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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 9

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 9 (sequence 2378)
Language
German
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Die Emanzipation der Juden in Deutschland im 19- Jahrhundert Liebe Kollegen 1 Das Thema, das wir heute behandeln, Ist wohl eins der kontroversalen in der Geschichte der Juden. Ich möchte gleich vorausnehmen, dass ich nicht im konventionellen Wege gehe und sicher auch hier unter uns verschiedene Meinungen bestehen. Das Thema heisst “Die Emanzipation der Juden in Deutschland im 19. Jahrhundert”. Ich möchte es in sofern etwas ändern als ich nicht glaube, dass es eine tatsächliche Judenemanzipation gegeben hat. Daher will ich vom "Kampfe um die Emanzipation“ oder von der „Diskussion um die Emanzipation” sprechen. Man kann mir darauf antworten, dass doch die Gesetze die Juden gleichgestellt haben, dass doch die Juden im politischen und wirtschaftlichen Leben in Deutschland vollen Anteil hatten. Aber nichts desto weniger bin ich der Ansicht, dass wohl eine legislative Gleichstellung geschaffen wurde, die Juden aber trotzdem ungleich blieben, ob es von Deutschen und Juden zugegeben wurde oder .nicht. Der Grund dafür war, dass es keine gesellschaftliche Gleichstellung gab und die Juden von den Meisten in allen Bevölkerungsschichten als Fremde und Aussenseiter angesehen wurden. So können wir wohl über eine rechtliche Emanzipation sprechen die aber praktisch, in ihrer Durchfürung, von Antipathien bestimmt war und oft nicht nur Antipathie sondern oft auch leidenschaftlichem Antisemitismus gegenüberstand. Gleiche Rechte für alle waren gesetzlich bestimmt, tatsächlich aber vom Wohldünken Einzelner abhängig. Damit wurden die Juden in eine Situation von Abwehr und Apologetik gedrängt. Während sie sich selbst als jüdische Deutsche ansahen, betrachteten sie.die meisten Deutschen eben nur als Juden und die Antisemiten sprachen es deutlicher aus: Fremde, keine Deutschen. Eine jüdische Nationalauffassung muss dem wohl oder übel zustimmen: Juden sind Juden, Bürger verschiedener Staaten, denen sie Loyalität schulden, aber eine eigene Nation! Da, wo Bürger anderen Volkstums von der Mehrheit abgelehnt oder gar abgestossen werden, können sie natürlich nicht in derselben aufgehen. So betonte Herzl, dass der gemeinsame Feind die Juden überall als eine Nation bewahrte. Das Problem der Emanzipation begann mit der Aufklärung. Während der “gekrönte Philosoph” von Potsdam, der erste aufgeklärte Absolutist, noch ein ausgesprochener Antisemit war, so sprach sein Verehrer und Widersacher in Wien über Toleranz. Auch der Wiener Politik lag eine deutlich antisemitische Einstellung zu Grunde. Die Juden, da wo sie geduldet werden und in dem Mass, in dem sie geduldet werden, müssen verbessert werden, damit sie ein Element werden, das dem Staate nützlich sein kann. Das war die Grundauffassung der Toleranzpatente am Ende des 18. Jahrhunderts Nur ein Herrscher im Deutschland des beginnenden 19. Jahrhunderts vertrat die Auffassung einer wirklichen Emanzipation. Er war kein Deutscher: Jeröme, König von Westfalen. Als zum Ende der Befreiungskriege die Völker Europas auch bürgerliche Freiheit verlangten, da glaubte man, auch für die Juden wäre die Zeit der Befreiung gekommen. So bekamen sie in verschiedenen deutschen Ländern eine Teilemanzipation. Besonders verwickelt war die Lage in der Habsburger-Monarchie, einem Viel-Völker-Reiche. Aber weder die Völker Europas noch die Juden erlebten ihre Freiheit, besonders die letzteren, wurden sie doch auch von den Unterdrückten unterdrückt. Restauration, Wiederherstellung des monarchischen Despotismus’ Metternich, Friedrich Wilhelm IV. und die nichts lernen wollenden Bourbonen brachten die Völker zur Aufruhr und so kam es zur liberalistischen Bürgerrevolution von 1848. Beson- REFERAT IM SEMINAR GEW-ITU 1978, SONNENBERG ders in Wien nahmen die Juden an dieser Revolution regen Anteil, teils sogar führend. In Wien, Budapest und sogar Galizien (Lemberg) kam es zu Verbrüderungsscenen, aber zur gleichen Zeit brachen in Pressburg, Budapest u.a. blutige Pogrome aus. So sagte ein jüdischer Autor derselben Epoche: “Als über Europa das Morgenrot der Freiheit aufging, war es für uns ein blutiges Nordlicht!” Es gab in Europa führende Liberalisten. So war Ungarns Freiheitsheld Lajosch Kossuth für eine volle Emanzipation der Juden unter der Bedingung, dass sie ihre Religion reformieren und alte Gebräuche abschaffen, mit anderen Worten, dass sie aufhören Juden zu sein! Es ist mir klar, dass Sie nun fragen: “Was hat der Ungar Kossuth und die Pressburger Passah mit der Emanzipation in Deutschland zu tun?” Die Antwort ist klar und erwiesen: Das städtische Bürgertum war von 2 Faktoren vorwiegend beeinflusst 1) vom konstanten und konsequenten Judenhasse des Hauses Habsburg 2) vom Antisemitismus des überall dominanten deutschen Bürgertums. (Dominant in ganz Zentral- und Osteuropa). 1848/9 wurden in Preussen, Württemberg, Baden und Österreich Verfassungen und Emanzipationsgesetze erlassen. Es waren alle nur Teilemanzipationen und in Österreich wurden sie mit der Verfassung zusammen auch wieder aufgehoben. Langsam suchte die Reaktionsregierung der Habsburger (v. Bach) einen Weg neuer Judenpolitik und auch die danach kommende liberale Regierung stellte erst 1867 wieder eine Gestzgebung der Teilemanzipation auf. In Berlin wie in Wien wurden von jüdischen Frauen literarische Salons gegründet. Sie sollten die Teilnahme der Juden an der deutschen Kultur gewährleisten. Sie sollten eine gemeinschaftliche Gesellschaft auf bauen. Aber die Juden blieben in diesen Salons fast völlig unter sich. Es gab unter ihnen solche, die sich damit nicht abfinden wollten. So musste sich der völlig ungläubige Heinrich Heine, und wie er viele andere, das Eintrittsbillet in die europäische Kultur durch die Taufe erwerben. Gäbe es eine wirkliche Emanzipation, warum wäre das nötig geworden. Wie andersorts gab es auch unter den deutschen Juden eine lebhafte interne Diskussion um die Emanzipation. Aber in Deutschland hatte sie einen anderen Charakter als anderswo. In anderen Ländern (im Osten) waren die Kämpfer um die Emanzipation Einzelne, vorwiegend Liberale, zum Teil auch solche, die bereit waren ihre Religion zu reformieren um eine erkenntliche Unterscheidung, oder sogar Scheidung, von den christlichen Mitbürgern zu vermeiden. Dem gegenüber waren die' orthodoxen Massen nicht sehr an der Emanzipation interessiert. In Deutschland gab es keine konzentrierte jüdische Bevölkerung und keine jüdischen Volksmassen. Die breite jüdische Bevölkerung im Osten lebte ihr eigenes jüdisches Leben und schloss sich von der Gesammtheit der Bevölkerung ab. In Deutschland war der Prozess der Aufklärung weit fortgeschritten. Man wollte sich nicht abschliessen. Auch die orthodoxen (strenggläubigen) Juden hatten sich dem allgemeinen Zeitgeiste angeschlossen. So war in Deutschland auch das orthodoxe Judentum ein im allgemeinen liberales Bürgertum. Während im Osten die Talmudschulen (Yeschivot) zahlreich waren, strebten in Deutschend auch die Orthodoxen zu Gymnasien und Universitäten. Die Auseinandersetzung hatte eine andere Betonung. Es ging um die Erhaltung der Tradition allein. Liberalismus und Orthodoxie waren um die Wertung der eigenen Kulturgüter überworfen. So waren die Orthodoxen In Deutschland besonders strikt im Einhalten der Religionsgesetze und dem gegenüber war Liberalismus mit Reformbestrebungen gleichgesetzt. In beiden Richtungen ist das Judentum in Deutschland zur reinen Religion geworden, was, wie ich schon in einem früheren Referate betonte, nicht seinem Wesen entspricht. Dieser Auffassung gemäss gab es protestantische, katholische und Jüdische Deutsche! Das Deutschtum war alle vereinigend. (Gerade in der Orthodoxie war der Patriotismus besonders stark. Als der Deutsch- Französische Krieg 1870 ausbrach, sagte der Leitartikel der ultra-orthodoxen Zeitung “der Israelit”: “Wir deutsche Juden sind Deutsche und nichts anderes!....” Wie war das aber mit dem ausgesprochen nationalem Gepräge der Thora und anderer biblischer und nachbiblischer Schriften zu vereinigen? Wie ging das mit der dauernden Betonung von Zion und Jerusalem im Gebet konform? Ein Teil der Reformisten strichen diese Passagen einfach. Die Orthodoxen konnten ja nichts ändern. So wurde ein neuer Begriff geprägt. Die Juden wurden als “Religionsvolk" bezeichnet und das Zionshoffen auf messianische Zeiten verschoben. Inzwischen aber ist man mit ganzem Herzen und ganzer Seele dem Vaterlande getreu. Während die Liberalen Einlebung In die deutsche Kultur und Lebenswege bereiteten, entstand in der Orthodoxie der Begriff “thora wederech eretz” (Thora und Sitten des Landes), geschaffen von Rabbiner Sthimschon Raffael Hirsch. (Frankfurt). Das bedeutete eine gleichzeitige Bewahrung des überlieferten Glaubens und der neuen modernen Lebenswege. Juden aller Richtungen waren im deutschen politischen und kulturellen Leben schöpferisch aktiv. Wie in Wien unter den Führern der Revolution von 1848 Juden waren, so waren in Deutschland Juden unter den Männern der Paulskirche und später im Reichstag. Juden waren in der entstehenden Sozialdemokratie und unter den deutschen extremen Nationalisten. Sie waren in allen Bewegungen aktiv. Nun fragt sich, wie diese Entwicklung von den deutschen Bürgern aufgenommen wurde. Unter den Konservativen war der Begriff des christlichen Staates besonders stark. König Friedrich Wilhelm IV vertrat ihn hervorragend. Die Krone Preussens war mit heiligem Glanze verklärt. Diese Auffassung wurde von vielen geteilt und lag später auch der Geschichtsphilosophie eines Heinrich von Treitzschke zu Grunde. Eine solche Einstellung konnte die Judenemazipation nicht unbeschränkt annehmen. Bürgerrechte den einzelnen Juden — ja, aber völlige Gleichstellung und Verwebung im Gebilde des Staates, das ist schon etwas ganz anderes. Nun ist es aber auch notorisch, dass in Deutschland der neue Antisemitismus, wissenschaftlich genannt und rassischen Gepräges, besonders stark wurde. Er kam zwar Teils aus Frankreich (Gobineau, u.a.), erlebte aber seine besondere Entwicklung in Deutschland und bei Deutschen (Wagner, A.S. Chamberlain — Engländer aber Wahldeutscher — Lueger, Schönerer u.a.m.). Auch wer ihm nicht verbunden war, hatte seine Vorbehalte gegenüber den Juden. Mit ihnen Geschäfte machen, ihnen Bürgerrechte geben, dazu war man wohl bereit, aber sie an den eigenen Tisch zu laden, ihnen politische, administrative oder gar militärische Stellungen einzuräumen, dazu war man sehr wenig bereit. So wurde denn die jüdische Apologetik stärker. In Deutschland wurde jüdische Wissenschaft intensiviert. Es entstanden Disziplinen der (Fortsezung auf Seite 10) 9

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