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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1979-04-01 · No. 45 (April-Mai 1979) · p. Seite 11

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1979
Issue
No. 45 (April-Mai 1979)
Date
1979-04-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Von Hans Margolius Erinnerungen ERSTES PHILOSOPHIEREN Mein erster Klassenlehrer im Gymnasium in Krotoschin war Dr. Fischer. Wenn ich mich sehr bald schon im Gymnasium zu Hause fühlte, so verdanke ich es vor allem ihm. Er unterrichtete uns im Deutschen und im Französischen, späterhin, von der Untertertia an, auch im Lateinischen. Er war so eifrig bei der Arbeit, dass er meistens schon begann, die erste Frage an uns zu richten, wenn er noch die Klinke der Tür in der Hand hatte. Jedes Mal brachte er einen Stoss von Büchern und Heften mit sich in die Klasse. Bisweilen hatte er Mühe, sie alle zu tragen. Einmal aber brachte er mit Büchern und Heften und mit seinem Mantel über dem Arm, auch noch ein Stück des Garderobenständers aus einer anderen Klasse mit sich. Wir konnten uns das Lachen nicht verbeissen, als er so bei uns erschien. Als er merkte, warum wir so fröhlich waren, musste er selber mit uns lachen. Ich hatte ihn sehr gern, und ich glaube, dass er auch mir gewogen war... In späteren Jahren hatten wir für den Unterricht im Deutschen für eine kurze Zeit einen jungen Lehrer, Dr-. Volpers, der ein Buch über Friedrich Schlegel geschrieben hatte. Auch er war mir ein sehr lieber Lehrer. Und mit Bewunderung betrachtete ich sein Buch, das eines Tages im Schaufenster der Raetzerschen Buchhandlung am Marktplatz ausgestellt war... In der Tertia wurde Oberlehrer Klemm unser Lehrer in Deutsch, in Geschichte und Geographie. Ich habe ihm viel zu verdanken. Er wusste um meine Schwächen und tat sein Möglichstes sie zu beheben. Immer wieder warnte er mich vor meinem blütenreichen Stil im Aufsatz und vor der Neigung, mangelndes Wissen um die Tatsachen hinter schönen Worten zu verstecken. Dass er trotz vieler Beanstandungen im Grunde doch Gefallen am meinen Aufsätzen fand, habe ich ihm nie vergessen. Oberlehrer Klemm war der Erste, von dem ich etwas über Marcus Aurelius und das Buch seiner Meditationen hörte. Mein Vater hatte unter seinen Büchern in unserm Bücherschrank manches Philosophische, die Kritiken von Kant, die schöne zwei-bändige Ausgabe der Werke von Spinoza und einen dicken Band mit einer Auswahl aus den Werken von Schopenhauer. Aber Marcus Aurelius fehlte. Nun sprach Oberlehrer Klemm so eindrucksvoll von dem römischen Kaiser und von der Feinheit seiner Selbstbetrachtungen, dass ich beschloss, mich sogleich in seine Lehren zu vertiefen. Ich bestellte mir das Reclamheft mit den Meditationen in der Buchhandlung. Aber ich kam nicht weit mit der Lektüre. Erst lange Zeit danach fand ich Verständnis für sie. Die erste Bekanntschaft mit den Grundproblemen der grossen Philosophen verdanke ich Dr. Otto Kuttner, der den Deutsch-Unterricht bei uns übernahm, als wir in die Obersekunda kamen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie er uns von Descartes, von Spinoza und von Leibniz erzählte und uns von ihrem Bemühen berichtete, über das Verhältnis von Körper und Geist in der Welt Klarheit zu schaffen. Descartes’ Lehre von der Wechselwirkung von Geisti und Körper auf einander, — die so ganz andere Phüosophie Spinazas von der Parallelität aller geistigen und körperlichen Vorgänge in der Welt — und schliesslich die Lehre von Leibniz von der vorher bestimmten Harmonie zwischen dem Reich des Geistes und dem Reich der Körper, diese drei ersten grossen Systeme in der Geschichte der modernen;Philosophie machten einen grossen Eindruck auf mich und weckten mein Interesse. Ich hätte gewünscht, dass wir uns mehr mit Philosophie beschäftigt hätten. Wir wussten, dass Dr. Kuttner seinen Doktor in Philosophie gemacht hatte und dass seine Doktorarbeit über Kant handelte. Das gab ihm in meinen Augen ein besonderes Ansehen. Aber für mein erstes Philosophieren bin ich nicht nur ihm, sondern auch seinem Sohn zu besonderem Dank verpflichtet. Hans Kuttner war mit mir von der Sexta an in derselben Klasse. Er schien in allem mein genaues Gegenteil zu sein. Er war stämmig und kräftig; ich war schlank und zart. Ich war nie ein guter Turner; er gehörte stets zu den besten Turnern in unserer Klasse. Ich war kein schlechter Schüler, aber auch nie einer der besten. Hans Kuttner war von der Sexta bis zur Prima immer der Erste oder der Zweite in unserer Klasse. Ich hatte eine besondere Liebe für alles Schöne; er schien die Nüchternheit selber. Jedenfalls hätte ich ihm nie zartere Neigungen zugetraut. Und dass Hans Kuttner an einem jungen Mädchen ein tieferes Interesse nehmen könne, das schien ausser aller Denkbarkeit. Es war in Sekunda oder Prima, dass er mich eines Besseren belehrte. Es war plötzlich nicht mehr zu leugnen — wir alle wussten es: er hatte ein junges Mädchen kennen gelernt, die ihn über alles Mass interessierte. Es war ein schönes, sehr zartes junges Mädchen, die Tochter eines Gutsbesitzers, der einige Meilen von Krotoschin entfernt sein Anwesen hatte. Wir wüsten bald mehr als das; er selbst erzählte es uns. Eines Tages schrieb er ein Gedicht zum Lobe seiner Angebeteten. Darm aber machte er sich mitten in der Nacht auf den Weg, wanderte ein paar Stunden durch Wald und Feld: bis zu dem Hause seines angedichteten Mädchens. Er hatte in Erfahrung gebracht, wo sie am Morgen zur frühstücken pflegte. So kletterte er nun über Zäune und Balustraden auf die Veranda, auf der die Geliebte ihr Frühstück einzunehmen liebte und heftete dort auf den Frühstückstisch mit einem Reissnagel das Gedicht, das er ihr zu Ehren geschrieben hatte. Dann kletterte er zurück in den Garten und machte sich erneut auf die Wanderschaft, um im Morgengrauen schliesslich wieder nach Krotoschin zurückzukehren. Ich habe vergessen, wie die so Angedichtete das Gedicht auf ihrem Frühstückstisch in Empfang nahm. Ich weiss nur, dass mein Schulfreund danach des öfteren mit ihr zusammen war. Mir war aber damals jedenfalls klar geworden, dass Wan« Kuttner jedenfalls nicht so nüchtern war, wie er sich zu geben liebte. Ich merkte sehr bald auch, dass er mir im Grunde nicht so entgegengesetzt war, wie es auf einen ersten Blick hin scheinen konnte. Er liebte Goethes „Faust“. Und in mein „Stammbuch“ schrieb er mir einmal einen Satz aus dem „Faust“: „Nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern muss". Ich glaube, er war wohl der Einzige in meiner Klasse, der auch philosophische Interessen hatte. Jedenfalls danke ich ihm einen der ersten Anstösse zu einem eigenen philosophischen Nachdenken, das über ein bloss interessiertes Aufnehmen philosophischer Lehren Anderer hinausging. Es war auf einem Spaziergang mit ihm in den Birkenwald. Dort angelangt, bot Hans Kuttner mir zuerst einmal eine Zigarette an, die ich mit grossem Widerstreben schliesslich rauchte. Es war meine erste Zigarette. Sie bereitete mir kein Vergnügen — freilich auch kein besonderes Missvergnügen. Dann aber begann mein Schulfreund mir mit einer gewissen Ausführlichkeit die Grundzüge der Entwicklungslehre vorzutragen. Zu hören, dass aus der Welt der Pflanzen die Tierwelt und aus dieser schliesslich der Mensch hervorgegangen war — das schien mir damals, da ich es zum ersten Mal hörte, höchst interessant und nachdenkenswert. Und so dachte ich dann auch lange weiter darüber nach, und dann kam mir schliesslich der Gedanke, dass man im Sinn dieser Entwicklung wohl allen Grund hatte, auch weiterhin noch eine Fortentwicklung des Menschen zu einem höheren geistigen Wesen anzunehmen. Dieser Gedanke bereitete mir grosse Freude. Und ich schrieb eine kurze Betrachtung, in der ich ihm Ausdruck gab. Dass ich damit einen Gedanken vertrat, wie ihn ähnlich vor mir schon Nietzsche mit seiner Idee des Übermenschen vertreten hatte — das wusste ich damals noch nicht... Ich glaube, es war eine ganze Zelt nach der philosophischen Unterredung im Birkenwald, dass ich eines Tages auf die Idee kam, eine philosophische Gesellschaft zu begründen. Ich weiss nicht mehr, wie ich zuerst auf diesen Gedanken gekommen bin. Aber ich weiss, dass ich mich mit einem anderen Schulfreund, mit Rudolf Klesse zusammen tat, um diese Gesellschaft ins Leben zu rufen. Wir brachten viele Stunden damit zu, darüber zu beraten und schliesslich einen Aufruf zu verfassen, der den Sinn unserer Vereinigung klarstellen und zur Mitgliedschaft aufrufen sollte. Was uns am Herzen lag, war eine Gesellschaft, die durch Diskussionen und Vorträge das Wesen wahrer menschlicher Glückseligkeit klarstellen sollte. Leider kamen wir nicht sehr weit mit unserm Plan. Aber das Interesse an der Philosophie verliess mich von nun an nicht mehr. Nach der Absolvierung des Gymnasiums verliess ich Krotoschin und ging nach Berlin, wo ich mein Studium an der Universität beginnen wollte. Von den Neigungen meiner Mutter und meines Vaters her war ich eigentlich schon dazu vorherbestimmt, Literatur und Philosophie zu meinem Beruf zu machen. Aber nun dachte ich mir, dass es wohl notwendig wäre, wenigstens zunächst einmal alle prsönlichen Interessen bei Seite zu setzen und auf einen „Brotberuf“ hin zu studieren. So belegte ich jedenfalls neben allen möglichen Vorlesungen in Philosophie und deutscher Literaturgeschichte auch eine Einführung in die Nationalökonomie. Aber freilich, nach einem ersten Semester gab ich die Nationalökonomie und die Sorge um einen Brotberuf schon wieder gänzlich auf und beschränkte mich fortan ganz und gar auf Literatur und Philosophie. Meine ersten Universitätslehrer, der Philosoph Ernst Troeltsch und der philosophisch inklinierte Literarhistoriker Max Herrmann taten dann das Ihrige dazu, dass ich mich mit Herz und Hand der Philosophie verschrieb. Nach dem Abschluss meines Studiums, viele Jahre danach, unter Ernst Cassirer, William Stern und Robert Petsch, dachte ich zunächst daran, nun selbst Philosophie zu unterrichten. Aber die Privatdozenten in Deutschland erhielten damals kein Gehalt. Und es bedurfte einer langen Wartezeit, bis man damit rechnen konnte, von einem Privatdozenten zu einem ordentlich beamteten Professor aufzurücken. So entschloss ich mich, auf die Laufbahn eines Universitätslehrers zu verzichten und Bibliothekar zu werden. Umso dankbarer war ich späterhin den Leitern des Jüdischen Lehrhauses in Berlin, dass sie mir eine Gelegenheit gaben, am Lehrhaus eine Reihe von philosophischen Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften zu geben. Eine dieser Arbeitsgemeinschaften ist mir besonders denkwürdig geworden. Sie handelte von der kleinen Schrift Hermann Cohens über Religion und Sittlichkeit. Sie brachte mir eine Junge Hörerin, die mir so gut gefiel, das ich nicht umhin konnte, sie zu heiraten... 11

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