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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 28

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 28 (sequence 2397)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 27) wurde gesagt, dass das Alter dieser Melodien ebenso alt sei wie die Hamburger Gemeinde selbst. Um die Gemeinde in die Stimmung der hohen Feiertage rechtzeitig “einzusingen”, begannen die Chasanim bereits mit dem Beginn des Elulmonats die "Kadischgebete” ln den Melodien dieser Feste vorzutragen. Unvergessen bleibt der Anblick der Synagoge an den Hohen Feiertagen. Die weisse Ausschmückung beschränkte sich nicht nur auf die Thorarollen, den Aron Hakodesch und den Almemor, sondern sämtliche Gebetpulte, sowohl in der Männer wie in der Frauensynagoge, waren mit weissem Leinen bezogen. Die Männer waren mit den traditionellen weissen Sterbegewänder bekleidet, wozu natürlich weisse Käppchen gehörten und das alles machte einen überwältigenden Eindruck, und führte unmittelbar in den ernsten und getragenen Charakter der Hohen Feiertage und die dazu gehörige Andacht hinein. Wer kann die liebevolle Ausschmückung mit dem frischem Grün und die herrliche Blumenpracht am Schawuothfest vergessen, die die Synagoge an diesem Tage ausfüllte? Am Suckothfeste wurden einmal nicht weniger als 350 Lulawim gezählt und der Leser kann sich unschwer vorstellen, wie die Synagoge zur Zeit der Rundgänge ausgesehen haben mag. Als Kinder stellten wir uns vor, wie ein Palmenwald in Erez Israel einmal ausgesehen haben mag! Apropos Suckoth: Wer an diesem Feste einen Rundgang durch die schönen breiten Strassen des Hamburger Judenviertel machte, konnte sicher nicht weniger als 300 Suckoth zählen, die in den Gärten und auf den Baikonen der jüdischen Familien aufgestellt waren, und deren Innenschmuck oft Sehenswürdigkeiten an Geschmack, Behaglichkeit und religiös-ästhetischem Ausdruck waren! — Zu der Grossen Synagoge gehörte wie bereits erwähnt, die sogen. Werktagssynagoge (in dem Wintern der Jahre des ersten Weltkrieges wurden wegen der Kohlenknappheit die G’ttesdienste auch am Schabbath hier abgehalten), die Mikwah, das Verwaltungsgebäude des Synagogenverbandes, — (hier fanden regelmässig die Sitzungen des Synagogenparlaments statt, das von Delegierten der verschiedenen religiösen und zionistischen Parteien zusammengesetzt war, und in dem oft recht stürmische Sitzungen stattfanden!) sowie die Wohnungen des Badewärters und seiner Frau und diejenige des (nichtjüdischen) Kastellans. Der Kastellan, der den Eingang der Synagoge und die Garderobe zu beausichtigen hatte, war mit einer speziellen Uniform bekleidet. Ich erinnere mich an verschiedene denkwürdige G’ttesdienste, die mit historischen Ereignissen verknüpft waren. Man erzählte mir viel von dem G’ttesdienst, der während des Zionistenkongresses in Hamburg im Jahre 1909 stattfand. Als Vorbeter fungierte damals Jossele Rosenblatt, der zu Ehren der zahlreichen Delegierten das poetische Gebet „Anim semiroth“ in der Melodie der „Hatikwah“ vortrug, was ihm allerdings später eine schwere Rüge der Gemeindegewaltigen eintrug! Die Kaiser - Geburtstagsfeiren und später, zur Zeit der Weimarer Republik, die Verfassungsfeiern zum 11. August jeden Jahres, die Protestpredigt gegen den Versailler Friedensvertrag, ein Trauerg’ttesdienst zum Andenken an Rabbiner Nobel sowie an Rabbiner Breuer in Frankfurt — das ist nur ein Querschnitt durch die speziellen Veranstaltungen in diesem G’tteshause. Ein Kuriosum sei hier der Vergessenheit entrissen. Das Religionsgesetz verbietet bekanntlich die Berufsarbeit am Schabbath. Aus diesem Grunde war in den Anstellungsverträgen der Chasanim nur vorgesehen, dass sie an 5 Tagen im Jahre zu fungieren hatten: am ersten Slichothtage, am Erew Jom Kippur, am Chanukah, am Purimfeste und am Lag beomer. Das Vorbeten an den Schabbath und Feiertagen war nur eine freiwillige Zugabe der Kantoren, zu denen sie rechtmässig nicht gezwungen werden konnten. Die dritte Synagoge in Hamburg war die der Grossen Synagoge am Bornplatz gegenüberliegende “Neue Dammthorsynagoge Beneckestrasse 4”. Dieses G’tteshaus wurde gebaut zu Beginn der Periode, als die jüdischen Familien aus der Innenstadt fortzogen und sich mehr vor dem Dammthor, dem letzten jüdischen Viertel in Hamburg (im Volksmund “Neu Jerusalem” genannt) ansiedelten. Die Gemeindeältesten sahen damals (in den 90er Jahren) keine Notwendigkeit zu einem Neubau in dieser Gegend und die Beschwerden über den weiten Weg zur Innenstadt um zum G’ttesdienst zu gelangen, Hessen sie unbeachtet. Daher ergriffen eine Anzahl wohlhabender Privatleute die Initiative, gründeten einen öffentlich rechtlichen Verein unabhängig von der Gemeinde und bauten in einem Hof eine Synagoge, die 250 Männer und 150 Frauenplätze enthielt. Es war eine würdige kleine Synagoge und als nach dem 9. November die Grosse Synagoge zerstört wurde, wurde der Gemeindeg’ttesdienst hierher verlegt, — im zweiten Weltkrieg wurde sie dann ein Opfer der Bombenangriffe. Der Ritus war, von einigen unbedeutenden Auslassungen in den Gebeten abgesehen, traditionell. Jedoch war die Amtstracht der Kultusbeamten, sowohl des Rabbiners, des Vorbeters als auch des “Schamasch” der zusammengefaltete Talith, was den späteren Rabbiner Dr. Löwenthal dazu bewog, am Schabbath Morgen sein Gebet beim Frühg’ttesdienst in einer anderen Synagoge zu verrichten, denn das Gebet für das Vaterland und die Predigt, die eben nur zu seinen Amtshandlungen gehörten, konnte er auch mit dem Talith nach liberalem Ritus abhalten. 'Als erster Rabbiner fungierte hier der später nach Wien berufene Dr. Grunewald, der vor wenigen Jahren in Jerusalem das Zeitliche segnete. Ihm .folgte Im Amte der streng orthodoxe Dr. Löwenthal, der im Jahre 1917 einem Ruf an die altehrwürdige Synagoge in derHeidereuthergasse in Berlin folgte. Inzwischen waren zahlreiche Familien, die zu den regelmässigen Besuchern dieser Synagoge gehörten, In die Grosse Synagoge am Bornplatz abgewandert, in der der traditionelle Ritus peinlich beachtet wurde, und es blieben dieser Synagoge am “Dammthor” nur wenige streng Gesetzestreue als regelmässige Beter. Um ein geregeltes “Minjan” an den Wochentagen zu gewährleisten, mussten bezahlte Männer bestellt werden. Die "Liberalisierung” vollzog sich noch schneller, als der Vorstand der Dammthor Synagoge sich nach dem Fortgang von Dr. Loewenthal s.A. entschloss, mit dem liberalen Tempel-Verein ein Abkommen zu treffen, wonach die beiden Prediger des Tempels regelmässig abwechselnd im “Tempel” und in der Dammthorsynagoge zu amtieren hatten. In einem Rundschreiben wurden die Mitglieder der "Dammthor-Synagoge” dahin informiert, dass sich am Ritus keinerlei Veränderungen vollziehen werden, — man hoffe, den Mitgliedern durch die regelmässigen Predigten jetzt eine neue Anziehungskraft zu liefern. Wurde die Dammthorsynagoge vor 25 Jahren aus dem Bedürfnis heraus gegründet, den orthodoxen Mitgliedern den langen Weg zur Gemeindesynagoge in die Stadt zu ersparen, so glaubte man jetzt dasselbe den liberalen Mitgliedern der Gemeinde bieten zu können. Der "Tempel” befand sich zur gleichen Zeit noch in der Stadt und am Schabbath konnte nur mit grosser Mühe ein G’ttesdienst abgehalten werden. Aber in diesem Falle hatten die Vorsteher der Dammthor Synagoge falsch gerechnet: die Folge dieser Fusion war, dass die letzten gesetzestreuen Mitglieder die Synagoge verliessen, — aber neue Mitglieder aus dem liberalen Kreise waren nicht zu verzeichnen. Immerhin kamen oft zahlreiche "Fromme” namentlich an den Feiertagen zu den G’ttesdiesten der Dammthorsynagoge, sozusagen besuchsweise, um den Predigten der beiden Tempelgeistlichen Dr. Leimdörfer und Dr. Sonderling zu lauschen. Die Predigten dieser beiden Männer waren in der Tat im Aufbau und in der Rhetorik Meisterwerke. Oberrabbiner Spitzer — ungeachtet all seiner Gelehrsamkeit und seiner sonstigen Fähigkeiten — war als Kanzelredner nicht beliebt und so war für viele im orthodoxen Lager eine gut aufgebaute Predigt ein Bedürfnis, das in der Dammthorsynagoge befriedigt werden konnte. Anfangs amtierte nur Dr. Leimdörfer, da Dr. Sonderling als Feldrabbiner abwesend war. Die Schilderungen, die dieser nach Kriegsende in seinen Predigten über das Kriegsgrauen gab, waren erschütternd. Aber trotz allem, — die Synagoge gähnte Freitag Abends und Schabbath früh vor Leere. Der Chor wurde auch hier reorganisiert, als Oberkantor fungierte Herr Lichtenstein (der Vater des berühmten Operettensängers Eduard Lichtenstein), aber die Verhältnisse waren stärker und nur an den Hohen Feiertagen war die Synagoge gut besucht. Die Geistlichen hatten übrigens bis dahin am Tempel nur unter dem Namen “Prediger” fungiert, in der Dammthorsynagoge gab man ihnen noch zusätzlich den Titel “Rabbiner” Wenige Jahre später sah der Vorstand ein, dass die “Fusion” ein Fehler war. Dr. Leimdörfer starb nach kurzer Krankheit, und Dr. Sonderling folgte einer Berufung nach Amerika, wo er noch heute, weit über 80 Jahre alt, amtiert. Der Vorstand der “Neuen Dammthor Synagoge” besann sich seiner konservativen Vergangenheit und berief Im Jahre 1923 den streng gesetzestreuen Dr. Holzer als Rabbiner, der sich in kurzer Zeit weit über den Kreis seiner Gemeinde hinaus sowohl im streng orthodoxen als auch im liberalen Lager grosser Beliebtheit erfreute. Gemeinsam mit seiner (inzwischen verstorbenen) Gattin hat er Gewaltiges für das jüdisch religiöse und kulturelle Leben geleistet, bis ihn die Ereignisse des November 1938 zwangen, seinen Wohnsitz in England aufzuschlagen. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er als Oberrabbiner für den englisch besetzten Teil Nordwestdeutschlands mit Zentralsitz in Hamburg berufen, — von hier ging er nach Dortmund, und nach seiner Pensionierung ging er nach England zurück. Wie bereits erwähnt, war die Dammthorsynagoge das einzige jüdische G’tteshaus, in dem sich das religiöse Leben nach 1938 bis zur völligen Auflösung im Jahre 1943 abspielte. Im Jahre 1934 verstarb Oberrabbiner Spitzer, der unter gewaltiger Beteiligung zu Grabe getragen wurde. Als sein Nachfolger wurde im Jahre 1936 Oberrabbiner Josef Carlebach enigeführt, der bis 1942 amtierte, — wie gesagt, ab 1938 in der Dammthorsynagoge — als er mit seiner Familie nach Riga deportiert wurde, wo er mit ihr und den letzten Hamburger Juden den Märtyrertod fand. An der Dammthorsynagoge fungierten ausser dem Oberkantor Lichtenstein noch Oberkantor Feder, der nach Südafrika auswanderte, später Herr Lieber, der jetzt in New York als “Reverend” amtiert. Als Oberküster versah Herr Rosemann dort sein Amt, dessen Witwe heute Im Jüdischen Altersheim in Hamburg lebt. Ich erinnere mich, dass unter der Leitung der liberalen Rabbiner in der Dammthor Synagoge die sogen. Mädchen-Confirmationen dort abgehalten wurden, und zwar nach Beendigung des Schawuoth G’ttesdienstes. Jedes der weissgekleideten Mädchen, die einen Blumenkranz als Kopfschmuck trugen, wurde auf den Almemor geführt, wo es einen Vers aus dem Thoraabschnitt zitieren musste, und einen kleinen Vortrag mit Erklärungen über die jüdische Ethik und Gesetzeskunde hielt. Es waren etwa 20 Mädchen im Alter von 14 — 16 Jahren, und naturgemäss war der Vorgang für die Teilnehmer etwas ermüdend. Zum Schluss stimmten Alle in das “Schma Jissrael” ein, und der Rabbiner hielt dann seine “Weihepredigt”, womit die Einsegnung, wie es mitunter auch genannt wurde, beendet war. Auf jeden Fall wirkte das Ganze etwas fremdartig, und bestimmt nicht jüdisch. 28

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