Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1979
- Issue
- No. 45 (April-Mai 1979)
- Date
- 1979-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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MANN4 Fünf Jahre wütete schon der grosse Krieg, fünf Jahre fielen Bomben vom Himmel, stürzten Häuser wie Kartengebilde zusammen, starben Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser, im Schlaf, in Angst und in Hoffnung auf ein baldiges Ende. Und mit der Angst wütete der Hunger in den vom Krieg verwüsteten Ländern. Die Kinder vergasesn das Aussehen von Bananen, Orangen und von Schokolade. Die noch nicht Schulpflichtigen glaubten ein Märchen zu hören, wenn ihre älteren Geschwister oder die Eltern ihnen über die braune süsse Masse erzählten, die im Mund zerging, manchmal mit Mandeln und Nüssen gefüllt war, fein in Silberpapier gepackt und umgeben von einem bunt bedruckten Papier. Doch im fünften Kriegsjahr gab es keinen Kakao und nur wenig Zucker, kein Silberpapier. Es fielen zwar Silberstreifen vom Himmel, von Flugzeugen abgeworfen, um die feindliche Abwehr irre zuführen, vielleicht gab es auch Kakao in fernen überseländern, der an den Bäumen verfaulte, da ja die Schiffe für Kriegsmaterial und Soldaten bestimmt waren. In einer kleinen Stadt in Nordfrankreich lebte unter einem Dachfirst eine vierköpfige Familie. Das heisst sie hockte dort. Aufrecht konnte man in diesr kleinen Kammer zwischen Himmel und Erde nämlich nicht stehen. Zwei Jahre lebten sie schon versteckt. Sie lebten — wenn auch in steter Angst und im ewigen Hunger — doch sie lebten. Vor zwei Jahren, als Vichy’s Schergen Hand in Hand mit den schwarzen Todesengeln, der S.S., arbeiteten, nahm sich ein französischer Bäcker der Familie an. Seine eigne Familie weihte der Bäckermeister nicht ein, aus Angst und um bei einer möglichen Entdeckung keine Mitwisser zu haben. Henri Bainville tat, was ihm sein Leben vorschrieb. Er hatte die Bibel gelesen, und das Gebot der Nächstenliebe war für ihn ein wirkliches Gebot, nicht wie für die Meisten. Er befolgte die Worte: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“, und so brachte er eine Woche vor der Einlieferung der jüdischen Bevölkerung in die Gaskammern von Auschwitz die Familie Bergstein in die unbenutzte Dachkammern. Vor Tagesanbruch stand er täglich auf, stieg um Gott näher zu sein, wie er seiner Familie zu sagen pflegte, in die Dachkammer, brachte ihnen ein dürftiges Mahl und wechselte wenige Worte mit den Verängstigten. Ein Laib Brot von den Rationen abgespart, manchmal einige Tropfen Milch für den Jüngsten, etwas Gemüse fanden den Weg von der Küche in die Dachkammer, wo die vierköpfige Familie — Vater und Mutter mit zwei jungen Kindern, einem achtjährigen Mädel und einem fünfjährigen Buben hausten. Kein Bett gab es in der Kammer, keinen Schrank, nur zwei alte wacklige Stühle, alte Matratzen und einen Eimer, um die Notdurft zu verrichten. Auch ein Haufen alter Säcke lagerten dort. Auch war kein Fenster in dieser Kammer, sie lebten im ewigen Halbdunkel, grau war es bei Tag, schwarz waren die langen Nächte. Ihr Leben wurde von den Geräuschen der unsichtbaren Aussenwelt beherscht. Nur die alten von Moos bewachsenen Dachziegel trennten sie von der Natur, von einem alten Kastanienbaum, der mit seinen Zweigen die alten Ziegel streichelte und im Spätsommer Kastanien auf das Dach fallen liess, die dann von Kindern eingesammelt wurden. Sie unterschieden Regen von Hagel, nur das sanfste Sinken der weissen Flocken im Winter war für ihr Ohr unhörbar. Der Fussboden war mit einer Schicht alter Säcke ausgelegt, im ihre Schritte zu dämpfen, doch die Angst hielt sie meist am Platz gebannt. Tagaus tagein glich das Leben in der Kammer, sie senken zu dumpfen Tieren herab. Kein Lachen, fast kein Wort kam über ihre Lippen, nur ein leises Flüstern. FIEL VOM HIMMEL Sie lernten sich in der Zeichensprache zu verständigen, lernten Husten zu unterdrücken. Heiss brütete die Hitze im Sommer, gespeist vom Schornstein der Backstube, im Winter verbreitete er aber angenehme Wärme. So vergingen Monate, bis neue Angst in die Herzen der Familie schlich. Flugzeuggeschwader begannen über den Himmel zu ziehen und warfen ihre totbringende Last auf wichtige Ziele ab. In der Kleinstadt gab es einen grossen Rangierbahnhof, und in den letzten Wochen bildete er ein begehrtes Ziel für die allierten Bomber. Manchmal wankte das alte Haus, bewegte sich die Ziegel wie von Geisterhand gerüttelt, zerrten an den Nerven der Erwachsenen. Jean, der Fünfjährige, in den ersten Kriegstagen geboren, konnte die Angst nicht begreifen, er sah nicht das Flackern in den Augen seiner Eltern, in seinem kindlichen Gemüt wollte er aufjauchzen. Für ihn bedeutete es eine willkommene Abwechslung in seinem sturen Dasein. Immer häufiger erfolgten die Bombardierungen, und nur die Nachrichten des Bäckermeisters hielten die Eltern vor einer Wahnsinnstat zurück. Anfang Juni 1944 flogen wieder die schweren Bomber in Frankreich ein. Ein Teil von ihnen warf Fallschirmspringer ab, andere legten den Eisenbahnverkehr lahm. Sergeant Lester bediente wie gewöhnlich den Bombenschacht seines Flugzeugen, folgte den Anweisungen Captain Tonbridges. „Out!“ erscholl es, und Lester öffnete den Schacht, liess die eisernen Eier los. An diesem Abend folg- Gesang zu Pessach Kehrtest du heim von den andern, mein Volk? Aus dem Lande der Knechtung kehrtest du heim nach dem Wandern durch Wüste und Gluten und angstvolle Nächte — kehrtest du heim? Befreit, du Sklave der Fron — blühte dir Morgenrot endlich im eigenen Port, endlich dir nahe aller Freiheiten Hort? Hast du vergessen?: Frei bist du nur, wenn neu und tief du dich bindest, wo die Bande gelockert im Murren und Unbescheiden — wenn neu und tief du dich findest in Liebe und Demut zu IHM, der allein dich gerettet aus Wüste und Gluten und angstvollen Nächten — Knecht unter Knechten, dein Murren war Zweifel an Rettung — geborgen nun bist du, binde dich fest in SEINER, der einzigen Freiheit... Frieda Hebel, Raanana ten den Bomben eine Tafel Schokolade, die Lester in einer Hand hielt, als der Befehl erfolgte. So segelte die Fracht der Zerstörung, gefolgt von süsser Schokolade durch die Luft. Die Bomben, bedingt durch das Gesetz der Schwerkraft landeten in der Nähe der Bäckerei, lange bevor die leichtere Fracht auf die Erde gelangte. Die Balken krächzten durch den Luftdruck, einige Ziegel verschoben sich leicht. Die Herzen der Eltern erstarrten fast und der Bäckermeister im Keller betete ununterbrochen. Nur Jean fürchtete sich nicht. Er lag unter warmen Säcken gebettet, horchte auf die Detonationen, hörte das Krächzen der Balken und wunderte sich. Seit zwei Jahren entwickelte sich sein Gehör schneller als die anderen Sinnesorgane. Er konnte reife Kastanien von Unreifen unterscheiden, auch wenn seine Augen die Frucht noch nie gesehen hatten. Sein Gehör unterschied das Fallen von Zweigen und Blättern, von schweren und leichten Regentropfen. Er konnte die Windstärke unterscheiden, die Frühlings- und die Herbststürme, welche an dem Baum rüttelten. Auch in dieser Nacht hörte er die Zweige rauschen und plötzlich vernahmen seine Ohren ein völlig neues Geräusch. Etwas landete auf dem Baum, fiel weiter, blieb auf den Dachziegel über seinem Kopf liegen, rutschte weiter, um an einem eckigen Ziegel hängen zu bleiben. Mit fehlerloser Bestimmtheit erriet er die Lage des unbekannten Gegenstands. Die Geräusche der Bomber entfernten sich, die Eltern atmeten auf und fielen in einen von Angst geplagten Halbschlaf. Nur Jean lag wach. Langsam kroch er zu dem Platz des mutmasslichen Gegenstands, an der schrägen Dachwand, fast am Ende der Kammer. Vorsichtig hob er einen Ziegel, sein kleines abgemagertes Händchen fuhr über das Dach, erfaste die Schokolade. Und ohne ein Geräusch zu verursachen, Umschlag er die süsse unbekannte Packung, liess den Ziegel zurückgleiten, und rutschte unter die Säcke. Die Tafel schob er unter einige Säcke, nachdem er an dem Papier gerochen hatte. Aber er kannte nicht diesen aufreizenden Geruch. Am anderen Morgen erschien der Bäcker mit Tränen in den Augen, und erzählte ihnen über die Landung der alliierten Truppen in Frankreich. Jean bemrkte an diesem Tag die Veränderung an seinen Eltern, vielleicht weil sie etwas lauter flüsterten, sich immer wieder umarmten. Stolz zeigte er ihnen seinen Schatz, und wies den verstörten Eltern den Fundort. Sein Vater starrte auf das Papier, seine Nase hatte schon den 6üssen, einst so gut gekannten Geruch wahrgenommen. Er zündete eine Kerze an, die der Bäcker für Notfälle ihm gegeben, und überlas die Aufschrift. „Nestle-Milchschokolade“. Die Kinder sahen Tränen in den Augen des Vaters, hörten das unterdrückte Schluchzen der Mutter. Vorsichtig öffnete der Vater das Papier, seine Lippen murmelten unverständliche Worte, die er in fernen Zeiten von seinem Vater vernommen, als er die ersten Früchte in den Händen hielt, ein Dankgebet an Gott. Er brach kleine Stücke ab, steckte sie den Kindern in den Mund, die verwundert an der süssen Delikatesse kauten. Jean flüsterte aufgeregt, zeigte von der Schokolade auf seine Eltern, und gab nicht Ruhe, bis sich die Eltern auch ein Stück in den Mund steckten. Lange lebten sie von der Schokolade, ihr Vater erklärte den Sinn des Manna, das einst für die Kinder Israels auf ihrer langen Wüstenwanderung vom Himmel fiel. Und einen weiteren Monat später krochen vier bleiche Menschenkinder vom Boden, begrlissten die einziehenden alliierten Truppen, blickten in den blauen Himmel, und ihre Augen blinzelten in das grelle Licht. Zwi Karliner, Shaar Chefer 3