Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1979
- Issue
- No. 45 (April-Mai 1979)
- Date
- 1979-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Geschichte der Familie Goldstein und der Oberschlesischen Holz-Industrie A.G. Beuthen O/S Eine alte Familienchronik berichtet, dass um das Jahr 1795 mein Ur-Urgrossvater „Löser Smolenski“ nach Schwirzt, Kreis Namslau einwanderte und ein paar Jahre später in der Nachbarstadt „Städtl“ Lehrer der jüdischen Gemeindeschule wurde. Während der liberalen Stein-Hardenbergischen Reformen in Preussen nach 1806 erhielten die ansässigen Juden das volle Bürgerrecht und mussten ständige (möglichst Deutsche) Familiennamen annehmen. Mein Ahne wählte den Namen Elieser Goldstein und wurde so der Gründer der bedeutenden oberschlesischen Familie dieses Namens. Die gleichen Reformen bedingten auch, dass jeder Lehrer in Preussen ein Staatsexamen in der Provinzialhauptstadt ablegen musste. Darum zog Elieser zu Fuss etwa 70 Klm nach Breslau, wohl eine 3 Tage-Reise, in einem blauen Frack mit goldenen Knöpfen, in der einen Hand ein Bündel mit Wegzehrung, in der anderen einen Zylinderhut. Und er bestand das Examen als der erste Jüdische Lehrer in der Provinz Schlesien. Er starb in Städtel, damals eine grössere jüdische Gemeinde, im Jahre 1857, 76 Jahre alt und sein Grab wurde dort bis 1939 von der Familie betreut. Einer seiner Söhne, Jonas, und wahrscheinlich auch einige seiner Brüder zogen in das oberschlesische Kohlengrubendorf Lipine, Kreis Beuthen O/S, und eröffnete dort eine Vektoranz, heute würde man das ein Transportgeschäft nennen. Damals gab es nur wenige Eisenbahnen und die Kohlenschächte mussten alles Grubenmaterial mit Pferdetransport anfahren lassen und die geförderte Kohle auf gleiche Weise abliefern. Der Vektorant musste sich den Gruben gegenüber verpflichten, jeden Tag eine bestimmte Mindestzahl von Gespannen zur Verfügung zu stellen. Ein Grundstock seiner eigenen Pferde und Wegen, sowie die von Verwandten und Freunden, wurde erheblich ergänzt durch die von Bauern und Ackerbürgern der Umgebung. Ein grosses Organisationstalent war nötig den wechselnden Bedarf der Schächte zu befriedigen. Das wichtigste Material für den Bergbau war Grubenholz, runde Stempel und Kappen, Schwarten (Seitenbretter) für die Sicherung der Tunneldächer, Bohlen und Balken. So war es natürlich, dass die Familie Goldstein mit ausgezeichneten Beziehungen zu den Grubendirektoren als zuverlässige Geschäftsleute, allmählich nicht nur den Transport der Hölzer, sondern auch die Besorgung, den Einkauf, derselben unternam. Ich vermute, dass bereits mein Urgrossvater Jonas mit der Holzbesorgung begonnen hat, aber es war ohne Zweifel mein energischer und weitsehender Grossvater Siegismund Goldstein, der mit beiden Händen die Chance ergriff, welche die aufblühende oberschlesische Schwerindustrie bot. Er verlegte das Holzgeschäft um 1880 unter seinem Namen „S. Goldstein“ von Lipine nach der führenden Industriestadt Beuthen. Dort errichtete er ein grosses Sägewerk an der Strategischen Stelle, wo die ältere Rechte-OderuferJSisenbahn (Breslau, Öls, Kreuzburg, Tarnowitz) mit ■ der linken Schnellzugslinie (Brieg, Oppeln, Gleiwitz) sich in Beuthen trafen. Der Beuthner Geschichts- & Museumsverein berichtet in seinem Heft No 24 (1962), Seite 98: „Goldstein, Siegismund (1842—1913) gehörte zu den Grossen der oberschlesischen Holzindustrie. Das 1882 in Beuthen errichtete Sägewerk war das grösste im damaligen Deutschen Reiche (neun Gatter und eine komplette Fass- & Kistenfabrik). Die Schnittmateriallieferungen erfolgten in alle berichtet von Ulrich SKALLER, London Welt, (Schweiz, Belgien, Holland, England, Russland, USA usw). 1900 entstand die Kielcer AG. für Bergbau, Eisen- & Holzindustrie. Der gesammte übrige Besitz (Beuthen Hauptwerk, Werke in Österreich und Rumänien) wurde in die Oberschlesische Holzindustrie A.G. eingebracht“. Einige von Siegismunds 8 Brüdern, insbesondere Heimann, David und Jakob unterstützten ihn später in seinen Unternehmungen. Heimann hatte enge Beziehungen zu den Graf Henkel Donnere - markschen Gruben (später die Schlesische Kohlengruben AG) insbesondere zu dem Doyen der damaligen schlesischen Grubendirektoren, Geheimrat Remy. Formal führte Heimann zunächst diese Lieferungen auf seinen eigenen Namen aus, später übertrug er sie an die Oberschlesische Holz Industrie A.G. Diese Aktiengesellschaft gründete Siegismund mit seinen Brüdern, David und Jakob, die nach dem ersten Weltkrieg die bedeutendste schlesische Holzfirma wurde. Er behielt jedoch die alte Fa. sowie 50% der Aktien der neuen Gesellschaft, die andere Hälfte teilten seine Brüder David und Jakob und wurden die leitenden Direktoren, Siegismund wurde Vorsitzeider des Aufsichtsrates. Er führte wahrscheinlich diese Teilung durch, um seinem klugen und vorsichtigen Bruder David (in Kontrast mit seinem vorwärtstreibenden und weitblickenden Temperament) freie Hand zu lassen, das Geschäft in seinem Stile zu führen. Schlesien, obwohl reich an Wäldern und Holzbeständen konnte den wachsenden Hunger der Schwerindustrie für Holzmaterial nicht mehr befriedigen. Daher teilten die Brüder Goldstein die Welt unter sich in der Weise, dass die jüngeren Brüder durch die OHI die Habsburger Länder als Einkaufsbereich übernahmen, einschliesslich Galizien, Bukowina, Ungarn mit der Slovakei, während Siegismund sich Russland mit Polen vorbehielt. Seinem grosszügigen Temperament passten die Russischen Kaufleute, Juden und Christen, viel besser als die österreichischen, die er als kleinlich bezeichnete. Er erzählte, wie er als junger Kaufmann jährlich nach Nischni Novgorod, nahe dem Ural, zur Holzbörse reiste und als er dort bekannt wurde, erwarb er solches Vertrauen, bei den dortigen Kaufleuten, dass er das Holz, noch im Walde stehend, das erste Jahr kaufte, das nächste Jahr es fällen und auf den Flüssen nach den Umschlaghäfen flötzen liess, und erst im dritten Jahre mit seinem Wechsel bezahlte, der so gut wie Gold geschätzt wurde. Soviel Vertrauen — ohne jegliche Kreditversicherung — ist heutzutage unglaublich. Vor 100 Jahren bildete eine kleine Gruppe von hochgeschätzten Kaufleuten das Rückgrat des Grosshandels, ohne sie wäre das internationale Geschäft unmöglich gewesen. Eine grosse Hilfe für solche Handelshäuser war es damals, wenn mehrere Brüder und Verwandte an verschiedenen Plätzen wirken und einander vertreten konnten. Ausser den bereits genannten waren auch die Brüder Albert, Max und Paul im Holzhandel tätig und halfen einander aus, ohne sich zu konkurrieren. Natürlich erstreckten sich die Geschäfte nicht nur auf die Grubenlieferungen, sondern auch auf andere Industrie- und Handelsgeschäfte. Ein beträchtlicher Teil das Geschäftes war die Ausfuhr von Holzmaterial nach der Schweiz (Bau- & Celluloseholz für die Papierfabriken), nach Holland (u.a. Rammpfähle und Telegraphenstangen), nach England (Gruben- & Bauholz), nach Frankreich und Marokko, sogar nach der USA. Im Jahre 1900 wurde aus politischen Gründen die bereits erwähnte Kielcer A.G. als Tochtergesellschaft der Fa. S. Goldstein gegründet mit dem wertvollen Waldgut Szczecno, (später an Herrn Karl Mauve verkauft). Mein Grossvater Siegismund starb im Jahre 1913, als beide Firmen auf ihrem Höhepunkt standen. Die Inschrift auf seinem Grabe in Beuthen (verfasst von meinem Vater, Justizrat Dr. Jakob Skalier) lautet: „Ein Schaffender ward hinweggerafft, Fand hier die Ruh’ nach rüstig frohem Wandern. Ein Mann voll Wuchs, voll Eigenart und Kraft Im Wesenskerne anders als die Andern. Mit Klugheit paarte sich die Schaffenskraft Zum guten Werke, das den Kaufmann ehrt Doch in der Brust, wie rauh und hart er schafft, Schlug ihm ein goldnes Herz, in mancher Not bewährt". Die Leitung der OHI blieb in den Händen von David. (Sein jüngerer Bruder Jakob übernahm eine führende Stellung in der Holz- und Forstabteilung des Baron Guttmann, Wien und blieb nur ein stüler Teilhaber der OHI). Im ersten Weltkrieg, 1914, wurden beide Söhne meines Grossvaters, Hermann und Bruno in die Armee einberufen, der jüngere Bruno opferte sein Leben. Daher blieb die Leitung der Fa. S. Goldstein in den Händen eines von Siegismunds Schwiegersöhnen, Emil Ebel, der bereits ein junior Partner war. Der Krieg brachte beiden Firmen bedeutende Rüstungslieferungen. Nach dem Kriege wurde mein Onkel Hermann Co-Direktor der OHI zusammen mit Herrn Felix Perls u. Eduard Gillis, der letztgenannte war der Sohn eines Jung verstorbenen Kantors der Beuthner Synagogengemeinde und David wurde sein Vormund. ES bestand ein Band innerer Verbundenheit zwischen ihm und dem kinderlosen David Goldstein, der damals zum Generaldirektor der OHI ernannt wurde. Dann kam die grosse Inflation, als Geld, Ersparnisse und Staatspapiere wertlos wurden. 1924 wurde eine neue Rentenmark gleich 1000 000 000 alte Mark! Jedoch Holzvorräte, wie alle Warenbestände, Gebäude und Grundstücke wurden ausserordentlich wertvoll. Dazu kam, dass der Grund und Boden des Beuthner Sägewerkes, das 1882 vor der Stadt lag, 1924 innerhalb des neuen, modernen Stadtteils seinen Wert vervielfältigte. In den Inflationsjahren erfarb die OHI von den Grafen Ballestreem das grosse slovakische Waldgut Cadca in den Karpathen (2 Oberförstereien mit etwa 10 Förstereien und einem grossen Sägewerk). Der Leiter der tschechischen Tochtergesellschaft der OHI wurde mein Cousin Benno Cohn, Sohn des Rabbiner und Dajan John Cohn, Breslau. Er war ein grosser Fachmann in der sehr schwierigen Fällung und Bringung der Hölzer an den steilen Gebirgsabhängen. Später wurde er von den Nazis ermordet. Diese Geschäftserweiterungen machten die Eröffnung eines Verkaufsbüros in Holland (das auch die Ausfuhr nach England bearbeitete) und später eines weiteren ln Paris notwendig. Die Fa. S. Goldstein überlebte die Inflation ebenfalls erfolgreich und ich erinnere mich, dass mir mein Vater, Rechtsberater beider Firmen, viele Jahre später erzählte, dass 1924 bei der Einführung der stabilen Rentermark durch Dr. Schacht, eine (Fortsetzung auf Seite 10) 9