Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1979
- Issue
- No. 45 (April-Mai 1979)
- Date
- 1979-04-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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elend verkommen? Denn die Führer sagten selbst, dass ohne Licht niemand zurückfände. Mir war wohler beim Schlendern durch die Stadt. Zwar habe ich am Forum nicht viel empfunden, von. den Palästen ist zu wenig geblieben. Aber oben, im Grün des Palatin, sah ich Livia stehen, und in den kleinen Zimmern, in denen an einer Wand die bunten Vögelchen auf ihren Zweigen singen. An der spanischen Treppe kaufte ich Blumen und lief mit ihnen die Stufen empor zu meinem geliebten Park Borghese, wo der Wind gegen Sonnenuntergang so wunderbar mild um die Wangen weht. Oft ging ich auch am Tiber, auf der rechten Seite, wo der grosse Tempel steht, gegenüber drohend die Hadriansburg schlimme Geschichten erzählt, und die Engelsbrücke über den Fluss zu schweben scheint, dann zum linken Ufer, mit dem Quadrat des sephardischen Tempels. Noch lieber streifte ich um Rom herum in den Villen. Offen oder geschlossen, ich bin über Zäune und Mauern geklettert, um zu sehen! Was für wundersame Gärten, mit Brunnen und Grotten und herrlichen Alleen, mit Kaiserbüsten, Göttinnen und Faunen. In vielen waren noch Steintrümmer zerstörter Bauten, sehr viel Marmor lag herum. Ich wollte mir aus einem Stück ein Schreibzeug machen lassen, aber dann liess ich es doch liegen, es war so schwer. Heute ist damit wohl gründlich aufgeräumt. Ich bin auch zu Fuss um ganz Rom herumgewandert; um den Albaner und Nemisee, beide wunderbar einsam und still, wie in tiefe Trauer um die Antike versunken; bin auf den Monte Cavo gestiegen, rastete in Velletri. Damals konnte eine junge Person noch allein wandern, auch auf den alten, holprig steingepfiasterten, einsamen römischen Landstrassen, zum Grabmal der Cecilia Metella, zu den Bädern des Caracalla, wie zum Pantheon oder dem Colosseum. Niemand sprach mich anders an, als freundlich, beratend oder scherzend, und ich antwortete mit gleichem Frohsinn des Herzens. Ich liebte dieses Volk, und als mich einmal später daheim jemand etwas hämisch fragte, ob mir die Leute nicht doch etwas ungebildet vorgekommen wären, antwortete ich wütend, dass dort der ärmste Strassenbettler im Rinnstein immer noch mehr angeborene Bildung besässe als die sogenannten Gebildeten hierzulande — womit ich für damals und für die grosse Masse Recht hatte. Mob gibt es freilich in jedem Lande; zwischen 1914 und 1945 liegen noch dazu zwei Kriege — alle Kriege sind Rückfälle in barbarische Zeit — und welche Barbarei haben auch sie erzeugt! Obwohl es mir zeitweise zum Bewustsein kam, ahnte ich nicht, wie glücklich ich war. Ich fühlte mich so sicher, so geborgen, so frei — ich glaubte, was gestern war, blieb heute und würde morgen nicht anders sein — wie äer blaue Himmel Italiens und seine blühende Erde. ★ VON ROMS SCHÄTZEN Diese Schätze habe ich sehr eigenwillig besehen. Ich wollte Rom ja erleben, nicht eine Million Kunstwerke abhaspeln. Ich las wohl sehr viel vorher über Kunst und Kunstwerke, am meisten über Malerei, allerlei über Skulptur, wenig über Architektur, aber mehr, nachdem ich betrachtet und oft mehrfach betrachtet hatte. Ich verglich Kunstwerke und Künstler. Oft war ich darum an einem Tage in drei oder vier Museen. Dazu verhalfen mir italienische Freunde, die mir als Schriftstellerin eine Freikarte für alle öffentlichen Anstalten verschafften — selbst für Pompeji galt der Ausweis. Solches ständige Vergleichen wäre mir sonst bei meinen geringen Mitteln unmöglich gewesen. Wenn ich auch oft meinen Burckhardschen Cicerone mitnahm, besonders das Register, so sah ich mir doch vieles nur flüchtig oder gar nicht an, aber anderes beschaute ich wieder und wieder. So wanderte ich immer wieder zu Michelangelo, in die Sixtina. Stundenlang betrachtete ich die Propheten. Ich kannte sie aus der Bibel, aber auch Michelangelo kannte sie — das Leid des Jeremiah, wie die Feuerseele Jesajahs. Ich liebte Michelangelos Farben und übermenschliche Formen. Ich konnte mich auch an seinen Sybillen nicht satt sehen. Wenn ich ihn einen Tag erlebt hatte, war ich nicht imstande, vor andern Bildern zu stehen, auch nicht vor Rafael, noch selbst vor besonderen Lieblingen, wie Mantegna oder grossen Venetianern. Einen Tag später — ja; aber nicht am selben. — Ich liebte die Farben Venedigs. Nicht umsonst lebte ich einen Monat lang in Venedig auf dem Lido, sah beim Erwachen über die Lagune hinweg die Paläste auf ragen, wenn langsam die Sonne emportauchte und Venedig mit rosenfarbigem Glanz überschüttete, oder abends diese wundersame Sonne, tausend funkelnde Farben versprühend, im Meer versank. Trotz aller anderen Grössen ringsum hatte ich mich auch in den Dosso Dossi des Palazzo Borghese verliebt. Im Nebensaal hing Tizians „Himmlische und Irdische Liebe“, die ich bewunderte, die Dossos Ciroe — aber geliebt habe ich eben die, und ich sandte ein Stück meiner Begeisterung sogar an die Frankfurter Zeitung, die eB denn auch gedruckt hat, ebenso wie drei andere Verliebtheiten. War es die Zauberin, die mich bannte, war es die Landschaft, märchenschön, geheimnisvoll, wie deutscher Hochwald, — ich weiss es heute nicht mehr, aber mir strahlen noch immer* diese machtvollen Augen. Ich liebte auch die Statue des Moses; Michel- Angelo gab ihn eine Sekunde, bevor er aufspringt, aber schon ahnt er die entsetzliche Sünde, fängt er an zu verstehen, was sein Volk getan hat, was sein Bruder hat geschehen lassen. Dass er nicht losbricht, dass wir nur wissen, nur vor Angst zittern, weil er gleich losbrechen wird — das ist mit genialer Kraft gewollt und gekonnt. Daneben verblassen rechts und links die Werke. Genau so wirkte auf mich seine Pieta. Nicht die Gestalt des Sohnes, wiewohl sie natürlich unvergleichlich besser ist als die meisten Darstellungen eines oft blutigen oder hässlichen Körpers, die mir oft ein Gefühl des Abscheus hinterliessen. Es war die Mutter, die mich ergriff, dieses Sinnbild einer jeden Menschenmutter, die ihr Kind dem Tod geben muss. Es ist selbst nicht einmal das Mütterliche, das mich am meisten packte, sondern dieser Innbegriff von Ohnmacht, Elend und tiefster Trauer. Die Luft, die um sie weht, ist „der Menschheit ganzer Jammer“. Viele von uns würden so aussehen, wenn unser Leid die Macht hätte, unsere Körper zum Ausdruck dieses Leids zu zwingen. Michelangelo hatte die Kraft, aus dem Körper eines schwachen, armen Weibes die Seele hervorzureissen — so sehr, dass man drüber ihren Körper vergisst. Je tiefer ich in der Zeit zurückwanderte, um so mehr fing ich an, die Seele zu suchen, die Gedanken der Künstler, und je weiter ich ins Altertum stieg, um so mehr leuchtete es um mich her. Da waren die griechischen Statuen des Vatikans, da waren endlich die alt-ägyptischen Bildwerke. Lange stand ich vor der griechischen „Tragödie“ und verstand endlich Schillers Wort „Heiter ist die Kunst“, und bei der „Komödie“ verweilte ich noch länger, denn in meinen lustigen Jugendarbeiten (alle von ungetreuen Händen verschleudert) hatte ich den Ernst einer echten Komödie noch nicht voll erfasst. Bei den Sphinxen brach mein Begriff von Macht und Kraft zusammen, trotz Michelangelo, ich fürchtete mich zuerst vor ihnen. Später bewunderte ich sie, aber ohne sie zu lieben. Um den Kopf des Augustus (auf der Drehscheibe) wanderte ich so oft, bis ich den ganzen Menschen Augustus im Kopf hatte — und das hat lange gedauert. Dieser Kopf, der den jungen grausamen Revolutionär, dann den Mann, zuletzt den gereiften „Vater des Vaterlandes“ gibt, ist nicht nur ein grosses Kunstwerk, sondern ein Kunststück dazu. In einem einzigen Kopf den ganzen Julius Cäsar Octavianus Augustus! Ich habe allein zum jungen und gealterten zwei fünfaktige Dramen gebraucht. Im Thermen-Museum (sind sie noch dort?) waren es zwei Bildwerke, die mich immer wieder fesselten. Der Altar der Aphrodite, mit einer bis auf die Füsse keusch verhüllten Frauengestalt links, und einer Hetäre rechts, die ein Bein über das andere schlägt. (Denn die Göttin schützte beide). Kein Zweifel war möglich über das Wesen der einen und der anderen, sie war in Jedem Zug gegeben. Aber noch ungleich stärker wirkte auf mich die „Schlafende Erinnys“. (Dass man sie Jetzt „Sterbende Erinnys" nennt, ist unsinnig; erstens sehe ich nicht, dass sie stirbt, und zweitens, können Erinnyen gar nicht sterben — eine Gottheit und das Gewissen der Antike! Ihre Haare sind keine Schlangen, aber von weitem kann man sie wohl dafür halten. Ihre Stirn ist hart und steil und steht auf messerscharfen Brauen; ihre Augen sind von den Lidern fast verdeckt, aber unter den Wimpern zuckt es. Sie schläft, aber so unruhig, dass sie sofort aufspringen kann, um den Mörder zu verfolgen. Die Wangen laufen schmal zum Mund, wie in Gram, und die aufgereckte Oberlippe schwillt von Schmerz. Und doch blüht der Mund jung und schön, das ganze Antlitz sogar, trotzdem der Hals so seltsam schmal ist. Das Ohr scheint von den Schlangenlocken verdeckt und ist es nioht — ganz deutlich kann man es finden, und Erinnys scheint in das Dunkel zu horchen: „Wann muss ich wieder Jagen, jagen, bis ich den Verbrecher packe...” In diesem Bild steckt ebensoviel griechische Ethik, wie in der „Antigone“ des Sophokles. Die alten Griechen kannten die Idee des Gewissens, aber als Künstler dachten sie nicht in Begriffen, sondern in Gestalten. Sie verstanden Recht und Unrecht, Sünde und Strafe, wie wir. Nur unterscheidet sie von uns ihr wunderbarer Schönheitssinn, mit dem sie selbst die härteste, rächende Strafe in ein schmerzvolles, schönes, Junges Mädchen verwandeln konnten. Der Renaissancemensch spürte Im Griechentum die Schönheit und übersah das Gewissen: müssten wir nicht endlich beide erkennen? — Aus diesen Gedanken heraus schrieb ich meine „Schlafende Erinnys“. Rom, ungeheures Rom, wo soll ich wirklich anfangen, dich zu packen, wovon soll ich noch schreiben? Vom Tiberfluss und der Brücke mit den Engeln? Von deinen Brunnen? Deinen Gassen? Von deinen Pinien? Deinen Ruinen? Von deinen tausend Wunderwerken — Und es gibt Menschen, die behaupten, dich in drei Tagen gesehen zu haben! (53 Ob es Briss ist, oder Chuppe, Lieber Freund, das ist ganz schnuppe, Du musst dich an Tchcleth wenden, dort bist Du in besten Händen. Denn das Fest im Tcheleth - Saal ist erfreulich allzumal. „TCHEIE7" TEL-AVIV, SHEINKINSTR. 59. TEL. 22 05 45 I 17