Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1979
- Issue
- No. 45 (April-Mai 1979)
- Date
- 1979-04-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Amphitheater in Fiesoie empor, hörte auf einer der obersten Sitzreihen ein griechisches Drama in italenischer Sprache und sah es spielen. Es war für mich eine Offenbarung gleichzeitig des antiken, wie das italienischen Geistes. Ich hörte in dem wundersamen alten Stufenhau Jedes einzelne Wort, ohne doch bei meiner noch geringen Kenntnis der Sprache einen grosen Teil zu verstehen. Ich sehe noch immer den rosenbekränzten Altar in der Mitte, den die Chöre umschritten, dahinter den Palast, vor dessen Tor die Hauptspieler agierten und war begeistert als das Volk von allen Seiten herbeiströmte, empor aus der lachenden Landschaft ringsum und unter dem lichten Blau des toskanischen Himmels. Ich kann nicht alles beschreiben, was ich in Florenz sah, andere haben das getan, und besser, als ich es je könnte. Aber ich hatte Liebe für alles. Selbst die in den Kirchenboden gemeisselten Grabgestalten umging ich mit Ehrfurcht, weil die Majestät des Todes mir so edel dargestellt erschien. Die Nichte von Rabbiner Margulies staunte mich an, weil ich nicht müde wurde zu sehen — und ich sie, weil sie so gut Italienisch gelernt hatte, dass sie an der Universität Dante studieren und mir von seinen Terzinen vorschwärmen konnte. Ich verzieh ihr aber nicht, dass sie, als ich mit etwas Stolz erzählte, eine Bologneserin hätte meinen Accent bewundert, mich herzlich auslachte — freilich! Wäre doch die Bologneser Aussprache die schlechteste in ganz Italien! — Ich sprach mit ihr dann nur Deutsch und lernte weiter bei meiner Wirtin, mittags in meiner Pension und plaudernd unterwegs, in Geschäften, überall, wo Gelegenheit sich zeigte. Im Hause hatte ich dann den Blick auf die Maulbeerbäume, die Gärten gegenüber, Rosen über Rosen auf jedem Tisch, und eine himmlische Ruhe, die nur etwa von der Wirtin unterbrochen wurde: ob mir alles recht wäre, und ob ich denn gar nichts mehr brauchte. Es fehlte natürlich nie das Geringste, alles blitzte von Ordentlichkeit — mit dem Staubwischen wäre sogar meine liebe Mutter zufrieden gewesen. Bei diesem ersten Aufenthalt in Florenz — meiner Kunst-Lehrlingszeit — liebte ich besonders Florentiner Maler. Auch viele andere gefielen mir, aber diese habe ich zumeist erst in Rom und sonstwo wirklich kennen gelernt. Der erste, in dessen Bilder ich mich verliebte, war Botticelli. Waren seine jungen Mädchen nicht verzauberte Blumen, war nicht alles, was er erzählte, ein Märchen? Ich liebte immer Märchen, mit dem „Sommernachtstraum“ von Shakespeare hatte mein Lesen und Leben in Dichtung begonnen; das erste, was ich mit sechzehn Jahren schrieb, war ein Märchen. Und war nicht auch Florenz für mich ein Märchen, und ganz Italien? Aber dann studierte ich die Bronzetüren von Ghiberti und staunte über die Lebendigkeit dieser Figuren und der von „Isaks Opfer“ im Museo Nazionale. Danach kam für mich der ernste Luca und der liebenswürdige Andrea della Robbia. Ich folgte ihrer Spur von Dom zu den Museen und Kirchen, ihre Kinderbilder, ihre Blumen und Früchte waren meine Augenweide. — Giotto habe ich gleich wegen des Campanile bewundert, aber in seiner Grösse als Maler lernte ich ihn erst in Assisi kennen. Die Loggia dei Lanzi war für mich ein Ereignis. Der Perseus des Benvenuto Cellini und Judith und Holofernes von Donatello gaben mir den ersten starken Eindruck von der Schönheit der Bildhauerei. Von dem grössten aller Florentiner, Lionardo, ist ja leider nicht viel, und das wenige oft nicht gut erhalten. In den Uffizien war Bild und Zeichnungen von ihm, aber viel später erst las ich seine Aufzeichnungen, sah in Paris die Mona Lisa und bekam mehr aus Biographien und Abbildungen einen Begriff von diesem in seiner vielseitigen Genialität unerreichten Menschen. Aber Michel Angelo, den Mann mit den vier Seelen, habe ich ln Florenz lieben gelernt. Damals waren die „Gefesselten Sklaven", wie man sie nannte, noch im Garten Boboli; wie oft stand ich vor ihnen! Für meine Augen waren es keine Sklaven, von Menschen gefesselte Menschen, es waren von ihren Göttern in Stein gebannte Giganten, wie Prometheus, die von einem ihrer Brüder, Michel Angelo aus den Steinen herausgerissen waren — wenn auch nicht ganz, weil er doch sterblich war. Stundenlang stand ich in der Grabkapelle der Medizäer vor dem „Tag“, der herrlichen „Nacht“, und den noch wunderbareren Dämmerungen, besonders der „Aurora“ — und vor dem „Pensieroso“ (Lorenzo di Medici), dessen unergründliche Gedanken wohl niemals die Lorenzos waren. Ich musste denken, dass doch der sprechende Künstler zwar seine geheimsten Gedanken in Klarheit bringen und aussprechen kann, dass es ihm aber kaum gelingt, das Gefühl eines so tiefen Geheimnisses um einen Menschen mit Worten anzudeuten, oder einen Charakter auf die Bühne zu stellen, der — sprechend — doch Geheimnis bleibt, unergründlich, ergreifend und schön. Michel Angelos Moses, Rahel und Lea waren damals in einer kleinen Kirche in Rom, und die „Pieta“ in der Peterskirche. Hier aber in Florenz überstrahlten für mich Luca, Andrea della Robbia und Botticelli alle andern. Die Luft war hell und rein und die Menschen so froh. Florenz war der Frühling der Renaissance gewesen, war noch immer Frühling, „Firenze“, die Blumenstadt, und Jeder Kutscher trug hier eine Blume hinterm Ohr. Bin ich doch selber einmal eine halbe Stunde hinter einem Blumenkohl-Wägelchen hergegangen, weil der Verkäufer — ach, keine Seele wollte kaufen! — seine Waren in Versen mit Gesangsbegleitung ausrief. Ich weinte beinahe, weil ich weder Papier, noch Blei bei mir hatte, um aufzuschreiben, was Ich hörte, denn ich würde es vergessen — und ich habe es vergessen... Aber das habe ich im Gedächtnis behalten, dass ich Gott weiss wo landete und zwar nicht geweint, aber dauernd in Freude gelacht habe! Wo gibt es das denn sonst — einen armen Händler, der seine Ware bestaunt und anpreist, kein Stück verkauft und dichtet und jubelt — nur für sich und den lieben Gott? ★ IN ROM In Rom war ich zuerst verwirrt und im Strassengewlihl wie verloren. Da ich hier lange bleiben und schön wohnen wollte, suchte ich die richtige Gegend, und weil ich von Fieberquartieren in den tief gelegenen Stadtteilen gehört hatte, auf den Hügeln. Der Park der Villa Borghese entzückte mich, und schliesslich spürte ich nur noch da herum. Wenig entfernt fand ich bald das Rechte, sogar mit Vorzügen, auf die ich zunächst keinen Wert legte, später desto mehr. Meine Wirtin war eine protestantische Schweizerin, die einen Italiener geheiratet hatte; dass sie deutsch sprach, war mir viel bequemer als meine junge italienische Wissenschaft. Nach dem Tode ihres Mannes hatte sie ein grosses Hotel weitergeführt, und es endlich, nachdem das letzte Kind ihr Haus verlassen hatte, verkauft und diese Wohnung genommen — mit fünf vermietbaren Zimmern, „denn ohne Arbeit kann ich nicht leben“. Sie war nun über siebzig, rotbäckig und rüstig, wie eine Bergbäuerin, aber temperamentvoll, wie ich keine Schweizer sonst erlebt habe. Bloss von ihren Kindern blieb sie mäuschenstill, von denen entlockte ich ihr kaum ein Wort. Nur einmal sagte sie, der Jüngste wäre zur See gegangen. — Sie machte mir nicht nur mein Zimmer behaglich, sie war auch die beste „Führung“, die ich wünschen konnte. Sie wusste, wo und wann der berühmte Chor der französischen Nonnen sang, mit welchen Trams man die Museen, Villen, Parks am besten erreichte, und wann sie öffneten oder schlossen. Sie empfahl nicht nur, sie riet auch ab. Dass sie mich energisch vor Piestern warnte, muss wohl auf eigene Jugenderlebnisse zurückzuführen sein, denn ich bin von solchen weder je belästigt, noch gekidnappt worden. Diese alte Frau sah ich niemals nachdenklich oder traurig, sie lebte die Tage, wie sie kamen, und schien immer vergnügt. Weil ich es auch war, blieben wir bis zum Schlus ein Herz und eine Seele. Da mir für gesellschaftliches Leben das Organ fehlt, besuchte ich nur eine nette deutsch-jüdische Familie, die mir empfohlen war; aber auch da langweilte ich mich genügend, nachdem ich den Marmorfussboden, den Marmorkamin, das rare Mobiliar und die steifen oder temperamentvolleren italienischen Gästen in mir aufgenommen hatte. Später habe ich mit Jungen Studentinnen und Professorentöchtern verkehrt und bin auch in den internationalen Frauenklub gegangen. Zunächst war ich nur Auge und Ohr; ich hörte auch allerlei öffentliche Vorlesungen an der Universität. Bei Barzellotti konnte ich schon gut folgen. Mich interessierte besonders Kunst und Geschichte Roms, die Kunstgeschichte von Anfang an, besonders die Renaissance, in geringstem Masse die spätere Zeit. Natürlich war mir wichtig, dass ich Italienisch lernte, und dies, um alle' Kunst besser zu verstehen — wiewohl ich ausgezeichnete deutsche Lehrbücher mit hatte. Ich wechselte täglich mein Programm. War ich einen Tag in Galerien, so strolchte ich den nächsten In Parks, den dritten in Kirchen, den vierten in antiken Ruinen. Im Vatikan war ich jeden freien Eintrittstag und auch sonst öfters, im ganzen mindestens fünfzigmal, Michel-Angelo habe ich lange studiert, und oft mm wenige Figuren. In den ersten Sälen des Vatikans kam ich von den ägyptischen Kunstwerken nur schwer von der Stelle. Und dann war da dieser geheimnisvolle Augustus, der von Jeder Seite ein anderer Mensch war. Ich zerbrach mir den Kopf: kann ein und derselbe Mensch grausam, hart, weise und gütig sein? Warum schuf der Meister ihn so? Danach studierte ich das Leben des Augustus und verstand. Später habe ich das „Haus des Augustus“ geschrieben, und noch später den ihn vorbereitenden „Aufstieg des Oktavian“. Sehr liebte ich die römischen Parks und die Brunnen; ich habe sie oft und immer wieder gern betrachtet. Absonderliche Dinge besuchte ich seltener; ein Klostergang ist mir in Erinnerung, wo die toten Mönche als vertrocknete Gerippe herumhingen, und wir hart neben ihnen einzeln durchgeführt wurden. Es war scheusslich, und ich blickte nur auf die vor mir Gehenden, Mutter und Tochter. Da hörte ich, wie die Mutter flüsterte: „Nimm schnell ein paar Knochen, sie sind gut für Kranke“ — und dann zupften sie beide an einem Skelett. — Ich habe auch Katakomben gesehen; eine Jüdische lag unter einer Gärtnerei, wo die herrlichsten roten Pfefferfrüchte aus den hohen, grünen Büschen lugten. Wir wanderten da mit einem Führer vorn und einem hinten, die je eine Kerze trugen, unter der Erde von Strasse zu Strasse, in deren Seitenmauern Tausende von Löchern gegraben waren. Bisweilen fanden sich über ihnen jüdische sinnbildliche Zeichnungen, wie Trauben, segnende Priesterhände. Wir kamen auch in einen grossen, runden Saal, wo wahrscheinlich Trauerfeiem abgehalten wurden. Das Ganze war ein Irrgarten mit immer schlechterer Luft, und ich dachte: was dann, wenn beide Kerzen verlöschen, und wir hier 16