Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1979
- Issue
- No. 45 (April-Mai 1979)
- Date
- 1979-04-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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(Fortsetzung von Seite 19) Gebete wurden von einem Vorbeter schnellstens heruntergesagt und die einzige Abwechslung bestand aus einem gelangweilten Chor, der meist Choräle in deutscher Sprache in protestantischem Stil vortrug...". Sein Nachfolger am hamburger Tempel war Dr. Lubasch, der kurze Zeit hindurch versuchte, die Linie seines Vorgängers fortzusetzen, — aber nach nur zweijähriger Tätigkeit bereits seinen Platz verliess. Im Jahre 1929 berief dann der Tempel den Darmstädter Reformrabbiner Df. Italiener auf die Kanzel. Die Amtseinführung gestaltete sich zu einer grossartigen Feier. Er wurde eingeführt von Dr. Leo Baeck und Dr. Cesar Seligmann (der letztere war mehrere Jahre hindurch, um die Jahrhundertwende herum, als Rabbiner am Tempel tätig). In einer tiefschürfenden Rede, in der er die Aufgaben des Rabbiners im alten und neuen Israel umschrieb, ging Dr. Baeck auch auf die „Neue Linie“ im liberalen Judentum ein und mit Anspielung auf die Auseinandersetzung unter dem Amtsvorgänger prägte er den Satz: „Es war der Fehler der Väter der Reform in Deutschland, dass sie bei der Ausgestaltung des G’ttesdienstes zuviel Wert auf das Dekorative legten, und dabei das Konstruktive vernachlässigten...“ Es muss aber gesagt werden, dass Dr. Italiener, wenn er auch die „Alten“ Neuerungen Dr. Rülfs beibehielt, im grossen Ganzen die Linie der alten Tempelorthodoxie, wie der Reformgeist des vorigen Jahrhunderts scherzhaft genannt wurde, weiterführte. Im Jahre 1931 wurde dann der Neue Tempel im jüdischen Wohnviertel, im Hause Oberstrasse 120 feierlich eingeweiht, womit einem Bedürfnis weiter Kreise und dem Herzenswunsch Dr. Italieners Rechnung getragen wurde. Durch seine schlichte Linie — die Fassade bestand aus einer grossen schmucklosen Fläche, die durch eine Nachbildung des siebenarmigen Leuchters unterbrochen wurde — machte der Bau gewaltigen Eindruck auf alle Beschauer. Auch der Innenraum, der aus der Hauptsynagoge, der Wochentagssynagoge und den Verwaltungsräumen bestand, zeichnete sich durch seine schlichten Linien aus. In der Kristallnacht wurde „nur“ die Inneneinrichtung zerstört. Da man fürchtete, die umliegenden Bauten zu gefährden, machte die „Volkswut“ bei dem Aussengebäude Halt. Während des 2. Weltkrieges diente der Bau einem Kinobesitzer, und jetzt ist er in die Verwaltung des Norddeutschen Rundfunks übergegangen, der ihn der Jüdischen Gemeinde zu ihren Veranstaltungen regelmässig zur Verfügung stellt. Zwei Kupfertafeln im Gebäude erinnern an die Einweihung und an die Zerstörung des Gebäudes. Es ist interessant, dass die Fassade mit dem siebenarmigen Leuchter unversehrt erhalten blieb, — lediglich der jesaianische Spruch „Mein Haus wird ein Gebethaus genannt für alle Völker“ ist verschwunden. Wenn eben erwähnt wurde, dass der Tempel unter der Ägide Dr. Italieners zu den Regeln der „alten“ Reform zurückkehrte, so sei zur Illustrierung ein Beispiel genannt. Es war untersagt, im Tempel den „Talith“ zu tragen. Lediglich die Prediger, und die übrigen Kultusbeamten dürften Um, das heisst, in der bekannten zusammengefalteten Form, tragen. Ausserdem übererichte der Schamasch Jedem, der zur Thora aufgerufen wurde, ein solches Talith. Zur Zeit Dr. Rülfs wurde hiervon abgegangen — aber unter Dr. Italiener kehrte man wieder zu den „alten Bräuchen“ zurück. Dr, Italiener verliess im Jahre 1938 Hamburg, um nach London überzusiedeln, wo er eine kleine Gemeinde deutscher Juden um sich scharte. Er starb vor 4 Jahren hochbetagt an dieser seiner letzten Wirkungsstätte, in der englischen Hauptstadt. Ein besonderes Kapitel ist das der ehrwürdigen Synagoge der portugiesisch-jüdischen Gemeinde in Hamburg, welche früher in der (im zweiten Weltkrieg völlig zerstörten) Markusstrasse gestanden hat. Auch dieses G'tteshaus siedelte mit der jüdischen Bevölkerung in den 20er Jahren in die Harvestehude Gegend über. In der Oberstrasse wurde eine Villa völlig umgebaut und im Stile der vorher in der Innenstadt gelegenen Synagoge wieder eingerichtet. Meine erste Bekanntschaft mit dieser Synagoge datiert von einem Erlebnis, das ich als sechsjähriger Knabe hatte und das wert ist, hier festgehalten zu werden. Ich wurde von meinen Eltern in die (christliche) Lehranstalt „Stiftungsschule von 1815“ eingeschult. Diese Schule spielte 100 Jahre früher in der jüdischen Gemeinde eine grosse Rolle, auf die ich noch zu sprechen komme. Das Gebäude stand am Zeughausmarkt, gegenüber der „Church of England“ und wurde in den Jahren 1912 bis 1915 zerstört, um einem Neubau zu weichen, der übrigens bis heute erhalten ist und in dem jetzt ein Zweig der Hamburger Oberschulbehörde untergebracht ist. Während des Neubaus der Schule wurde der Unterricht in einem alten Gebäude in der Markusstrasse 32 abgehalten und der Schulhof in diesem Gebäude grenzte unmittelbar an die Synagoge der portugiesischen Gemeinde. Als am ersten Sonnabend die Schulglocke zur grossen Pause läutete, stand unsere Klasenlehrerin, eine Christin (ihr Name war: Frau Kruse) auf und hielt an uns, die Wir haben im Rahmen unserer Blätter im Laufe der Jahre die verschiedensten Persönlichkeiten Breslaus, Artikel bzw. Werke, die sie geschaffen haben, ihre Arbeit zum Besten der Gemeinde und des Judentums beschrieben. Wir wollen nicht alle Namen nennen, die im Geistesleben der Gemeinde Breslau wirkten. ' HK Wir betrachten es als unsere Herzenspflicht neben den bereits früher erwähnten Persönlichkeiten und Rabbinern heute des letzten geistigen Führers der Gemeinde Breslau bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges, zu gedenken. Rabb. Dr. Moses Hoffmann wurde im Jahre 1873 als Sohn des bekannten und hochverehrten Rektors des Hildesheimer Rabbiner-Seminars in Berlin, Prof. David Zwi Hoffmann, geboren. Nach Absolvierung des Hildesheimer Rabbiner- Seminars und dem Universitäts-Studium promovierte er mit der Arbit über „Judentum und Kapinoch in der ersten Schulwoche lernten, eine kleine Ansprache folgenden Inhalts: „Liebe Kinler, — bevor Ihr jetzt hinunter auf den Schulhof geht, will ich Euch etwas sagen. Hier nebenan, direkt bei unserer Schule ist eine kleine Kirche, wo man jeden Sonnabend vormittag betet. Denkt daran, Euch entsprechend zu verhalten, nicht zu lärmen und Euch ganz leise zu verhalten. Wenn die Grossen unten Radau machen, nehmt Euch an ihnen kein Beispiel, geht zu ihnen und erzählt ihnen, was ich Euch gesagt habe. Wenn Ihr die Anderen nicht in der Andacht stört, wird der liebe G”tt Eure Gebete erfüllen, wenn Ihr zu Ihm betet“. Ich erfuhr erst viel später, dass dieser Aufruf an uns Kinder dem Schabbath-Morgen G’ttesdienst der portugiesischen Juden galt, auf den wir Rücksicht nehmen sollten. Aber niemals werde ich vergessen, dass diese wunderbare Frau nicht müde wurde, uns an unsere Rücksicht zu eimahnen dem Jüdischen G’ttesdienst gegenüber und wenn ich 20 Jahre später an die wenigen Gerechten dachte, die nicht mit dem Strom schwammen, dann stand Frau Kruse mit an erster Stelle, denn ich hatte mit meinen jüdischen Mitschülern zusammen noch oft Gelegenheit, ihr Taktgefühl und ihr Einfühlungsvermögen uns gegenüber zu bewundern. Aber hierüber zu berichten, ist nicht im Rahmen dieser Zeilen möglich. (Fortsetzung folgt) talismus“ im Jahre 1912 als Grundlage und Fachliteratur von Werner Sombart: Die Juden und das Wirtschaftsleben. Seine erste Gemeinde war in Randegg und führte ihn über die grosse und bekannte Gemeinde Emden im Jahre 1913, wo er bereits eine sehr angesehene Stellung genoss. Im 1. Weltkrieg wirkte er als Feldrabbiner und bekam im Jahre 1921 die Berufung in die Gemeinde Breslau als Nachfolger des indessen pensionierten Rabbiners Dr. Ferdinand Rosenthal, den wir immer wieder erwähnen. Im Jahre 1922 verstarb der eben erwähnte Rabb. Dr. R. Hinter seinem Sarge gingen 6 Rabbiner im Talar und begleiteten ihn auf seinem letzten Wege. Die Namen folgen: Die Rabbinen waren Dr. Moses Hoffmann, Dr. Max Simonsohn, Dr. Jacob Saenger, Dr. Hermann Vogelstein, sämtliche an der Gemeinde Breslau, sowie als Gäste und Kollegen Dr. Kopfstein aus Beuthen O/S und Ellguther aus Neisse O/S. Der Zug bewegte sich von der Storch- Synagoge durch die Strassen Breslaus bis zum Friedhof Lohestrasse. Der Unterzeichnete sieht diese würdige Ehrung vor sich als sei sie gestern gewesen. Der neugewählte Rabbiner Dr. Hoffmann, verstand es sofort Kontakt mit seiner Gemeinde aufzunehmen. Seine Schiurim (Lernkurse), seine Predigten, sein Umgang mit Menschen, all diese Dinge waren für ihn selbstverständlich und für seine Gemeindemitglieder immer ein Erlebnis. Auch Dr. Hoffmann begleitete so wie unser unvergesslicher Raw Dr. Simonsohn, den grossen Maezen Ludwig Markowitz, bei seinen Besuchen für die Erhaltung der Jüdischen Schule zur Aufbringung der erforderlichen Geldmittel. In seiner Familie widmete er sich mit grosser Liebe der Erziehung seiner Kinder und sorgte dafür, dass alle nach Israel auswandern konnten. Nach der schweren Katastrophe des 9. Novembers 1938 kam er mit Tausenden und Abertausenden ins KZ Buchenwald, hatte dort das Pech, einen Beinbruch zu erleiden, wurde aber glücklicherweise behandelt und konnte nach einem Gipsverband das Lager verlassen. Im Jahre 1939 kam er mit seiner Familie nach dem damaligen Palästina und liess sich in Petach Tikwah nieder. Dort hielt Rabbiner Dr. Moses Hoffmann s.A., 20