Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1979
- Issue
- No. 45 (April-Mai 1979)
- Date
- 1979-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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MEINE LIEBEN! Meine Lieben! Wie Ihr wisst, waren wir vergangene Woche mit einer Reisegesllschaft in Breslau und haben dann an einem freien Tag privat mit einem Taxi eine Fahrt in meine Geburtsstadt Schildberg gemacht. Um es gleich von vornherein zu sagen, diese Reise nach Schildberg hat mich für manche Enttäuschung in Breslau entschädigt. Und um es auch gleich festzuhalten — falls jemand daran Interesse haben sollte, so kann ich unseren Taxifahrer, der aus Grosswartenberg stammt und deutsch spricht, bestens empfehlen. Seine Anschrift lautet: Stefan Trapczynski, 51—630 Wroclaw ul. Grottgera 22 b, Tel. 484576. Unsere Fahrt ging von Frankfurt über Würzburg zur Grenze in Oberfranken, und wir kamen dann in die Tschechei. In Reichenberg hatten wir unsere erste Übernachtung. Reichenberg ist vom Krieg unzerstört, oder wenigstens das was wir bei der Durchfahrt sahen, sieht aber aus als hätte sich seit Kaiser Franz Josef nichts verändert, ebenso Karlsbad. Einige neue Häuser, aber der Eindruck ist nicht gut, da die Bausubstanz veraltet und heruntergekommen wirkt. Das gleiche auf der Rückfahrt dann auch in Prag. Trotzdem sehen die Menschen gut genährt und gekleidet aus und wie uns der Reiseführer auch sagte, sind die schlechten Zeiten vorüber und das Land ist nunmehr .in einer Phase des Aufbaus. Am Tage darauf waren wir also in Breslau, oder man sollte besser sagen, in Wroclaw, denn das Breslau unser Erinnerung gibt es nicht mehr. Wroclaw ist eine vitale Stadt mit der Mehrzahl junger Menschen als Bürger, mit erheblichem Autoverkehr. Die meisten Wroclawer stammen aus den Gebieten, die Polen an Russland abtreten musste. Breslau war im Kriege furchtbar zerstört worden, teilweise auch von den Deutschen. Als der Flughafen in Gandau wegen der Kriegsereignisse nicht mehr benutzt werden konnte, wurden von der Kaiserbrücke bis zum Scheitnigerpark alle Häuser beseitigt um ein neues Rollfeld anzulegen. Von diesem Flugfeld aber ist nur ein einziges Flugzeug aufgestiegen, das des Gauleiters Hanke um herauszukommen. Wir kamen im Süden herein. Vorbei an der Pferderennbahn, der Radiosendestation, die existiert und grade erheblich erweitert wird. Vorbei an dem Strassenbahndepot am Südpark, aber dann ist man in einer anderen Stadt, wenig von den alten Häusern sind übrig geblieben. Erst am Kaiser Wilhelmplatz findet man die alten bekannten Häuser wieder. Das jüd. Krankenhaus existiert noch und ist jetzt ein Krankenhaus für Eisenbahner. Bis zur Gartenstr. sieht man wenig alte Häuser, teilweise auch noch erhebliche Lücken. Von der Schweidnitzerstr. bis zum Bahnhof ist die Gartenstr. unbeschädigt und ausser dem Capitolkino ist die alte Bausubstanz vorhanden, auch der Hauptbahnhof ist unbeschädigt und gut renoviert mit erheblichem Verkehr. Ebenso das Postamt 2 am Frenkelplatz. Der alte jüdische Friedhof am Frenkelplatz ist eingeebnet worden und an dieser Stelle befindet sich ein Autobusbahnhof. Unser Hotel war das frühere christl. Hospiz an der Gartenstr. Ecke Teichstr. Eine unglückliche Unterkunft, denn an dieser Ecke kommen mehrere Strasenbahnen um die Ecke zum Hauptbahnhof und machen einen entnervenden Lärm, weil wahrscheinlich die Starssenbahnen ausgeleiert sind und ebenso die Schienen, ausserdem ist dort ein Ampel und die vielen Autos stoppen und fahren dort an. Der Verkehr ist auffallend diszipliniert. Ich ging einmal die ganz leere Teichstr. quer über die Strasse und wurde von einem Polizisten in einem Ton angefahren als wenn ich ein furchtbares Verbrechen gemacht hätte. Nur mein Pass als Ausländer hat mich vor einer Strafe geschützt. Wie wir unser bereits erwähnter Taxifahrer sagte, sind die Strafen für Delikte im Strassenverkehr oder bei Trunksucht oder Schlägereien, drakonisch. Ohne grosse Verhandlung gleich einige Monate ins Arbeitslager, meistens 6 Monate. So geht also niemand bei rotem Licht über die Strasse. Von unserem Hotel machte ich nach unser Ankuft gleich den 1. Spaziergang in unsere frühere Gegend. Von der Schweidnitzerstr., die Gartenstr. entlang bis zum Sonnenplatz gibt es kaum noch ein altes Haus. Das Haus, wo Uhren Rosenthal war, existiert nicht mehr, ebenso das Liebich Theater, dagegen steht noch die Agnes Str. Wo wir im Haus Nr. 8, welches Dr. Rabiner Simonsohn gehört hatte, ebenso die Lessing Loge. Die Gartenstr. Nr. 20, wo wir dann wohnten, gibt es nicht mehr, ebenso nicht die Markthalle. Die Zimmerstr. ist weg und ebenso weite Teile der Gräbschnerstr. In der Sonnenstr. 7 hatte meine Tante gewohnt u. die ganze Sonnenstr. gibt es nicht mehr. Als wir dann die Freiburgerstr. suchten, fanden wir von der Graupenstr. aus nur einen verbauten Zugang und ein neu erbautes Viertel. Wie wir dann durch unseren Taxifahrer erfuhren, bestehen von der Freiburgerstr. nur noch 2 Häuser, die den Zugang vom unbeschädigten Freiburger Bahnhof haben. Das Gericht ist unbeschädigt und ebenso die Graupenstr. von der Wallstr. ab. Wo Blasse war, existiert jetzt ein anderes Kaufhaus. Dagegen wo wir unser Schuhgeschäft hatten, sind alle Geschäfte beseitigt worden und es ist eine Organisation dort. Der Storchtempel, wo wir noch geheiratet hatten, ist noch in dem Zustand, wie nach der Kristallnacht. Wir dachten, dass es keine Gemeinde mehr gibt, aber unser Taxifahrer brachte uns dann nochmals in die Wallstr. und in dem Teil, wo wir früher Religionsstunde hatten, war im Souterrain eine Esstube, wo sich 3 ältere Männer aufhielten. Diese sagten uns, dass es noch wenige Juden in Breslau gäbe und auch jemand da sei, der sich als Rabbiner ausgäbe, obwohl diese 3 Männer nicht glaubten, dass er einer sei. Sie waren ängstlich mit uns zu sprechen, weil wir möglicherweise Spitzel sein könnten. So erfuhren wir kaum etwas über das Leben der Juden jetzt. Wie wir von unserm Taxifahrer weiter erfuhren, gibt es in der Rittermarkthalle noch einige Juden, die dort Verkaufsstände haben. Im ganzen soll es noch 150 Juden in Breslau geben. Wir sind dann noch zum Friedhof nach Kosel gefahren. Der Teil, der von den früheren Breslauern bis etwa 1942 belegt wurde, ist total verwildert und ich konnte unmöglich die Gräber unserer Verwandten wiederfinden. Dagegen gibt es einen neuen Teil, der sich an die übrigens verfallene Trauerhalle anschliesst, wo es eine erhebliche Anzahl Gräber von den Juden gibt, die nach dem Krieg nach Breslau kamen. Alles polnische Namen. Es fiel uns auf, das' eine ganze Anzahl Gräber mit Blumen geschmückt waren und sogar auf 2 od. 3 Gräbern Lichter brannten. Es muss also doch Leute geben, die zwar ihre Lieben betrauern, sich aber nicht mehr zum Judentum bekennen. Wenig zerstört dagegen ist die Odertorgegend, Der Ring ist so aufgebaut, wie er war. Das Rathaus ist eine Augenweide, innen, wie draussen. Wie waren in der unzerstörten Jahrhunderthalle und in der Universität an der Schmiedebrücke. Die Aula ist wunderbar hergerichtet worden. Wenn man vom Ring die Schweidnitzerstr. in Richtung Gartenstr. geht, so ist dann eine Querverbindung geschaffen worden, die früher nicht bestand. Eine sehr breite Autostr., die an der Graupenstr., Antonienstr., zum Königsplatz führt. Dafür gibt es den Karlsplatz nicht mehr. Die Oper ist noch vorhanden, ebenso Hotel Monopol. Mein Bericht würde zu lang werden, so will ich es damit bewenden lassen. Schildberg: Wir fuhren also mit dem Taxi über Grosswartenberg, Kobelogurra, Rojoff, Budi (alles Namen, die mir noch im Gedächtnis tagen) nach Schildberg. Ich war 8 Jahre alt als wir es 1919 verliessen und nach Breslau gingen. Ich kannte mich aus, als hätte ich es nie verlassen. Schildberg war unzerstört geblieben und als wir am Marktplatz ankamen, erkannte ich die Häuser von Apotheker Salinger, von Schulz, von Jonas Nathan, Herman Nathan, wo meine Cousine Martha ihr Schuhgeschäft hatte, wo der Getreidehändler Schwarz gewohnt hat wieder, dann das Haus meiner Tante Dorchen, dann vorbei, wo der Lederhändler Hartmann war, das Eisengeschäft von Lichtenstein zur Synagoge. Heute lebt in Schildberg kein Jude mehr und die Synagoge ist ein Kulturheim für die Kommunstische Jugend. Der Friedhof ist eingeebnet worden. Mein Elternhaus steht, wie ich es in Erinnerung hatte, nur ist das grosse Geschäftslokal in 3 Geschäfte geteilt worden. Wir gingen in das Haus und der jetzige Besitzer erinnerte sich noch an unseren Namen, denn seine Eltern hatten die Häuser von meinen Eltern gekauft. Wir fanden dann einen Schuhmacher, dessen Frau bei meinen Eltern noch Verkäuferin war. Ich gäbe ihnen einen Tafel Schoko’ade und 100 Zloty und es war als wenn Maschiach gekommen wäre. Diese Reise hat mich sehr bewegt und ich bin froh sie noch gemacht zu haben. Ludwig Nathan, Frankfurt a/Main DER NOBELPREISTRÄGER AUS BRESLAU MAX BORNS NACHLASS IN BERLIN Den ersten Teil des wissenschaftlichen Nachlasses des Atomphysikers und Nobelpreisträgers Max Born (Breslau 1882 — Göttingen 1970), der von 1933 bis 1954 in der Emigration in England lebte, hat jetzt die Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz, Berlin, erwerben können; weitere Teile sollen in den nächsten Jahren folgen. Der Nachlass, bisher im Besitz von Borns Erben in England enthält in der Hauptsache biographische Materialien und Aufzeichnungen, darunter das Manuskript von Borns Lebenserinnerungen “My Lif and My Views”, 1968 in New York erschienen, ferner wissenschaftliche Notizen, sowie Vorlesungsunterlagen und -nachschriften. Den wertvollsten Bestandteil bildet die umfangreiche Korrespondenz des Professors; zu dieser gehört in erster Linie der wissenschaftliche Schriftwechsel mit seinen Fachkollegen in aller Welt, vornehmlich ab 1933. Bekannt ist hiervon bisher nur der Briefwechsel mit Albert Einstein, der bereits 1969 veröffentlicht wurde; aber die Vorarbeiten zu dieser Ausgabe gehören zum Nachlass. Breiten Raum nimmt auch Borns Gedankenaustausch mit Philosophen, Politikern und Persönlichkeiten des kulturellen und öffentlichen Lebens ein; er ist zugleich ein Spiegel von Borns weiten Interessen am Geschehen ln der Welt. Den Max-Born-Preis für 1977 erhielt Professor Eric Spear von der schottischen Universität Dundee. Der Preis wurde 1972 gemeinsam vom Institute of Physics (London) und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (Bonn) gestiftet. Dr. E. G. Lowenthal, Berlin 5