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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1979-04-01 · No. 45 (April-Mai 1979) · p. Seite 22

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1979
Issue
No. 45 (April-Mai 1979)
Date
1979-04-01
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
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und von meinem Vater besonders, Pünktlichkeit, Fleiss und Ehrlichkeit. Diese Dinge habe ich stets im Leben hochgehalten. In der Berufsschule, die ich besuchen musste, war ich der beste Schüler und erhielt beim Jahresabschluss eine Buchprämie, genannt „Vaterländische Hausbibliothek“. Abends las ich fleissig Bücher und lernte viele Monologe aus klassischen Werken auswendig, so z.B. aus Wilhelm Teil, Hamlet, Macbeth, Othello u.a. Auch spielte ich viel Schach und sammelte Briefmarken. Nachdem ich nun l'A Jahr im väterlichen Geschäft gearbeitet hatte, kam ich als Volontär in ein Eisengeschäft nach Briesen i.Wpr. in dem mein Vater schon als Verkäufer tätig gewesen war. Am Vorabend meiner Abreise hatte ich bereits Heimweh, und mein älterer Bruder tröstete mich und sagte: „Es wird für Dich so am besten sein“. Zwischen uns beiden hatte sich ein inniges brüderliches Verhältnis gebildet. Meine schönsten Stunden waren, wenn ich zuhören durfte, wenn meine Mutter und mein Bruder vierhändig Klavier spielten. Zuweilen spielte mir mein Bruder auch allein Beethovensonaten und Symphonien vor. In Briesen lebte ich mich bald ein, und in meiner Freizeit verkehrte ich fast nur in jüdischen Kreisen. Das Neue dort war das polnische Element, da dort fast die Hälfte der Einwohner Polen waren. Ich selbst lernte schnell die polnische Sprache. Von den Polen aber gingen auch antisemitische Strömungen aus. Die Ursache mag in der Tatsache gelegen haben, dass die Juden sich dort stark deutschnational betätigten um den vielen auf dem Lande wohnenden deutschen Ansiedlern, mit denen sie grossen Handel trieben, als vollwertig angesehen zu werden. Einmal fand in Gollub bei Briesen ein sogenannter „deutscher Tag“ auf dem Schlosse Golan statt. Da ein Kollege von mir aus dieser Stadt stammte, fuhren wir zur Teilnahme dorthin. Dort tobte sich der Nationalismus in mancher Weise aus. Mich interessierte am meisten die Brücke, welche von dieser Grenzstadt zur russischen Ortschaft Dobrzin führte. In der Mitte war der Schlagbaum, an dem deutsche Soldaten und russische Kosaken sich freundschaftlich gegenüberstanden. Für uns war es etwas Neues, mit einem Fuss die Grenze zu überschreiten. Damals ahnte ich nicht, dass auch ich einmal tief nach Russland marschieren würde. In geistiger Hinsicht machten sich die Juden in Briesen keine Sorge um ihre Angestellten, sie waren nur Geschäftsleute und das genügte ihnen. Und so arbeitete auch ich allein an mir, las viel und machte meine ersten Gedichte. Auch in der dortigen kaufmännischen Berufsschule war ich der Beste und erhielt auch eine schöne Buchprämie kaufmännischen Inhalts. Ich bemühte mich dann um eine andere Stellung und wurde als Verkäufer unter günstigen Bedingungen nach Schroda, Prov. Posen engagiert. Diese kleine Stadt war noch polnischer als Briesen, dagegen die Jüdische Gemeinde kleiner. Dort gab es auch eine Spannung zwischen Polen und Juden, aber zwischen Polen und Deutschen herrschte sogar Feindschaft und Hass. In meiner freien Zeit verkehrte ich sowohl ün Hause meines Chefs als auch in anderen jüdischen Familien. Am Sonntag fuhr ich öfters nach Posen, wo ich Verwandte hatte. Es war für mich die erste Grosstadt, die ich sah. Besonders grossartig und monumental erschien mir das neue königliche Schloss; aber interessant waren auch das alte Rathaus und die Raczinski-Bibliothek. Einige Male besuchte ich auch das Theater. Im Geschäft war man mit mir zufrieden, und auch mich befriedigte die Arbeit. Da erhielt ich von Hause einen Brief, dass ich ins väterliche Geschäft zurückkehren möge. Mir war es nicht recht, zumal ich bei fremden Leuten mehr Anerkennung bisher gefunden hatte, als daheim. Da aber mein ältester Bruder in Berlin, der mir stets zur Seite gestanden hatte, ebenfalls in mich drang, gab ich die Stellung auf und reiste heimwärts, mit gemischten Gefühlen. Mein Chef gab mir ein sehr gutes Zeugnis und entliess mich mit vielen guten Wünschen. Das Schicksal wolite es dann, dass ich fast 30 Jahre später den Sohn meines Chefs hier in Palästina wieder traf, und die beiderseitige Freude sehr gross war. In der ersten Zeit nach meiner Rückkehr arbeitete ich mit meinem Vater, der etwas kränklich war, in bestem Einvernehmen zusammen, und das Geschäft hob sich. Meine Mutter war darüber sehr erfreut. Inzwischen war mein älterer Bruder Referendar geworden, mein um fünf Jahre jüngerer Bruder besuchte das Gymnasium und der Jüngste die evangelische Volksschule, da die jüdische Schule inzwischen infolge schwachen Kindernachwuchses aufgelöst worden war. Der alte Lehrer war inzwischen gestorben, und der zweite von der evangelischen Schule übernommen worden. Ich hatte nun auch die Pflicht, meinen jüngeren Brüdern zur Seite zu stehen und Vorbild zu sein. Ich selbst spürte nun auch den gewaltigen Unterschied der Geistesrichtung zwischen meiner Heimatgemeinde und der Städte, in denen ich geweilt. Der ganze Zusammenhalt und die Kulturbestrebungen standen bei uns auf höchster Stufe, und ich selbst gliederte mich mittätig ein. Der Synagogengesangverein war auch gleichzeitig ein Kulturverein, und ich profitierte auch von den geistig hochstehenden Vorträgen meist jüdischem Geschichtsinhalt. Ich kam aber auch viel in nichtjüdische Kreise, da ich Mitglied mehrerer Vereine wurde. Als Vorstand der Ortsgruppe des „Leipziger Handlungsgehilfenverbandes“ wurde ich einmal gemeinsam mit zwei anderen Mitgliedern, darunter ein christlicher Kollege, zu einer Aussprache aufgef ordert von der dortigen Ortsgruppe des deutsch - nationalen Handlungsgehilfenverbandes, der ja weder Juden noch weibliche Angestellte aufnahm. Das war mein erstes bewusstes Zusammentreffen mit dem Antisemitismus. Zwar ging ich aus der Debatte nicht als Sieger hervor, aber mein sachliches und korrektes Auftreten trug mir doch die Achtung mancher Gegner ein. Bemerkenswert ist noch, dass der damalige Vorsitzende, der sich besonders antisemitisch gebärdete, 10 Jahre später mit mir gemeinsam in einigen Vereinen harmonisch zusammenarbeitete; da er selbständig war, hatte er seinen Radikalismus abgelelegt. In meinen Mussestunden las ich wieder viele Bücher und bevorzugte Ibsen, Björnson und Hauptmann. Damals kam ein junger Buchhändler nach dort, mit dem ich, trotz eines Altersunterschiedes von ca. fünf Jahren bald in persönlichen Kontakt trat. Nach kurzer Zeit waren wir befreundet und besuchten uns gegenseitig. Er lenkte mein Literaturbedürfnis in neue Bahnen, und nun waren es Dichter, wie Kellermann, Liliencron, Dehmel und andere, damals moderne Lyriker und Dramatiker, die ich mit grossem Eifer las. Ich fand in den Werken dieser Schriftsteller oft den Gleichklang für mein Innenleben. Aber mein Vater war der Ansicht, dass das viele Lesen ungünstig auf meine Arbeit im Geschäft wirke, und da es wieder öfter für mein Innenleben. Aber mein Vater war der Ferne. Und so ging ich als 18jähriger nach Meiningen i/Thüringen. (Das Schicksal wollte es dann, dass ich diesen Buchhändler 25 Jahre später, kurz vor meiner Abreise nach Palästina in Berlin in seiner eigenen Buchhandlung wiedertraf und sprach). Das Geschäft in Meiningen war kleiner als der väterliche Betrieb und konnte mich nicht befriedigen. Dagegen war meine Chef sehr schnell mit mir zufrieden; die dortige jüdische Gemeinde war nur klein und ohne tieferen Zusammenhalt. Die Juden trafen sich zwar in der Synagoge, waren aber meistens unrituell und kümmerten sich auch wenig um das Wohl der dortigen Jüdischen Angestellten. Mit geringen Ausnahmen war es die freieste Gemeinde, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Ich selbst war bei einer christlichen Familie wohnhaft. Der Mann war Weinreisender und trank selbst sehr viel zum Leidwesen seiner Frau. Beide hatten einst bessere Tage gesehen. Ich fühlte mich aber dort wohl, und man erwies mir viel menschliche Güte. Ich kaufte mir eine Mandoline und konnte bald darauf gut spielen. Auch einige persönliche Bekanntschaften schloss ich mit einem jüdischen Angestellten und einem jungen verwachsenen Menschen, der bei seinen Eltern lebte. Besonders der Verkehr mit dem ersteren entwickelte sich zu einer Freundschaft und wurde für uns beide so wertvoll, dass wir noch später viele Jahre in Briefverkehr standen, bis uns der Weltkrieg auseinander brachte. (Wieder wollte es dann das Geschick, dass wir uns 30 Jahre später in Palästina wieder treffen sollten, und zwar im gleichen Ort; so klein ist die Welt geworden). Die wunderbare thüringische Landschaft übte auf mich einen Zauber aus, der mich geistig sehr befruchtete, sodass ich wieder Gedichte machte und schliesslich auch ein Drama in Versen, genannt „Dämmerung“ in Angriff nahm. Oft begegnete ich in den herrlichen Parkanlagen dem Herzog, ebenso dem Erbprinzen. Oft weilte ich mit meiner Mandoline in der Grotte neben den Denksteinen (Büsten) von Otto Ludwig und Brahms. Dort lernte ich ein Mitglied der herzoglichen Hofkapelle kennen, und dieser Bekanntschaft hatte ich es zu verdanken, dass ich oft zu den Hofkonzerten freien Eintritt hatte. Auch im Hoftheater war ich oft, und die erstklassigen Aufführungen begeisterten mich immer mehr. Ich lernte auch einen dort tätigen Schauspieler kennen, und sah so manchen, der später seinen Weg an grosse Berliner Bühnen fand. Wie ja überhaupt aus der „Meininger Theaterschule“ ausser Josef Kainz noch mancher berühmte Schauspieler hervorgegangen ist. Auch Rose Lichtenstein, damals noch Anfängerin machte bei Reinhardt ihren Weg... um später in Jerusalem zu leben. Bemerken will ich noch, dass der ehemalige Intendant der „Meininger“ wohl der berühmteste, Ludwig Chroneck, ein entfernter Verwandter von mir war. Auf dem jüdischen Friedhof steht sein Sarkophag aus rohem Marmor mit der Widmung des Herzogs und dessen Gattin. Von berühmten Dirigenten hörte ich u.a. Berger, Steinbach und Max Reger. Der Intendant Max Grube war auch ein guter Schauspieler und sogar Schriftsteller. Die Uraufführung seines Werks „Der Kardnal“ mit ihm in der Titelrolle machte einen starken Eindruck auf mich. So sorgte diese Kunststadt füi' meine weitere geistige Entwicklung. Auch eifriges Mitglied des dortigen Schachklubs war ich und habe so manches Mal auch mit Meister Teichmann, dem Einäugigen, gespielt. Aber je mehr ich in mich aufnahm, desto mehr Zweifel nagten in religiöser und seelischer Hinsicht an mir. Da fesselten mich eines Tages Plakate mit der Ankündigung, dass ein Professor Dr. von Gerdtell aus Marburg einen Zyklus theologischer Vorträge über das Urchristentum und Judentum halten würde. Diese Vorträge besuchte ich mit grossem Interesse, und vieles auch von dieser Geistesrichtung wirkte stark in mir nach. Ich machte auch die persönliche Bekanntschaft des Vortragenden und hatte bei öfteren Abendspaziergängen Gelegenheit, mit ihm über mich interessierende Fragen zu diskutieren. Und so erhielt ich eines Tages auch eine Einladung zu einer Aussprache über die Themen, welche den Vorträgen zu Grunde lagen, und ich leistete Folge. Es waren dort vertreten Freifrau von Bibra als Wirtin, nebst Tochter, zwei bekannte Schauspieler, ein evangelischer Missionar, ein pensionierter Offizier, Dr. von Gerdteil und ich selbst als Jüngster und einziger Jude. Diese Unterhaltung hatte zur Folge, dass ich innerlich noch mehr aufgewühlt wurde. Als ich am anderen Tage ins Ge- 22

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