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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1979-04-01 · No. 45 (April-Mai 1979) · p. Seite 23

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1979
Issue
No. 45 (April-Mai 1979)
Date
1979-04-01
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
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Echäft kam, empfing mich eine Strafpredigt meines Prinzipals mit dem dringenden Ersuchen, diese Kreise vollkommen zu meiden, da diese Leute nur die Absicht hätten, mich zur Taufe zu überreden. Ich aber dachte an keinen Übertritt zu einem anderen Glauben, konnte aber unmöglich Menschen vom Schlage meines Chefs meine Motive offenbaren. Schliesslich hat die Untätigkeit der dortigen Juden in geistiger Hinsicht und die Gleichgültigkeit uns jüdischen Angestellten gegenüber mich zu jenen Kreisen geführt, und ich habe sehr viel dabei gelernt. Damals abonnierte ich den .Kunstwart“ und las eifrig diese Zeitschrift. Mich packte solche Begeisterung mit dieser Richtung, dass ich eines Tages leichtsinnig genug war, von meinen beschränkten Geldmitteln bei einem Buchhändler 100 Büchlein des „Kunstwart“, für die Jugend genannt „Nimm mich mit“, für 5 Mark zu kaufen, mit der Bitte, sie an 100 Schüler gratis zu verteilen. Da trat eine Wendung ein durch den imerwarteten Besuch meines ältesten Bruders aus Berlin, dem anscheinend von irgend einer Seite über mich berichtet worden war. Er war sehr gut und brüderlich zu mir, war aber auffallend gut über mein Leben orientiert. Nachdem er sich das Geschäft angesehen und erkannt hatte (ich selbst war mir ja auch schon bei meiner Ankunft darüber im Klaren), dass ich geschäftlich nichts lernen konnte, erklärte er mir ganz nüchtern, aber bestimmt: „Am 1. Oktober verlässt du Meiningen“, worauf ich mechanisch „ja“ sagte. Mein Bruder hatte mir dann eine gute Stellung in Berlin in einer Fabrik für Badeeinrichtungen und sanitäre Anlagen besorgt. Und so verliess ich Meiningen zwar sehr ungern, aber mit dem Bewustsein, das mein Bruder es nur gut mit mir meinte. Die Fabrik, in deren kaufmännischer Abteilung ich arbeitete, beschäftigte etwa 50 Arbeiter und 8 kaufmännische Angestellte. Ausser dem Seniorchef waren seine drei Söhne tätig, und ich arbeitete unter ihrer Leitung. Erst musste ich mich an das Tempo gewöhnen, das ein anderes war als in den kleineren Betrieben. Hier war reger, lebhafter Betrieb, und man musste Augen und Ohren offenhalten um nicht Fehler zu machen. Doch ich arbeitete mich gut ein. Der alte Chef, der diese Fabrik einst gegründet hatte, war als armer Klempnerlehrling einst nach Berlin gekommen und hatte aus kleinsten Anfängen es sehr weit gebracht. Darum war er stets sehr stolz, wenn er zu wiederholten Malen seinen Lebenslauf erzählte. Gleichzeitig verlangte er auch von uns allen äusserste Kraftanspannung. Ich hatte mit einem jungen Angestellten ein gemeinsames Zimmer in der Nähe des Alexanderplatzes. Hier in der Grosstadt war alles für mich überwältigend. Man konnte nicht genug zu sehen bekommen und beobachten. Die Zeit rannte einem davon; es gab keinen Stillstand, und man wurde einfach mitgerissen. Ich hatte aber einen Jugendfreund in meiner Nähe, der einst mit mir in meiner Heimat aufgewachsen war. Er war Student der Medizin und wohnte bei seinen Eltern, die einen Mittagstisch in der Rosenthalerstrasse führten. Zu ihm war mein erster Weg am Sonntag, und wir freuten uns beide wie Kinder, als wir beisammen waren. Bald war ich in seinem Elternhause heimisch, und ich kam dort mit vielen Studenten zusammen, die dort assen und auch zuweilen mit den beiden schönen Schwestern meines Freundes. Auch ich empfand zu der älteren innige Sympathie, die rein freundschaftlich erwidert wurde, zumal wir uns ja noch von früher her kannten. Ohne, dass ich es merkte, war ich total in sie verliebt und sah in ihr einen Engel mit allen Vorzügen. Aber ich legte mir in ihrer Nähe Selbstbeherrschung auf, und es bildete sich eine geistige Freundschaft zwischen uns beiden. Wir besuchten gemeinsam Konzerte in der Philharmonie und anderen Musiksälen. Sie spielte auf dem Klavier meine Lieblingssonaten von Beethoven, wenn wir allein waren. So zog langsam dieses Neue in mein Herz ein: die Liebe, und ohne, dass ich es merken liess. Aber sie muss es doch erkannt haben, denn sie wurde plötzlich kühler zu mir und fing an, mich zu quälen. Ich versuchte mich abzulenken und schränkte meine Besuche ein. Dagegen war ich öfters in verschiedenen Studentenvereinen zu Gast, so im „Allgemeinen Jüdischen Geschichtsverein“ und im K.C., dem auch mein Freund angehörte. Dort gab es Vorträge, man war ausgelassen und trank, und sang Kommerslieder. Eines Tages fragte mich meine Freundin unverhofft: „Wie stehen Sie zu Herzl und zum Zionismus?“ Auf diese plötzliche Frage konnte ich keine klare Antwort geben, da ich mich noch nie mit dem Zionismus befasst hatte. Aber junge Studenten hielten mir die ersten Vorlesungen über dieses Thema. Ich muss gestehen, dass ich mir mit gewissem Ernst Mühe gab, in diese neue Geistesrichtung innerhalb des Judentums einzudringen, aber ich konnte nicht die Begeisterung aufbringen, welche viele andre junge Menschen und auch meine Freundin erfasst hatte. Dazu kam noch, dass mein Freund, zwar ein stolzer und bewusster Jude, der sich oft wegen antisemitscher Beleidigungen mit anderen Studenten „geschlagen“ hatte, trotzdem ein heftiger Gegner des Zionismus war und seinem Einfluss in diesem Sinne auch bei mir Geltung zu verschaffen suchte. Ich selbst hielt den Zionismus für eine grosse Idee, aber mein Herz war nur halb dabei, denn uns Juden in Deutschland „ging es ja so gut“, und Pogrome, wie in Russland, waren ja hier unmöglich. Nachdem nun einige Studenten, welche früher eifrige Zionisten gewesen waren, wieder absprangen und Zionistengegner wurden, erfasste auch mich eine grössere Gleichgültigkeit. Es waren eben Jahre des Zweifelns und Ringens in uns jungen jüdischen Menschen, die so stark deutsch empfanden, dass das Judentum erst an die zweite Stelle trat. Auch mich zog es immer fester zur deutschen Literatur und Musik. Ich verschlang förmlich die damalige moderne Literatur und liebte besonders die Lyriker. Tiefsten Eindruck empfand ich beim Lesen der Werke von Rilke, welche ich mir teilweise kaufte. In seinem „Stundenbuch“ fand meine Seele den Gottesfrieden und Gottesglauben, der bei mir schon zweitweise von anderen Anschauungen übertönt gewesen war. Als ich nun auch bei Max Reinhardt viele Werke Ibsens, die ich ja schon früher gelesen hatte, in erstklassigen Aufführungen sehen konnte, war es für mich ein Miterleben von ungeahnter Wucht. Auch meine Freundin war tief beeindruckt und trat mir geistig immer näher, während unser äusseres Verhältnis unverändert kühl blieb.- Ich besuchte ferner auf Studentenkarte die Königliche Oper, wo ich u.a. Wagners „Meistersinger“ vier Stunden lang stehend sah und hörte. Wenngleich ich viele Werke Wagners, wie „Den Ring der Nibelungen“, „Tannhäuser“ und den „Fliegenden Holländer mir anhörte, so imponierte mir zwar seine Musik, aber Liebe, wie zu Beethoven, Schubert, Mozart und Grieg, empfand ich nicht. Dann kam Goethes „Faust“ und wühlte in mir den Inneren Menschen auf. Eines Tages gab mir mein ältester Bruder den „Zarathustra" von Nietzche zum Lesen. Und es wurde mehr als das. Dieses Werk fing an, mich zu beherrschen, und mir erschien als einziges und letztes Ziel der Menschheit „Der Übermensch". So drang immerfort so viel Neues und Interessantes auf mich ein, so wuchs in mir die Sehnsucht nach allem Schönen, Edlen und Grossen, so wuchsen in mir schwere Seelenkämpfe zum Orkan an, dass ich wieder zurückeilte zur Freundschaft und zur Liebe, um Ruhe zu finden. Aber ich fand sie nicht und wurde ganz unglücklich. So gelangte ich durch Zufall in eine neue Kultursphäre. Nebenan, auf dem gleichen Flur meiner Pension wohnte ein jüdischer Holzhändler aus Polen mit Frau, fünf Töchtern und drei Söhnen, von denen der älteste auch Medizinstudent war. Da die Fenster meines Zimmers neben der Wohnung dieser Familie lagen, kam es von selbst, dass man ins Gespräch kam und miteinander bekannt wurde. Ich wurde öfter eingeladen und lernte hier einen neuen Kreis kennen und dessen hohe Bildungsstufe bewundern. Alle Töchter spielten Klavier. Hier lernte ich die polnischen und russischen Meister in ihren Werken kennen, wie Chopin, Rubinstein und Tschaikowski. Aber auch eine neue Literatur fand ich hier: ausser Oscar Wilde waren es Sienkiewicz, Gogol, Gorki und Tolstoi, die ich mit regstem Eifer las. Und doch fand ich sonst menschlich als deutscher Jude nicht das Verständnis, und man begriff dort nicht meine Liebe zum Vaterland und zum Deutschtum überhaupt. Dagegen fand ich in dieser Familie die zionistische Idee stark vertreten, besonders bei den jungen Mädchen. So lernte ich aus all diesen Verbindungen, und nahm das Wertvolle in mich auf. Doch bot mir wahren Seelenfrieden nicht der Mensch, sondern die Musik allein. Darum besuchte ich häufig Konzerte und hörte bedeutende Dirigenten, wie Nickisch, Blech, Haugger, Muck, Walter und Oskar Fried, den berühmten Mahler-Interpreten. Auch hörte ich Solisten, wie Emil Sauer, Arthur Schnabel und den jungen Geiger Bronislav Hubermann. Letzteren sah ich in Palästina wieder als Leiter des Palestine Orchesters und auch als Solist unter Toscanini. Grosse Freude ergriff mich, als einmal die „Meininger Hofkapelle“ ein Gastspiel in Berlin gab. Ich konnte kein billiges Billet erhalten und schmuggelte mich in den Raum ein, in welchem sich die Musiker versammelten, neben der Bühne. Und richtig, da rief Einer „da ist doch unser Mandolinenspieler“, und das Wiedererkennen verschaffte mir freien Eintritt zum Konzert. Aber auch das Schachspiel vernachlässigte ich nicht. Ich war Mitglied des Schachklubs „Springer“, welcher ca. 200 Mitglieder zählte, darunter Spieler ersten Ranges, die später die Meisterschaft errangen, wie z.B. Schlage, Post, Bringmann und Rotensteln. Ich selbst spielte in der vierten Abteilung (eB gab deren neun) und erhielt beim Jahresturnier, sowie beim Blitzturnier anlässlich der Preisverteilung zwei erste Preise und kam daraufhin nach der 3. Abteilung. Auch im Kerkaupalast spielte ich viel und sah sowohl dort als auch in den Klubräumen der Berliner Schachgesellschaft viele damals berühmte Meister spielen, unter ihnen auch den Weltmeister Emanuel Lasker. Daneben machte ich mit meinem Bruder an geeignete Mensch auch für diskrete Dinge. Ich fand bei ihm immer inniges Verständnis für meine seelischen Kämpfe. Mein Bruder führte mich auch schütten, und der brüderliche Freund war der manchen Sonntagen herrliche Ausflüge und Dam- Natur bot die beste Gelegenheit, das Herz auszupferfahrten in die Umgebung Berlins. Die reine in die Berliner Museen und Gemäldegalerien. Den stärksten Eindruck hinterliessen bei mir Gemälde von Rembrandt, Feuerbach und Böcklin. Als die Fliegerei in Johannistal begann, zog es auch mich mit aller Macht hinaus, und ich konnte stundenlang bei Wett- und Rundflügen ausharren. Am interessantesten waren die Gast- und Kunstflüge des französischen Sturzfliegers Pegoud, der zum ersten Mal Loopings zeigte. Aber auch wenn das Zeppelinluftschiff majestätisch in den Lüften schwebte, hegte ich den innigsten Wunsch, mir auch einmal die Welt von oben anzusehen. Anlässlich einer Kaiserparade auf dem Tempelhofer Felde, dem traditionellen Paradeplatz, marschierte auch ich mit dem Kaiser-Alexander - Grenadierregiment vom Alexanderplatz bis zum Sammelplatz immer in der Nähe der Kapelle, wie einst in meiner Jugendzeit zu Kaisers Geburtstag. Das militärische Schauspiel war imposant, und besonders interessant wurde es, als der Zeppelin über uns erschien und sich vor dem kaiserlichen < 23

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