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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 23 (sequence 2392)
Language
German
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Unsere Fahrt nach Schlesien Nachdem wir unsere Visa bekamen starteten wir unsere Polenfahrt von Berlin am Sonntag, dem 21. Mai 1978 um 8 Uhr 30 und erreichten Breslau, nach den Grenzformalitäten der DDR und Polen, die unverständlicher Weise kolossal aufhielten, um 16 Uhr. Dadurch, dass die Behörde der DDR die Durchfahrt über Schönefeld nicht gestattet, muss man mit dem Wagen einen Teil des Berliner Ring benutzen und fährt man statt 335 km — 425 km. Breslau schockierte mich, der seine ganze Jugendzeit dort verbrachte (1913 bis 1934). Es wirkt überaus verarmt. Noch heute findet man in dieser Stadt, 33 Jahre nach Kriegsende Ruinen. Riesige Flächen, wo einstmals Häuser standen, sieht man Grünflächen. Es sind aber auch neue Gegenden erstanden. Meistens sind die Häuser in dem typischen Fertigbaustil erstellt und wirkt dies alles wie die Trabantenstädte in den Ostländern. Die Elektrische erinnert mich an meine Jugendzeit und ist bis zum heutigen Tage nicht modernisiert. Wir wohnten im Hotel Monopol, das einst zu den Elegantesten zählte. Heute wohl preismässig der gehobenen Klasse gehört, doch ziemlich verkommen ist. Die Tapeten an den Wänden hingen in Fetzen herrunter. Im Badezimmer waren die Stöpsel an Nylonfäden befestigt und als ich mich in die Badewanne legen wollte war das Wasser kalt. Ensetzt war ich als ich in der Wallstrasse das Haus der jüdischen Gemeinde aufsuchte. Im Vorderhaus befindet sich ein Sekretariat, das mit einer Person besetzt ist. Ich versuchte einige Gräber in Cosel zu besuchen und ermittelte im Sekretariat dieselben. Es ist dort alles genau von früher festgehalten z.B. Feld-Nr. und Grab-Nr. Soweit gut und schön, doch leider existiert kein Plan. Die Schilder der Felder sind auch nicht existend. Ich versuchte meine Eltern zu finden. Doch wenn man auf den Friedhof geht, so soll man sich ein Buschmesser besorgen, um sich wie in einem Urwald einen Weg zu schlagen. Nach zweieinhalbstündiger Suche musste ich leider ohne Jeden Erfolg aufgeben. Es gab für mich in Breßlau einige Orientierungspunkte z.B. das Stadttheater, Amtsgericht, Börse, Schauspielhaus, Liebichshöhe und der Bahnhof. Von den Kaufhäusern stehen noch die Gebäude Barrasch am Ring, Wertheim und Petersdorf; allerdings nicht mehr als reine Warenhäuser. Vom Sonnenplatz die Sonnenstrasse zum Freiburger Bahnhof ist auch nicht mehr wiederzuerkennen. Hohe Häuser und eine breite Strasse. Von dem Sportereignis quer durch Breslau war vom Bar Kochba aus meine 200 mtr Strecke über die Kaiserbrücke. So fuhr ich natürlich auch da hin, weiter an der Max-Klinik vorbei zur Jahrhunderthalle raus. Man findet so manches verändert. Nach dem Odertor ist vieles verschont geblieben; dagegen hat sich der Süden sehr verändert und man sieht statt Häuser das viele Grün. Am Dienstag, dem 23. fuhren wir um 8 Uhr 45 von Breslau nach Kattowitz. Wir durchfuhren so einige Orte, wie auch Beuthen, um nach 290 km um 14 Uhr unser Ziel erreicht zu haben. Wir wollten Kattowitz als Ausgangpunkt benutzen. Nach langer Debatte erhielten wir ein Doppelzimmer im Hotel Kattowitz, welches ein moderner Bau und gepflegt ist. Kattowitz ist eine lebhafte Stadt deren Bevölkerung einen weitaus höheren Standart besitzt als andere Städte die wir sahen. Sicher bedingt durch die Gruben. Leider hatten wir hier eine Regenperiode von 36 Studen. Am 24. fuhren wir morgens in meine Geburtstadt Pless, die ca 35 km entfernt liegt. Bei Regenwetter fand ich auch dort das frühere Haus der jüd. Gemeinde, das allerdings baufällig ist. Als wir wieder nach Kattowitz zurückfuhren merkte ich, dass die Wasserpumpe meines Wagens nicht 100% in Ordnung war. Trotzallem riskierte ich die Weiterfahrt, da es ln Polen keine Ersatzteile gibt. Am 25. fuhren wir weiter über Hindenburg und Waldenburg nach Krumhübel. Am 26. ging es nach Hirschberg, da ich unbedingt nach 350 km eine Werkstatt aufsuchen musste. Die Menschen in Polen sind zuvorkommend, überhaupt die Älteren, die noch Deutschsprechenden. Wenn man mit ihnen in ein Gespräch kommt und sie Zutrauen finden, klagen sie ihr Leid, unter diesem Regim leben zu müssen. Es gibt keinen Artikel zu kaufen, ohne dass die Menschen nicht stundenlang anstehen müssen. Das sieht man in jeder Stadt und dem kleinsten Ort. Wenn man in ein Lokal geht, um Mittag zu essen, so kann es passieren dass die Bedienung sagt: “Heute kein Fleisch”! Ich hatte Glück im Unglück, dass ich einen deutschsprachigen Meister fand bei dem ich den Wagen einstellen konnte. So fuhren wir mit dem D-Zug, der auf dieser Strecke leider nur in der Nacht verkehrt, von Hirschberg nach Berlin-Ost und von dort mit der S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstrasse, um nach der Kontrolle mit der U-Bahn nach Haus zu fahren, wo wir am Samstag, dem 27.5. eintrafen. An der Grenze Polen-DDR erklärete ich dem Beamten was uns pasiserte und schrieb er darüber ein Protokoll. Nachher erfuhren wir, dass bei dem Meister wo wir den Wagen einstellten, der Zoll eher da war als wir in Berlin. Man machte ihm Vorwürfe, dass er den Wagen einstellen liess, da er nach Deutschland hätte abgeschleppt werden müssen. Am Sonnabend besorgte ich sofort eine neue Wasserpumpe. Am Montag, dem 29. am Vormittag machten wir im Warenhaus (Photomaton) neue Bilder, da wir wieder ein neues Visum benötigten. Anschliessend gingen wir zur polnischen Militärmission. Dort erklärte man uns, man kann nur über das polnische Reisebüro die Visen beantragen. Also nochmals 15,— DM für das Reisebüro pro- Nase. Wir kamen mit den ausgefüllten Dokumenten an und 27,— DM pro Visum. Die Antwort in drei Wochen können sie es erhalten. Ich sagte es wäre eine Dringlichkeit so sagte der Schliesser dann warten sie bitte. Nachdem wir drei Stunden auf den zuständigen Beamten warteten verweigerte er gleichfalls, da es keine Dringlichkeit wäre. Zurück zum Reisebüro und dort einen gehörigen Krach gemacht. Auf einmal konnte der gleiche Beamte am Telefon für einen Tag später mit 30,— DM pro Visum Schmiergeld die notwendigen Papiere fertig stellen. Auch mussten wir nochmals für einen Tag den Zwangsumtausch von 30,— DM zahlen, so kostete uns dieses Visa zur Hin- und Rückfahrt ausser der Bahn 204,— DM. Nachdem wir am Diestag, dem 30.5. um 15 Uhr unsere Visen erhielten, fuhren wir um 22 Uhr 30 mit dem Zug wieder nach Hirschberg, wo wir um 5 Uhr früh eintrafen. Am Nachmittag baute der Meister nach seiner Arbeit die Pumpe ein und so konnten wir nach einer knappen Stunde mit eigener Kraft abfahren. Wir blieben diese Nacht noch im Hotel und fuhren am 1.6. morgens Richtung Berlin. Nachdem' wir die 350 km hinter uns hatten, wozu wir bedingt durch die Grenzkontrollen 8 Stunden benötigten, waren wir um 16 Uhr wieder in unseren vier Wänden. So konnte ich zumindest in aller Ruhe den Beginn der Fussballweltmeisterschaft ln einem bequemen Sessel gemessen. Diese Reise mit knapp 1500 km nach Polen — —einmal und me wieder! gez: Max Schüftan Am Hirschsprung 25 1000 Berlin-Dahlem 33. IN ISRAEL - BEIM HORRATANZ Jakob spricht zu der Zlppora: Sieh doch, dorten tanzt man Horra, Wenn Du nicht willst, Bachura, Sag nur gleich es mir, Slicha. Auch der Joram sagt zur Schula, Und der Gadi zur Geula: Macht die Schritte hin und der — Horrah tanzen ist nicht schwer. Kommt, wir drehen uns im Kreise Nach der alten Horrah—Weise, Ei, das wäre doch gelacht, Wenn man es nicht richtig macht. Doch, wenn Tags die Sonne brennt, Tanzen ich nicht richtig fänd. Aber, wenn es Abend wird, Treibt die Heerden heim der Hirt. Und die Mädchen — garnicht schlecht — Machen sich zum Tanz zurecht, Der Kibbutz, links, eins, zwei, drei, — Schmettert mit die Melodei, Heiter ist der ganze Dreh, Wenn ich mir die Sach' beseh. Bist Du Sabra, bist Du Jecke, Oder Temania, ne Kecke, Das ist wirklich dieses Mal Bei der Horrah ganz egal. Hier im rassigen Tänzer—Reich Hier im Kreis sind alle gleich. Hier gibts keine Politik — Horrah — tanzen, Welches Glück. Julius Sachs, Tel Aviv w «m» mm w aast amt tarnt eaot aaat mm amt mv amr * Im Sommer 1978 erschien: PAUL MÜHSAM Mein Weg zu Mir Aus Tagebüchern herausgegben und kommentiert von Else Levi-Mühsam Geleitwort von Werner Volke XTV und 250 Seiten mit 4 Selten Fotos gebunden DM 24,— ROSGARTEN VERLAG KONSTANZ Friedrich & CO. KG 7750 Konstanz, Postfach 4430 AUS DEM GELEITWORT VON DR. WERNER VOLKE: Preussischer Staatsbürger und Jude, Rechtsanwalt von Beruf, Dichter und Denker aus Berufung, registriert und kommentiert der 1876 in Brandenburg an der Havel geborene und 1960 in Jerusalem verstorbene Paul Mühsam selsmographlsch - das wechselvolle politische, geistige und künstlerische Geschehen seiner Epoche und die eigenen Reaktionen darauf. Die Tagebucheinträge aus mehr als fünf Jahrzehnten zeigen das Werden einer dichterischen Persönlichkeit in einer Zeit, die nichts als Hindernisse auf baute; sie zeigen den Vetter Erich Mühsams als Kind des wilhelminischen Deutschland, dem ln den Erfahrungen des ersten Weltkrieges der Pazifismus zur Weltanschauung wurde; sie zeigen den dichtenden Ethiker, dessen Rufe — "Mehr Mensch!” ist der Titel eines seiner Werke — kaum erhört wieder verhallten und dem als Dichter des “Ewigen Juden” selbst das Schicksal Ahasvers bestimmt war: Der nach dem Weltkrieg in der Neissestadt Görlitz arbeitende Rechtsanwalt und Notar musste Deutschland 1933 verlassen. Die Notizen aus den palästinensischen Jahren zeigen Mühsams Suche nach einer neuen Heimat, nach einer neuen Existenz und die Trauer tun den Verlust der deutschen Heimat, mit der er nur in der Sprache verbunden blieb. 23

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