Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 29 (sequence 2398)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/7411685-7412598-7412639--0784-7412668
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Aus meinem Lebenslauf Hervorgekramfes 1905 in Breslau geboren, stammten meine Eltern beide aus Oberschlesien, Vater aus Ratiborhammer, wo seine Eltern einen Gemischtwarenladen hatten, Mutter geb. Bernstein, jüngste von 3 Schwestern und 2 Brüdern, aus Beuthen, wo deren Mutter geb. Turbin Lehrerin war (vor ca. 100 Jahren). Die Wohnung, in der ich meine ersten Lebensjahre verbrachte, lag in der Sadowastrasse. Später zogen wir nach der Viktoriastrasse 65. Zu dieser Zeit war ich etwa 4 oder 5 Jahre alt und ging in den Kindergarten von “Tante Landmann”, in der Moritzstrasse. Während der Sommerferien fuhr meine Mutter mit mir bei schönem Wetter .öfters auf den Spielplatz im Südpark, stets unter Mitnahme von Butterbroten und Kirschen oder anderem Obst. Vater hatte ein Speditionsgeschäft, Büro und Wohnung lagen später zusammen in der Dessauerstrasse 2. Im selben Hause wohnte Dr. Karpeles, prakt. Arzt, sowie der Kapellmeister Sobanski vom 11. Infantrieregiment. Inzwischen wurde ich in das Elisabethgymnasium eingeschult (Direktor Dr. Wiedemann), an dem Herr Dr. Fabian, Leiter des Waisenhauses in der Gräbschenerstrasse, Religionslehrer war. Von meinen damaligen jüdischen Mitschülern erinnere ich mich an: Ernst Weissenberg, Jurist, später Santiago de Chile, gestorben und beerdigt In Wiesbaden, an Hans Panofsky, Martin Pistreich (späterer Musikdirigent), Hans Ritter (Vater Sanitätsrat, Elsassersrasse), Heinz Goldstein, Gerhard Vulkan (Vater Getreidehändler) und Willi Hirschstein. Im Jahre 1916 wurde mein Vater zum 6. Feldart. Regt, eingezogen und kam nach beendeter Ausbildungszeit an die Westfront (er war damals 40 Jahre alt). Der Haushalt wurde aufgelöst und ich kam zu Onkel und Tante Moritz Läufer, Höfchenstr. 88 in Pension, da meine sei. Mutter seit der Geburt meiner Schwester (1913) kränkelte und zu dieser Zeit in die Schweiz fuhr, wo sie Genesung erhoffte, jedoch kurz darauf in Leysin 6tarb und auch begraben wurde. Vater durfte als Soldat nicht zur Beerdigung in die Schweiz einreisen und musste sich darauf beschränken, meine 3-jährige Schwester an der Grenze, ln Lörrach, abzuholen, wohin sie von dem Kindermädchen gebracht wurde. Sie kam dann an meiner Stelle zu besagtem Onkel und Tante, während man mich in Pension zu Herrn Rabb. Bernhard Hamburger gab. Warum gerade dorthin, hatte folgenden Grund. Mein Onkel Siegfried Gadiel hatte in Rybnik ein Sped. und Möbeltransportgeschäft. Dort verbrachte ich öfters meine Schulferien. In der dortigen Synagoge amtierte damals Herr Rabb. Braunschweiger und erinnere ich mich noch an einige dortige Familien, wie z.B. Aronade, Pinczower, Priester, Schüftan (Synagogenverwalter) und Manneberg, deren letzterer Sohn Ernst ebenfalls bei Rabb. Hamburger in Breslau in Pension war, und da diese Unterbringung meinen Verwandten sehr empfohlen wurde, kam ich also auch dahin und blieb -dort bis Vater 1919 wieder aus dem Krieg zurückkehrte. Natürlich lernte ich, der ich aus einem sehr liberalen Hause stammte, dort viele mir neue jüdische Gebräuche und Lebensgewohnheiten kennen, da Dr. Hamburger, der gleichzeitig Religionslehrer am Johanneum war, das Amt des Rabbiners an der Alt-Glogauer Synagoge bekleidete. Diese iag in einem Gartenhaus, gegenüber dem Konzerthaus und es herrschte dort ein recht konservativer, fast schon orthodoxer Ritus. Einige Namen von Gemeindemitgliedern sind mir noch erinnerlich, wie z.B. Aron und Wilhelm Kober (Sohn von letzterem Salomon), Vetter, Marcus Nelken, Perez, sowie Chasan Schüftan, der später das Amt des Hauptdieners in der Neuen Synagoge übernahm. Wie erwähnt, lag der Konzerthaussaal unserer Synagoge gegenüber und an den Hohen Feiertagen pendelte ich zwischen beiden hin und her, da in letzterem meine Verwandten beteten, zumal die G’ttesdienste im Konzerthaussaal immer einen besonders tiefen Eindruck auf mich machten, waren sie doch dank eines sehr guten Chores, der stets von einer wohlklingenden Orgel begleitet war, für mich besonders eindurcksvoll. Zu dieser Zeit wirkten da auch hervorragend gute Vorbeter, oftmals Opernsänger von Beruf (z.B. Kantor Borin), während die Predigten abwechselnd von Rabb. Vogelstein und Rabb. Sänger gehalten wurden. An die nachstehenden Namen von Mitpensionären bei Rab. Hamburger kann ich mich noch erinnern: Ernst Manneberg (aus Rybnik), Georg Markus (aus Ratibor), Hans Laboschiner (aus Konstadt), Heinz Liebrecht (aus Kreuzburg), Brüder Rosenthal (Vater Landwirt in Hünern?) und Heinz Ikenberg, der sehr jung starb. Zu dieser Zeit besuchte ich dann auch die Religionsschule Am Anger (Dir. Dr. Guttmann) und hatte Unterricht bei den Herren Fleischhacker und Schönfeld. Für die Bar-mizwoh wurde ich vorbereitet von Kantor Weiss von der Storch- Synagoge, wo ich dann von Rabb. Dr. Simonsohn s.A. eingesegnet wurde. Ich musste nämlich (auf Wunsch von Rabb. Hamburger) die diesem Tage entsprechende Sidra aus der Thorah vortragen, d.h. mit dem dazugehörigen Nigun singen. Damals wurde ich auch Mitglied bei den “Kameraden” (Jüd. liberale Wandergruppe), wo ich später so bekannte und gute Menschen zu Kameraden hatte wie die Geschwister Hirschberg (Josef und Alfred, Lotte und Dita), Dr. Richard Prager (Ichel), Fritz Fischer, Ernst Aschner, Ernst Mamlok (Miemel), Fritz Brann, Hans Korn, Lotte Stein und viele andere, deren Namen mir schon entfallen sind, die aber, soviel ich weiss, grossenteils noch leben. Es waren dies mit die schönsten Zeiten meiner Jugend. » Es kam dann das Ende des Krieges, und ich erinnere mich noch ziemlich genau an den 11. November 1918, ich glaube, es war Sonntag, als auf den beiden grossen gusseisernen Fahnenstangen auf dem Exerzierplatz die rote Fahne gehisst wurde, was wir vom Fenster der Religionsschule aus gut verfolgen konnten. Nach der Rückkher meines sei. Vaters von der Front, 1919, heiratete er wieder und zwar Frieda Herlitz aus Beuthen (elterliches Tuchgeschäft am Ring). Wir zogen danach in die Opitzstrasse 57. Unsere Hausrückfront lag genau gegenüber der Rhedigerschule, am Rhediger Platz. 1920 verliess ich das Elisabethgymnasium und besuchte dann noch 2 Jahre den Zwinger (Dir. Dr. Aust) und ging dann 1922endgültig — mit Unterprimareife — von der Schule ab, um einen Beruf zu ergreifen. Ich trat bei der Firma Gebr. Maschler, Getreide, Junkernstrasse, am Christophoriplatz, in die Lehre. Es gab damals sehr viele jüdische Firmen in dieser Branche, ich erinnere mich noch an einige Namen, wie z.B. Erber u. Eppenstein, Albert Kuh, Jac. Lobethal, Alfred Gittler A.G., Brinnitzer & Co., Hugo und Max Kottow, Hamburger & Mallison, Hamburger & von Richthofen(l), Loebel & Co., etc. 1924 wechselte ich dann in die väterliche Branche über. Unser Büro: Max Bartenstein & Co., Spedition, befand sich in der Antonienstr. 40 und ich ging dann kurz danach aus Breslau weg, um Stellungen in verschiedenen deutschen Grossstädten anzunehmen (Magdeburg, Hannover, Frankft/M., Leipzig und Berlin). Zu dieser Zeit reifte bei mir bereits langsam dife Idee, einmal ins Ausland, möglichst Südamerika, zu gehen, um etwas von der Welt kennen zu lernen. Ich besuchte eifrig englische und spanische Sprachkurse, und als die politische Situation in Deutschland anfing, brenzlich zu werden und ich bereits diese beiden Sprachen beherrschte, kaufte ich mir im November 1935 kurzerhand eine Passage nach Buenos Aires, wo ich dann auch bis 1964 blieb und meist als Angestellter bei Im- und Exportfirmen tätig war. Gleich im ersten Jahr nach meiner Helmischwerdung dort liess ich meinen Vater nachkommen. Dieser wiederum besorgte eine “llamada” für Mutter und meine jüngere Schwester (jeder durfte immer nur 1—2 Familienmitglieder anfordern) und zum Schluss dann endlich auch für meine ältere Schwester, die inzwischen in Breslau mit Hans Sieradzki (Vater in Firma Levin & Sieradzki) verheiratet war, sodass dann Im Jahre 1938, kurz vor Toresschluss, die ganze Familie G.s.D. in Argentinien wieder vereint war, wofür ich heute noch dem Schicksal nicht genug danken kann. Vater starb im Jahre 1940, seine Frau — meine Stiefmutter — folgte ihm ein paar Jahre später nach, ebenfalls meine jüngere (Stief-) Schwester und heute lebt nur noch meine ältere Schwester in Buenos Aires. Nach dem wirtschaftlichen Niedergang in Argentinien sah ich mich dann nach fast 30 Jahren Emigration veranlasst, dieses Land wieder zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, wo ich mich in Wuppertal niederliess und hier noch weitere 13 Jahre lang als Sachbearbeiter bei einer Exportfirma der Metallbranche tätig war, bis ich mich jetzt endgültig pensionieren liess. Um das jüdische Leben hierorts sieht es recht traurig aus. Es existiert zwar eine 1948 errichtete Synagoge, 'jedoch ist die Gemeinde hoffnungslos überaltert, es gibt keinen Rabbiner, keinen Chasan, und auch an Freitag-Abenden kommt nur noch sehr selten mal ein Minjan zustande. Nur ein einziges junges Ehepaar mit einem kürzlich geborenen Sohn, der vielleicht einmal den Grundstock für eine künftige Generation legen kann, lebt hier, und wenn sich diese Hoffnung nicht erfüllt, dann kann man nur sagen: “Sic transit gloria mundi”! Hans Hartenstein Wuppertal 11 — Ehrenhainstr. 120 ZUM HUNDERTSTEN GEBURTSTAG GRATULIEREN Am 27. August 1978 konnte die Rabbanit Gunda Joseph, geb. Abraham, ihren hundertsten Geburtstag in geistiger Frische und körperlichem Wohlbefinden begehen. In Pinne, in der Provinz Posen, im Jahre 1878 geboren, kam sie von dort 1904 nach Stolp in Pommern als Gattin des dortigen Rabbiners Dr. Max Joseph, 1868 — 1950. Zu dem Amtsbereich des Rabbiners gehörte nicht nur die pommersche Hafenstadt sondern auch dutzende Kleingemeinden in der Provinz, mit deren Mitgliedern gesellschaftliche und persönliche Kontakte aufrechterhalten werden mussten. Im Jahre 1936 wurde nicht nur Dr. Joseph pensioniert, sondern es brachte das Ende Jüdischen Lebens in den pommerschen Orten. Das Paar zog nach Berlin, um ihre Auswanderung in das damalige Palästina vorzubereiten. Eine der Töchter wanderte nach Amerika aus, eine andere nach Erez Israel, während es der dritten nicht gelang, Deutschland rechtzeitig zu verlassen. Das Rabbinerehepaar kam 1938 nach Haifa. Für den damals siebzigjährigen Dr Joseph gab es keine Beschäftigung mehr. Frau Joseph verstand es, auch in bescheidener Wohnung und mit knappen Mitteln die Atmosphäre des Rabbinerhaushaltes zu erhalten. Die Rabbanit Joseph gehörte im Frühjahr 1958 zu den ersten Bewohnern des damals neuen Elternheims der Bne Brit Logen in Haifa, wo sie sich gut eingelebt hat. Während der zwanzig Jahre hat man ihren 'gesunden Menschenverstand’ schätzen gelernt, ihren Sinn für Humor, wie ihre Fähigkeit mit und in der Gegenwart zu leben, und an ihr teilzunehmen. —hwg — 29

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.