Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1979
- Issue
- No. 45 (April-Mai 1979)
- Date
- 1979-04-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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MEIN LEBEN Als ich im Jahre 1890 in einer Kleinstadt Westpreussens von ca. 8000 Einwohnern in der Nähe von Schneidemühl geboren wurde, wehte noch der Geist des Humanismus durch das deutsche Land. Neben den fast 4000 katholischen und 3600 protestantischen Bürgern des Städchens lebte dort eine alteingesessene jüdische Gemeinde von 400 Seelen, friedlich und arbeitsam. Bereits drei Generationen unserer Familie waren hier sesshaft und verwurzelt. Auch das Elternhaus war bereits seit dem Jahre 1795 im Familienbesitz, wenn auch seine Form im Laufe der Jahrzehnte Verbesserungen erfuhr. Mein Urgrossvater mütterlicherseits hatte dieses Haus zu einer Gastwirtschaft eingerichtet und versah selbst diesen Betrieb. Uä. erzählten die Eltern oft, dass s.Zt. der Kaiser von Russland dort übernachtet habe, als er auf dem Wege von Berlin nach Königsberg mit seinem Gefolge die von Friedrich dem Grossen gebaute Hauptchaussee, die durch unsern Ort führte, benutzte. Als der Hofmarschall am nächsten Tage die Rechnung bezahlte, und die Urgrosseltern aus irgend einer Mentalität heraus, einen lächerlich niedrigen Preis forderten, sagte er beim Abschied, dass sie, wenn der Kaiser wieder einmal nach dort käme, doch andere Preise fordern sollten. Mein Grossvater war der erste Klempnermeister am Orte, und von seiner fast künstlerischen Handfertigkeit legen manche Häuser noch heute Zeugnis ab. Er reiste auch schon per Achse zur Messe nach Leipzig und hat als erster das Petroleum in seiner Heimatgegend eingführt. Als mein Vater, ein gelernter Eisenhändler dann dort einheiratete, bekam der Betrieb durch Einrichtung eines Landens ein teilweise kaufmännisches Gepräge. Ausser den vom Grossvater selbst gefertigten Klempnerwaren, führte mein Vater Eisen und Email waren ein. Als im Jahre 1882 der damalige deutsche Kronprinz Friedrich (nachmaliger Kaiser Friedrich III) zum Kaisermanöver dort weilte, lieferte mein Grossvater ein selbstgefertigtes Waschgeschirr aus Zinkblech, in dem sich die königlichen Gäste nach dem Manöver wuschen. Wenn ich nun diese Dinge erwähne, so wird es verständlich erscheinen, dass in meinen Vorfahren ein monarchistischer Geist lebte, der sich dann weiter übertrug und zur grossen Vaterlandsliebe steigerte. Mein Grossvater väterlicherseits war ein herzoglicher Forstverwalter in der Provinz Posen gewesen, nahm eine geachtete Stellung ein und war ausserdem ein guter Schachspieler gewesen. Dieses Talent hat sich dann über meinen Vater auf mich vererbt, um von mir auf meine beiden Jungens überzugehen. er im Rahmen einer kleinen Synagoge Lehrvorträge und war auch dort sofort beliebt und geachtet. Von seinen Kindern, die in seinem Geiste lebten, ist heute noch G.s.D. Fanny Wenglowitz, die jüngste seiner Töchter in Petach Tikwah mit ihren Kindern. Ausserdem lebt seine Schwiegertochter, Bella Hoff mann, geb. Lorch in Haifa (die Witwe von Dr. Nathan Hoffmann, dem beliebten und bekannten Lehrer im Kfar Noar Dati). Wir werden diesen ausgezeichneten Rabbiner, Lehrer und Erzieher, Dr. Moses Hoffmann, immer in ehrendem Gedenken behalten. Sein feiner Humor, der oft seine Predigten und Lehrvorträge würzte, seine zur Gesundung und Erhaltung seines Körpers täglich erforderte Training im Kilometerlaufen liess ihn ein hohes Alter erreichen. Das Andenken des Gerechten bleibt für uns zum Segen. E.L. Von Edwin LANDAU s.A. (Deutsch-Krone, Ramat Gau) Mein Vater war ein fleissiger und tüchtiger Kaufmann, ein schwer zu nehmender Ehemann und ein sehr strenger Erzieher. Für kleine Vergehen gab es Prügel oder andere Strafen, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die ihre Liebe auf uns Kinder überströmen liess. So kam es, dass wir Kinder unsere Mutter sehr liebten, hingegen dem Vater mehr Furcht als Liebe entgegenbrachten. Was ich nun im Elternhaus im Kreise meiner zahlreichen Geschwister an geistigem Inhalt empfing, war rein deutsches Wesen und deutsche Kultur. Deutsche schöngeistige und klassische Literatur, die im Hause reichlich vertreten war, ebenso die Musik deutscher Meister, weckten in mir schon früh das Allgemeininteresse am Deutschtum überhaupt. Meine Eltern führten einen streng rituellen Haushalt, waren zwar religiöse, aber doch liberale Juden. Mein Vater hielt sehr darauf, dass wir Knaben am Schabbath und an den Feiertagen in die Synagoge gingen und wachte dort darüber, dass wir andächtig beteten. Die Freitagsabende im Elternhaus sind in meiner Erinnerung unvergesslich und unauslöschlich in meinem Herzen eingegraben. Sie bilden das innigste Abbild des Familienlebens im Elternhause, an das ich mich noch heute gern und dankbar erinnere. Wenn dann nach dem Abendessen die Eltern auf einem alten Sofa sassen, mussten die Kinder einzeln nach ihrem Alter herantreten, und jedes trug etwas vor oder sang ein Lied. Dann gab es Süssigkeiten in bescheidenem Umfang, und wir Jünsten gingen die alte Treppe hinauf ins Kinderzimmer zum Schlafen, während die Älteren noch beim Schach, Dame¬ oder Mühlespiel beisammen blieben. In späteren Jahren durfte ich dann auch schon mitspielen. Meine Mutter war eine geistig hochstehende, sehr musikalische Frau, die gut Klavier spielte. Sie besass Seelenadel, wie ich ihn in meinem späteren Leben bei keiner Frau mehr wahrnahm. Sie pflanzte in unsere Seelen einen Idealismus, der sich auch in mir so mächtig verankerte, dass er mir im Leben oft zur Tragik wurde. Mein Vater besass geistiges Durchschnittsniveau ohne seelische Schwingungen. Er zitierte öfters Heinrich Heine, sang mit guter Stimme aus irgendwelchen Opern und Operetten und soll früher auch Violine gespielt haben. Ich habe ihn jedoch nie spielen hören. Meine zwei älteren Schwestern waren durchschnittlich begabt, jedoch mit mancherlei Talenten ausgezeichnet, während meine zwei älteren Brüder sehr intelligent und musikalisch waren. Sie erschienen mir stets als Vorbild von aufrechten, gebildeten Menschen, von denen ich viel gelernt und in mir aufgenommen habe. Besonders der jüngste von ihnen, um zwei Jahre älter als ich, hat viel für mein musikalisches Empfinden und Innenleben beigetragen. In diesem Milieu wuchs ich heran und kam dann mit sechs Jahren in die jüdische Gemeindeschule. In zwei Klassen wurden damals ca. 80 Knaben und Mädchen von zwei jüdischen Lehrern unterrichtet; so weit ich mich erinnere, waren im Lehrplan 80% der Unterrichtsfächer dem Deutschtum gewidmet. Nur die Religionsstunde, sowie zwei Stunden am Nachmittag galten der Erziehung zum jüdischen Menschen. Nun war leider der Unterricht in jüdischen Fächern im Verhältnis zu den deutschen, von so trockener und nebensächlicher Art, das ser in mir keine Liebe zur hebräischen Sprache und zur jüdischen Geschichte wecken konnte. Das war ebenso bei anderen Schülern der Fall. Mehr Begeisterung empfand ich für deutsche Literatur und besondere für die Heldensagen. Mit Leichtigkeit lernte ich Gedichte auswendig. Se’bstvcrständlich lernte ich die hebräischen Gebetbücher gut lesen, teilweise übersetzen und wusste auch sonst in jüdischen Dingen Bescheid. Immerhin verstand es unser alter Hauptlehrer, der auch mich fast 7 Jahre unterrichtete, meisterhaft, den Geist der hohen jüdischen Ethik in uns zu pflanzen. Wenn wir nun in der Schule „Kaisers Geburtstag“ feierlich begingen, so hielt auch ich es für eine hohe Ehre, ein Gedicht öffentlich vorzutragen. Grosses Vergnügen bereitete es mir, am Vorabend dieses Tages dem Fackelzuge verschiedener Vereine zu folgen, der sich durch die Strassen der Stadt bewegte. Besonders bevorzugte ich den Platz neben der Musikkapelle. Am Sedantage, dem 2. September, fand ebenfalls eine Schulfeier am Vormittag statt. Gesänge und patriotische Gedichte umrahmten die Rede, die von einem Lehrer gehalten wurde, und in der meistens von dem „Erbfeind" Frankreich gesprochen wurde. Am Nachmittag war dann der grosse Festzug nach dem ca. 3 km entfernten Buchenwalde. Die Einteilung war so, dass abwechselnd in jedem Jahre sowohl die evangelische, katholische und jüdische Schule gleich hinter der Musikkapelle marschierte. Das wimmelte dann von deutschen und preussischen Fahnen. Wenn ich dann auch einmal die grosse Klassenfahre tragen durfte, kam ich mir so stolz vor, wie der Cornet Christoph Rilke, der Ja an seine Mutter schrieb, „sei stolz, ich trage die Fahne“. Im Gymnasium war ich nur ein mittelmässiger Schüler, und der Umstand, dass mein um 2 Jahre älterer Bruder immer durch alle Klassen als Primus ging, liess mich im Elternhause als schlechter Schüler erscheinen, zumal ich meist der 20. unter 35 Schülern war. Deutsch, Rechnen und Französisch waren meine Lieblingsfächer; Latein und Griechisch konnte ich nicht leiden. Meine deutschen Aufsätze waren sehr gut, und Gedichte trug ich auch vor. Da es meinen Eltern dann wirtschaftlich nicht so gut ging, und ich lieber einen praktischen Beruf ergreifen wollte, wurde ich aus dem Gymnasium genommen um irgendwo in die Lehre zu gehen. Mein Vater fragte mich, ob ich Manufakturist werden wolle, worauf ich sagte, dass ich lieber Buchhändler sein möchte. Darauf wurde mir erwidert, dass ein Buchhändler ein grösseres Wissen haben müsse und ich mich nicht dafür eigne. Also suchte man für mich eine Lehrstelle, und ich musste zur Vorstellung in eine Kleinstadt Pommerns fahren. Man prüfte mich dort in Rechnen, und ich musste meinen Lebenslauf schreiben. Nach Hause zurückgekehrt, erhielt ich einen Tag später die Absage, mit dem Bemerken, ich könne zwar gut rechnen und schreiben, aber da ich an Muskelzuckungen leide, sei ich für dieses Geschäft nicht brauchbar. (Ich hatte damals die nervöse Angewohnheit, hin und wieder mit einer Schulter zu zucken). Daraufhin sank ich weiter in der Achtung meines Vaters. Man verhandelte weiter mit einer Firma in der Provinz Posen, und der Tag der Vorstellung war schon bestimmt, als ich kurz zuvor wieder eine Absage erhielt. Diesmal war die Ursache, dass ich einem gleichaltrigen Kameraden vorher davon Mitteilung gemacht hatte, und er fuhr gleich mit seinem Vater dorthin und erhielt die Stellung. So war meine Offenherzigkeit diesmal schuld an meinem vermeintlichen Pech. Nachdem ich so anscheinend unbrauchbar war, wurde ich in das väterliche Eisengeschäft, das verbunden mit Klempnerei und Installation war, gesteckt. Mein Vater war sehr streng zu mir. Ich lernte aber viel 21