Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 44 (Oktober 1978)
- Date
- 1978-10-01
- Page
- Seite 27 (sequence 2396)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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(Fortsetzung von Seite 26) Das Bild diese geistlichen Führers konnte man fast ln jedem gesetzestreuen Hause in Hamburg finden, und jeder wusste eine Anekdote von der Güte und Menschenliebe dieses echten Raw zu erzählen. Während 3 Jahren hindurch amtierte der weltberühmte “Jossele” Rosenblatt vor seiner Auswanderung nach Amerika an der “Bornschul”, wie die Hamburger sie liebevoll nannten. Eine der Anekdoten will ich hier wiedergeben: Als der junge Rosenblatt kurze Zeit in Hamburg war, fragte er Oberrabbiner Hirsch, warum er es dulde, dass bei Festlichkeiten, Hochzeiten usw. die Damen so stark dekoltiert erscheinen, worauf ihm der Raw antwortete: “Merkwürdig — ich bin bereits über 20 Jahre hier im Amt und habe nicht gesehen, was Sie bereits nach 3 Monaten bemerken!”. Zur Entlastung des greisen Rabbiners ergagierte man in den letzten Lebensjahren den jungen und in jüdischen wie allgemeinen Wissenschaften gleich gelehrten Rabbiners Nehemia Anton Nobel, der leider kurze Zeit später einem Ruf an die Grosse Gemeinde in Frankfurt a.M. folgte. Von seinen Predigten und Vorträgen sind viele gedruckt worden und sie haben auch auf Aussenstehende, die Jüdischen Gedanken schon entfremdet waren, gewaltigen Eindruck gemacht. Professor Martin Buber gehörte zu seinen engen Freunden, und der Philosoph Franz Rosenzweig, der in seinem Ringen um die Erkenntnis G’ttes schon vor der Taufe stand, wurde von Rabbiner Nobel dem Judentum zugeführt. Ebenso zählt der in Jerusalem lebende Professor Ernst Simon zu seinen Schülern, und zahlreiche andere Männer und Frauen wurden von ihm und seinen Gedanken angezogen. Im Jahre 1911 wurde Oberrabbiner Samuel Spitzer gewählt, dessen talmudische Gelehrsamkeit weit über Hamburgs und Deutschlands Grenzen hinaus bekannt war und zwecks Beantwortung schwieriger religionsgesetzlicher Fragen wandte man sich von weit und breit an ihn. Seine zweimal im Jahre, am Schabbath “Hagadol” und am Schabbath “Schuwah” stattfindenden halachischen Vorträge wurden von Kennern der Materie immer wieder als Meisterstücke in ihrer Art bezeichnet und persönliche Gegner, an denen es in seiner Gemeinde nicht fehlte, fühlten sich regelmässig zu diesen Vorträgen hingezogen. Leider verstand es Oberrabbiner Spitzer nicht, zu seinen Gemeindemitgliedern in den notwendigen Kontakt zu kommen, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass man seine talmudische Autorität ohne Vorbehalte anerkannte. Ich erinnere mich an die Festrede, die er anlässlich des 25 jährigen Bestehens der Synagoge am Bomplatz hielt, wobei er darauf hinwies, dass die alte Synagoge in der Elbstrasse in einem Gehöft versteckt stand. Die Synagoge an den “Kohlhöfen” wurde schon an einem sichtbaren Platz gebaut, aber immerhin noch vor fremden Blicken verborgen. Erst unsere Synagoge wurde offen und weit sichtbar auf einem freien Platz errichtet. Alle 3 G’tteshäuser symbolisieren, so führte Dr. Spitzer aus, die Stellung der Juden im Staate. Wir leben ln dem Zeitalter der Sicherheit und der unbedingten Gleichberechtigung, und in dieser Zuversicht wurde unsere Synagoge hier errichtet. Weder der Oberrabbiner noch einer seiner Hörer ahnten, dass schon 2 Jahre später dieser Glaube von den neuen Machthabern erschüttert wurde und 7 Jahre später die Mordbuben Hand legten an den Bau, in dem diese Worte gesprochen wurden. Die Synagoge wurde gebaut von dem jüdischen Architekten Semy Engel, der von der Gemeinde Auftrag erhielt, die Synagogen in Essen, Hannover und Frankfurt a. Main als Muster zu nehmen. Sie enthielt fast 700 Männer und 500 Frauenplätze, eine Empore für den Chor, und einen prunkvollen, völlig aus Marmor gehauenen Aron Hakodesch, eine Stiftung der Bankiersfamilie Warburg. Auch die Stufen zum Aron Hakodesch, die Kanzel, 2 Säulen, die den Aron Hakodesch umrahmten, zwei je 3 Meter hohe Gesetzestafeln, der Almemor und das Gestühl für den Rabbiner und den Kantor waren aus feinstem italienischen Marmor gearbeitet. Die Türen zum Aron Hakodesch waren aus Bronze geschmiedet, und der Silberschmuck der Thorarollen der sich dem Beter bei geöffneter Lade zeigte, dürfte den Wert einer 6 stelligen Zahl übertroffen haben. Wie ich bei meinem Besuch in Hamburg hörte, ist der Schmuck in den Jahren des Grauens rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden und ist heute grösstenteils in den Archiven der Hamburger Gemeinde untergebracht. Leider trifft das auf die zahlreichen, herrlichen Vorhänge nicht zu, deren kunstvolle Stickereien das Auge jedes Kenners immer wieder erfreuten. Die Anzahl dieser “Parochoth” war so gross, dass jeden Schabbath ein anderer Vorhang auf gehängt werden konnte, mit passenden Schulchandecken und Thoramäntelchen. Für Schawuoth, das Fest der Erstlingsfrüchte, war ein grüner Vorhang vorgesehen, für die Zeit des Talgebetes ein spezieller weisser, für das Geschemgebet wieder ein solcher in weisser Farbe usw. Ein besonderes Kapitel war die G’ttesdienstliche Ordnung. Ausser jeweils zwei “Kultusvorstehern”, die ehrenamtlich fungierten, war für Ordnung und äussere Ausgestaltung der Synagoge und des G’ttesdienstes verantwortlich der Oberküster, der Küster und 3 Aufseher. Als Oberküster amtierte zu meiner Zeit Herr Rosemann, dessen Amtstracht ausser einem Barett aus einem mit Samt durchwirktem Frack bestand, wozu er stets am Schabbath eine weisse Krawatte trug (ausser dem Schabbath vor Tischa beaw, an dem die Krawatte schwarz war). Am Freitag Abend sah er es als eine Ehrenpflicht an, in der Synagoge nach armen Durchreisenden zu suchen, — sein scharfes Auge wusste sofort den bedürftigen Bruder zu erkennen und er wandte sich dann stets mit der Frage an ihn, ob er für Freitag Abend schon eine “Bleibe” hatte. Wurde dies verneint, dann wandte er sich an die Beter, die bereits vorher ihre Bereitwilligkeit zu solchen Einladungen ausgesprochen hatten, und so war dies Geschäft schnell getätigt. Es gab von solchen gastfreien Häusern mehr als 20, die in solchen Fällen immer turnusmässig bedacht wurden. Am Schabbath Vormittag-G’ttesdienst begann für Herrn Rosemann die Hauptarbeit. 10 Minuten vor der Thoravorlesung musterte er ln einem Rundgang die Beter, um dann an Hand einer vorbereiteten Liste die Ehrenfunktionen bei der Thoralesung zu verteilen. Die hebräischen Namen seiner 600 “Kunden” hatte er im Kopf, und wer sich beim “Mi schberach” mit der tarifmässigen Spende beteiligen wollte, gab dies mit einem Kopfnicken zur Kenntnis, — und es kam vor, dass sich an einem einzigen Schabbath mehr als 50 Spender gemeldet hatten. Es dürfte aber nie vorgekommen sein, dass der Herr Oberküster an dem darauffolgenden Wochentage vergessen hatte, den Spender persönlich aufzusuchen, um den Betrag zu Gunsten des G’tteshauses zu kassieren. — Eine besondere Ehre sah Rosemann darin, den Oberrabbiner auf seinen Dienstwegen zu begleiten, und der “Raw” war sicher, dass sein "Schamasch” ihn am Schabbath zu Gratulationsbesuchen bei Barmizwoth, Hochzeiten usw. zu den Familien begleitete, die zu den Empfängen geladen hatten. Der 2. Küster, Herr Magnus, vertrat Rosemann in Krankheitsfällen oder wenn dieser sich in Urlaub befand. Er hatte seine Dienstwohnung im Gebäude der Synagoge, wo sich auch die rituelle Badeanstalt befand, die er und seine Frau zu betreuen hatten. 3 weitere Aufseher hatten in der Männer und Frauensynagoge für Ruhe und Ordnung zu sorgen und mahnten die Beter zum Schweigen, wenn sie durch Schwatzen oder unwürdige Haltung den G’ttesdienst störten. Diese Aufseher waren mit einem speziellen Barett bekleidet und merkwürdigerweise war ihnen vorgeschrieben, in einem zusammengefalteten Talith zu fungieren (ein Unikum in einer Synagoge mit orthodoxem Ritus!). Die äussere Ordnung und der Ablauf des G’ttesdienstes war bis in das kleinste Detail hinaus festgelegt und basierte auf den "Takanoth” der Dreigemeinden “AHU” (Abkühzung der Altona, Hamburg und Wandsbeck), die zum grössten Teil im “Hamburger Machsor” abgedruckt sind. (Von diesem interessanten Buch sind noch einige wenige Exemplare erhalten). Diese fast pedantische Ordnung erinnerte fast an die Präzisität, mit der der Hohepriester und die Leviten im Heiligtum fungierten. Ursprünglich durften die Männersynagoge nur Beter mit dunkler Kopfbedeckung betreten, — später wurde diese Vorschrift abgemildert dahingehend, dass die Ehrenfunktionen zur Thoravorlesung usw. nur mit dunkler Kopfbedeckung versehen werden durften. Dem Vorbeter war der Vers und das Wort vorgeschrieben, bei dem er die Stufen zum Aron Hakodesch hinaufgehen musste, wann er hinuntergehen durfte, wo er die Thorarolle zu empfangen hatte usw. Es gab unzählige solcher Vorschriften und alle Mitwirkenden sahen es als Ehrenpflicht an, die altgeheiligten Hamburger “Minhagim” zu beachten und vor dem Vergessen zu bewahren. Hamburg war bekannt und wurde vielfach beneidet um seine ausgezeichneten Vorbeter. An Oberkantor Süsskind erinnere ich mich nicht mehr, aber die alten Hamburger wussten Grosses zu erzählen von diesem stimmbegabten Genie, der eigene Kompositionen zu schaffen wusste, die später als “Hamburger Nigunim” von allen nachfolgenden Kantoren übernommen wurden. Wie schon erwähnt, bekleidete 3 Jahre hindurch der bekannte “Jossele” Rosenblatt das Vorbeteramt an der Gemeindesynagoge Bornplatz, bevor er nach Amerika auswanderte und dort zu Weltruhm gelangte. Ich hörte ihn im Jahre 1927 einmal, als er Hamburg besuchte und ein Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten der sozialen Einrichtungen der Gemeinde im “Conventgarten” an der Fuhlentwiete gab. — Zu meiner Zeit fungierte Oberkantor Gross, der sich seinen grossen Vorgängern mit seinem lyrischen Bariton würdig anschloss und später einem Ruf der grossen Gemeinde ln Frankfurt am Main folgte. Ihm zur Seite stand Oberkantor Bürger, und Oberkantor Dreiblatt, der in seinen letzten Jahren als Chordirigent fungierte. An den Feiertagen bekleideten sich die Oberkantoren — über dem vorschriftsmässigen Ornat — mit einem Talith, der mit einer echt goldenen Tresse und zur Hälfte mit einem herrlichen aus Seide gewirkten Blumenmuster versehen war. Der Synagogenchor wurde in den 20er Jahren vom Lehrer Rothschild auf freiwilliger Basis erneuert. Bis dahin brachte der Chor fast nur Gesänge volkstümlicher Melodien zu Gehör, — Rothschild bemühte sich mit Erfolg, Melodien moderner Chasanim zu Gehör zu bringen. Diese Neuerung wurde damals viel diskutiert, die Anhänger des “alten” Chorgesangs äusserten, dass der Chor in der Synagoge nur die Aufgabe habe, die Gemeinde zum Mitsingen anzuleiten, aber nicht künstlerische Genüsse zu vermitteln, die zum passiven “Zuhören” verleiten. Den Vortrag des “Priestersegens” versuchte man gleichfalls zu einem Augenblick der Erhebung zu gestalten. Etwa 50 Angehörige des Priesterstammes studierten vor ihrem Auftreten die für den jeweiligen Feiertag zugehörige Melodie ein. Bevor sie die zum Aron Hakodesch hinaufführende Estrade betraten, wuschen sie sich aus zwei bereitstehenden, aus herrlichem Silber kunstvoll getriebenen Schüsseln die Hände. — Zu der melodischen Ausgestaltung des G’ttesdienstes gehörte es auch, dass die Chasanim zu jedem Feiertag den “Kaddisch” in einer zu dem Fest gehörenden Melodie vortrugen, — dasselbe galt für den Chor beim Vortrag des Halleigebetes. Für die Omerzeit, für die “3 Wochen” vor Tischa beaw, für die Chanukawoche, gab es Jeweils spezielle Melodien, die von Chor, Vorbeter und Gemeinde gemeinsam gesungen wurden. Es (Fortsetzung auf Seite 28) 27