haben wir den 250. Geburtstag von zwei bedeutenden Männern der deutschen Aufklärung gefeiert, die miteinander befreundet waren; von Gotthold Ephraim Lessing und von Moses Mendelssohn. Gibt es eine Beziehung des letzteren, der in Berlin lebte, zu Schlesien? Ja, es gibt eine solche, und sie führt über die geheime ‘Mittwochsgesellschaft’, die eine kleine Auslese aufgeklärter Männer von geistigem Rang und Ansehen zu philosophisch-politischem Gespräch vereinigte. Dazu gehörten sowohl Mendelssohn — und zwar als Ehrenmitglied — als auch ein ganzer 'Stosstrupp' von Schlesiern, darunter vor allem Carl Gottlieb Svarez (1746—1798), der Advokatensohn aus Schweidnitz und Verfasser des preusslschen Allgemeinen Landrechts von 1794, in das eine Menge der Gedanken eingegangen sind, die Svarez und seine Freunde in der Mittwochsgesellschaft diskutiert hatten. Die letztere fand übrigens ihre Nachfolger bis zu jener Berliner Mittwochsgesellschaft des Jahres 1944, einer der Kernzellen des Widerstands gegen die Tyrannei. Svarez war zuvor, ehe er 1780 mit dem Grosskanzler Graf Carmer nach Berlin übersiedelte, als Beamter in Breslau tätig gewesen; Schlesien diente in vieler Hinsicht als ‘Sozialmodell’ für die preussische Kodifikation, und es ist wiederum ein Breslauer, Christian Wolf (1679—1754), der das Denken der deutschen Aufklärung bis hin zu Kant entscheidend beeinflusst hat. Lassen wir uns nun von keinem Geringeren, als von Goethe belehren, worum es damals in der Rechtslehre ging (Dichtung und Wahrheit, 3. Teil, 13. Buch): es galt nunmehr, ‘auch in rechtlichen Verhältnissen höchst menschlich zu sein’ und nach und nach ‘alle diejenigen Maximen, nach welchen map Religion und Moral behandelte’, zu befolgen ‘Ein Damm nach dem andern ward durchbrochen. Die Duldsamkeit der Religionsparteien gegeneinander ward nicht bloss gelehrt, sondern ausgeübt, und mit einem noch grösseren Einflüsse ward die bürgerliche Verfassung bedroht, als man Duldsamkeit gegen die Juden, mit Verstand, Scharfsinn und Kraft, der gutmütigen Zeit anzuempfehlen bemüht war’. Es ist vollkommen deutlich, worauf Goethe hier anspielt: auf das berühmte Buch (1781) Christian Wilhelm v. Dohms — auch eines Mitglieds der Mittwochsgesellschaft — ‘Uber die bürgerliche Verbesserung der Juden’. (Vgl. hierzu jetzt I. Dambacher, Chr.W.v.Dohm, ein Beitrag zur Geschichte des preussischen aufgeklärten Beamtentums und seiner Reformbestrebungen am Ausgang des 18. Jhjs, Verlag P. Lang, Bern/Frankfurt 1974). Wir wissen, wie sehr Svarez von Dohm geschätzt wurde, wir können davon überzeugt sein, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte — obschon es davon kein ausdrückliches Zeugnis gibt —, und wir spüren wiederum hinter dem, was diese beiden Männer geschrieben und getan haben, den Einfluss der Mittwochsgesellschaft und Moses Mendelssohns, den Einfluss der ‘Berlinischen Monatsschrift’, zu deren Mitarbeitern auch Kant gehörte. So schliesst sich der Kreis, und wir dürfen zu dem ‘anderen Preussen\ das uns Hans-Joachim Schoeps so eindrucksvoll in vielen seiner Schriften vorgestellt hat, auch dasjenige rechnen, was uns jene beiden Jubilare des Jahres 1979 gegeben haben, obschon der eine aus Kamenz, der andere aus Dessau stammte, Hans Thieme .5