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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1979-04-01 · No. 45 (April-Mai 1979) · p. Seite 19

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1979
Issue
No. 45 (April-Mai 1979)
Date
1979-04-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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ralen Synagogen üblich war, nach kirchlichem Muister ausgeführt: Der Almemor stand im Vordergrund, an die Ostwand angelehnt (in den konservativen Synagogen wird darauf gesehen, den Almemor in der Mitte der Synagoge stehen zu lassen, damit die Beter, nach einem Worte des Talmud, die Thora zur Zeit der Vorlesung alle gleichmässig vernehmen, können und sie, die Thora, von allen Seiten, „wie Löwen bewachen“). Die Kanzel zwischen Aron Hakodesch und Almemor war auffallend hoch gebaut, und es wurde oft beanstandet, dass diese die Sicht beim Ein- und Ausheben der Thora verdeckte. Rechts von der Kanzel war ein erhöhtes Podium, das etwa 10 Mitgliedern des Vorstandes Platz bot, und die gleiche Einrichtung war auf der linken Seite getroffen worden füll die amtierenden Rabbiner (hier bis zuletzt „Prediger“ genannt), die Chasanim, den Schamasch usw. Zu beiden Seiten waren Tafeln angebracht, auf denen in deutscher Sprache das Kapitel der jeweüigen Thora- und Prophetenvorlesung angegeben war, sowie die Seitennummer des Gesanges, das man vor und nach der Thoravorlesung für den Chor bestimmt hatte. Mein Vater schwärmte mir stets vor von der Stimme und der Kompositionskunst des Oberkantors Moritz Henle, unter dessen Leitung auch der gemischte Frauen- und Männerchor ein künstlerischer Hochgenuss gewesen sein soll. Dem aus Ungarn stammenden Dr. David Leimdörfer gelang es durch seine ausgezeichneten Predigten nach seiner Berufung als Prediger dem Tempel wieder neue Beter zuzuführen, nachdem in den 80er Jahren des vor. Jahrhunderts das Interesse am G’ttesdienst stark gefallen war. Im Jahre 1908 wurde ihm Dr. Sonderling zur Seite gestellt, aber trotz regelmässiger Predigten, die rethorisch und inhaltlich von beiden Geistlichen auf hoher Warte standen, gelang es nicht, an den Schabbaten die Zahl der Beter auf mehr als 15 bis 20 zu halten. Anders war es an den Hohen Feiertagen und an den Tagen, an denen der Toten gedacht wurde. Dann konnte der Tempi die Beter kaum fassen. Nech der Pensionierung von Henle versah der Oberkantor Kornitzer die kantoralen Funktionen, ein lyrischer Tenor, der viele Freunde und Verehrer unter den Besuchern des Tempels hatte. Die beiden Tempelprediger — Dr. Leimdörfer und Dr. Sonderling — wirkten gemeinsam an ihrer Gebetsstätte bis zum Beginn der 20er Jahre. Ihre Tätigkeit beschränkte sich in erster Linie darauf, in ihren Schabbat-Predigten — sowie an den Feiertagen den Betern jüdisches Gedankengut zu vermitteln. Der Kreis der Hörer an den Schabbatoth war allerdings denkbar klein, und dürfte knapp 2 Minjanim betragen haben. Beide Männer standen aber fern von irgendwelchen idologischen Kämpfen, die ausserhalb Hamburgs das deutsche Judentum in dieser Zeit erschütterten, besonders zur Zeit der Verkündung der berühmten „Richtlinien“, die von der liberalen Rabbinerversammlung im Jahre 1912 verkündet wurden. In den Gemeindeprotokollen werden verschiedene Fälle berichtet, in denen die Tempelprediger es ablehnten, Frauen oder Männer zu trauen, welche — obwohl sie bürgerlich rechtsmässig geschieden waren — nicht den halachisch vorgeschriebnen „Get“ vorweisen konnten... Sonst war ihre Tätigkeit nur spürbar im Kreise ihrer Gemeindemitglieder bei Hochzeiten, Bar-Mizwoth (oder „Konfirmationen") und traurigen Familienanlässen, — darüber hinaus hier und dort durch einen Vortrag in der Loge oder bei kulturellen Veranstaltungen. Dr. Sonderling war eine hochgewachsene, schöne Erscheinung und wurde von Schülerinnen und sonstigen Verehrerinnen reichlich umschwärmt. Das sollte ihm eines Tages zum Verhängnis werden, — er, der Familienvater, wurde in eine romantische Affäre verwickelt und das führte zu seiner sofortigen Entlassung durch den Vorstand des Tempelverbandes. Dr. Leimdörfer trat sein Amt vor der Jahrhundertwende an, und dies war die Zeit, als die erste Begeisterung über die „Neuerungen“ im jüdischen G’ttesdienst längst verflogen war. Der Besuch des G’ttesdienstes beschränkte sich mehr und mehr auf die Feiertage, besonders bei den sogen. „Seelenfeiern“ und nur an den drei Hohen Feiertagen war das Bethaus überfüllt. Die formvollendeten und inhaltsreichen Predigten Dr. Leimdörfers gaben vielen Mitgliedern des Tempels neuen Antrieb zu regelmässigeren Besuchen auch an den Schabbatoth, — aber auch das verflüchtigte sich in den darauffolgenden Jahren. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg war der Sonnabend einer der wichtigsten Geschäftstage der hambuger Kaufleute, und diese Tatsache war wohl hauptschuldig an der abnehmenden Besucherzahl. Dr. Leimdörfer brillierte durch eine nicht nur bei den Predigten zur Schau getragenen Pose. Seine Worte und sein Satzaufbau waren bedächtig, gewählt und gingen oft ins Komische über, auch in Privatgesprächen. Eine seiner Töchter war eine beliebte Sopransängerin am Hamburger Stadttheater, welche sich den Künstlernamen Agnes Lenhach zugelegt hatte. Einmal hatte Dr. Leimdörfer die Vorsteher des Tempelverbandes zu einer Besprechung zu Bich in die Wohnung eingeladen. Um ihnen das Kommen schmackhafter zu machen, versprach Dr. L., dass nach der Sitzung seine Tochter noch einige Lieder zu Gehör bringen werde. Als zu vorgerückter Stunde die Sitzung beendet war, war Frau Lenbach noch nicht erschienen, und hier und dort schaute man ungeduldig auf die Uhr. Als sie dann doch mit einiger Verspätung eintrat, und sich entschuldigte, stand Dr. Leimdörfer auf und rief ihr zu: „Schon gut, mein Kind, entkleide Dich schnell, — die Herren warten schon!!..“. — Einmal trat ein Junge bei ihm ein, mit der Bitte, zur Bar Mizwah vorbereitet zu werden. Leimdörfer nahm die persönlichen Einzelheiten des Jungen auf, hielt dann inne und sagte: „O, dann bist Du der Sohn von Albert und Grete R., die ich vor 15 Jahren unter den Trauhimmel geführt habe. Ich freue mich, Dich vorbereiten zu können, — Du ja bist die Frucht meines Segens!...“. Wir, Heutigen, verstehen diese Haltung nicht mehr, wir haben uns an das Zeitalter der Sachlichkeit, des „Tachliss“ gewöhnt und unsere Sabres bezeichnen das mit dem „Dugri“-Jargon. Aber vergessen wir nicht, dass das damals noch „en vogue“ war, die Welt liebte — nicht nur bei uns — das Theatralische, die Spitzentücher auf den Sofas und Tischen und die Schnörkeleien in den Salonmöbeln der Grossmutter... Und diese gewundene Sprache war ein Teil davon! Zu Beginn der 20er Jahre — nach Beendigung der Tätigkeit der Drs. Leimdörfer und Sonderling — berief der Tempelverband den Jungen Absolventen des Breslauer Rabbinerseminars, Dr. Rülf zum geistigen Führer. Rülf war ein Enkel des gleichnamigen Memeler Rabbiners, der im 19. Jahrhundert unter den deutschen Rabbinern eine führende Rolle gespielt hatte, und sich, nebenbei, mit der Herausgabe des „Memeler Dampfboten“ einen Namen gemacht hat. Es war die Zeit nach Beendigung des ersten Weltkrieges, und die jüdische Jugend hatte sich, soweit sie sich nicht zum Zionismus gewandt hatte, von der überwiegend negierenden Einstellung des liberalen Judentums in Deutschland losgesagt. Sie suchte nach neuen Werten, und wo sie diese nicht fand, versuchte sie an die alten Traditionen anzuknüpfen, wenn sie diese auch nicht „en bloc“ akzeptieren wollte und konnte. (Ich spreche hier von der deutsch-jüdischen Jugend ausserhalb des gesetztestreuen Lagers). Ein Vertreter dieser Jugend war Dr. Rülf. Er war schon nlcht-mehr „Prediger“, er führte den Namen „Rabbiner“. Er ging sofort daran, den G’ttesdienst am Tempel zu „hebraisieren“. Das Schacharith-Gebet, das bis dahin fast durchweg in deutscher Sprache vorgetragen wurde, wurde von ihm auf hebräisch umgestellt. Ein grosser Teil von Chorälen wurde abgeschafft und an ihre Stelle die schon am Tempel in Vergessenheit geratenen hebräischen Gebete, wie „En kelokenu", die hebräische Keduschah usw. wieder eingeführt. In den Predigten rief er seine Gemeinde mehr und mehr dazu auf, zu den alten Werten des Judentums, dem Schabbath usw. zurückzukehren, und wurde nicht müde, die „3 Tage Juden“ zu bespötteln und sie von der Kanzel herab bloszuslellen. Das war natürlich nicht im Sinne besonders der alten Vorsteher, die gewohnt waren, in den Predigten einige homiletische Gedanken aufzufangen und dann glaubten, ihr Leben als Juden voll ausgekostet zu haben. Als sich dann auch aus der Gemeinde heraus Stimmen mehrten, die diese Einstellung des neuen Rabbiners missbilligten, legte man dem Rabbiner nahe, diese „Ausfälle nach rechts“, wie es bezeichnet wurde, zu unterlassen. Ich wohnte einmal einer Konfirmationsfeier für Mädchen bei — die bis dahin üblichen Konfirmationsfeiem für Knaben wurden von Dr. Rülf abgeschafft und in die traditionellen „Barmizvah-Feiern“ verwandelt — und auch hierbei war eine interessante Neuerung zu beobachten: Es war bis dahin üblich, dass jeder „Konfirmant“ einen Bibelvers aufzusagen hatte und ihn vor der Gemeinde, nach vorheriger Einstudierung natürlich, zu erklären hatte. Jetzt wurde die sogenannte Konfirmationsfeier zu einer öffentlichen Prüfung der Kandidatinnen in biblischen und allgemein jüdischen Fragen verwandelt. Eine Kandidatin machte hierbei auf einen Übersetzungsfehler im Gebetbuch des Tempels aufmerksam. Natürlich wusste jeder Zuhörer, dass das Mädchen diesen Fehler nicht selber entdeckt hatte, sondern, dass sie in der Vorbereitungsstunde darauf vom Lehrer hingewiesen worden war. Das wurde als neue „Respektlosigkeit“ vor der stets als heilig erachteten Linie betrachtet. Hinzu trat eine eindeutige zionistische Betätigung des Dr. Rülf, und das alles bewirkte, dass man ihm seine Kündigung nahelegte. Dr. Rülf verstand den Wink, und er erhielt bald darauf eine Berufung an die Gemeinde Bamberg. Sein Weggang von Hamburg wurde namentlich von der Jugend aufrichtig bedauert. Er war an den „Heimabenden“ der jüdischen Jugendbünde, des Blau-Weiss und des Deutsch-Jüdischen Wanderbundes-„Kameraden“ ein gern gesehener Gast, der sich niemals in den Vordergrund stellte. Wenn jemand von uns, wie es üblich war, über ein aktuelles Thema aus der Bibel oder über den Schabbath, oder die Propheten zu sprechen hatte, griff er regelmässig in die Diskussionen ein, die er dann auf ein echtes Niveau zu bringen verstand. Den Vortrag selber hielt er grundsätzlich nicht, aber er gab uns das Material dazu, ihn vorzubereiten. Mit dem Rabbiner der konservativen Dammthor-Synagoge, Dr. Holzer, verband ihn eine echte persönliche Freundschaft, die noch von dem gemeinsamen Studium am Breslauer Rabbinerseminar herrührte. Dr. Rülf lebt heute in Naharia (Israel), wo er fast 20 Jahre hindurch Direktor der dortigen allgemeinen Schule war. Dr. Rülf gab nach seiner Pensionierung in Naharia einige Bücher heraus, darunter — in hebräisch und deutsch — ein autobiographisches Werk unter dem Namen „Ströme im dürren Land“ (ein Jesaiazitat). Hier kommt auch seine Amtstätigkeit in Hamburg zur Sprache. Er schildert, wie niederschmetternd sein erster Eindruck beim Besuch eines G'ttesdienstes im Tempel am Schabbat Vormittag war: die „Gemeinde“ bestand aus knapp einem Minjan, von denen einige bezahlte Minjanmänner waren, und ein anderer Teil bestand aus „pietätvollen Kaddischsagem“. Die 2sprachlgen 19

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