Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1979
- Issue
- No. 45 (April-Mai 1979)
- Date
- 1979-04-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Dankenswerterweise überliess uns Frau Else Cohn, Jerusalem, Teile-ihrer Erinnerungen, speziell Reisebeschreibungen. Wir bringen heute (mit geringfügigen Kürzungen) den Teil, der ihren s.Zt. Aufenthalt in Italien betrifft. Anm. d. Red. ★ FLORENZ Als ich in Florenz ankam, war es Freitag Nachmittag zwei Uhr. Ich war ein wenig bange wegen der Unterkunf; das Zimmer in Verona hatte mir einen Schrecken eingejagt. Sowieso liebte ich. Hotels nicht. Aber wie ein Zimmer in einer Pension oder Familie noch vor Sabbat so schnell finden? Mein Wortschatz war noch klein, und meine Kasse konnte ich nicht überanstrengen. Ich liess das Gepäck am Bahnhof und sah mir draussen die Omnibusse an. Auf einem stand vorn: Domplatz — fein, das würde ein Zentrum sein. Das war es auch, aber da stand der Dom und der Turm des Giotte, und ich kam vor Entzücken zehn Minuten nicht von der Stelle. Dabei begann um halb sieben der Sabbat; ich nahm dann kein Geld in die Hand, fuhr nicht mehr, musste durchaus fertig sein. Ich riss mich los und prüfte die vielen Busse. Sie führten nach schönen Orten, und alle würde ich einmal sehen. Aber da war einer, der mich behexte. Fiösolö! Lag auf dieser Anhöhe nicht die Villa Böcklins? Und ganz oben ein Amphitheater? Ich stieg ein. Schon liebte ich Florenz, auf den ersten Blick. Wir waren bald aus der Stadt heraus, und als wir durch eine Allee von prächtigen Maulbeerbäumen emporfuhren, links und rechts kaum noch ein Haus, und dann schon zehn Minuten weit von Florenz, auf halber Höhe sozusagen, schien es mir herrlich genug und reichlich weitab, wenn ich zu Fuss in die Museen gehen sollte. Da hielt die Trambahn, jemand stieg aus, und zwei Häuser standen auch da. Also sprang auch ich ab. Fragen tut nicht weh, dachte ich, und so klingelte ich am ensten, einem sehr grossen und edlen Bau. Ein geschniegelter Diener öffnete die Tür. Er lächelte mich an. „Bedaure, der Herr Graf vermietet nicht!" O weh, dachte ich. — Doch da war ja noch ein Haus, und ich konnte zurück — oder vorwärts fahren. Aber nun ging es auf drei Uhr! Das zweite Gebäude war bescheidener, wenngleich solide. Wieder wartete ich eine Weile, bis eine richtige Bürgersfrau auf die Schwelle trat. „Wir haben Ja noch nie vermietet — ist das Zimmer für Sie?“ und als ich bejahte: „Sie können zwei Zimmer haben“. „Eins ist genug für mich“, sagte ich schüchtern. „Das ist mir gleich, Sie können beide für das selbe Geld haben. Für vierzig Lire den Monat“. Ich schluckte erst einmal mein Staunen hinunter, und dann erklärte ich mich einverstanden. Vierzig Lire! Das war ja noch weniger, als ich für mein Loch in Hamburg gezahlt hatte! Aber als ich die Zimmer sah, hoch, weit, mit Kunstmöbeln, die ihr Mann selbst fabrizierte, in einem Raum ein Schreibtisch, wie ich ihn immer geträumt hatte, aber nie kaufen konnte, Schränke für amerikanische Koffer, geschliffene Spiegel, Armsessel und was nicht noch — da blieb mir, wie die Berliner sagen, „die Spucke weg“. Alles blitzsauber. „Wir haben nur eine Tochter, und sie ist leidend“, sagte sie. (Ich habe diese Tochter in fünf Monaten vielleicht zweimal auftauchen sehen, sie war geistig zurückgeblieben). Ich erzählte schnell, dass ich mein Gepäck holen wollte, fuhr auch gleich weg und war mit meinem Pappkoffer um vier Uhr wieder da. Um fünf war ich eingerichtet, stand erfreut vor den drei grossen Vasen voller Rosen, die sie mir in die Zimmer gestellt hatte und sah durch die grossen Fenster über Vorgarten und Strasse zu dem in alien Farben glühenden Garten der gegenüberliegenden Anhöhe, der schräg, in drei Abhängen emporstieg. Ganz oben lag, halb im Grünen versteckt, ein Haus. Unser Garten war vorn nur schmal, desto grösser war der hinten, aus dem die Rosen kamen“. Ich erkundigte mich nun nach dem Tempel und erfuhr zu meiner Überraschung, das er an der Grenze von Florenz und ganz nahe von hier lag; also konnte ich zu Fuss sehr gut hin und zurück und brauchte nicht bis morgen zu warten. Denn ich wollte möglichst bald die Freunde meiner Eltern kennen lernen, von denen ich schon viel gehört hatte. Meines Vaters Studienfreund war der Oberrabbiner von Florenz und Direktor des Rabbinerseminars Dr. Margulies, ein eben so gelehrter, wie menschenfreundlicher Herr, dessen Andenken und Verdienste unvergessen sind, ein herzbewegender Redner, ein liebenswürdiger Gesellschafter, ein starker Charakter — und ein unscheinbarer kleiner Mann, der ohne jede Pose zwischen seinen Gästen sass, und den auch ich äuserlich nie gleich für das erkannt haben würde, was er war. Seine Frau hatte in Beuthen gelebt, und ihre Eltern waren die besten Freunde meiner Grosseltern gewesen: so war ich ihnen doppelt empfohlen. Erinnerunen VON ELSE COHN, Jerusalem amaammmtg Der Vorhof des Tempels war voller Palmen und blühender Rosen, und der Bau war gross und auch innen prächtig, der schönste Tempel Italiens. Ich setzte mich oben nahe dem Hauptausgang und fragte bald ein Nachbarin nach dem Platz der Rabbinerin. Sie sass mit der jungen Nichte ihres Mannes sehr weit von mir auf den ersten Plätzen der vordersten linken Reihe, gerade gegenüber der Kanzel. Sobald der G’ttesdienst beendet war, liess ich sie nicht aus den Augen. Aber es kamen so viele Frauen an sie heran, dass sie nicht so bald hinausfanden. Der Tempel war schon halb geleert, als die beiden endlich neben mir standen. Ich verbeugte mich und stellte mich vor; es schien Frau Doktor Freude zu machen, mich zu sehen. Sie forderte mich auf, sie recht bald zu besuchen. „Wo wohnen Sie denn?“ „Via San Domenico 9“. Zu meinem Erstaunen sahen Tante und Nichte einander verdutzt an und brachen dann in unwiderstehliches Lachen aus. Ich lachte beinahe mit — hätte ich nur gewusst, was ich so Lächerliches gesagt hatte. Sie beruhigten sich endlich, und Frau Doktor sagte: „Jetzt müssen wir Ihnen erklären, warum wir so gelacht haben. Gewöhnlich wohnen wir im Winter in der Amtswohnung meines Mannes in der Stadt, aber im Frühling und Herbst sind wir immer in Villa San Domenico, gerade gegenüber von Ihnen! Da sollen Sie nun recht oft unser Gast sein! Wie sind Sie denn gerade darauf verfallen — wussten Sie, dass wir da wohnen?“ „Oh — ich wüste nichts als Ihren Namen und bin überhaupt erst heute um zwei Uhr nachmittags hier angekommen!“ Sie staunten noch mehr, als sie Näheres erfuhren und amüsierten sich, als ich ihnen verriet, wie sehr ich schon ihre hängenden Gärten bewundert hatte. Diese, nebst dem Haus mit Sälen voll echter altitalienischer Kupferstiche und sogar mit dem alten Hausgärtner dazu, hatte ein alter Junggeselle dem von ihm verehrten Oberrabbiner vermacht. Im Sommer waren sie aber in ihrer Villa in Vallombrosa, dieser Perle des Apennins. Da, tausend Meter über Florenz bin ich später fast drei Monate gewesen — aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt war niemand froher als ich — und ich sah sie wirklich oft. Herrlich waren die — für mich sommerlichen — Frühlingsabende, in denen wir auf den ruhevollen Landstrassen — noch kein Autobetrieb — die Höhe hinauf und hinunter wanderten, zwischen Alleen und Gärten oder reifendem Korn, unter den zahllosen glitzernden Sternen, mitten in Millionen Leuchtkäfern, sodass selbst das Korn hell durch sie erleuchtet war. Bisweilen strich sich Herr Doktor seinen schönen, langen, weissen Bart, und hundert dieser blitzenden Funken sprühten heraus und auseinander — und dann diese Luft und dieser Duft, und immer wieder neue Blicke auf das wunderschöne Fiesoie hoch oben... Nichts kann ich vergessen, was diese Landschaft mir ins Herz grub, nicht einmal das Versehen, das ich dort immer die Kinder singen hörte: „Lucciola, Lucciola, vien da me, Ti daro la coron’ del re, Ti daro la coron’ della regina, Lucciola, lucciola fiorentina“. Nirgends war ich so fleissig, wie in Florenz. Den ganzen Tag lief ich in den Museen und Kirchen herum, nur mit Ausnahme des Mittagessens. Ich ging zu verschiedenen Stellen der Stadt immer wieder hin, so zur Arnobrücke, wo ich gern die Auslagen der Juweliere besah. Einmal, als ich wenig verbraucht hatte, kaufte ich mir sogar zwei Gemmen vom Künstler selber; die ejlne sollte Byron vorstellen, die andere war Pallas Athene, herlich schön und in voller soldatischer Rüstung, um ihre geliebte Stadt zu schützen. Byron war weiss in welss geschnitten, Athene hell aus goldfarbenem Stein. Vielleicht kaufte ich dort auch „Tag und Nacht“, ein Doppel-Relief. Bei meinen Wanderungen durch die Stadt fand ich überall etwas zu bewundern. In die Säle der Museen ging ich meist mit meinem dünnen Burckhardt-Reglster, besah ein Bild nach dem andern und las hinterher abends, was Burckhardt im dicken Band über sie sagte. Danach besuchte ich sie wieder und prüfte sie nochmals. Fast immer war ich unkritischer gewesen als er; aber manchmal liess ich mich nur schwer überzeugen, dass zum Beispiel, etwas, das mir gefiel, Schülerarbeit sein sollte. In Florenz besah ich viel zu viel; ich lächle Jetzt über all das, was im Verzeichnis des Registers angestrichen ist — Beweis, dass ich es betrachtet habe. Ich vernachlässigte aber die Architektur und viele Skulpturen; erst in Rom interessierten die letzteren mich mehr. Nur der Dom und vor allem der Turm von Giotto hatten mich sofort angezogen, und lange stand ich auch vor den ihn schmlikkenden Bronzen. Bei den Statuen Von Michel Angelo konnte ich zuerst Burckhardt seine oft scharfe Kritik von Einzelheiten nicht verzeihen; ich war so hingerissen von der Gewalt seiner Gestalten, von der Grösse und Wucht seiner Gedanken, dass mir Jede Kritik als Unding erschien. Ich war jung, und für meine Begeisterung gab es noch keine Schranken. Wo ich Kunst verstand oder zu verstehen glaubte, war ich eins mit dem Kunstwerk und dem Künstler. So ging ich durch die Galerien und auch die Kirchen, die Ja für mich nichts als Museen waren, so spazierte ich durch die Gärten mit ihren schattigen, hohen Mauern von seltsamen Bäumen, deren Grün von Zyklopen zu Wänden geglättet schienen. So stieg ich zum 15