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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 8 (sequence 2377)
Language
German
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Die deutschen Juden in Israel BODENSEE HEFTE JUNI 1978 —ELSE LEVI-MtlHSAM Der Zug fährt über die Mosel. Nach Frankreich hinüber, in die Freiheit. Schmerz, nie vergangen, nie gemildert, unverändert über die Jahrzehnte hinweg dieser Augenblick des Abschieds. Vorher der 1. April 1933, Boykott-Tag jüdischer Geschäfte, Verhaftungen Juden, auf Lastwagen durch die Strassen ihrer Heimatstadt gefahren, von SA durch höhnende Menge geführt, Läden zerstört, geplündert. Das war keine Revolution, Raub war es, geplantes Geschäft. Und dann der 1. Mai, gigantischer Massenaufmarsch, der Tag des Proletarias missbraucht, entweiht. Aus allen Himmelsrichtungen des deutschen Reiches brachen sie nun auf ins Unbekannte, auch nach Palästina ins Unbekannte: die jüdischen Ärzte, Anwälte, Beamte, Kaufleute, Lehrer, Künstler — und die Jungen, Studenten unter ihnen, kleine Angestellte, soeben aus der Schule Entlassene. (Die Bewegung), der (Volkszorn) wurde zu einer Eskalation ohnegleichen manipuliert. Die Zionistische Organisation verlor keine Zeit: in der grossen Dachorganisation, dem “Hechaluz” sammelte sie die jüdische Jugend Deutschlands, verteilte sie in landwirtschaftliche Zentren, bei Einzelbauern in Frankreich, Holland, Lettland; auf jüdische Güter am Bodensee, bei Berlin, in Schlesien, ln Hamburg. Dieses Intermezzo von etwa einem Jahr bedeutete für manchen von uns eine vergleichsweise glückliche Phase, noch waren wir in Verbindung mit unseren Familien, noch konnte mancher von uns besuchsweise heimfahren vor der grossen Auswanderung. Die Zerstreuung der einzelnen Familienmitglieder in die Länder und Kontinente der Erde hatte begonnen, oft würden sie sich erst nach Jahrzehnten Wiedersehen, manchesmal nie mehr. Einem vorweggenommenen kleinen Kibbuz glich das idyllisch in einem lothringischen Dorf an der Luxemburger Grenze gelegene Ausbildungszentrum, dem ich zugewiesen worden war. Nach der Tagesarbeit auf den Feldern, im Gemüsegarten fandan wir uns, etwa 50 junge Menschen, zum Hebräischlernen im Gemeinschaftsraum, dem einzigen heizbaren Raum des grossen «Iten Hauses, zusammen. Aus manchen Freundschaften erwuchsen Bindungen fürs Leben. Nach der Einwanderung in Palästina gingen viele in Kibbuzim oder Siedlungen verwandter Lebensform (Moschawim), einige versuchten ihr Glück in der Stadt. Die persönlichen Beziehungen blieben ln den meisten Fällen, wenn auch oft nur lose, durch die Jahre weiter bestehen. Heute sind sie längst Grosseltern, ihre Kinder und Enkel Israelis, echte "Sabres”, die den Zwiespalt zweier Heimatländer nicht kennen. So wie 1933 in den Städten Europas mit einemmal Deutsch in den Strassen zu hören war, konnte man auch im Palästina der dreissiger Jahre oft glauben, in ein deutschsprachiges Land gekommen zu sein: nämlich in Orten, in denen sich eine grössere Zahl Juden aus Deutschland zu einem Neuanfang niedergelassen hatten. Diejenigen Einwanderer, deren bisherige Berufe im Land nicht gefragt waren, sattelten um, wurden Bauarbeiter, Lastwagen- oder Taxifahrer. Erstaunlich viele entschlossen sich aufs Land zu gehen. So entstand die von deutschen Juden gegründete Gemeinschaftssiedlung Ramot Haschawim, deren Mitglieder, grösstenteils Akademiker mit dem Doktortitel, bald die “Eier-Jeckes” genannt wurden, weil sie in einer für das ganze Land vorbildlichen Weise Hühner züchteten. Ja, sie alle wurden von den bereits ansässigen aus dem Osten Europas stammenden Juden mehr abwertend als respektvoll — und oft aus emotionellem Antrieb — die Jeckes genannt, weil sie selbst in der Vergangenheit in Deutschland von den alteingesessenen Juden als entwurzelte, von Pogromen Hergejagte, ähnlich angesehen und behandelt worden waren. “Jecke!” — damit war man abgestempelt als pünktlich, übergenau, umständlich, schwerfällig, kurz: lächlerlich. Der aus dem deutschen Mittelalter stammende Name ist noch immer mehreren Deutungen offen. Wir alle, die “Jeckes”, die deutschen Juden, waren in eine neue Wirklichkeit geworfen worden, die zugleich ein unwirklicher Traum war, ein transzendentaler Einbruch. Erst in vielen Jahren würde sich das Trauma dieses furchtbaren Traumes durch das gelebte neue Leben selbst lösen, oder auch nie mehr. Und doch sollte das Erlebnis des Landes, dieses einzigartigen Landes, der eigentlichen Urheimat, in seiner erschütternden herben Schönheit, ja gerade auch durch die Schwere des täglichen Lebens besonders dieser ersten Jahre, und auch das Erleben der Schicksalsgemeinschaft zuweilen ein Glücksgefühl ganz neuer Art schenken. “Das Land” — so wird es in der Bibel genannt: (Wenn ihr, ins Land’ hinaufsteigen werdet...) — war damals noch klein, so scheint es mir heute, 1978, noch so überschaubar, oder kam dieser Eindruck daher, dass man sich aneinanderklammerte und das Neue, das noch ganz Fremde aus Selbsterhaltungstrieb nicht an sich heranliess? Die Städte wuchsen. Da, wo in Haifa bis 1933 nur vereinzelt Häuser zu sehen waren, zwischen der dichtbevölkerten Unterstadt und dem Karmelrücken, wuchs mm den Abhang des langgestreckten Berges hinauf der grosse mittlere Stadtteil des “Hadar” (Glanz) empor, bis oben auf den Karmel, wo man noch heute viel Deutsch sprechen hört. Die neuen Siedlungen mit ihren meist ein-, höchstens zweistöckigen Häuschen, in denen man anfangs nur deutsch sprach, wurden bald im ganzen Lande bekannt: das schon genannte Ramot Haschawim; das deutschsprachige Städtchen am Meer, im Norden des Landes: Naharla, bald ein belebter Badeort; Schawö Zion, Siedlung der geschlossen aus Rexingen enigewanderten Judengemeinde; Bet Jizchak; Kfar Jedidia; Gan Haschomron und wie sie alle heissen. Die vielen Akademiker, Kaufleute, Geistesarbeiter, nun bearbeiteten sie den Acker, besorgten das Vieh. Der Arzt der Dorfsiedlung (ich sehe noch Dr. N. aus der sächsischen Industriestadt vor mir) reitet auf dem kleinen Maulesel durch die langen Furchwege zwischen den Orangenhainen zu seinen Patienten, auf dem Kopf den “Kowa Tembel”, das Kibbuzmützchen, Wahrzeichen des Pioniers, gegen die sengende Sonne, in den ersten Jahrzehnten noch mit Stolz auch vom Städter getragen, heute fast nur noch von der Landbevölkerung. — und naütrlich der ganzen Jugend. Bis spät in die Nacht rechnen sie ab, bereiten sie für den morgigen Tag vor nach getaner Aussenarbeit, endlich ist es kühler geworden, schwer müde von ungewohnter physischer Arbeit fallen sie in die Betten für viel zu kurze Stunden, um am frühen Morgen das Vieh zu besorgen, ihre Erzeugnisse zur Kooperative zu fahren. Denn der allergrösste Teil der Siedlungen verkauft gemeinschaftlich, schafft gemeinschaftlich Futtermittel und Geräte an. Die gleich ln den ersten Jahren geschaffene Hilfsorganisation der deutschen Juden hilft, wenn der mitgebrachte Betrag nicht ausgreicht, durch Kredite eine kleine Landwirtschaft aufzubauen, sich einer Gemeinschaftssiedlung anzuschliessen, einen Anteil in einer Autobuskooperative zu erwerben, eine Praxis oder einen Laden zu eröffnen. Auf allen Gebieten wird in hervorragender Weise auf gebaut: in der pharmazeutischen und chemischen Industrie auf hochentwickelter wissenschaftlicher Grundlage, in der Forschung — doch die Schaffung einer Sozialversicherung, durch die heute auch die Ärmsten geschützt sind, bleibt vielleicht die wichtigste Tat. Älteren- und Altersheime, Wohnheime werden vom „Solidaritätswerk“ errichtet, und dieses grossartige Hilfswerk zu unterstützen, heute, da eine immer wachsende Zahl der Altgewordenen auf eine Betreuung angewiesen ist, wird als eine der nobelsten Pflichten angesehen. Meine zur zweiten Heimat gewordene Stadt: Jerusalem. Man kannte sich persönlich in dieser kleinen Grossstadt, ja, jeder kannte fast jeden. Wenn ich heute, aus Deutschland kommend, wo ich seit Jahren das dichterische und geistige Vermächtnis meines Vaters Paul Mühsam wieder den Menschen zuführe, “meine” Stadt besuche, entdecke ich zwischen den tausenden aus orientalischen und angelsächsischen Ländern inzwischen Eingewanderten und den zahlreichen Touristen wie kleine trostvolle Inseln in einem fremd gewordenen Meer meine deutschen Juden, meine “Jeckes” der frühen Jahre, jedesmal sind es weniger, aber es gibt sie noch, und dann bin ich wieder zuhause, in meinem zweiten Zuhause. Und der eine oder andere bleibt spontan stehen, selbst wenn man sich früher nicht persönlich gekannt, nichtmal zugenickt hatte, und spricht mich an: “Ich habe sie lange nicht gesehen, waren Sie fort? Wann kommen Sie wieder nachhause?” Ich' war nicht gleich nach Jerusalem gekommen. Nach meiner Einwanderung Ende 1934 hatte ich mich einem jungen Kibbuz angeschlossen, dessen Mitglieder aus einem der deutsch-jüdischen Jugendbünde kamen. Zelte, am frühen Morgen der arabische Hirt mit seinen Schafen. Zur Frühschicht eingeteilt, bessere ich Arbeitskleidung in der “Kommune” aus, dem Raum, in dem wenig später noch andere Frauen und Mädchen unter Schwatzen und Bereden der gemeinschaftlichen Belange der gleichen Arbeit nachgehen werden. Noch ist Dämmerung, ist alles still, nur aus den Ställen kommt das Brüllen und sanfte Muhen der gemolkenen und das Melken erwartenden Kühe herüber. Langsam färbt sich der Himmel, feierliche Stimmung kündet das Heraufkotnmen der Sonne, die nun über den sanft gerundeten Hügeln der Berge Efrajim auf zieht, deren Konturen ans heimatliche Riesen- und Isergebirge, an die unverlierbare schlesische Heimat erinnern. Wie schwer, wie rein diese ersten Jahre. Primitives Wohnen, die arabischen Unruhen, diedie nächtlichen Strassen unsicher machen, aber doch — eine deutschsprachige Zeitung, später noch die auf hohem Niveau stehende Wochenzeitung der Vereinigung der Einwanderer aus Mitteleuropa; Dichterlesungen in einer der deutschen Buchhandlungen oder im „Kraal“ der Else Lasker-Schüler. Und das reiche Musikleben in allen Städten und Siedlungen, bis in den letzten Kibbuz: Orchester, Chöre, und, von den “Jeckes” inoffiziell veranstaltet, Plattenkonzerte der verpönten Wagner - und Richard Strauss-Werke. Klavierspiel tönt aus den sommer-offenen Fenstern des zumeist von "Jeckes” bewohnten Jerusalemer Gartenstadtteils Rechawia. 8

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